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Der Klang des Schnees - 4. Forum
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Der Klang des Schnees




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Charakterbogen


Kyro, Lijenna, Joshua



26.11.2010 22:06
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Lunar
Luciano Nacho






Art
Wolfsträumer (+)

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Der Klang des Schnees

(Herbst)

Rollenspielzeitraum: 02.08.2009-30.10.2009

Inplayzeitpunkt: 03.12.2007


Schneeflocken tanzten vom Himmel hinunter, erst wenige hundert, dann tausend und
schließlich vermochte sie niemand mehr zu zählen. Sie waren klein und schwer,
wuchsen, wurden größer und gewannen an Schönheit. Bald segelten sie federleicht
aus den Wolken hinab zur Erde. Manches mal, wenn der Wind auffrischte, wurden
sie von einer Böe viele Wolfslängen mitgerissen, bis irgendwann die Schwerkraft
siegte und sie sich lautlos niederlegten.
Es kam vor, dass der Wind die am Boden liegenden, frisch gefallenen
Schneeflocken erneut zum Tanz aufforderte und sie verspielt wieder in die Lüfte
hob. Unstet jagten sie in kleinen Wirbeln umeinander, wurden davon getragen und
verschwanden bald aus dem Blickfeld der Wölfe. Die Ebene war schier endlos,
völlig flach und wirkte leblos. Der Schnee war unberührt. Kein Wild und kein
Hase verirrte sich und kreuzte versehentlich den Weg des Rudels.
Die Stille wirkte bedrohlich so dass die Leitwölfe von Zeit zu Zeit inne hielten
und sich aufmerksam lauschend umsahen. Die Gespräche waren längst verstummt.
Seit Stunden konnte man nur hin und wieder gemurmelte Gesprächsfetzen auffangen.
Sie schwiegen. Das Schweigen war lähmend wie die Stille, die sie umgab. Immer
wieder waren sie, wenn sie standen und lauschten, sich umsahen und witterten,
davon überzeugt, dass sie völlig allein umher streiften. Nichts war dort
draußen.
Sie gingen weiter und unter ihren gemächlichen, vorsichtigen Lauf knirschte der
Schnee sein altes Lied der Wanderung. Obwohl sie alle mit bedacht ihre Pfoten
voreinander setzten, dröhnten ihre Schritte laut. Viel lauter, als sie es
gewohnt waren. Denn im Wald oder in den Bergen gab es diese Art der Stille
nicht. Überall war Leben, auch wenn es sich vor den Jägern verbarg. Die Wölfe
waren aber nicht auf einem Streifzug unterwegs, sondern befanden sich auf ihrer
ewigen, nicht enden wollenden Reise.

Im Kopf derer, die schon lange genug das Rudel begleiteten, spukte der Gedanke
umher, dass bald der Winter beginnen würde und sie dann seit zwei Jahren
unterwegs waren. Seit dem Augenblick, in dem sie das Tal der Freiheit verlassen
hatten, waren sie nirgendwo mehr Zuhause gewesen. Mancher fand Trost in der
Zukunft, die ihnen noch immer eine neue Heimat versprach. Andere genossen die
Wanderung, das Laufen, als gehöre es zum Leben eines Wolfs. Sie hatten viel Leid
gesehen, viele Freuden. Naturschauspiele, Landschaften aller Art. Sie kannten
mehr von der Welt, als ihre Artgenossen. Nur die Zugvögel, auf ihren vielen
Reisen, hatten vielleicht mehr gesehen. Wenn auch, aus einer anderen
Perspektive.

Seit das Rudel sich für einige Tage verstreut hatte und schließlich wieder zu
einer Einheit verschmolz, war ihr Laufen zielstrebiger geworden. Niemand hatte
ein Wort darüber verloren, woran es liegen mochte. Stumm und ohne sich
auszutauschen, schienen sie alle den gleichen Wunsch zu haben. Ein Wunsch, aus
dem ein neues Ziel geboren wurde, dass sie zwar seit langem verfolgten, aber nie
mit soviel Ergeiz, wie jetzt. Keiner fragte, wohin sie noch gehen würden und wie
lange es dauerte. Dass spielte keine Rolle. Sie wussten, sie würden ankommen.
Und dass war das einzig wichtige.

Alana hatte sich dem kleinen Chion angenommen, um den sich das gesamte Rudel
bemühte. Ohne dass er ein Wort gesagt hatte, war es ihnen gelungen, wenigstens
seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Dass er allein unterwegs war, ließ sich
leicht schlussfolgern. Nur die Umstände hatten sie bislang nicht herausgefunden.
Es schien nicht so wichtig zu sein. Viel wichtiger war es, den Kleinen
aufzupäppeln, damit er wieder zu Kräften kam.
Demon, Alana und Shanaya lehrten Kiba alles über die Jagd, was sie wussten und
machten mehrere gemeinsame Streifzüge, damit er praktische Erfahrungen sammeln
konnte. Je nach dem, auf was sie Jagd machten, nahmen sie Chion mit, der bald
auch ausgebildet werden musste.
Darkjania und Attaché bemühten sich, sowie auch Aramis und Lajila darum, ihrem
Nachwuchs alles beizubringen, was wichtig war. Die Geschichte von Waka wurde in
einer Nacht im Kreis des Rudels erzählt, um das Gesetz, nach dem die Wölfe
lebten und dass jeder von ihnen kennen sollte, weiter zu geben. Auch die
Geschichte der Götter wurde im Schein einer Vollmondnacht erzählt, hauptsächlich
natürlich für die jüngsten Nachfahren der Wölfe der Freiheit, aber auch für alle
Geschichtenliebhaber, Märchenfreunde und sonstige jung gebliebene, die sich an
solchen Erzählungen erfreuen konnten. Ganz gleich, ob sie die Geschichten
bereits kannten, oder sie zum ersten Mal hörten.

Gegen Nachmittag riss die Wolkendecke auf und ließ die Sonne hindurch. Es war
das erste Mal seit vielen, vielen Tagen und das helle Licht, das den Schnee zum
Glänzen brachte, hob die Stimmung der Wölfe. Die Welt um sie herum, die
zweifelsohne völlig fremd war, auch wenn sie unter einigen Zentimetern Schnee
verschwand, wirkte nicht mehr so drückend und unheimlich. In genau diesem
Augenblick erklang das Heulen eines alten, erfahrenen Wolfs, was man sofort an
seiner Stimme erkannte. Es war der Beta eines hier beheimateten Rudels, der das
wandernde Rudel ausgemacht hatte und sich nach den Absichten der Reisenden
erkundigte. Erst klang seine raue, tiefe Stimme streng und hart, doch bald war
die ruhige Weisheit, die allein alten Wölfen zuteil werden konnte,
herauszuhören. Sie hatten es mit einem gutmütigen, wenn auch energischen Rüden
zu tun, der genau wusste, was er wollte, ohne die Fremden gleich zu verurteilen.
Als sie geklärt hatten, dass sie nur auf der Durchreise waren, schien es keine
weiteren Probleme zu geben. Sie durften das Revier, dass wenige Meter weiter
begann durchqueren.
Die Ebene senkte sich in ein Tal, das nicht mehr ganz so öd und kahl wirkte, wie
die Ebene, die sie hinter sich gelassen hatten. Ein Fluss plätscherte zwischen
den Schneemassen hindurch, nur an den Rändern gefroren. Einige Bäume zierten die
Umgebung.
Beschwingt durchquerten die Wölfe der Freiheit das Revier und setzten ihren Weg
danach durch ein Waldgebiet fort.

Es ist der 03.Dezember 2007, 1175 Rollenspieltage sind seit der Rudelgründung
ins Land gezogen. Seit dem letzten Plot sind 35 Tage vergangen.


Die Jungwölfe sind 8 ½ Monate alt.
Chion ist ein halbes Jahr alt.
Die Jährlinge sind 1 Jahr und 8 ½ Monate alt.
Shanaya ist 1 Jahr und 6 ½ Monate.



Schnee. Wäre er nicht Bláyron Árashi, hätte ihn dieser Anblick wohl in eine
sentimentale Stimmung versetzt, voller Erinnerungen. Aber so war dieser Tag wie
jeder andere. Naja, fast. Seit langer Zeit folgte er diesen Gerüchen, den
Fährten eines Rudels. Aber einer dieser Wölfe interessierte ihn besonders. Das
hämische Lächeln war nicht von seinen Lefzen weg zu bekommen. Vorfreude hatte
sich in ihm breit gemacht. Heute würde er sich zu diesem Rudel gesellen, und
durch einen perfekten Zufall auf seine Tochter treffen. Er würde sich holen, was
allein ihm gehörte. Nur ihm! Nun lief der Weiße also mit großen Schritten voran,
ohne Eile, ohne jede Hast. Sein Ziel war nicht weit entfernt.. Bláyron lachte
leise, blieb dann einen Moment stehen. Er konnte sie sehen. Seine Tochter stand
ein wenig abseits. Der sachte Wind trug ihren Geruch genau zu ihm herüber. Er
war unverfehlbar. Aber er wollte sie ja nicht gleich überfallen, vielleicht
mochte sie auch ein wenig Vorfreude spüren, wenn sie ihn bemerkte? Er seufzte
und blickte sich dann um. Irgendwer musste hier doch sein, der ihm ein wenig
Aufmerksamkeit schenkte. Die hellen Augen blickten sich aufmerksam um. Er hatte
sich nicht angekündigt, wie es ein braver Wolf wohl getan hätte. Vielleicht kam
ja ein mikriger Alpha und kümmerte sich um ihn? Ein amüsanter Gedanke, da IHM eh
niemand das Wasser reichen konnte.
Nun stand er also im Schnee, beobachtete eine Fähe, die ein kleines bisschen
Abseits vom Rest des Rudels lief. Er grinste und setzte sich dann in Bewegung,
direkt auf die Schwarze zu. Er lief so, dass er plötzlich schräg hinter ihr
auftauchen konnte.

„Entschuldigung, meine Hübsche. Mein Name ist Bláyron. Dürfte ich dir wohl
ein paar Fragen stellen? Ich suche jemanden..“


Kurz und unmerklich huschte sein Blick zu Yukí. Oh, das würde ein Spaß werden!
Mit einem unschuldigen Grinsen wandte er den Kopf wieder zu der Fähe. Mal sehen,
ob sie mitspielen würde.


Und sie war allein.
Der Winter zog langsam und unaufhaltsam wie jedes Jahr über die Welt und fing an
die Welt in samtenes Weiß zu tauchen. Und sie war allein. Kheiji war fort, Yukí
war da, aber dennoch nicht bei ihr. Und sonst hatte sie niemandem, mit dem sie
so frei reden konnte, wie sie es gerne wollte. Nur die Sonne schien sie ein
wenig zu trösten. Sie mochte den Winter nicht, die Kälte, und auch nicht die
Einsamkeit, die durch das kühle Wetter irgendwie noch gestärkt wurde. Sie war
mit ihrem Leben voll und ganz unzufrieden. Mit der Wanderung, mit dem Streit,
einfach mit allem. Sie nervte sich selbst, sie hatte keine Lust auf irgendetwas.
Und ihre Gereiztheit hielt zudem die anderen ab, sich ihr zu nähern. Nein, sie
war wirklich nicht die Netteste zur Zeit. Und auch das nerve sie. Es war einfach
alles!
Ihre Läufe trugen sie monoton vorwärts, während wenigstens die Landschaft mal
wieder Abwechslung bot. Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer in ihrer - für
sie scheinbar - verlorenen Welt.
Und dann war da plötzlich eine Stimme, hinter ihr. Die Dunkle stockte in ihrer
Bewegung und drehte ruckartig ihren Kopf herum. Sie stolperte einmal kurz,
während sich ihr Körper anspannte und ihr Blick starr auf dem fremden weißen
Rüden lag. Wer war er? Wo kam er her? Was tat er hier? Wieso sprach er sie an?
Wieso, zum Teufel, hatte sie ihn nicht schon lange bemerkt? Und wieso hatte er
sich nicht angekündigt, oder eventuell bescheid gesagt, dass er vorbei kommen
wollte? Die orangenen Augen verengten sich leicht, während sie sich all diese
Fragen zur gleichen Zeit stellte, und sich dann selbst die Antwort gab, dass der
Rüde bestimmt zum Rudel gehörte, welches das Revier besetzte, und der nun
nachschauen wollte, ob sie auch wirklich wieder gingen und keinen Streit
wollten. Doch seine Wortwahl gefiehl der Dunklen keineswegs. Abschätzend sah sie
den Reinweißen an, spielte dabei aufmerksam mit ihren Ohren.

"Oh, danke, aber ich bin nicht "deine Hübsche"."

Fast schon missbilligend betrachtete sie den Weißen, der in ihrer Achtung tief
gesunken war, allein aufgrund der Tatsache, dass er sie "seine Hübsche" genannt
hatte. Oh ja, sie war sehr gereizt in letzter Zeit.

"Oh, na klar kannst du mir Fragen stellen. Ich weiß nur noch nicht ob ich sie
dir beantworte, Bláyron."


Sie atmete tief aus, ließ dabei ein tiefes Seufzen hören und verdrehte dann die
Augen. Was sollte sie schon falsch machen? Wenigstens war da mal jemand, der mit
ihr sprach und sie aus ihrer Einsamkeit riss.

"Wen suchst du?"


War das Leben
überhaupt noch lebenswert? Lohnte es sich wirklich Tag um Tag dahin zu wandern?
Er wusste es nicht, er war noch zu jung um die Dauer der Wanderung zu kennen.
Aber es mussten schon Jahre sein in denen das Rudel dahin zog. Schließlich waren
Lunar, Niana und Demon während dieser Wanderschaft geboren. Doch es
interessierte ihn nicht. Sein Blick glitt zu seinem Bruder und seine Rute
schwang eilig hin und her.

“Aron… wollen wir jagen gehen? So ein kleiner Hase aus dem Schnee wäre
wirklich lecker…”
,

leuchtende Augen sahen zu Dijaron hinüber.

"Wenn wir ein Langohr auftreiben können..."

Ohne ihn wäre der Schnee nicht so reizvoll gewesen. Doch so jagten sie gemeinsam
durch die weiße Welt. Alles war wunderbar und die Trauer war schon längst
vergessen.

Jaris war wieder fröhlich geworden. Die Dunkelheit war aus seinen Augen gewichen
und hatte reine Freude hinterlassen. Doch er war seltsam geworden. Immer während
führte er Selbstgespräche und immer führte er sie mit Dijaron. Er balgte sich
mit imaginären Freunden und immer trugen sie den Namen Aron. Der Jungwolf war
völlig in seiner eigenen Welt gefangen und niemand kam an ihn heran. Sprach man
ihn auf seinen Begleiter Aron an, lachte der junge Wolf nur und lief gemeinsam
mit Aron davon. Niemand konnte sie trennen. Niemals.

Und so gingen die beiden Jungwölfe auf die Jagd. Denn genau so geschah es in der
Realität des Alphasohnes. Seite an Seite mit Aron schnürte er dahin, vereint und
selig. Für immer.


"Jaris!", whisperte er. "Schau mal hier... eine
frische Spur!"


Schnee! SCHNEE!
Endlich! Endlich, endlich war die Zeit gekommen, die die Erwachsenen Winter
nannten, eine Jahreszeit, die Ilja bislang nur aus Erzählungen gekannt hatte.
Erzählungen über Kälte, Hunger und vor allem über Schnee. Ihr ganzes bisheriges
Leben hatte sie darauf gewartet zu erfahren, was genau Schnee war - und vor
allem, ob Lunars und Sharilas Fell tatsächlich die gleiche Farbe hatte wie die
kalten, tanzenden Flocken, die wie sonst Regen vom Himmel fielen. Die junge Fähe
musste zugeben, dass die beiden tatsächlich recht gehabt hatten, oder zumindest
fast, denn tatsächlich war der Schnee noch viel farblo- ähh... weißer als das
Fell der beiden!
Ilja hatte den Schnee sofort gemocht und schließlich geliebt, sobald sich die
erste richtige Schneedecke gebildet hatte. Mittlerweile fehlte nicht viel und
das Weiß würde ihr bis zum Bauch reichen, und so kämpfte die Helle sich
springend ihren Weg voran. So anstrengend wie das war, so viel Spaß machte es
gleichzeitig, wenn der Schnee davonstob oder unter ihren Pfoten knirschend
festgedrückt wurde.
Ilja hielt für einen Moment inne und hechelte wild, mit einem breiten Grinsen
auf den Lefzen. Ihr Blick glitt über die Wölfe des Rudels und blieb abseits
davon schließlich auf Jaris hängen, der sich mit weiten Sätzen entfernte. Der
Alphasohn war seltsam geworden, sprach er doch immer wieder mit sich selbst oder
Wölfen, die nur er sehen konnte. Normalerweise mied Ilja ihn deswegen, aber in
diesem Moment war sie zu gut gelaunt und zu Energie geladen, um sich von Jaris
Eigenheiten abschrecken zu lassen. Die junge Fähe preschte los, hetzte in großen
Sprüngen durch den Schnee und machte sich an ihre ganz eigene Jagd: Jaris
schnappen! Dabei war nicht wichtig möglichst leise zu sein, sondern ganz
einfach, den Jungrüden einzuholen...


Mit nach Vorn
gerichteten Ohren lauschte Kiba in das Flüstern der Schneeflocken. Vor langer
Zeit war es das letzte Mal so kalt und unschöne Erinnerungen an jene Momente
begleiteten den Rüden. Aber es sagte auch etwas schönes. Es bedäutete nämlich,
das Kiba nun bereits eine lange Zeit bei den Wolves of Freedom zuhause war.
Lächelnd blickte der Weisse in den Himmel, schnupperte die fremden Gerüche ein
und entspannte sich beim regelmässigen Laufen. Der Betawolf fühlte sich gut.
Vieles hatte er gelernt und besonders Alana hatte viel Zeit für den weissen
Rüden geopfert und ihm beigebracht, wie er seine Muskeln in der Jagt brauchen
konnte. Manchmal stellte er sich als ungeschickt dar, von Zeit zu Zeit wurde er
allerdings immer geschickter. Zudem bereitete es ihm auch grosseb Spass, mit
Freunden zusammen lernen und auch im Schnee toben, dass sind doch tolle Dinge!
Zufrieden erhob der Betawolf seinen Kopf und schlug einen neuen Pfad ein, der
ihn direkt vor den schmalen Körper von Shanaya gleitetete.

"Hallo Shanaya!"

Ein breites Lächeln huschte über die Lefzen. Kurz legte der Rüde seinen Kopf auf
die schwarzen Schultern, ehe er seinen Blick wieder in die weisse Landschaft
schweifen liess. Eine gute Tarnung für den Weissen. Schade, eigentlich, denn
bessere Bedingungen fürs Lernen wird es kaum noch geben. Aber das Wild... Es war
von der Kälte geflohen.

"Sieh nur, wie die Flocken tanzen und Spass haben. Als gäbe es weder Sorgen
noch Ängste.."


Hmm.. Was würde sie
nun wohl tun? Bestimmt himmelte sie ihn schon jetzt an. Erst ein Mal war sie
stehen geblieben, und sah ihn an. Wie sollte er ihren Blick nun deuten? Sie
spielte mit ihren Ohren und ließ ihn nicht aus den Augen. Er wußte nun wirklich
nicht, was er darüber denken sollte. Misstraute sie ihm den? Wie konnte sie nur.
Auch auf ihre Worte hin blieb dieses ruhige Lächeln auf seinen Lefzen. Er wäre
ja nicht Bláyron Árashi, wenn er sich einfach so provozieren ließe. Also beließ
er es bei einem entschuldigen Lächeln, die hellen Augen weiter auf die Schwarze
gerichtet. Er wartete brav, bis die Fähe zu Ende gesprochen hatte und nickte
dann sachte. Der grüne Blick wurde aber nicht von ihr abgewandt.

“Wer seit ihr? Und wo kommt ihr her? Ich bin schon eine Weile hier und ihr
seit die ersten Wölfe, die ich hier sehe.“


Eine kleine Lüge, die weiter von einem fast schuldbewußten Lächeln unterstützt
wurde.

“Ich suche jemandem mit dem Namen Yukí. Ich glaubte, sie hier gesehen zu
haben. Vielleicht kennst du sie ja. Ich habe einiges mit ihr zu klären.“


Er lächelte sie an, als wäre Yukí eine alte Bekannte, auf die er sich freute.
Kleine Lügen waren da doch nicht tragisch, wahrscheinlich war die Schwarze eh
viel zu bescheuert, um etwas zu merken. Hach, das Leben war so schön, wenn man
nur von bescheuerten umgeben war.

“Magst du mir deinen Namen verraten?“


Irgendwie beschlich
sie das Gefühl, dass der Weiße komisch war. Sie wusste nicht weshalb, oder
wieso, erklärte sich dann aber selbst, dass es wohl die Tatsache sein musste,
dass er Fremd war, sie ihn nicht kannte und auch noch nie zuvor gesehen hatte.
Das musste es einfach sein, sie redete in letzter Zeit auch nicht so oft und
auch nicht gerne. Ihre Stimmung war allgemein sehr gereizt. Auf die Frage des
Weißen hin, schnippte sie leicht mit den Ohren.

"Wer wir sind? Wir sind die Wölfe der Freiheit und wir kommen von überall
her, und wir ziehen überall hin. Wir sind dort zu Hause, wo unsere Herzen sind."


War das nicht schön gesagt? Faite wollte diese Worte, diesen Satz glauben, an
ihm festhalten, doch sie konnte nicht. Nicht jetzt. Schön gesagt, aber nur mit
halben Herzen. Für sie war dieser Traum nicht wahr, vielleicht aber für die
anderen, sie wusste es nicht genau. Und mehr musste der Fremde nicht wissen, das
sollte reichen, wenn er mehr wissen wollte, dann würde er zu Aramis gehen
müssen, oder Noir oder ... egal! Jemand anderem als ihr auf jeden Fall. Als der
Name Yukí fiel stutze die Dunkle und die Augenbrauenwölbungen an ihrer Stirn
hoben sich fragend an. Yukí. Alles klar. Misstrauen huschte über ihren Rücken
und bereitete ihr Unbehaben. Was wollte dieser Bláyron von Yukí?

"Hms. Du glaubst sie hier gesehen zu haben?"

Die Schwarz-Braune musterte den Rüden von oben bis unten, und verengte dann die
Augen.

"Vielleicht hast du Recht, vielleicht nicht. Ich kennte jemanden mit dem
Namen Yukí ... nein. Ich kannte jemanden mit dem Namen Yukí, ich weiß nicht mehr
ob ich sie noch kenne. Anscheinend nicht."


Trübe Gedanken an ihren bitteren Streit schlichen sich in ihr Hirn und trübten
ihre Sinne, sie schlug einen kurzen Moment die Augen nieder ... bevor sie sich
schüttelte und tief durch atmete. Sie blickte wieder auf.

"Mein Name ist Faite." , sie machte eine kurze Pause und musterte den
Weißen genau, " was genau hast du denn mit ihr zu klären?"


Alana war froh, dass
sich das Rudel wieder zusammengefunden hatte und sie nun gemeinsam weiter
wanderten. Sie hätte nicht gewusst, was sie ohne die Gemeinschaft getan hätte.
Es kostete sie zwar, wie immer, Überwindung, den Wölfen zu folgen und vor allem,
sich in ihrer Nähe aufzuhalten, dennoch war sie beschwingt vom Gedanken, zu
ihrer Familie zu gehören.
In den vergangenen Wochen war sie nicht selten mit Demon, Kiba und Shanaya
unterwegs gewesen und einige Male, war auch Chion in ihrer Begleitung. Sie
mochte den jungen Rüden sehr gerne und schätzte beinahe seine aufmerksame, aber
verschwiegene Art. Die Silberwölfin war zwar besorgt, weil sie gerne mehr über
die Lebensgeschichte Chions erfahren hätte und sich oft fragte, ob er nur
einfach nicht reden wollte, dennoch empfand sie einen inneren Frieden, wenn er
bei ihr war und sie ihn beobachten konnte. Sie wollte nicht zulassen, dass ihm
etwas zustieß und so lange er ihre Nähe annahm, würde sie alles dafür tun, dass
er sich wohl fühlte.
Seit einer Weile hielt sie nach Aszira Ausschau, die irgendwo hinter ihr lief,
mit ihrem Anhängsel Kyro, so wie es immer war. Seit Chion da war, fühlte sich
Alana dazu verpflichtet, beim Rudel zu bleiben. Die anderen Wölfe trieben zwar
regelmäßig ihren Puls in die Höhe, dennoch ertrug sie stur die Strapaze, froh
noch mehr Grund zu haben, ihre Ängste zu überwinden. Langsam ließ sie sich
zurück fallen und stellte es dem jungen Rüden frei, ob er ihr folgen wollte.
Bisher hatte er wahrscheinlich noch keinen genaueren Eindruck von Aszira
gewinnen können und es war zu befürchten, dass die beiden nicht auskommen
würden. Alana stellte keine weiteren Mutmaßungen an. Sie verlangte nicht, dass
sich die Wölfe mochten, die ihr wichtig waren.

“Aszira.“

Begrüßte sie schließlich ihre Freundin und wedelte erfreut mit der Rute. Es kam
ihr seltsam vor, wie sie sich in diesem Rudel immer wieder verloren.
Aus Gründen der Höflichkeit und ihrem ohnehin freundlichen Verhalten, nickte und
lächelte sie auch Kyro zu, wobei ihre Züge längst nicht so herzlich waren, als
wenn sie Aszira ansah.

“Wieder kam der Winter übers Land… ich kann es kaum glauben. Schon seit einem
Jahr bin ich Teil dieses Rudels!“


Ihre Stimme klang so lebenslustig und beschwingt, als wäre sie noch immer eine
Jungwölfin. Tatsächlich würde sie im Frühjahr vier Jahre alt werden. Sie stand
mitten im Leben und empfand es enttäuschend, dass sie ihre Panikattacken noch
immer nicht unter Kontrolle hatte. Der Erfolg war mäßig und lag nur darin, dass
sie noch hier war. Die Wölfe des Rudels hatten viel Geduld mit ihr und sie trug
noch immer die Verantwortung als Betawölfin. Noir hatte ihr gesagt, dass sie an
dieser Aufgabe wachsen würde. Kluge Worte für die jüngere Fähe, dennoch fand
Alana nicht, dass sie sich sehr verändert hatte. Das Vertrauen, dass die
Leitwölfin ihr entgegen gebracht hatte, war Verschwendung gewesen. Die
Silberwölfin machte sich nichts daraus. Zu versagen, in einem Rang, erschien ihr
weit weniger schlimm, als im Leben zu versagen. Und dass hatte sie nicht. Sie
hatte Freunde und fühlte sich lebendig und gut. Ganz gleich wie schnell ihr Herz
auch in diesem Augenblick schlug. Es war schön, mal wieder neben Aszira zu
wandern.


Wieso war diese Welt eigentlich so voller Abschaum und Idioten? Es war wirklich
zum totlachen, was auf dieser Welt lebte. Bei den Worten der Schwarzen wurde dem
Rüden abrupt schlecht, aber auch das ließ er sich nicht anmerken. Sie war wohl
eine kleine Poetin, da hatte er sich ja die richtige ausgesucht. Etwas schien
sie verwirrt zu haben. Bláyron blinzelte, aber er störte sich nicht an diesem
bekloppten Namen der Fähe. Er nickte auf ihre Frage hin, und lachte innerlich
laut auf, als sie weiter sprach. Aber sie kannte seine Tochter, dass war doch
wenigstens mal etwas. Ob sie wohl diesem dummen Vieh nachtrauern würde? Dann war
es jetzt noch wichtiger, die Sympathie dieser Wölfin zu erlangen. Sie schloß die
Augen, ein Moment, in dem Bláyron nur da stand und sie ansah. Ob sie nun wieder
mit irgendeinem Müll ankam, der ihn nicht interessierte und nur seine Zeit
verschwendete? Er rechnete schon fast damit, als sie dann endlich eine Regung
zeigte. Faite, ein Name, den er sich nicht wirklich merken brauchte. Aber nun
gut, für den Moment war es sein Vorteil, ihn zu wissen. Er seufzte leise,
lächelte ihr dann entgegen.

“Ich entschuldige mich noch ein Mal herzlich für mein Auftreten, es war
falsch. Aber ich bin es so gewohnt. Du scheinst mehr Charakter zu besitzen, als
andere Wölfe.“


Um ehrlich zu sein war sie genau so hirnverbrannt wie seine Schwester, die ja
zum Glück nie wieder seine Pläne stören würde. Ein wunderbarer Gedanke. Nun trat
der Weiße einen Schritt näher an die Fähe heran, neigte den Kopf leicht zu ihrem
Ohr. Er stand so, dass sie nicht sehen konnte, welcher Ausdruck sich nun in
seine Augen legte, nicht dass hämische Grinsen auf seinen Lefzen. Er lachte
leise auf.

“Nun, wir haben da eine kleine, familiäre Angelegenheit.“

Jetzt trat der Rüde wieder zurück, neigte den Kopf leicht schief du blickte sie
freundlich an.

“Weißt du vielleicht wo sie ist?“


Ihr Hinterlauf
schmerzte, und Aszira war wütend deswegen. Die schwarze Fähe bis sich auf die
Lefzen, und für einen Moment überlagerte der Schmerz dieses Bisses das heiße
Pulsieren in ihrem Bein. Eine kleine Weile - die jedesmal kürzer zu werden
schien - würde sie nun Ruhe vor dem Stechen haben, in der sie sich darauf
konzentrieren konnte, den Schmerz aus ihrem Denken zu verbannen. Denn wenn sie
ihn aus ihren Gedanken entfernen konnte, würde er auch endlich - und endgültig -
aufhören, da war sie sich sicher. Immerhin gab es dieses Pochen in ihrem Lauf
eigentlich nicht, schließlich war sie gar nicht verletzt. Nicht mehr. Um diese
Zeit vor einem Jahr, ja da war ihr Lauf verletzt gewesen. Die Wunde war längst
verheilt und vergessen gewesen, bis...
Bis der Schnee gefallen war. Das Weiß hatte Erinnerungen mit sich gebracht.
Nicht, dass jemals würde vergessen können - immerhin brauchte sie meist nur
neben sich zu schauen, um sich an die Ereignisse von vor fast einem Jahr zu
erinnern. Aber der Schnee hatte diese Erinnerungen wieder lebendig werden
lassen und die Bilder ihrer ersten Begegnung mit den Wölfen der Freiheit wieder
wach gerufen. Wie sie den Spuren gefolgt war und nur mühsam das Rudel hatte
einholen können, mit der Absicht um etwas Schutz und Nahrung zu ersuchen, bis
ihr Lauf verheilt war. Und als es an der Zeit gewesen war zu gehen...
Ihr Hinterlauf stieß gegen etwas unter der Schneedecke, förderte einen
abgebrochenen Ast zutage, während ihr Bein darüber strich und sich kurz in einer
emporragenden Astgabel verfing. Aszira konnte die Bewegung nicht rechtzeitig
stoppen, und so riss das gesplitterte Holz ihr das Bein auf. Schmerz strahlte
durch den Lauf, während der Zuckreflex das Bein gleichsam aus der Gabel
befreite.

"Argh, verflucht!",

knurrte Aszira auf und humpelte einen Schritt weiter, bevor sie sich umwandte
und sich die Wunde besah. Einen Herzschlag lang betrachtete sie das
hervorsickernde Blut, während die Wunde zu pulsieren begann, dann wandte sie
sich ruckartig wieder nach vorne und lief weiter, als wäre nichts gewesen.
Stärker als zuvor schmerzte nun jeder Schritt, aber aus purem Zorn gewährte die
Schwarze sich nicht ein bisschen Schonung.
Wie auf ein Zeichen hin geriet Alana in ihr Blickfeld. Grimmig stapfte Aszira
weiter, spürte jedoch, wie ihre Lefzen sich beim Anblick der Freundin und ihres
Rutenwedelns zu einem Lächeln verzogen. Auch ihr zorniger Blick wurde weicher,
nur der Schmerz wollte nicht abnehmen.

"Alana",

erwiderte sie die Begrüßung der Jüngeren und mühte sich darum, das Lächeln
aufrecht zu erhalten, als ihre Freundin auf eben jenes Thema zu sprechen bekam,
dass Aszira gerade so gar nicht behagte. Jedem anderen hätte sie jetzt ein böse
sarkastisches Kommentar an den Kopf geworfen, aber die junge Fähe war und blieb
über jeden Verdacht erhaben, Aszira mit diesen Worten ärgern zu wollen.

"Ja, ich bald auch. Solange bin ich noch nie mit einem Rudel gewandert."

Leider gelang es ihr nicht ganz, die Bitterkeit aus ihren Worten zu vertreiben.
Außerdem tat ihr Hintelauf sein übriges...


Alana schien
unbändiger Freude darüber, einfach nur neben Aszira herzugehen. Ihre Nase
verriet ihr eine frische Verletzung ihrer schwarzen Freundin, doch vorerst
verlor sie darüber kein Wort. Sie schätzte ab, mit welcher Laune sich Aszira
gerade herumschlug und wie sie damit umgehen sollte. Der Silberwölfin war immer
klar gewesen, dass sie beide nicht unterschiedlicher hätten sein können. Umso
glücklicher war sie, dass ihre Freundschaft nie zerbrochen war.
Als hinter ihr ein Ast, belastet von der Schwere des Schnees, zu Boden fiel,
zuckte Alana mehr als angebracht war, zusammen. Misstrauisch und verstohlen
wandte sie sich um, rümpfte die Nase und ließ sich ein paar Sekunden Zeit, um
ihren Herzschlag mit gutem Zureden zu beruhigen. Es war kaum ein Augenblick
verstrichen, als sie wieder in Asziras Gesicht strahlte. Zum Teufel mit ihrer
Schreckhaftigkeit.

„Mal sehen, ob wir nächstes Jahr auch noch gemeinsam wandern!“

Stieß sie erfreut und, wenn man es genau bedachte, ziemlich rücksichtslos, aus.
Sie wusste, was vor einem Jahr passiert war und die Bitterkeit in Asziras Stimme
hatte ihr verraten, dass auch sie bewusst daran gedacht hatte, als sie ihre
Worte wählte. Alana überging den Miesmuschelteil, der zu ihrer Freundin gehörte,
gekonnt. Natürlich lag es ihr fern, ignorant oder gleichgültig zu sein, viel
mehr hatte sie stets das Gefühl, sich selbst treu bleiben zu müssen. Zuviel
Rücksicht und Angst vor dem falschen Wort, hätte es ihr unmöglich gemacht, mit
Aszira ein Gespräch zu führen.

“Was ist mit deiner Pfote?“

Fragte sie schließlich mit besorgtem Unterton und ohne jede Vorwarnung. Sie
hatte sich nicht einmal nach der Verletzung umgesehen, oder die Schwarze genauer
gemustert, um die Wunde zu lokalisieren. Alles was sie wissen musste, verrieten
ihr ihre Nase und das etwas andere Auftreten Aszira’s.


Alanas
überschwängliche gute Laune war ansteckend, zumindest insofern, als dass Asziras
Zorn immer mehr abebbte. Es tat einfach zu gut in Begleitung ihrer ersten und
besten Freundin zu laufen, besonders da sie sich schon eine ganze Weile nicht
mehr richtig Zeit füreinander genommen hatten.
Das Geräusch des brechenden Astes veranlasste die Schwarze nur zu einem nach
hinten Klappen der Ohren, Alanas schreckhafte Reaktion sprang jedoch auf sie
über und ließ herumfahren, während sich gleichzeitig ihr Nackenfell sträubte und
sich ihre Lefzen zu einem drohenden Zähneblecken verzogen. Doch da war kein
Feind, kein Angreifer und kein Fremder, vor dem sie ihre Freundin verteidigen
musste, und so dämmerte ihr schnell, dass es der Ast allein gewesen war, der
Alana so verschreckt hatte. Aszira entspannte sich sichtlich und wandte sich
dann wieder zum Gehen um, wobei sie Alana zuliebe so Tat, als sei nichts
gewesen.

Ihr Blick wanderte erst wieder zu der Jüngeren, als diese wieder das Wort
ergriff.

"Das wäre schön",

antwortete sie und lächelte. Es war ein ehrliches Lächeln, auch wenn diese
Zukunftsvorstellung mit vielen negativen Aspekten behaftet war. Die Aussicht,
noch ein ganzes weiteres Jahr diesem Haufen zu folgen, geschweige denn Hund die
ganze Zeit über in ihrer Nähe zu wissen, war für sie nicht gerade verlockend.
Was sie hier hielt, war Alana. Und mittlerweile hatte sie bereits den Fehler
begangen, sich durch Felice noch stärker an das Rudel zu ketten. Aszira ahnte,
dass irgendwann der Punkt kommen würde, da sie den Preis für diese
Freundschaften ganz einfach nicht mehr würde zahlen können. Aber wann würde das
sein? In einem Monat? In einem Jahr? In zwei? Und dann würden sich ihre Wege
trennen...
Alanas Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

"Was? Achso - nur ein Kratzer. Da lag ein Ast unter dem Schnee verborgen",

erklärte und verharmloste sie ihre Verletzung gleichermaßen. Sie wusste selbst,
wie offensichtlich das war, und versuchte daher, das Thema zu wechseln.

"Dieser Stummfisch von einem Welpen hat es dir angetan, hm?"

Das war zwar keine sehr nette Beschreibung Chions, aber wäre nicht gerade Alana
ihre Gesprächspartnerin gewesen, wäre die Bezeichnung für den Jungwolf noch
wesentlich unschöner ausgefallen. Sie mochte den Welpen ganz einfach nicht, was
hauptsächlich in der Tatsache begründet lag, dass er nunmal noch ein Welpe
war...


Knirschend trommelten
die schwarzen Pfoten durch den hohen Schnee. Er war unangenehm kalt und
verklumpte sich hart zwischen den empfindlichen Pfotenballen der Schwarzen, die
sich nichtsdestotrotz um einen gleichmäßigen Rhythmus bemühte. Anfangs noch war
das endlose Laufen eine Last gewesen, die Shanayas Nerven gereizt hatte, doch
mit der Zeit wurde es wie zu einer mechanischen Gewohnheit. Die dünnen, sehnigen
Läufe bewegten sich wie von selbst und mit ihnen einher hob und senkte sich der
tiefe, schmale Brustkorb der Fähe. Kleine, dampfende Wölkchen entstanden, jedes
Mal, wenn sie die Luft aus den Lungen stieß und die frische Luft, die wenige
Sekunden danach in die Lungenflügel strömte, füllten die Wölfin mit Genugtuung
und Ruhe.
Obgleich die Einsamkeit normalerweise ein Gefühl von Unbehagen in ihr
hinterließ, fühlte sie sich heute seltsamerweise entspannt und genoss die Zeit
für sich allein. Wenn sie so überlegte, dann war sie nicht mehr allein gewesen,
seitdem sie zu den Wölfen der Freiheit gestoßen war, nicht wirklich. Immer war
irgendwer in ihrer Nähe gewesen. Wenn es nicht Demon war, dann war es Kiba, oder
einer der Welpen gewesen und selbst wenn niemand direkt an ihrer Seite war, so
reichte das Stimmengewirr um sie herum schon aus, um sie wissen zu lassen, dass
sie niemals für sich war, hatte sie sich erst einer Gemeinschaft angeschlossen.
Und doch war es heute anders. Niemand sprach, niemand fragte. Alle liefen sie
nur zielstrebig voran, die Schritte schnell und drängend. Shanaya tat es den
anderen gleich. Es war ein schönes Gefühl, in einem Verband zu laufen und
dennoch für sich sein zu können.
Die schwarze Nase witterte sachte in die kühle Luft. Ein stechendes Gefühl der
Kälte zuckte durch das empfindliche Geruchsorgan. Winter. Es war ihr zweiter
Winter, für die Welpen war es der Erste. Unwillkürlich linste sie zu den
Jüngsten hinüber. Sie waren gewachsen, schnell gewachsen. Man konnte sie kaum
noch von den Erwachsenen Tieren unterscheiden, doch ihr Verhalten verriet sie
noch immer. Die Zeit, hach ja, sie verging so schnell und scherte sich nicht
drum, was sie zerstörte und was sie gebar.
Die dunkle Fähe seufzte. Sie konnte Demons hünenhaften Körper ausmachen, doch
sie ging nicht zu ihm. Und doch meinte sie zu glauben, dass seine Anwesenheit
eine willkommene Abwechslung wäre. Aber sie ging nicht. Vielleicht kam er ja?
Schmunzelnd drehte Shanaya das Haupt weg. Zu dieser Zeit vor einem Jahr hatte
sie den stummen Beobachter kennengelernt. Wie hätte sie jemals geglaubt, dass
sie ihn so ins Herz schließen würde?

Dumpfe Schritte, die sich nährten, rissen die junge Fähe aus ihren wirren
Gedanken. Demon? Sie schaute auf und erblickte, statt des erwarteten, schwarzen
Pelzes, einen Weißen und doch war sie nicht enttäuscht. Sie lächelte und ein
warmes Funkeln legte sich in ihre bersteinfarbenen Augen. Kiba. Er schien guter
Stimmung zu sein, aus welchem Grund auch immer und Shanaya genoss die fröhliche
Gesellschaft, obgleich sie ihre wertvolle Ruhe dagegen eintauschen musste.
Warmer Atem streifte an ihren Hinterkopf und sie spürte den schweren Kopf des
Rüden zwischen ihren Schultern. Für einen kurzen Augenblick schlug sie die
Augenlider nieder und ließ unwillkürlich ein kaum hörbares Stöhnen vernehmen.
Und dann war der weiße Kopf auch schon wieder neben ihr, die Seelenspiegel
fröhlich in die Ferne blickend. Ein flüchtiges Lächeln huschte auf die
milchweißen Lefzen Shanayas und musternd betrachtete sie den Rüden neben sich.
Er kam am gleichen Tag wie sie bei den Wolves of Freedom an. Sie kannten sich
seit dem ersten Tag, seit dem sie das Rudel betreten hatten. Auch ihn hatte sie
unwiderruflich ins Herz geschlossen.

“Du scheinst aber gut gelaunt.“

Antwortete sie seiner Begrüßung schließlich und blickte ihn belustigst von der
Seite her an, ehe ihr Blick dem seinen folgte und am fernen Horizont hängen
blieb. Das, was ihr jetzt so fern erschien, das werden sie bald hinter sich
gelassen haben. Zusammen. Es kam ihr nicht so vor, doch sie hatte mehr mit den
Wölfen der Freiheit erlebt, als sie glaubte und sie wusste, dass einige unter
den Rudelmitgliedern sie besser kannten, als sie es zugegeben hätte. Sie warf
einen kurzen Blick auf Kiba. Er gehörte unweigerlich dazu. Die Schwarze wusste
nicht, ob es ein Zufall war, oder ob es beabsichtigt war, doch seine nächsten
Worte bestätigten ihre Überlegungen. Es war ein schlichter Kommentar, doch der
Sinn, der darin steckte sprach sie direkt an.

“Ich glaube eher sie wollen tanzen, solange sie es noch können. Vielleicht
wissen sie ja, dass auch sie bald schmelzen müssen?“


Denn alles war vergänglich und vieles verging schneller als man dachte – oder
wollte. Das hatten sie ja am eigenen Körper erleben können und es wäre eine
Lüge, zu behaupten, es geschehe ohne Sorgen und Ängste.


Alana machte einen
vergnügten Sprung, um einen Schneehügel zu überwinden. Sie amüsierte sich über
Asziras Zustimmung und war sich ihrem Wert für die Schwarze bewusst. Es hatte
nicht viele Gründe für ihre Freundin gegeben, hier bei den Wölfen zu bleiben. So
sehr sich ihre Einstellung über das Rudel auch unterschied, stimmten sie in
diesem Punkt dennoch überein. Alana wusste nicht, ob sie sich bis überwunden
hätte, wenn sie nicht die Gewissheit gehabt hätte, dass da immer jemand auf sie
wartete und sie vermissen würde. Es gab zwar außer Aszira noch ein paar Andere,
die ähnlich fühlen würden, so hoffte die Silberwölfin jedenfalls, aber es war
doch nicht ganz vergleichbar.

“Ein Ast?“

In einer plötzlichen Bewegung steckte Alana ihre Schnauze in den Schnee, als
wolle sie zum Boden tauchen, um zu sehen, ob auch ihr eine solche Gefahr drohte.
Durch das dichte Weiß war natürlich nichts zu sehen und so hob sie den Kopf
wieder. Man sah ihr nicht an, ob ihr gerade aufgegangen war, dass ihr Tun etwas
seltsam wirken konnte, oder nicht. Eigentlich sah man ihr gar nichts mehr an,
denn abgesehen von zwei Höhlen, in denen sich ihre Augen verbargen, war ihr
Gesicht vollständig mit Schnee überzogen.
Sie starrte Aszira eine Weile an, ehe sie die Nase rümpfte, was einen Teil des
Schnees zum Wanken brachte. Bei der Frage ihrer Freundin, legte sie den Kopf
schief und schüttelte sich schließlich, etwas gedankenverloren.

“Ich mag Chion gerne.“

Bestätigte sie lächelnd.

“Noch kenne ich ihn nicht gut, aber ich würde mich gerne auch weiterhin um
ihn kümmern.“


Aszira beobachtete
ihre Freundin, wie sie sich munter ihren weg durch - und über - den Schnee
bahnte. Sie konnte sich nicht erinnern, Alana zuvor so ausgelassen erlebt zu
haben. Ihr Lächeln wuchs, während sie der jüngeren Fähen zu sah, und ihre Miene
wandelte sich erst, als Alana plötzlich den Kopf in den Schnee steckte. Aszira
zog eine Augenbraue empor und blieb neben ihrer Freundin stehen. Was sollte das
denn jetzt werden? Etwas skeptisch beäugte sie die kopflose Alana, die kurz
darauf den Kopf wieder aus dem Weiß zog - oder so ähnlich. Denn der Schnee blieb
im Gesicht der Jüngeren haften und bildete eine unförmige weiße Maske, aus der
tiefsitzende Augen der Schwarzen entgegen starten. Asziras Lefzen begannen
leicht zu zittern, als die Schwarze ein Lachen zu unterdrücken versuchte.
Vergeblich. Das Lachen brach aus ihr hervor, schwoll an, als etwas Schnee durch
Alanas Naserümpfen abkrümelte und ebbte erst ab, nachdem die Jüngere sich
entgültig von ihrer Maske befreit hatte. Grinsend setzte Aszira sich wieder in
Bewegung, während Alana auf ihren Themawechsel einging. Einen Augenblick
musterte sie ihre Freundin von der Seite her, dann zuckte sie mit den Schultern.
Eine Geste, die vermutlich aufgrund der restlichen Laufbewegung unterging.

"Na, wenn's dir Spass macht",

entgegnete sie schließlich und sah wieder geradeaus. Eine kurze Weile herrschte
Schweigen.

"Ich glaube, der Kleine tut dir gut."

Aszira lächelte noch immer, aber ihre Worte klangen wesentlich ernster.


Als es angefangen
hatte zu schneien, war Daina stehen geblieben und hatte ungläubig in den Himmel
geschaut. Ja, davon hatte sie schon gehört, von den weißen Flocken, die
federleicht und anmutig zu Boden schwebten. Anfangs wusste sie nicht recht, ob
sie sich nun darüber freuen sollte oder nicht. Hatte sie sich denn gefreut, als
sie zum ersten Mal den Regen hatte niedergehen sehen? Sie konnte sich nicht
erinnern. Doch nach einer Weile hatte sie Gefallen daran gefunden, die
unvorhersehbaren Wege der tanzenden Schneeflocken zu beobachten, während sie mit
den Pfoten durch den kalten, knirschenden Schnee stapfte. Es war anstrengender,
als über festen Boden zu laufen, doch das Gefühl, mit den Pfoten im winterlichen
Weiß zu versinken war so sonderbar und lustig, dass es ihr nichts ausmachte. Sie
war sich nicht sicher, wie selten das Phänomen des Schnees insgesamt war, doch
sie hielt es nicht für wichtig genug um danach zu fragen, sondern freute sich
schließlich doch einfach darüber, dass er da war. Was ihr allerdings ziemlich
nervig erschien, war der wachsende Drang der Erwachsenen, ihrem Nachwuchs mehr
und mehr beizubringen. Sie hatte einfach keine Lust mehr auf diese
aussichtslosen Jagdstunden, das blöde Spurengesuche und Gewittere. Auch die
abendlichen Geschichten über den sogenannten Waka hielt sie für ziemliches Bla
Bla, sicher sehr zum Missgefallen anderer Wölfe, die diese merkwürdigen Märchen
für bare Münze nahmen und Waka wie einen leibhaftigen Gott verehrten. Ihr
hingegen kam das doch eher spanisch vor.


Als endlich mal wieder die Wolkendecke aufriss und die Sonne Wald und Wiesen
erhellte, sah alles um sie herum noch dreimal schöner aus als zuvor. Der Schnee
mit seinen abermillionen kleiner Eiskristalle bekam ein wundersames, starkes
Funkeln verliehen und auch der Reif an den Rinden der Bäume warf das Licht der
Sonne in bunten Farben zurück. Noch ein wenig schöner wäre es, diese Anblicke
mit jemandem zu Teilen, dem man wirklich vertraut, dachte sich die Schwarze,
doch ihr fiel niemand ein, zu dem sie wirklich gerne gehen wollte, außer
vielleicht jenem, der ihre Anwesenheit grundsätzlich abzulehnen schien und auf
solchen Ärger, konnte sie nun wirklich verzichten. Gelangweilt beobachtete sie,
wie ihre Schwester Jaris hinterher vom Rudel davonstob. Sie blickte ihr
zwiegespalten nach, den Drang hinterherzurennen unterdrückte sie, es war ja doch
nur der Wunsch unbeschwert durch den Schnee zu toben, der in ihren Läufen
steckte, nicht aber der, mit ihrer Schwester oder gar mit dem Alphasohn Zeit zu
verbringen. Nachher würden sie sich noch angeregt über die ach so tollen
abendlichen Geschichten unterhalten. Nein Danke.


Zum ersten Mal hatte
die Jungwölfin dieses einzigartige Phänomen miterlebt. Bis dahin waren die
Erzählungen über die weißen Flocken, die das Land in Eis und Kälte tauchten wie
ein Märchen gewesen, eine Geschichte, die nicht wirklicher war, als der Traum
vom Paradies. Die Erwachsenen mochten noch so viele Lügen und erfundene Worte
dahersagen, was sie über Schnee erzählten war tatsächlich wahr. Dicke Flocken
waren die letzten Tage ununterbrochen vom Himmel geflogen und hatten sich wie
eine Schicht aus feinem Puderzucker über die Wälder und Ebenen gelegt. Mit ihrem
Erscheinen jedoch floh die Beute und zurück blieb eine karge Landschaft, die in
unbarmherzige Kälte gefangen war. Es war eine Herausforderung gewesen, gerade in
dieser Jahreszeit das Jagen zu lernen, all das zu üben, was man im späteren
Leben brauchte. Doch die Erwachsenen, insbesondere die Elterntiere, hatten
darauf bestanden all jenes Wissen weiterzugeben, was sie einst von ihren
Eltern gelehrt bekommen hatten. Obgleich es eine Menge aufzunehmen gab, hatte
Ayura mit der Zeit dennoch ein gewisses Gefallen daran gefunden all diese Dinge
zu begreifen und ihr Eigen werden zu lassen.
Die Witterung schien den Lernstunden und Erfolgen der Jüngeren nicht wohlgesinnt
zu sein. Jeder Schritt bedurfte aufgrund des hohen Schnees den doppelten Aufwand
und ließ die Wanderung zu einem Kraftakt werden. Die junge Fähe jedoch ließ sich
in ihrem jugendlichen Übermut wenig daran stören, weckte die weiße Kälte doch
viel mehr ihre Neugier, als ihren Ärger. Insbesondere, als die Sonne es
schaffte, sich durch die Wolken hindurchzukämpfen und ihr warm auf dem Pelz
schien, wirkte die Welt noch viel faszinierender und mystischer, als es Anfangs
den Schein gehabt hatte. Es war beinahe eine Wohltat, durch den knirschenden
Schnee zu stapfen und von Zeit zu Zeit die Schnauze in die stechende Kälte zu
stecken. Eine willkommene Abwechslung, die Ayuras Lebensunlust fortspülte.

Entspannt trabte die helle Fähe durch den blendenden Schnee. Die unberührte,
weiße Schicht glitzerte fröhlich in unter der Sonne und knirschte jedes Mal,
wenn Ayuras Pfoten hineintauchten. Munter schnippte die Jungwölfin mit ihren
feinen Ohren und schüttelte ein wenig verspielt das Haupt, ehe ihre seegrünen
Augen durch die Menge des Rudels schweiften und an vereinzelten Wölfen hängen
blieben. Unter anderem bei ihrem Bruder, der seit Arons Tod nicht mehr gelächelt
zu haben schien. Es hatte alle schwer getroffen, doch ihm wohl am meisten. Er
sah immer so … traurig aus. Unwillkürlich erklang ein leises Seufzen aus Ayuras
Kehle und sie wandte ihren Kopf ab, gerade so, dass sie noch einen Blick auf
Ilja erhaschen konnte. Ilja war noch immer ihre beste Freundin und sie würde es
hoffentlich immer bleiben.
Eine schwarze Gestalt lenkte die Aufmerksamkeit der Jungwölfin herum. Sie
starrte auf den Wolf und erkannte Iljas Schwester Daina. Scheinbar war Daina
allein und sah irgendwie beinahe einsam aus. Eine Weile betrachtete die Graue
die Schwarze, ehe sie sich kurzerhand entschloss ihr Gesellschaft zu leisten.
Mit einigen übermütigen, großen Sätzen sprang sie auf die andere Jungwölfin zu,
die Rute leicht hin- und her pendelnd. Bei ihr angekommen, machte Ayura einen
Satz an der Schwarzen vorbei, drehte sich dann um, um Daina genau ins Gesicht
blicken zu können. Ein wölfisches Lächeln entstellte die hellen Lefzen.

“Hallo Daina.“

Erwartungsvoll schauten die grünen Seelenspiegel zu Iljas Schwester, während der
Kopf sich leicht schief legte. Geduldig wartete die junge Wölfin auf eine
Reaktion.


Genüsslich
schnupperte Sharila in der Luft und inhalierte den wohlbekannten Geruch von
Kälte und Schnee. Wie immer hatte sie ein ganzes Jahr nur auf diese Jahreszeit
gewartet, die ihr Fluch war und doch ihre Bewunderung erlangt hatte. Hier
gehörte sie hin, in den Winter. Sie hob ihren schönen weißen Kopf zum Himmel
empor und sah zu, wie tausende Schneeflocken sich ihren Weg zur Erde bahnten, um
sich dort zu einem reinen weißen Teppich zusammenzulegen, der gelegentlich vom
Wind zerzaust wurde. Während sie ihren Kopf erhoben hielt, spielten sich
vergangene Szenen wie ein Film vor ihrem geistigen Auge ab und noch einmal
durchlebte sie die Schrecken der Vergangenheit. Grollend dachte sie an die
Eisprinzessin, die sie einst in den Augen der anderen Wölfe gewesen war.
Lebensecht kamen die Bilder der Wölfe, die ihr Leben an ihren Fängen gelassen
hatten, die den reinweißen Schnee mit dunkelrotem Blut gefärbt hatten.
Leise grollend schüttelte Sharila ihr schönes Haupt und sagte sich ein weiteres
Mal von den Gedanken los, die sich niemals in die Schattenwelt zurückziehen
wollten. Mit federleichten Schritten schritt sie über die weiche Matte aus
Schnee und Eis, die sich langsam bildete. Die Kälte gab ihr ihre Lebenskraft und
wieder fühlte sie sich in die Vergangenheit versetzt. Ihre lang vergangenen
Welpentage, in denen sie allein mit den tanzenden Schneeflocken gespielt hatte
und einsam dem Heulen des Windes gelauscht hatte. Wie sehr hatte sie sich damals
Geschwister gewünscht, die ihren Spaß mit ihr teilten? Verstohlen blickte die
weiße Fähe nun zu Ilja, die ausgelassen mit Jaris im Schnee tollte und kurz
flackerte ein Funken Neid auf, der jedoch sogleich wieder vom Wind davongetragen
wurde. Eine Weile noch beobachtete sie Jaris und Ilja, sah in ihnen das, was sie
niemals bekommen hatte und das, was sie sich immer gewünscht hatte. Es schien
etwas ganz gewöhnliches zu sein, Geschwister und Freunde zu haben, mit denen man
spielen konnte, doch für sie gab es so etwas nie. Seufzend wandte sie ihren
Blick von den Jungwölfen ab. Ihr Blick richtete sich wieder auf den Schnee, der
im schimmernden Sonnenlicht glitzerte und blendende Lichtstrahlen reflektierte.
Ungerührt trabte sie weiter und dachte plötzlich an Niana. Sie wusste nicht
wieso, aber sie verspürte das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen und doch wusste
sie, dass es nicht möglich war. Sie war zusammen mit Lunar und Kheiji
verschwunden. Sharila empfand das Gefühl, sich nach jemanden zu sehnen als
merkwürdig, denn niemals hatte sie andere Wölfe gebraucht und nun wünschte sie
sich die braune Fähe herbei, nur weil sie gerne mit ihr sprechen wollte? Es war
eine ganz neue Erfahrung für sie Freunde zu haben, an die sie selbst dachte,
wenn sie nicht anwesend waren. Nachdenklich setzte sie eine Pfote vor die andere
und dachte nach, wie sie es in letzter oft tat, wenn sie allein war. Allerdings
konnte sie die Einsamkeit dennoch genießen, denn die Gesellschaft des Rudels war
irgendwie immer vorhanden.


Der Winter war da. Die
Schneeflocken fielen vom Himmel und legten sich träge auf den silbergrauen Pelz
des großen Rüdens. Die silbernen Seelenspiegel funkelten leicht auf als er den
Kopf drehte und über das Rudel sah. Sein Rudel. Die Wanderung schien endlos,
aber er hoffte das jene Ziel sich auch lohnen würde. Sein Blick glitt suchend
umher, er entdeckte Lajila und der harte Zug um seine Lefzen wurde weich. Sein
Leben würde er geben für sie, seine Liebe gehörte ihr und nichts konnte dies
mehr ändern. Er entdeckte seine Tochter und lächelte. Sie war so groß geworden,
seine kleine Prinzessin. Beinahe eifersüchtig wachte er über ihre Schritte und
jeder Rüde der ihr zu nahe kam wurde aufmerksam betrachtet. Sicher, er wusste
das er sie nicht aufhalten konnte Bekanntschaften zu führen, aber dennoch wachte
er heimlich wie ein Schatten über sie. Schließlich war sie seine einzige
Tochter.
Sein Blick glitt weiter und blieb schließlich am jüngsten Begleiter des Rudels
hängen. Stumm und ruhig. Und doch hatte er wohl Freunde gefunden. Demon, Alana,
Shanaya und Kiba hatte er immer wieder bei ihm gesehen. Den Namen des stummen
Welpen hatte er nur am Rande mitbekommen, aber selbst das machte ihm nichts aus.
Er war toleranter geworden und da Chion nur ein Welpe war, duldete er dieses
Versäumnis auch. Dennoch näherte er sich ihm nicht an, zu tief saß der Verlust
seines Sohnes Dijaron noch in seinen Knochen. Er konnte nicht verstehen warum
man seinen Welpen alleine ließ.

Langsam setzte er sich in Bewegung, seine Pfoten führten in langsam aber sicher
durch die Wölfe und zum ersten Mal seit langem suchte er die Nähe der Wölfe
deutlich. Er trottete auf Shanaya und Kiba zu, an letzterem lag seiner Gefährtin
sehr viel. Soviel das der silbergraue Rüde schon öfters eifersüchtige Stiche in
seinem Herz verspürt hatte. Es kostete ihn jedoch keine Überwindung dem weißen
Wolf näher zu kommen, er war ein Freund seiner Gefährtin und für seine Gefährtin
würde er beinahe alles ertragen.


Der Schnee knirste
unter der Last des Rüden und die Kälte suchte sich den Weg unter das dicke Fell.
Dennoch fror Kiba nicht, ihm war gar ziemlich warm. Das ständige lauschen und
beobachten, laufen und traben hielt ihn warm. Und eigentlich gefiel es dem
Weissen so. Das Wandern und Suchen nach dem Herzland, dem Paradis. Er war unter
Freunden, konnte reden und toben, er konnte aber auch still für sich sein. Jetzt
war er bei Shanaya. Die schelwarze Fähe schien nicht gebervt durch sein
Auftauchen, was Kiba noch bessere Laune verschaffte. 

"Gewiss. Ich bin froh, dass ihr mich so unterstützt und mir die Kunst der
Jagdt erlernt! Ich fühl mich gut. Danke, Shanaya."


Kiba verfolgte mit seinen bernsteinfarbenen Augen den Tanz der Flocke und
schmunzelte bei den Worten Shanayas. Kiba wusste, dass der Verlust immernoch in
den Knochen der Rudelmitgliedern hing und doch fand er, sollte man endlich
wieder lachen. Lachen und für Aron weiterleben. Kurz dachte Kiba an Aakalliko.
Auch er war weg. Und niemand wusste, ob er noch lebte. Kiba seufzte. 

"Vielleicht tanzen sie aber auch aus Freude. Immerhin haben sie lange auf
jenen Moment gewartet."


Kiba versuchte mit seinen Worten die Anspielung fallen zu lassen. Mit
regelmässigen Schritten gingen er und Shanaya nebeneinander her. Genau so
geregelt erschien das Wölkchen vor dem Fang, dass durch die warme Atmung
entstand. Mit gespitzten Ohren hörte der Weisse dem Knirschen zu und starrte
dabei auf die shwarzen Pfoten seiner Freundin. Lajila. Kiba musste an sie denken
und fragte sich, wie es ihr wohl ging. Lange hatte er nicht mehr wirklich mit
ihr gesprochen. Gerne hätte er jetzt ihre Wärme bei sich. Kiba dachte an die
Träume zurück, in denen er der Vater der Welpen war. Aber eben, es waren nur
Träume. Schöne Träume. 

"Sag mal Shanaya. Demon und du, ihr seit euch sehr nahe, was? An deiner Seite
scheint er mehr Leben in sich zu haben als sonst... Verzeih mir meine Frage."


Kiba runzelte die Stirn und blickte zu seiner Begleitung. Hoffentlich kam ihr
das nicht zu nahe. Auf die Lefzen legte sich ein sanftes Lächeln und mit einem
Blick teilte er ihr mit, dass sie auch schweigen durfte. 
Als das Knirschen lauter wurde, spähte Kiba in die entgegengesetzte richtung und
erblickte dem Alpha, der auf die beiden Wölfe zukam. Aramis. Der Vater Lajilas
Welpen. Der Magen des Weissen verkrampfte sich leicht, doch dann schwang die
Rute fröhlich hin und her. Es war Lajilas Entscheid gewesen und so hatte es Kiba
auch akzeptiert. Er konnte es auch gut verstehen. Und Aramis war nunmal ein
Freund. Einer, auf den man sich verlassen konnte. Kiba nickte freundlich dem
Alphatier zu.

"Sei gegrüsst, Aramis"

Kurz blickte der Weisse seine Freundin an, um auch ja nicht ihre Antwort zu
verpassen.

"Wie geht es dir, mein Freund? Der Gang durch den schweren Schnee muss auch
an dier zerren...?"


Gerade als Daina ihre
Schwester hinter Jaris in einer Wolke aus Schnee verschwinden gesehen hatte und
ihr klar geworden war, dass sie sich jetzt sowieso nicht mehr fragen brauchte,
ob sie noch Lust hatte ihnen zu folgen, tauchte Ayura vor ihr auf. Die helle
Fähe begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln, was Daina doch eher überraschte
als sie in irgendeiner anderen Weise zu berühren. Es hieß immer, Lächeln sei
ansteckend, doch sie war einfach nur erstaunt darüber, so fröhlich von einem
Wolf begrüßt zu werden, dem sie weder jemals besondere Beachtung geschenkt, noch
mit dem sie je viel Zeit verbracht hatte. Was versprach sich Ayura denn davon?
Perplex sah die Schwarze in die heiteren, grünen Augen ihres Gegenübers,
unschlüssig, ob sie das Lächeln nun erwidern sollte oder nicht. Ihre Leftzen
zuckten vielleicht kurz nach oben, aber schließlich war der Impuls nicht stark
genug, um ein wirklich fröhliches Gesicht hervorzurufen. Stattdessen stand ihr
Langeweile und Misstrauen in die Augen geschrieben.

"Hallo Ayura."

Langsam glitten ihre Augen über das Gesicht der Fähe. Es hieß, sie und Ilja
waren beste Freundinnen. Ein leises Schnauben entwich ihr bei dem Gedanken an
die Bedeutung dieser Worte. Daina konnte sich nicht vorstellen, wie es war eine
beste Freundin zu haben. Für sie jedenfalls gab es soetwas nicht. Es war als
würde einfach kein Wolf existieren, mit dem sie sich sowas wünschen könnte oder
wollte.

"Was machst du so?"

Sagte sie beiläufig. Sie hatte das Gefühl, dass sie einfach nicht gut darin war,
Konversation zu betreiben, ganz so, als sei sie einfach nicht gemacht dafür,
irgendwelche belanglosen Gespräche zu führen. Es war als würde sie von der
Teilnahmslosigkeit erdrückt werden, während sie sprach, sodass kein tiefsinniges
Wort ihre Kehle verlassen konnte. Was gab es auch zu sagen? Abgesehen davon,
dass sie in ein und demselben Rudel lebten, waren sie doch Fremde. Es kam ihr
sowieso merkwürdig vor, dass manche behaupteten, das Rudel sei die Familie eines
Wolfes. Sie hatte eine Familie, die in einem Rudel lebte, aber das Rudel war nur
eine Zweckgemeinschaft, die das Überleben vereinfachte. Zu viele Wölfe hier
mochten einander nicht einmal, da konnte man doch wohl kaum von Familie
sprechen.

Noch einmal glitten ihre goldenen Augen bedächtig über Ayuras Antlitz. Der junge
Wolf sah schön aus, die Freude in ihrem Gesicht, ebenso wie ihr heller Pelz und
ihre grünen Augen waren eine ware Zierde. Einen kurzen Moment fragte sich die
Schwarze, wie es wohl sein mochte, eine solche beste Freundin zu haben oder
aber, wie es wäre, wenn Ayura Teil ihrer Familie wäre. Hatte sie je Ilja
angesehen und etwas anderes als ihre Schwester gesehen? Hatte sie sie je als
schön emfpunden? Sie hatte keine Ahnung. Danach hatte sie einfach niemals
Ausschau gehalten.


Winter. Wieder einmal
war es Winter geworden. Der wohl dritte Winter in seinem Leben. Man konnte es
kaum glauben. Nun wanderte er wirklich schon eine ganze Weile mit diesem Rudel.
Eine ganze Weile die kein Ende zu nehmen schien. Wenn er ehrlich zu sich selbst
war, was er wahrscheinlich wirklich zu selten war, wusste er doch, das es
richtig so war. Richtiger, ehrlicher, als so vieles andere in seinem Leben.
Aus was bestand es schon, dieses Leben?
Sein Leben.
Er konnte es sich nicht mehr anders vorstellen, auch wenn er sich selbst so
lange bekämpft hatte. Mit dem Winter war die Ruhe eingekehrt. Mit dem ersten
Schnee die Zeit zu bedenken. Mit der Kälte die Gewissheit. Und jetzt wusste der
sandfarbene, helle Wolf, was er wollte. Was er tun musste. Und was er nicht
konnte. Er konnte nicht fortgehen. Er war ein Teil dieses Rudels und er würde
nicht gehen, egal was passierte. Sie würden ihn wegjagen müssen, doch das würden
sie wohl kaum tun. Riaz fühlte sich mehr mit dieser Gemeinschaftt verbunden, als
mit irgend einer sonst. Er konnte seinen Bruder innerlich lieben, doch er war
ihm nicht nachgegangen um ihn zu suchen. Er konnte von seinem kleinen Bruder und
seiner Heimat getrennt leben, aber hier konnte er nicht mehr gehen. Es hielt ihn
nichts besonders. Es hielt ihn lediglich Gewissheit.

“ Mit dem Winter kommt die Gewissheit über das Land, die uns zuvor so lang
verwährt bleibt.“


Wisperte der Wolf in den leichten Wind. Hier, im Revier eines Rudels, zwischen
den Bäumen schneite es nicht mehr wirklich, Schnee lag, aber die Luft war viel
stiller als in der weiten, freien Ebene. So war mit dem Wald auch die Ruhe
zurück gekehrt die das Rudel auf der Eben geplagt hatte. Und mit dem Rudel auch
ihn. Nun war der Rüde mit den sonderbaren Augen ruhig. Fast schon zu ruhig. Aber
wieso sollte er sich auch unruhig fühlen. Er hatte Gewissheit und das war in
diesem Moment alles was zählte. Das Leben ging weiter. Ob mit oder ohne ihn, nur
nicht woanders, nur eine Regel gab es. Es ging hier weiter, nirgendwo sonst.


Lange Tage waren
vergangen, seit dem Gespräch mit ihrer Tochter. Und sovieles hatte sich wieder
verändert.
Die dunklen Pfoten teilten den reinen Schnee und beinahe schon kam sich die
dunkle Wölfin schuldig vor, etwas so schönes und jungfräuliches zu zerstören.
Ein kurzer Blick zurück bewies ihr, dass ihre Spuren deutlich sichtbar waren.
Auch etwas, dass ihr nicht sonderlich zusagte, wenn man genau darüber
nachdachte. Schnee hatte die dumme Eigenschaft, dass man sich möglicherweise gut
verstecken konnte - wenn auch nicht als schwarzer Wolf - aber wenn jemand einen
suchte brauchte er nur den Spuren zu folgen.
Kurz schüttelte Lajila den Kopf. Es war unsinnig sich jetzt über soetwas
Gedanken zu machen.
Für einen Moment verharrte sie so, schwarz in Weiß, umhüllt von einer seltsamen
Stille, dann lies sie ihren Blick suchend wandern. Als sie etwas graues
aufblitzen sah, wandte sie sich in jene Richtung. Sie hatte Sehnsucht nach der
Nähe ihres Gefährten. Zu lange waren sie nun schon einander ausgewichen. Der
Winter war so und so schon eine kalte Zeit, da musste man sich nicht auch noch
aus dem Weg gehen.

Gemächlich näherte sie sich den Wölfen, die sich gefunden hatten. Auch Kiba war
darunter und das zauberte kurz ein leichtes Lächeln auf ihre Lefzen. Auch
Shanaya galt ein Lächeln. Dann blieb ihr Blick an Aramis hängen und die hielt
kurz an, einige Schritte schräg hinter ihm. Musterte ihn stumm. Alleine die Nähe
zu ihm brachte die alten Erinnerungen hervor. Erinnerungen an die Zeit mit ihren
Kleinen in der Höhle, schöne Zeiten, Zeiten ohne Verluste...
Noch zwei Schritte, dann war sie neben dem Alpha, vergrub ihre Schnauze beinahe
etwas zu ungestüm in seinem Halspelz und verharrte so. Mochten die anderen
denken was sie wollten. Lajila war genau da, wo sie hingehörte, hier bei ihrem
Liebsten.


Witternd schob er
sich Schritt für Schritt vorwärts. Immer wieder hielt der Schatten an um erneut
die Umgebung zu prüfen. Nur um einige Augenblicke später wieder weiter zu
schleichen. Nur ab und zu war das leise Knirschen des Schnees unter den
Wolfspfoten zu vernehmen. Doch meist so leise, dass es kaum an die feinen
Wolfsohren traf.
Die dunklen Ohren, mit den weißen Musterungen drehten sich einem Radar gleich in
jegliche Richtung, aus der Geräusche erklangen, die Nase zuckte bei den
flüchtigsten Gerüchen. Doch als sich der Blick ruckartig auf eine Stelle im
Schnee richtete verharrte der Körper, erstarrt zu einer bewegungslosen Statue.
Nur der Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig, nichts war von der inneren
Anspannung zu bemerken, die den jungen Rüden ergriffen hatte.
Irgendwo in den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Doch ohne genauer
hinsehen zu müssen teilte ihm sein Geruchssinn bereits mit, dass es sich um
seine Artsgenossen handelte. Zu zäh und ungenießbar. Bestimmt auch unverdaulich,
nichts wonach ihm der Hunger stand.
Statt dessen fixierte er weiterhin vollkommen erstarrt die eine Stelle im
Schnee. Eine kaum sichtbare Erhöhung war zu sehen. Man hätte es leicht mit einer
Schneewehe verwechseln können, möglicherweise war es das auch und Kyrraine würde
sich nun total irren, doch er vertraute seinem besten Sinn. Seinem Geruch. Und
dieser sprach von etwas anderem. Flüchtig, doch das genügte dem Rüden in dieser
kalten Welt.
Wie in Zeitlupe hob er die rechte Vorderpfote, duckte sich gleichzeitig leicht
und schien beinahe den Atmen anzuhalten. Das Blut rauschte in seinen Ohren und
er vermochte jeden Muskel in seinem Körper zu spüren, der bis zum zerreißen
gespannt war. Für einen kurzen Augenblick gönnte sich Kyrraine die Augen zu
schließen und dieses Gefühl auszukosten. Das Gefühl des Lebens, das Gefühl der
Vollkommenheit. Dann hefteten sich seine Seelenspiegel wieder auf die bestimmte
Stelle und das Nackenhaar kräuselte sich leicht. Doch noch immer verlies kein
Ton die Kehle des Grauen.

Einen Moment noch prüften die Ohren die Umgebung, dann ein letztes Wittern und
die Anspannung der Muskeln katapultierte ihn beinahe schon nach vorne. Im
Bruchteil weniger Sekunden berührten seine Vorderpfoten die gewünschte Stelle
und noch bevor seine Hinterläufe folgten senkte er auch schon den Kopf und
begann ohne Unterbrechung zu graben. Ein Regen aus Schnee ergoss sich über
alles, das in wenigen Metern Entfernung stand, doch das war nichts was Kyrrains
Aufmerksamkeit genoss. All seine Sinne waren auf sein Tun gerichtet. Eifrig und
ohne unterlass gruben sich die Pfoten einen Weg durch das weiße Element. So
schnell, dass mit einem Mal kein Boden mehr da war und er mit einem atemlosen
Wiefen im Schnee verschwand.
Nur Augenblicke später vernahm man einen krächzenden Schrei und dann nur mehr
atemlose Stille. Solange, bis wieder zwei Ohren zu sehen waren.
Doch noch war Kyrraine zu sehr außer Atem um aus dem Schneeloch wieder heraus zu
klettern. Hechelnd saß er in dem Loch, das 1,5 Meter tief war und kaum breiter.
Der weiße Schnee vor ihm war rot gesprenkelt. Und zwischen seinen Pfoten lag das
Objekt seines Begehrens. Ein Schneehuhn.


Kyro hatte sich
zurückfallen lassen, kaum das Alana an der Seite Asziras aufgetaucht war. Er
hatte keine Lust, sich am Gespräch der beiden Wölfinnen zu beteilen und wusste,
dass nun kein Platz mehr für ihn war. Hund war der Feind und Alana die Freundin.
Welch ungleicher Kampf um die Aufmerksamkeit der schwarzen Fähe. Wo es nichts zu
gewinnen gab, konnte er auch gleich eigene Wege gehen. So lief er langsam, in
beschwingtem Spiel durch den Schnee, das Rudel irgendwo vor sich wissend, mal
näher, mal ferner.
So geschah es, dass er beobachten konnte, wie einzelne Mitglieder der
Wandergemeinschaft davon stoben. Zunächst Jaris und Ilja, dann Kyrraine. Kyro
hatte alles um sich herum im Blick, da das restliche Rudel in einer leichten
Senke verschwunden war, die man kaum bemerkte, wäre er nicht zurück geblieben.
Nun stand er, ein Stück erhoben und überblickte das Geschehen. Auch er war im
Begriff, den leichten Hang hinunter zu stiefeln, als aus seinen Augenwinkeln
eine Bewegung plötzlich, ohne Vorwarnung, gänzlich verschwand. Die Ohren des
mittelalten Wolfs drehten eine Runde in alle Himmelsrichtungen, ehe er sich
langsam, eher beiläufig in Bewegung setzte. Er selbst hatte keinen Laut
vernommen und konnte auch keinen erahnen. Es war sicher besser, nachzusehen. Im
Schnee verlor alles seine Konturen und vielleicht würde der Jungrüde schon nach
wenigen Augenblicken wieder auftauchen, hinter einem Schneehügel, oder in einer
Senke. Kyro traf wenig später auf die Spuren Kyrraine’s, der sich wohl langsam
auf ein bestimmtes Ziel zu bewegt hatte. So sprach jedenfalls die Fährte, die
der Rüde kurz genauer betrachtet hatte.
Kyro kam der Stelle näher, an der aus langsamem, bedächtigem Anschleichen der
angestrebte Lauf und Sprung gefolgt hatte. Dann sah er Blut und hielt irritiert
inne, um zu Wittern. Er war schon beinahe soweit, dass er nach den Eltern
gerufen hätte, als seine Nase ihm verriet, dass es sich nicht um Wolfsblut
handelte. Nach wenigen weiteren Schritten sah er in das Loch, in dem der
Jungrüde nun gefangen war. Er lachte auf.

„Fragt sich, wer da nun wen gefangen hat.“


Noch immer hoben und
senkten sich die Flanken des Jungrüdens eher unregelmäßig und die Zunge hing ihm
seitlich aus dem Maul. Dazu der schräg geneigte Kopf mit dem er seine Beute
betrachtete. Das alles gab ihm ein eher verschmitztes Aussehen.
Stolz lag in den Augen des jungen Wolfes, als er den Kopf hob, da seine Ohren
Schritte wahrgenommen hatten die sich näherten. Als er Kyro erkannte war er
einen kurzen Moment irritiert, da er bis jetzt kaum mit dem Rüden zu tun gehabt
hatte und seine Eltern ihm immer geraten hatten sich fern zu halten. Doch der
Stolz siegte über sein Misstrauen.
Mit strahlenden Augen stupste er das erlegte Schneehuhn an, dann sah er wieder
zu dem Rüden auf und grinste.

"Nun ja, immerhin atme ich noch und der da nicht."

, gab er als antwort.

"Daher habe zumindest ich die Hoffnung noch lebend hier heraus zu kommen"

,fügte er noch hinzu und lies kurz seine Rute von einer Seite auf die andere
gleiten, ehe er sich nun doch erst ein Mal umsah.
Im Eifer des Gefechts hatte er noch gar nicht richtig wahrgenommen, dass er sich
nun wirklich in einer Art Grube befand, die das Schneehuhn wohl als Winterbau
benutzt hatte. Doch da sich Schneehühner nun ein Mal eingruben um im Frühjahr
wieder aufzutauchen, wenn der Schnee sowieso geschmolzen war hatte er nun doch
ein kleines Problem. Denn der Schnee war ja noch da. Und er schien etwas
rutschiger auszusehen, als zuerst gedacht.
Probeweise trat Kyrraine zur einen Seite und schnupperte an dem Schnee, der sich
bei der Berührung seiner Nase in Schneestaub auflöste und ihn zum niesen
brachte. Zu locker um einfach hinauf zu klettern. Er drehte sich ein mal um sich
selbst, denn für mehr war wirklich kein Platz, und nahm die andere Seite in
Augenschein. Hier war der Schnee anscheinend gefroren und stob zwar beim Wittern
nicht davon, doch schien er sehr vereist. Womöglich auch nicht die beste
Variante um hinauf zu klettern.
Grübelnd hob er nun abermals den Kopf und blickte zu Kyro hinauf. Eigentlich
schien der Rüde gar nicht so weit entfernt. Und ansich wären die 1,5 Meter Höhe
wohl kein wirkliches Problem gewesen, doch durch den kleinen Durchmesser des
Lochs konnte er nicht ein Mal Anlauf holen und die Konsistenz der Wände und der
Oberfläche würde das ganze nicht sonderlich erleichtern.


Kyro beobachtete den
Jungrüden aufmerksam, der sich wohl nach einer Fluchtmöglichkeit umsah. Die
Worte hatte er nicht weiter kommentiert, sondert tat, was Kyrraine tat, nur dass
er dazu lediglich seine Augen gebrauchte. Als sie beide eher ratlos inne
hielten, umrundete er das Loch einmal, wobei er etwas Schnee lostrat, der dann
auf Kyrraines Kopf landete.

Grübelnd betrachtete Kyro die Szenerie.

“Wenn du bis zum Frühjahr wartest, dürfte es leichter sein.“

Erklärte er beiläufig, eine neue Runde drehend.

“Andererseits könnte ich Wulf spielen und es so lange auf deinen Kopf
schneien lassen, bis sich das Loch gefüllt hat.“


Schlug er schließlich vor. Möglich wäre auch gewesen, das Rudel herbeizurufen,
damit sie alle ihre Köpfe über den Rand schieben konnten. In diesem Fall wohl
eher unnötig. Sie konnten nicht viel mehr tun, als er. Es sei denn, ihnen fiel
etwas Sinnvolleres ein als ihm.

“Hast du einen besseren Vorschlag?“

Fragte er, als wäre dies die letzte Vorwarnung. Während er wieder und wieder den
Rand ablief, nie zu nah, um nicht Gefahr zu laufen, mit Kyrraine im Loch zu
Enden. Gerade riet ihm sein Verstand wieder, sich von der Grube zu entfernen,
als der Schnee unter ihm nachgab. Wie in Zeitlupe konnte man noch kurz
verfolgen, wie er in der Luft nach oben zu laufen versuchte, doch im nächsten
Augenblick kollidierte er mit dem Jungrüden.
Auf dem Rücken liegend, sah er nach oben, als sich noch ein bisschen mehr Schnee
zu ihnen gesellte. Die Schnauze frei schüttelnd, lag er da, sich umständlich
umdrehend. Zum Aufstehen erschien es ihm zu eng.


Die Worte des Älteren
trugen nicht gerade dazu bei den Gedanken des Jungrüden neue Inspiration zu
verleihen. Im Gegenteil brachten sie ihn dazu Kyro einen Moment skeptisch mit
seinen Blicken zu verfolgen und den Schnee, der auf ihm landete, mit einem
Schnauben abzuschütteln.

Einen besseren Vorschlag? Wie wäre es mit Flügeln? Ich wollte immer schon
wissen wie es ist zu fliegen, und bei der jetzigen Situation wäre es womöglich
sehr hilfreich


,schlug er dann mit einem verschmitztem Grinsen vor. Zumindest hatte er bei
seinem Sturz nicht außer dem Halt auch noch seinen Humor verloren.
Eben war er dabei weiter über die Frage des Wolfes nachzudenken, da lies ihn ein
verräterisches Knirschen des Schnees aufhorchen. Kyro würde doch nicht...
Aber da war es schon zu spät. Ehe sich Kyrraine versah war er nicht mehr alleine
in der Schneehöhle, sondern wurde beinahe von dem anderen Rüden begraben.
Eindeutig zu eng für zwei Wölfe.
Schnaubend schüttelte er den Kopf, denn den ganzen Körper von dem lästigen
Schnee zu befreien traute er der Stabilität der Umgebung nicht zu. Schon gar
nicht jetzt, wo sich der vorhandene Platz drastisch reduziert hatte. Dann
betrachtete er zweifelnd seinen neuen "Zellengenossen".

"Nichts für ungut...aber die Flügel wären mir lieber gewesen..."

, gab er brummend zu und schnippte mit den Ohren, die ebenfalls genug von dem
Schnee abbekommen hatten um sein Gehör etwas zu dämpfen. Und auch der Schnee,
der sich in seinen Wimpern verfangen hatte half ihm nicht gerade weiter. Nur
sein Geruchssinn schien weiterhin korrekt zu laufen.

"Langsam habe ich genug von dem Schnee."

, murmelte er und nieste abermals als ihm etwas einfiel.

"Ach übrigens, du liegst auf meinem Essen."


Der graue Rüde schritt
beinahe majestätisch neben Kiba und Shanaya her, ehe er sich zu einer Antwort
auf Kibas Frage verleiten ließ. Seine Pfoten setzten sich leicht und erstaunlich
beschwingt auf den weißen Untergrund und ein leichtes Lächeln zierte die Lefzen
des Wolfes. Er mochte den Schnee und so vieles erschien im leichter wenn das
jungfräuliche Weiß über der Welt lag. Sacht neigte sich der Kopf des Rüdens, ein
Gruss zu dem Weißen und der Schwarzen.

“Seid gegrüßt, Shanaya und Kiba…”,

soviel Förmlichkeit war schon seltsam, aber das Grinsen das für einen Moment
über seine Lefzen huschte war eindeutig. Er amüsierte sich und anscheinend ging
es ihm seit langem wieder einmal richtig gut. Wobei etwas fehlte, ein kleiner
Teil der noch immer nicht gänzlich zufrieden war. Mit sich und der Restwelt.

“Mein Befinden ist soweit in Ordnung, Kiba. Der Schnee beschwert meine
Schritte nicht, schon seit Welpentagen an, liebe ich den Schnee…”,


er lächelte und ließ für einen Moment den Blick umher schweifen. Seine
Aufmerksamkeit legte sich wieder auf die beiden Wölfe, während seine Rute leicht
hin und her schwang.

“Und wie geht es euch beiden?”,

Neugier sprach aus seiner Stimme und in seinen Augen funkelte es neugierig. Er
war immer an seinem Rudel interessiert, doch meistens bekam er alles nur aus der
Ferne mit. Plötzlich zuckte er zusammen als sich eine Schnauze tief und ungestüm
in sein Hals und Nackenfell vergrub. Es gab nur wenige Wölfe die ihm so nahe
kamen und so war der Kreis jener doch recht klein. Es dauerte nur ein sachtes
Nasenzucken, ehe er wusste das es Lajila war. Die nächste Wölfin wäre Ayura
gewesen, denn Noir hatte ihren Katan an den sie sich so sehnsüchtig schmiegen
konnte.

“Lajila”,

ertönte leise seine Stimme, ehe er sich sacht gegen sie lehnte. Für diesen
Moment gab es nichts mehr auf dieser Welt als Lajila und ihn. Selbst die beiden
Wölfe direkt vor ihm verschwammen für einen Moment. Lajila. Sein Herz, sein
Leben. Jeder Gedanke an Eifersucht war vertrieben, denn sie war hier- und
schmiegte sich an ihn und an keinen anderen.


Das leichte
Zusammenzucken des Grauen erinnerte Lajila daran, dass es ihr ansich gar nicht
ähnlich sah so ungestüm zu handeln. Und für einen kurzen Moment überlegte sie
gar, ob sie nicht vielleicht doch zurückweichen sollte, immerhin schien sich
Aramis gerade inmitten eines Gespräches befunden zu haben. Doch dieser Gedanke
verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war. Als sich Aramis sacht an sie
lehnte vergrub sie ihre Schnauze abermals in seinem Halspelz und atmete seinen
einzigartigen Geruch tief ein.
Hier, nur hier an seine Seite, fühlte sie sich wirklich vollkommen. Nur hier, an
das Fell ihres Gefährten gekuschelt wurde ihr wieder so klar wie in wenigen
Momenten, was das Leben wirklich ausmachte und wofür es stand. Natürlich hatte
sie viel verloren, aber bei weitem nicht alles. Das zeigte ihr alleine die Nähe
zu Aramis in jenem Augenblick. Noch einen weiteren Moment gab sie sich jener
Nähe hin, hielt die Augen geschlossen und wünschte sich, dass nichts jenen
Moment zerstören konnte.
Dann jedoch löste sie sich langsam von der Seite des Grauen, ohne sich jedoch zu
weit zu entfernen. Nur soweit, dass sich ihre Flanken gerade noch berührten. Der
Blick war jedoch einen weiteren Moment auf ihren Gefährten gerichtet. Sanft und
voller aufrichtiger Liebe, ehe sie sich den anderen zuwandte, beinahe etwas
verlegen.

"Ich hoffe...ich habe euch nicht bei irgendetwas unterbrochen..."


Beinahe sehnsüchtig
erinnerte Shanaya sich an die vergangenen Tage an denen sie mit Alana und Demon
zusammen dem weißen Rüden das Jagen gelehrt hatte. Es war eine schöne,
unbeschwerte Zeit gewesen, in der sie ihre Sorgen vergessen und sich ganz der
Freude hingeben konnte. Vielleicht war es die schönste Zeit dieses Jahres
gewesen. Klar, die schönste Zeit des Jahres war schon immer der Winter gewesen.
Nun jedoch holten die schrecklichen Ereignisse aus der nahen Vergangenheit
wieder auf und ein beklommenes Gefühl legte sich erneut wie eine Eisenkette um
ihr Herz. Sie durfte nicht an ihn denken, nicht mehr an jenen Tag denken, doch
der Vorsatz schien nicht wirklich zu halten.
Kibas Stimme riss die Schwarze sanft aber drängend in die Realität zurück. In
eine Realität die kälter war, als der herzlose Winter. Es war nur die
Gesellschaft ihrer Freunde, die das Dasein erträglich machten und natürlich die
Zeit, die selbst die Ältesten Erinnerungen fortspülte und abstumpfte.

“Vielleicht hast du Recht …“

Seufzte sie und verspürte plötzlich keine größere Lust mehr, über die weißen
Schneeflocken und deren unregelmäßigen Tänze zu sprechen. Schweigend lenkte die
junge Wölfin ihre bernsteinfarbenen Augen auf das blendende Weiß und lief ruhig
neben dem Rüden her. Sie genoss seine Gesellschaft und selbst die Erdrückende
Stille empfand sie als angenehm. Den ganzen Tag hätte sie neben Kiba herlaufen
können, in stiller Zweisamkeit. Sie wollte nicht sprechen, nicht lachen, nicht
denken, sondern einfach nur laufen. Doch erneut erklang die warme Stimme des
Weißen. Seine intime Frage verunsicherte sie und brachte sie auf einer
merkwürdigen Weise in Verlegenheit. In seinen Worten lag keinerlei Drang, doch
Shanaya hielt es für unhöflich und unangemessen, diese Frage zu ignorieren. Für
einen Moment zögerte sie, rang nach Klarheit und Worten.

“Wo du Recht hast, hast du Recht.“

Ein schwaches Lächeln legte sich auf die milchweißen Lefzen.

“Ich … Ich hab ihn sehr gern. Er … ist ein sehr guter Freund,
vertrauenswürdig, ruhig und sanft …“


Erschrocken ruckte ihr Kopf in die Höhe. Sie hatte nicht so viel erzählen
wollen. Doch gesagte Worte konnte man nicht zurücknehmen und so senkte die Fähe
wieder ein wenig beschämt das Haupt. Glücklicherweise hatte sich der Leitwolf
genährt und lenkte die Schwarze von der Situation ab. Seine förmliche Begrüßung
erklang und eilig nickte sie ihm zu und legte leicht die weichen Ohren an.

“Sei gegrüßt, Aramis.“

Eine Weile lauschte sie dem kurzen, oberflächlichen Gespräch der beiden Rüden,
beobachtete sie aufmerksam. Sie hatte nicht das Bedürfnis, sich einzuklinken.

Kurze Zeit später bemerkte Shanaya eine schwarze Wölfin auf die kleine Gruppe
zukommen. Beim näheren Hinsehen erkannte sie Lajila, Dijarons Mutter. Ein Kloß
formte sich in ihrem Hals und auf das freundliche Nicken folgte lediglich eine
Ruckartige Geste mit dem Kopf. Sie blickte zu Boden, Gedanken kreisten in ihrem
Kopf. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, gleich beide Elternteile ihres
Schützlings auf einmal vor sich stehen zu haben. Doch sie versuchte sich
zusammenzureißen. Die beiden schienen eh mehr mit sich beschäftigt zu sein, als
sie zu beachten. Ein kurzer, hilfesuchender Blick galt Kiba, ehe die gelben
Wolfsaugen in die ferne schweiften, auf der Suche nach einem Artgenossen, der
ihr mehr Trost und Wärme spenden konnte, als alle versammelten Wölfe zusammen …


Schwarz wie die Nacht
hob er sich von der weißen Pracht ab. Es gab keine Versteckmöglichkeit, keine
Deckung für ihn. Aber er wollte sich gar nicht verstecken. Mit hocherhobenem
Haupt trottete er über den Schnee, manchmal wirkte er beinahe herausfordernd in
seiner Haltung. Vorallem gegenüber Kiba, dem Betarüde geschah dieses immer
wieder. Meistens war es jedoch eher ein Instinkt als eine bewusste
Herausforderung. Doch manchmal konnte er das Teufelchen in seiner Brust kaum
beherrschen. Vorallem dann, wenn Kiba und Shanaya alleine waren.
Als Alana, Shanaya und er dem weißen Rüden das Jagen beigebracht hatten, hatte
er oft an sich halten müssen um den Beta nicht einfach aus einer Laune heraus zu
fordern. Dabei hatte er es noch nie auf irgendeinen Rang abgesehen. Es war
einfach nur der instinktive Drang sich gegenüber dem Ranghöheren behaupten zu
wollen. Um Shanayas Willen. Denn seine Zuneigung zu der Wölfin war nur noch
stärker geworden.
Sein Blick schweifte umher, suchend und als er das Ziel seiner Suche entdeckte
spürte er einen scharfen Stich in seinem Herzen. Kurz zuckten seine Lefzen nach
oben und ein dumpfes Brummen bahnte sich den Weg aus seinem Fang. Dieser weiße
Rüde kratzte mit viel Ausdauer an seiner Beherrschung. Als er dann jedoch Aramis
und Lajila bei den Beiden entdeckte, entspannte er sich rasch wieder. So
vertraut waren die beiden Wölfe, so zärtlich.
Sehnsucht zehrte an ihm und seine Schritte führten mit einem Mal zielstrebig auf
die kleine Gruppe zu. Ein kleines Stück verfiel er in einen raumgreifenden
Trott, der ihn rasch auf Shanaya zu trug. Denn nur sie zählte. Nur sie war es,
die er sah. Mit einmal Mal schien weder Kiba, noch Aramis und Lajila zu
existieren. Er wurde langsamer, näherte sich jedoch immer weiter.

“Shanaya…”,

ertönte leise seine Stimme. Als ob er kurz vor dem Verdursten war und endlich
Wasser entdeckt hatte. Ein Lebenselixier. Seine Haltung war hoch erhoben und
reichte bis auf wenige Unterschiede beinahe an die Haltung des Alphas heran. Als
ob er einen Anspruch klar machen wollte.


Links. Rechts. Immer
im selben Rhythmus stzte Kiba seine Pfoten in den Schnee und beobachtete aus
seinen Augenwinkeln seine schwarze Freundin. Ihre Miene war stark schwankend und
Kiba grübelte nach, wie er ihr wohl am besten den Kummer nehmen konnte. Es
musste etwas geben, denn ständig zum sprechen bringen konnte er sie auch nicht.
Zudem war die Stille so sehr angenehm. Die stille Zweisamkeit zweier Freunde,
die sich schon lange kannten. Zwei mehr Oder weniger vertraute. Einen Grund,
weshalb Kiba Shanaya auch so direkt nach Demon fragte. Einen Grund, weshalb er
schon fast davon überzogen war, dass sie ihm auch eine Antwort geben wird. Eine
wahrheitsgetreue Antwort. Kiba schnaufte regelmässig und sah seinen eigenen
Pfoten zu, wie sie immer wieder im Schnee versanken. Beides weiss. Sie
verschmolzen mit dem Schnee. Dann endlich klangen Worte aus Shanayas Fang.
Unsicher, aber doch ernst und voller Überzeugung. Sie sprach ihre Gefühle aus
und der Weisse lächelte. Er hatte nichts anderes erwartet. Er hätte die Antwort
auch selber geben können. Und doch klang es wesentlich schöner aus ihrem eigenem
Fang. Viel schöner! Sanft stupste Kiba Shanaya an, leckte ihr über den
Hinterkopf und lächelte sie nickend an. Es klang nach etwas schönem...
Kiba drehte seinen Kopf zu Aramis, der seinen Weg zu den beiden anderen Wölfen
gefunden hatte und glich sein Tempo dem Alpha seinem an. Links. Rechts. Links.
Konzentriert lauschte der Weisse dem Knirschen der drei und sah immer wieder zu
Shanaya. Aramis liess sich Zeit mit seiner Antwort. Erneut der Moment der
angenehmen Stille. Jene Stille, die wie... Kiba dachte über eine Definition
nach. Wie... Er konnte es nicht beschreiben. Eben einfach schön. Aramis meldete
sich zu Wort und erzählte kurz davon, dass er den Schnee mochte. Kiba sah
nochmals auf seine Pfoten und fand den Schnee schon auch irgendwie schön,
besonders, Weil er selber so darin versank. Er im weissen Fell. Aber Schnee
konnte auch mühsam sein, das Gehen behindern und alles sehr anstrengend machen.
Und er war kalt. Trotz Fell war das Ruhen oftmals unangenehm, nass und kalt.
Nach langem hin und her antwortete Kiba nun auch auf Aramis Worte. 

"Danke, mir geht es ganz recht. Ich geniesse die Wanderung mit euch sehr. "

Kiba lächelte seinen Alpha an und richtete dann seinen Blick wieder nach Vorn.
Ja, er genoss tatsächlich. Keine Lüge, wahre Worte. Kiba fühlte sich hier zu
hause, hatte hier eine Familie gefunden. Besonders Alana, Lajila und Shanaya
gehörten dazu. Aber auch Aramis, Demon, Noir, Shien und Alle andern der Wolves
of Freedom. Nur Namen in keiner bestimmten Reihenfolge. Aber sie gehörten dazu.
Wie der Schnee zum Winter. Oder wie die Liebe zum Leben. Kiba seufzte und
blickte wieder zu Aramis, der immer noch neben ihm herging, dann sah der Weisse
zu Shanaya, die ebenfalls etwas weiter vorne noch bei ihm war. Familie. Eine
wirkliche Familie...
Das Knirschen des Schnees verändete sich. Es wurde lauter und so spitzte der
Weisse seine Sinne und sog die kühle Luft ein. Lajila. Ja, es war Lajila. Noch
bevor Kiba seinen Blick ganz gehoben hatte, schwang die schlanke Rute zur Seite.
Freude glitzerte in den bernsteinfarbenen Augen und nur mit Mühe konnte er ein
Winseln unterdrücken. Aus Entfernung sah Kiba, wie die schöne Schwarze durch den
Schnee watete. Aufgeregt blieb er stehen und wartete auf seine Lajila. Natürlich
tat Aramis ihm gleich. Aramis. Der Gefährte von der Schwarzen. Kiba weitete
seine Augen und sah zu, wie sich Lajila an den Alpha drückte ihn liebkoste und
umschmuste. Ein Seil schnürte sich um Kibas Hals und schien ihn zu erwürgen.
Schwer schlug es dem Weissen auf den Magen. Lajila und Aramis. Vereint. Für
immer. Leise nach Luftschnappend drehte sich Kiba hilfesuchend nach Shanaya um.
Kiba stockte der Atem. Das selbe Bild nur nicht Aramis und Lajila sondern Demon
und Shanaya. Vereint in trauter Zweisamkeit. Der Rüde hörte noch die zarte
Stimme Von Lajila, ob sie denn störe. 

"N-Nein. Nein ... Hallo Lajila"

Natürlich störte sie nicht. Alle andern... Kiba wäre am liebsten  gegangen. Aber
etwas hielt ihn hier fest. War es Shanaya. Oder Lajila? Oder nur das schlechte
Gewissen?


Schnee war
unglaublich trostlos. So unglaublich.. deprimierend. Und das fiel ihr erst jetzt
auf, an diesem Tag, wo sie vollkommen allein durch den Schnee stapfte. Fern vom
Rudel, weg von Faite. Yukí liebte den Schnee, liebte die Kälte, die der Winter
jedes mal aufs neue mit sich brachte. Aber dieser Winter war kälter,
erbarmungsloser. Er ließ sie von innen heraus frieren. Und nun lief sie einfach,
folgte der Witterung des Rudels, lief ein Stück vor und wartete auf sie. Da war
niemand mit dem sie jetzt reden wollte. Niemand. Und sie fühlte sich merkwürdig
unruhig. Wenn sie an jeden anderen erlebten Winter dachte, konnte sie sich nur
daran erinnern, dass er sie immer beruhigt hatte. Selbst wenn er sich unter ihr
blutrot gefärbt hatte.. Aber das war Vergangenheit. Jetzt war der Schnee unter
ihr weiß, rein und weiß. Nur.. allein war sie immer noch. Oder eher wieder.

Yukí seufzte und war wieder stehen geblieben. Sie wollte sich nicht mehr
streiten, sie wollte nicht mehr vor dem Rudel flüchten. Aber sie konnte noch
immer nicht über ihren Schatten springen, zu Faite gehen und sich entschuldigen.
Trotz dessen, dass sie doch irgendwie wußte.. dass sie Schuld war. Zumindest ein
wenig. Die bläulichen Augen richteten sich gen Himmel, blickten fast verträumt
drein. Es war eine elende Zwickmühle, und sie kannte keinen Ausweg. Kein Vor,
kein Zurück. Es war, als wenn sich vier Mauern um die erbaut hatten, und nur ein
kleines Loch gab ihr die Möglichkeit zu fliehen. Aber sie traute sich nicht,
auch nur einen Schritt durch dieses Loch zu tun. Am anderen Ende wartete Faite..
Sie konnte es einfach nicht. Einige Stimmen ließen sie den Kopf wieder senken,
den Blick zur Seite wenden. Etwas.. war komisch. Da war ein.. nicht wirklich
fremder Geruch, ganz eindeutig nicht fremd. Sie verwarf diesen Gedanken. Das
konnte nicht sein.. das durfte einfach nicht sein. Die Beige trat einen Schritt
nach vorn und erstarrte augenblicklich. Zwischen den Bäumen stehend starrte sie
nach vorn. Da stand Faite.. du sie sprach mit jemandem.. Yukís Augen weiteten
sich panisch, während sie den Geruch zuordnete und das weiße Fell erkannte. Er
war hier. Es hatte sie gefunden. Und er.. er würde sie mit sich nehmen. Egal
wie. Die Fähe fühlte sich unfähig zu denken, sich zu bewegen. Einen Moment
fühlte sie sich in ihre Welpenzeit versetzt, damals.. als sie immer wieder
versucht hatte, sich vor ihrem Vater zu verstecken. Mit all den Wunden, die ihr
Fell mit Blut verklebt hatten. Nur ihre Tante war da gewesen. Hatte sie
beschützt.. bis sie selbst sterben musste. Yukís Leib zitterte, ihre Welt drehte
sich. Als der große, weiße Rüde den Kopf drehte und sie direkt ansah, spürte sie
förmlich tausend Stiche in ihrem Körper. Er wußte, dass sie hier war. Er würde
sie töten.
So, wie er es schon immer tun wollte.
Urplötzlich und ohne jegliche Vorwarnung rannte die Beige los. Sie hatte den
Blick von diesem Bild abgewandt. Mit zugekniffenen Augen rannte die Fähe los,
versuchte mit möglichst großen Schritten zu fliehen. Sie musste hier weg. Was
würde Faite ihm erzählen.. in solch einer Situation? Sie betete, dass er ihr
nichts antat.. er sollte lieber sie holen, als der Schwarzen auch nur ein Haar
zu krümmen. Hätte sie weinen können, hätten nun bestimmt Tränen ihr Fell
benetzt, wären lautlos in den Schnee gefallen. Aber so rannte die Beige einfach.
Und in Gedanken lief neben ihr eine kleine Welpin her, voller Blut und am Ende
ihrer Kräfte. Sie kannte dieses Wesen. Sie selbst war so oft davon gelaufen.
Yukí biß die Fänge aufeinander, versuchte sich zu beruhigen. Aber ihr Herz raste
wie besessen, wollte nicht zur Ruhe kommen. Und sie musste flüchten, weg von
ihm. In Sicherheit. Dabei war es schon zu spät.. viel zu spät.
Yukí merkte nicht, dass sie auf eine kleine Gruppe von Wölfen zuhielt, sie lief
einfach. Flüchten, entkommen, das eigene Leben retten. Sie hatte keine
Wahrnehmung für ihre Umwelt, spürte nur noch diese brennende Angst, die ihren
Körper lähmen wollte. Nur noch wenige Meter trennten sie von der Gruppe, als sie
die Augen aufschlug, um zu sehen, wem die Gerüche gehörten. Aber noch bevor sie
hatte stoppen könne, hatte sie den ersten Wolf erreicht. Mit einem wimmernden
Aufschrei rammte die Beige eine schwarze Fähe und landete zusammen mit ihr im
Schnee. Ein stechender Schmerz in der Pfote ließ sie zusammen zucken, als sie
versuchte sich auf zu raffen. Sie musste aufstehen, sie musste fliehen.

Verschwindet.. er.. er wird euch umbringen!“

Keuchend versuchte sie auf zu stehen, sackte aber wieder kraftlos zurück in den
Schnee. Sie war zu schwach, zu ängstlich. Und sie konnte nichts tun. Wimmernd
ließ die Fähe den Kopf in den Schnee sinken, versuchte sich so klein wie möglich
zu machen. Es war zu spät. Sie achtete nicht mal auf Shanaya, in die sie rein
gerannt war. Alles tat weh und die Angst pulsierte wie kochendes Gift in ihrem
Körper.
Es war zu spät um zu flüchten.


Alana stapfte neben
Aszira her und dachte über ihre Worte nach. Chion sollte ihr gut tun?
Vielleicht. Sie eignete sich nicht als Beschützerin, war gerade zu unfähig. Aber
ein bisschen aufpassen, mit aller Herzlichkeit, dass konnte sie schon. Mit
Gewalt verteidigen war wohl unmöglich, lediglich mit Liebe beschützen. Genau,
dass konnte sie und es bereitete ihr noch dazu große Freude.
Lächelnd blickte sie zu Aszira hinüber. Ihre Freundin war doppelt so alt wie
sie, dennoch empfand sie ihre Beziehung als gleichgestellt. Es gab keine
Bevormundung, oder liebevollen Tadel, lediglich zwei völlig unterschiedliche
Charaktere. Die Silberwölfin entsann sich nicht, je so etwas wie eine
Mutter-Tochter-Beziehung zu einer Wölfin gehabt zu haben, geschweige denn einen
Vater. Trotzdem hatte sie mütterliche Gefühle in ihrem inneren entdeckt, die
einfach aus ihr selbst heraus geboren worden waren. Man musste es wohl nicht
selbst erlernen, so zu fühlen.
Plötzlich wurde sie nachdenklich, wusste sie doch, wie schlecht Aszira auf
Welpen zu sprechen war. Es fehlte ihr sogar der Mut sie zu fragen, ob sie je
ähnlich empfunden hatte. Weder wollte sie die Wut der Schwarzen
heraufbeschwören, noch wollte sie ihr wehtun. Ihre Rute schwang gleichmäßig in
fröhlichem Takt hin und her. Es war schön mit ihrer Freundin etwas abseits zu
laufen. Auch Kyro hatte sich verzogen, so dass sie völlig ungestört waren. Für
Alana war es einfach, ihre Angst unter Kontrolle zu halten.

“Wie stellst du dir das Paradies vor? Also das Land, das wir suchen, meine
ich. Ein irdisches Paradies. Was muss es dort für dich geben… oder was für
Landschaften gefallen dir besonders gut?“


Neugierig betrachtete sie Aszira.


Kyro lag halb unter
Kyrraine im Schnee, den Kopf unter ihm hervor streckend. Für mehr war kein
Platz. Wie es schien war er nun mit dem größten Spaßvogel des Rudels gefangen.
Welch Peinlichkeit, wenn sie nun nach Hilfe rufen mussten! Der Ältere sah sich
um, scheinbar nicht einsehen wollend, dass er sich dieses Missgeschick nun
einzugestehen hatte.

“Wer hoch fliegt, fällt auch tief, Witzbold. Da ist das Risiko mit mir hier
in dem Loch wesentlich geringer.“


Belehrte er den Möchtegernflugwolf, dessen Bemerkung über seine erlegte Beute
ignorierend. Er stand auf, ohne Rücksicht auf den Jungrüden, der über ihm stand,
zu nehmen. Kyro brauchte sich nur einmal kräftig in die Höhe zustemmen, da hatte
er sich seinen Platz erobert und Kyrraine’s Gewicht zum Teil auf seinem Rücken.

“Verleih lieber deinen Gedanken Flügel!“

Mit einer Kopfbewegung deutete er nach oben zum Himmel. Die Sonne konnte er
nicht sehen, doch der Himmel war nicht mehr wolkenverhangen. Ein reines Blau
breitete sich über ihnen aus. Rein wie der Schnee, der sie umgab. Kyro war
sicher, dass der Himmel nur im Winter so aussehen konnte. Die Lichtverhältnisse
ließen es nicht anders zu.
Kopfschüttelnd verrenkte er den Hals ein wenig, um Kyrraine anzusehen.

“Na los. Benutz mich als Kletterhilfe, dann spiel den Schneeprinzen und lass
es schneien… Und vergiss deinen Federvieh nicht, sonst wird es von dir
begraben.“


Nachdem er alles angeordnet hatte, was wichtig zu sein schien, wartete er
geduldig, bis der Jüngling der Aufforderung nachkam und sich aus dem Loch
bewegte. Wenn er es halbwegs geschickt anstellte, müsste es ihm gelingen. Auch
ohne Flügel.


Na wunderbar. Nun
hatte er zwar ein saftiges Schneehuhn gefangen, doch dafür befand er sich nun
mit diesem Griesgram in einer sehr eigenartigen Lage. Für einen Moment waren die
Gedanken des Jünglings abgedriftet, da er überlegte ob er es nicht einfach mit
Humor betrachten sollte, da gab der ältere Rüde auch schon seine Weisheit kund
und brachte Kyrraine zum Lächeln. Er wäre trotzdem lieber hoch geflogen. Was
hätte er nicht alles sehen und entdecken können, was kein Wolf je zuvor gesehen
hatte. Doch nun konnte er es sich wohl kaum aussuchen.

Als er mit einem Mal so in die Höhe gedrückt wurde strampelte er einen Moment
unwillig, dann jedoch hielt er still. An der Situation selbst konnte er gerade
sowieso nichts verändern.
Als Kyro abermals sprach zuckten daher nur die Ohren des Himmelsauges, ehe sein
Blick den des Älteren suchte. Skeptik lag in seinem Blick, doch auch soetwas wie
unverholenes Vergnügen. Er begann an der Situation immer mehr Gefallen zu
finden. Immerhin war das gesamte Leben doch ein einziges Benteuer und das wurde
ihm jeden Tag aufs neue bewiesen. Und ohne diese Erlebnisse wäre Kyr bestimmt
schon vor langweile gegen einen Baum gelaufen. So jedoch, gab es immerhin immer
das gewisse Etwas. Auch wenn das gewisse Etwas dieses Mal etwas eigenartig
ausfiel.

"Jaja...wie der Herr wünschen..."

, meinte er daher mit einem verschmitztem Grinsen und verlagerte sein Gewicht
auf die Hinterpfoten. Somit konnte er seine Vordepfoten etwas anheben und
tastete damit einen Moment etwas prüfend den Rücken des Rüden ab, ehe er
vorsichtig versuchte sich auf dessen Rücken zu ziehen. Das ganze gestaltete sich
jedoch etwas schwieriger als gedacht, da das Fell durch den Schnee nass und
etwas rutschig geworden war. Somit artete der erste Versuch darin aus, dass er
den Halt verlor und erst ein Mal unfreiwillig mit der Schnauze gegen die
Schulter des anderen Wolfes krachte.
Brummend schüttelte er seinen Kopf und versuchte es erneut, dieses Mal mit mehr
Schwung. Zwar wäre er beinahe auf der anderen Seite wieder hinunter gerutscht,
davor gelang es ihm jedoch sich an der oberen Kante des Randes festzukrallen.
Für einen Augenblick trat er mit den Hinterpfoten in der Luft - und wohl einiges
an Schnee ab, welcher auf Kyro landen würde - doch dann fand er Halt und zog
sich Stück um Stück weiter hinauf, bis er keuchend und ausgestreckt auf sicherem
Untergrund lag.

"Oben...bin...oben

, gab er hechelnd Kund.


Kyro versuchte
regungslos stehen zu bleiben. Wie ein Fels. Tatsächlich wankte er eher wie ein
alter, morscher Baum im Wind. Es war eben nicht so einfach einen fast
ausgewachsenen Jungrüden auf dem Rücken zu balancieren und dessen
unvorhersehbare Bewegungen mit dem eigenen Schwerpunkt auszugleichen. Irgendwann
war es dann aber doch vollbracht und zur Belohnung schneite es noch mal eine
kleine Lawine.
Der ‚Kleine’ war oben. Wenigstens das.

“Schön für dich…“

Entgegnete er missmutig. Der Austausch ihrer Standpunkte war irgendwie dämlich
gewesen. Nun hockte er, der doch völlig unbeteiligt und unschuldig gewesen war,
im Loch fest. Die letzte Lawine landete, als wolle sie seinen Unmut bestätigen,
auf seinem Kopf.

Unwillig schüttelnd drehte sich Kyro einmal um sich selbst und erspähte: Die
Beute! Wieso?

“Wieso hast du den Vogel nicht mitgenommen, ich hab es doch extra noch
gesagt!“


Kyro nahm das Rebhuhn zwischen die Zähne und versuchte sich springend an der
Wand des Lochs. Immer wenn er glaubte, er hätte guten Halt und würde nun gleich
oben herausklettern, brach unter ihm der Schnee weg und er landete, mal
seitlich, mal rücklings wieder da, wo er losgesprungen war.

“Also los. Lass es schneien.“

Er gab sich geschlagen und wich von der Stelle zurück, an der Kyrraine gerade
saß, um dem Erguss des Schnees zu entgehen.


Der Kommentar des
Rüden wurde hingenommen ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, statt dessen
gelang es dem Jünglin sich aufzurichten und sich erst ein Mal ausgibig zu
schütteln, ehe er seinen Körper inspizierte. Alle vier Pfoten noch dran, Rute
da, wunderbar. Und alles schien noch halbwegs heil und in einem Stück.
Doch als Kyro`s nächste Worte seine Ohren erreichten wurde ihm sein Fehler
bewusst.

"Oh..."

Brummend legte er kurz den Kopf schräg. Auf seine Beute wollte er auf keinen
Fall verzichten.

"Bist du so nett und wirfst ihn mir hinauf?"

,bat er dann möglichst freundlich, ehe er den Hals streckte und versuchte einen
Blick auf den rüden zu erhaschen. Allerdings hielt er dabei den größtmöglichen
Abstand, da er das Gefühl hatte wenn er noch ein Mal in den Genuss kommen sollte
gemeinsam mit Kyro in diesem Loch festzustecken, würden ihm beim nächsten
verlassen desgleichen einige Körperteile fehlen.

"Achtung..."

,warnte er dann freundlicherweise, wenn auch recht sinnlos, ein Mal vor, ehe er
dem Loch den Rücken zuwandte und begann mit den Pfoten Schnee in das Loch zu
scharren. Allerdings achtete er dabei darauf, dass es sich um lockeren Schnee
und keine Eisklumpen handelte. Schließlich wollte er nicht den anderen erklären
müssen, wieso er Aszira`s Schatten erschlagen hatte.
Kyrraine scharrte solange an einer Stelle, bis er auf Eis traf, dann veränderte
er seine Position und begann erneut.
Immer mehr Schnee rieselte daher in sein ehemaliges Gefängnis hinunter. Und der
Jungwolf hatte nicht vor aufzuhören, ehe ihm nicht die Pfoten abfielen oder Kyro
herauskam. Das war er dem Rüden wirklich schuldig, und das war ihm klar.


Kyro ließ sich
geduldig berieseln, die Beute des ‚Kleinen’ noch immer im Maul. Er hatte demütig
die Ohren angelegt und wartete einfach ab, bis sich das Loch füllte. Ein paar
mal versuchte er seinen Platz zu wechseln, um den Schneewehen zu entgehen, doch
die Grube war zu klein, um ihnen wirklich zu entgehen. Letztlich stand er mit
halb zugekniffenen Augen da und wartete. Von Zeit zu Zeit schob er den Schnee
zusammen und trat ihn mit den Pfoten fest, um sich eine natürliche Treppe zu
bauen. Der Platz zum Stehen wurde langsam knapp, also richtete er sich den
Schnee so hin, dass er höher war. Damit hatte er wohl die erste Stufe erklommen.
Dennoch konzentrierte er sich eher auf den Berg, der ihm letztlich den Aufstieg
ermöglichen würde.

“Kein Vogel könnte seinen Bekannten hier heraus retten, wenn dessen Flügel
gebrochen ist.“


Ihm stand wohl der Sinn nach Smalltalk, während sein junger Retter damit
beschäftigt war, das Loch zu füllen. Zu warten war erheblich langweiliger,
natürlich auch weniger anstrengend. Vielleicht wurmte ihn gerade diese Tatsache.

Wieder schüttelte er sich, schob mit den Pfoten Schnee gegen die Grubenwand und
versuchte erneut sein Glück im Springen. Es sah geradezu albern aus, wie er wie
ein Gummiball auf und ab sprang und doch nicht über den Rand heraus kam. Zu
seinem Bedauern litt der Schneehügel den er bereits geformt hatte schwer unter
seinen Versuchen, so dass er sich zunächst wieder damit beschäftigte, ihn zu
reparieren.

“Mehr Schnee. Da! Schieb das da alles über den Rand.“

Er deutete auf eine Stelle, an der der Jungrüde nicht gegraben hatte.

“Aller Schnee um das Loch herum zu mir hinein.“

Schwierig wurde es, wenn ihnen der Schnee ausging. Dann musste Kyrraine ihn von
weiter weg erst herbei schaffen. Blieb zu hoffen das die Grube vorher gefüllt
war.


"jajajaja..."

Kam es von oben, mit einer etwas atemlosen Stimme. Es war ja nicht so, als ob es
leicht wäre, den teils festgefrorenen Schnee wegzukratzen um ihn locker genug zu
bekommen damit er nach unten ins Loch konnte. Und auch der Pulverschnee war
problematisch, da der Großteil einfach wegstob, wenn er versuchte ihn mit den
Pfoten in das Loch zu schaufeln.

"Ich arbeite ja daran"

Etwas atemloser als zuvor. Und irgendwie fühlten sich seine Pfoten schon wund
an. Wund und durchgeforen. Davon abgesehen, dass sein fell derzeit in einem
erbärmlich nassem Zustand war. Und das half nicht gerade dabei ein angenehmes
Gefühl zu hinterlassen.
Kurz nieste der Jungrüde, dann begab er sich etwas weiter nach rechts zu der
gedeuteten Stelle und begann abermals erst ein Mal den Schnee zu lockern.
Scharrend fuhren seine Vorderläufe durch den Schnee, stießen auf Eis und
versuchten es erneut. Hatte er eine halbwegs große Menge Schnee angehäuft schob
er sie hinunter in das Loch, immer darauf bedacht Abstand zu halten. Dann begann
die Arbeit von Neuem. Scharren, Schnee sammeln und hinunter schieben.
Die Zunge hing ihm bereits seitlich aus dem Maul und er gönnte sich einen kurzen
Augenblick, in dem er inne hielt und sein Herz gegen die Rippen schlagen hörte.
Das Blut pochte in seinen Ohren und die Kälte biss in seine Haut. Der leichte
Wind lies ihn erzittern und ermahnte ihn weiter zu arbeiten, denn auch wenn es
ihm langsam wirklich den Atem raubte, so wärmte es doch auch.
Scharren - sammeln - ins Loch schieben. Pflichtgetreu kam der Rüde seiner
Aufgabe nach und versuchte dabei das zunehmende Zittern seiner Läufe zu
ignorieren.


Kyro tat sich selbst
leid, wie er da in seinem Gefängnis ausharrte. Hatte irgendjemand ihr Fehlen
bemerkt? Zu komisch das das Rudel einfach zuließ, dass er sich einem der
Jungtiere näherte. Wäre doch typischer gewesen das die Höllenbraut herbei
gestoben kam, um ihren Welpen zu verteidigen! Ihren und Attachés Welpen! Der
graubraune Rüde schüttelte den Kopf. Ihm stand nun nicht der Sinn danach, alte
Konflikte aufzuwärmen. Es war einfacher so zu tun, als wäre der Kleine ein
Streuner, so wie die meisten hier. Jemand, der dazu gestoßen war und mit dem er
kaum etwas zu tun hatte. Ach, was war das Leben doch kompliziert.

Missmutig betrachtete er erneut den Schneeberg, schon ihn noch mal zu Recht und
blickte dann zu Kyrraine nach oben.

“Stopp, warte mal.“

Rief er, nun auch mit der Schnauze an seinem Aufstieg arbeitend. Ein paar Mal
drückte er sich mit seinem Körper gegen den Haufen, um den Schnee fester werden
zu lassen. Dann schnappte er sich das Huhn des Jünglings und ging er unterhalb
der Stelle, an der er hinaus klettern wollte, in Startposition. Der Blick war in
die entgegengesetzte Richtung gerichtet.

“Konzentration.“

Ermahnte er sich selbst, ehe er sich kraftvoll mit den Pfoten abstieß und im
nächsten Augenblick an der gegenüberliegenden Wand aufkam. Sich abfedernd senkte
er sich im Bruchteil einer Sekunde beinahe an die Wand, als würde er dort
senkrecht liegen wollen, ehe er sich erneut abstieß, um dann Anlauf über den
Hügel zu nehmen und nach oben zu setzen. Sein Plan schien aufzugehen und er sah
sich nahe des Randes, noch im Flug. Ein bisschen Strampeln und es müsste
klappen. Einen Herzschlag später wusste er, was er nicht bedacht hatte. Er hätte
den Kopf etwas höher reißen müssen, wegen dem Huhn, das ihn nun ungeschickt
ausbremste. Es war im Weg. Als würde er auf der Stelle rudern oder laufen, hing
er mit den Hinterpfoten noch im Loch, während er mit den Vorderpfoten langsam
den Halt verlor. Eine Kratzspur bildete sich auf dem vereisten Boden.

“Hmmmmmmmmmm!!!“

Murrte er, wissend, dass er das Vogelvieh nun nicht loslassen durfte, um etwas
zu sagen, da es sonst zurück ins Loch fallen würde. So jedoch bekam er die Zähne
nicht auseinander, die verbissen versuchten, die Beute, die halb unter ihm, halb
vor ihm lag, festzuhalten. Mit geweiteten Augen starrte er Kyrraine an, als
wolle er sagen: Na los, mach schon. Doch würde der Kleine wissen, was zu tun
war, ehe er wieder vollständig zurück gerutscht war?


Bei dem Ruf des Rüden
inne zu halten stoppten die Bewegungen des Jüngeren, beinahe erleichtert und er
lies sich auf die Hinterkeulen sinken um erst ein Mal frischen Atem zu holen und
seinen Pfoten eine Pause zu gönnen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er
sich mit seiner Beute nun unter irgendeine windgeschützte Zuflucht verzogen
hätte um dort sein verdientes Mahl zu sich zu nehmen. Doch statt dessen befand
sich die Beute ja noch in dem Loch, ebenso wie der andere Rüde. Und er konnte
seinen Leidensgenossen ja kaum im Stich lassen. Und außerdem knurrte sein Magen.

Kyrraine beobachtete also aufmerksam den Rand des Lochs und den kleinen
sichtbaren Teil, wobei er sich eher auf seinen gehörsinn verlies und die
Geräusche unten aufmerksam verfolgte.
Als dann auch mit einem Mal der weiße Schnee durch den Grauen Rüden verdunkelt
wurde wollte er schon aufatmen, da erst erkannte er die verflixte Lage. Für
einen Moment fixierte er das Huhn im Maul von Kyro, dann legte er den Kopf
schief und beäugte die Situation nun sehr skeptisch, ehe er sich auf den Bauch
sinken lies und langsam näher robbte. Der Hals wurde nach vorne gestreckt und er
versuchte den größeren und vor allem schwereren Rüden an der Schulter zu packen
um ihn etwas hinauf zu ziehen. Allerdings war Kyrraine in einem solchem Tun mehr
als unerfahren und daher hatte er schwierigkeiten seine Zähne so zu platzieren,
dass er nur das Fell und nicht das Fleisch des Rüden erwischte und gleichzeitig
zu verhindern, dass ihm der Rüde gleich wieder entglitt. So stemmte er seine
Vorderläufe in den Boden und zog, was seine Kraft hergab.
Dabei stellte sich die Frage für wen die Situation wohl unangenehmer war, denn
die Läufe des Jünglings waren durch die vorherige Grabarbeit mehr als zittrig
und schmerzten beinahe schon auf eine unerträgliche Art und Weise. Und nun
schmerzte sein Kiefer noch zusätzlich durch die ungewohnte Belastung.


Kyro fasste neuen
Mut, als Kyrraine ihn packte, wie er es gewollt hatte. So müsste es gehen! Der
Graubraune paddelte wie wild mit den Hinterbeinen, um endlich wieder Halt zu
finden und kratzte damit an der Wand des ehemaligen Gefängnisses herum. Dann
plötzlich blieben seine Krallen hängen. Halt! Endlich fester Halt! Mit einem
kräftigen Ruck wollte er sich nach oben katapultieren, und er schleuderte
endlich das Rebhuhn von sich, das in Kyrrains Nähe auf dem Boden landete. Raus
hier, dachte er noch, als die vermeidliche Sicherheit unter dem Druck seiner
Pfote ins Loch stürzte. Mit dem Stoß, mit dem er eigentlich heraus wollte,
landete er nun wieder in seiner Ausgangsposition. Doch schon im nächsten
Augenblick merkte er, dass er der Kraft des Rucks nicht standhalten konnte und
sich seine Vorderpfoten nun endgültig nicht mehr im Eis festsetzen wollten.
Ziemlich schnell ging es abwärts und er landete wieder auf dem Rücken im Loch.
Schnee rieselte auf ihn nieder, hatte er doch einen Teil der Treppe zum Einsturz
gebracht, als er erst auf sie und dann noch tiefer stürzte. Da wo er vorhin
gestanden hatte und wo sich deshalb eine Kuhle gebildet hatte. Er schlug gerade
wieder die Augen auf, noch nicht ganz realisiert, was geschehen war, als der
Jüngling auf ihn krachte und ihm kurz der Atem stockte. Auch er brachte noch mal
ein bisschen Schnee mit sich. Dann lagen sie da. Kyro hätte quasi die Pfoten um
den Kleinen schlingen können. Was für eine Position!
Er prustete atemlos und in kläglichem Ton:

“Jetzt mag ich bitte auch Flügel haben.“

Stieß er noch hervor, ehe er gierig Sauerstoff in seine Lungen sog und dann noch
einmal schnaubte, um einerseits Unmut und andererseits Resignation zu äußern.


Mit jeglicher Kraft
die ihm geblieben war, zog und zerrte der Jungwolf. Und es fiel ihm beinahe ein
Stein vom Herzen, als er merkte wie Kyro sein gewicht etwas verlagerte und
seinen mühsam erbeuteten Vogel auf sicheres Terrain warf. Doch anscheinend hatte
er sich zu früh gefreut, denn in dem einen kurzen Moment, wo er sich erlaubte
die Luft so gut es eben ging einzuziehen um tief Atem zu holen verlor auch Kyro
schon den Halt und verschwand vor seinen Augen innerhalb weniger Augenblicke
wieder in der Tiefe.
Und da seine Zähne noch in seinem Schulterfell evrgraben waren hatte Kyrraine
selbst auch nur wenige Sekunden Zeit den Boden noch unter den Pfoten zu spüren,
ehe er seinem Artgenossen auch schon - in das nur allzu bekannte - Gefängnis
folgte.
Mit einem atemlosem Wiefen, denn für mehr war seine Lunge bei dem Aufprall nicht
zu haben, landete er somit über Kyro und blieb genau dort erst ein Mal liegen.
Die Augen zusammengepresst und scheinbar betend, dass das alles nicht wahr wäre.
Doch schon alleine die Schmerzen, die sich nun auf seinen gesamten Körper
übertragen hatten, überzeugten ihn von dem Gegenteil. Und irgendwie wurde ihm
auch klar, dass er momentan nicht ein Mal die Kraft gehabt hätte um Hilfe zu
heulen, denn sämtliche Luft schien seinen Lungen entwichen zu sein.
Hechelnd und leise keuchend verharrte der Jungwolf in der sehr unbequemen
Position, ehe er sich von dem Schock erholt hatte und langsam die Augen wieder
öffnete. Doch seine Pfoten selbst wollten sein Gewicht einfach nicht mehr
halten.
Er spürte förmlich Bröckchen von Schnee auf seinem Körper lasten, doch auch um
jenen abzuschütteln fehlte ihn für den Moment die Kraft.
Ein erschöpfter Blick überzeugte ihn davon, dass seine wertvolle Beute immer
noch oben war. Was für eine makabere Situation.

"Tut...mir...leid..."

Mühsam hob Kyrraine seinen Kopf und lehnte ihn an die Wand des kalten
Gefängnisses. Die Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul und er hatte Mühe sich
darauf zu konzentrieren nach einem Ausweg zu suchen.
Etwas hilflos suchte er Kyro`s Blick. Möglicherweise wusste der Ältere noch um
einen Rat?


Kyro lag da, rühren
konnte er sich ohnehin nicht, während ihm langsam dämmerte, dass er versagt
hatte. Als Retter und als Geretteter. Lange wäre es Zeit gewesen, nach Hilfe zu
rufen, um die missliche Lage preis zu geben. Doch wie es schien war das Rudel
weiter gewandert, ohne ihr fehlen zu bemerken. So auf dem Rücken liegend brachte
er keinen Ton heraus, versuchte es also gar nicht erst. Was war nur mit seiner
Herrin los, merkte sie nicht, dass er verschwunden war?! Wahrscheinlich war sie
froh!

“Mhm.“

Brummte er, fast tonlos. Er spitzte die Ohren und sah zu seinem Leidensgenossen,
der bedeutend mitgenommener aussah, als er selbst. Schuldbewusst stupste ihm
Kyro mit seiner Pfote gegen die Schnauze.

“Der Vogel ist Schuld. Er hat uns die Falle absichtlich gestellt!“

Murrte Kyro, als wäre er tatsächlich überzeugt, das Federvieh wäre zu dieser
genialen Leistung im Stande. Letztlich ging es ihm auch nur darum zu sagen, dass
der Kleine sich keinen Kopf zu machen brauchte. Er bewegte sich ungelenk ein
Stück, so dass sie irgendwie nebeneinander und übereinander lagen, damit dem
Jüngling wieder warm wurde. Der Schnee würde wenigstens die größte Kälte
abhalten. Und Schnee gab es wahrhaftig genug!

“Ruh dich erst mal aus… mir fällt gleich was ein!“

Erklärte er zuversichtlich, ehe er fieberhaft nach einem Ausweg suchte. Wenn
Kyrraine sich ein bisschen ausgeruht hatte, konnte er erneut über seinen Rücken
nach draußen klettern. Was zuvor funktioniert hatte, würde sicher wieder
funktionieren. Und dann mussten sie vielleicht doch nach Hilfe rufen.


Bei den Worten des
Älteren gelang es Kyrraine zu lächeln. Doch es war eher ein Lächeln aus
Dankbarkeit, dass der Rüde versuchte ihn etwas aufzuheitern.Irgendwie war Kyro
sowieso ganz anders, als seine Mutter ihm immer eingebräut hatte. Natürlich, er
war etwas brummelig. Aber das konnte auch eher aufs Alter zurück zu führen zu
sein. Und außerdem war es verständlich, wenn jemand brummelig war wenn man
solche Dinge über ihn erzählte.

"Ja...der Vogel..."

,stimmte er Kyro daher mit einer etwas krächzenden Stimme bei, da sein Hals sich
mit einem Mal sehr trocken anfühlte. Probeweise lies er die Zunge über den
Schnee gleiten, zuckte zwar bei der Kälte kurz zusammen, doch dann schluckte er
den langsam schmelzenden Schnee. Zwar war es kein angenehmes Gefühl, aber es
betäubte irgendwie. Wahrscheinlich war es nicht ein Mal gesund, doch das war dem
Jungen für den Moment so ziehmlich egal.
Als sich Kyro anders bewegte, schloss Kyrraine kurz seine Augen und hielt ganz
still. Das Zittern in seinem Körper hielt zwar an, aber es war gleichmäßiger und
etwas gedämmter geworden. Der Schock war nun etwas überwunden und er konnte
beginnen etwas klarer über die Situation nachzudenken.

"Wir könnten den Schnee um uns herum solange anhauchenm bis er schmilzt.
Oder...wir könnten ihn aufessen..."


Natürlich, es war ein idiotischer Vorschlag und nicht sehr ernstgemeint, aber er
versuchte auf seine ARt und Wiese die Situation etwas erträglicher zu machen.

Ein wehmütiger Blick glitt nach oben zum Rand, an dem sich irgendwie seine
geliebte Beute versteckte und erinnerte ihn an seinen leeren und grummelnden
Magen. Hoffentlich kam niemnd auf die Idee, sein Essen zu stehlen, denn dann
würde er für nichts garantieren können. Doch wahrscheinlich war das gerade sein
kleinstes Problem.
Mit einem leisem Seufzter legte er seinen Kopf an Kyros Schulter und überlegte.

Bei seinen letzten Worten hob er den Blick und musterte ihn aufmerksam.

"Ich weiß...wir kommen schon wieder hinaus"

Es war beinahe schon eine Fetststellung, wobei nicht ganz klar schien ob er
wirklich daran glaubte. Denn einerseits hatte dieses Abenteuer nun doch etwas an
seinen Nerven und Kräften gezehrt, andererseits steckte er immer noch voll
jugendlichem Optimismus, der ihn die meiste Zeit fast überschäumen lies. Für den
Moment jedoch war jenes Gefühl eher geschrumpft und durch Nässe und Kälte
ersetzt worden, auch wenn die Nähe des Wolfes doch etwas half.
Aber eigentlich war es schon wahr. Der Vogel war schuld.

"Ich werde nie wieder einen Vogel fangen"

, kam es mit einem leicht trotzigem Unterton, der schon beinahe wieder welpisch
klang und kurz schüttelte er sacht den Kopf.

"Ist ja eh nur Haut und Federzeug dran...und dumm sind sie auch...und
hässlich..."


Er sprach eigentlich nur, um sich davon abzuhalten nun über zuvieles andere
nachzudenken.
Kurz hielt er inne und zuckte mit den Ohren. Irgendwie war er nun doch etwas
angesäuert auf die anderen, dass sie so einfach weiter gezogen waren. Was waren
sie nicht für ein tolles Rudel, wo einer auf den anderen acht gab.
Nachdenklich betrachtete er die Schneewand und seuftzte leise.

"Du Kyro...sag Mal sind wir eigentlich...naja, ein normales Rudel?"

Die Frage kam wahrscheinlich etwas unerwartet. Doch es war nun etwas, dass ihn
wirklich beschftigte. Und wenn man egrade sowieso nichts besseres zu tun hatte
konnte man sich die Zeit ja mit möglichen Antworten vertreiben.

"Ich meine...wir haben kein Revier. Wir sind so viele Wölfe und ich glaube
ich kenne vielleicht die Hälfte davon, wenn überhaupt. Natürlich kenne ich die
Ranghohen...meine Eltern und Geschwister. Aber alle anderen, die sich ab und an
anschließen, dann irgendwann verschwinden...dann kommen die nächsten...
Irgendjemand meinte ein Mal, ein Rudel gehört in ein fixes Revier und alle Wölfe
darin kennen sich. Sie haben alle ihren fixen Platz der sich nur ab und zu
ändert und wenn jemand neuer dazu kommt, ist das eher selten der Fall und der
wird dann erst ein Mal...naja, etwas skeptisch oder gar nicht aufgenommen..."


Die Stimme des Jünglings war nun in seinen Erzählerton verfallen, ruhig und
gleichmäßig. Nun jedoch war er verstummt und blickte Kyro neugierig und
interessiert an.
Kyro wanderte schon so viel länger mit dem Rudel als er, bestimmt wusste er was
er wissen wollte.


Kyro beobachtete den
Jüngling an seiner Seite skeptisch. Er verhielt sich widersprüchlich. Seinen
Humor hatte er nicht verloren, dennoch sprach er voller Trotz über die
Vogeljagd. Zudem war er optimistisch und im nächsten Augenblick wirkte sein
Anblick trostlos. Doch wirklich verloren würden sie schon nicht sein. Selbst
wenn das Rudel weiter und weiter ging, sie würden schon zurückkommen, ehe sie
hier verhungert waren. Abgesehen davon hatten sie es bereits beinahe geschafft,
nach oben zu kommen.
Plötzlich wurde das Gespräch tiefgründig, war es doch gerade noch
oberflächliches Geplänkel gewesen. Kyro lauschte mit einem Gesichtsausdruck, von
dem man nicht sagen konnte, welche Gefühle alle darin vermischt waren. Wehmut,
Zustimmung, Überraschung, ein Schmunzeln über die Überlegungen des Jungrüden.
Und er sollte nun Erklären, wieso sie waren, wie sie waren? Ausgerechnet er, der
seit langem nur namenlose Schatten kannte? Er atmete einmal tief ein.

“Wir sind kein normales Rudel, Kyrraine. Wir sind eine Wandergemeinschaft,
Reisegefährten. Mehr nicht. Es gibt einzelne Gruppen, die zusammen stehen. Aber
die Gruppen untereinander verbindet nur, dass sie keine Heimat mehr haben.“


Ein bisschen Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit, aber nicht viel. Für ihn
spielte das keine Rolle mehr, seit er sich unterhalb aller Ränge befand. Er
folgte ihnen, er gehörte zu ihnen und tat es doch nicht.

“Aber es ist normal, dass ein Wolf kein Revier hat. Dass gibt es ganz oft.
Einzelne Familien leben zusammen in einem Revier und wenn jemand aufbricht, weil
kein Platz mehr für ihn ist, ist er nur noch einer dieser Heimatlosen, die sich
uns anschließen und meist auch wieder gehen. Haben dir deine Eltern nie von der
Zeit erzählt, als wir auch noch ein Revier hatten?“


Er hielt inne. Was wusste Kyrraine eigentlich über ihn? Der Jüngling wirkte
nicht, als hätte man ihm genauer erklärt, wieso er wie ein Verbrecher behandelt
wurde. Warum er ein Monster war! Kyro fand allerdings auch nicht, dass es seine
Aufgabe war, davon zu berichten. Die Sache ging schon lange nur noch ihn und
Aszira etwas an. Er hatte seinen Teil der Vereinbarung eingehalten. Den Welpen
hatte er sich nie genähert. Man konnte ihm nichts zu schulden legen. Kyrraine
würde im Frühling ausgewachsen sein. Wehren konnte er sich zwar nicht sonderlich
gut, aber dass war wohl auch kaum nötig. Nicht jetzt, nicht hier.

“Unsere Wurzeln haben wir im Tal der Freiheit, dass war einmal unsere Heimat.
Damals führte nicht Aramis das Rudel, sondern Lioku. Er war der erste Alpha des
Rudels. Zweibeiner kamen und haben uns vertrieben. Damals löste sich das Rudel
auf. Wir fanden zwar wieder zueinander, aber es war nie wieder wie früher. Das
Tal der Freiheit kennen Aramis, Noir, Katan, Darkjania, Attaché und ich. Aber
nur Aramis, Noir und ich gehörten immer zu diesem Rudel. Darkjania tauchte
irgendwann wieder auf. Sie hat zu uns gefunden, bevor wir über das große Wasser
gingen und Katan wurde von einem Rüden mitgebracht, der das Rudel aus der Ferne
begleitet. Attaché kam allein über den Ozean. Dort traf er wieder auf uns Wölfe
der Freiheit.“


Er hielt inne, um Kyrraine Zeit zu geben, die Worte aufzunehmen und um sich
selbst zu ermöglichen, die Ereignisse von damals in sich zu begraben. Seine
Stimme war immer gleich geblieben, er erzählte einfach nur eine Geschichte, oder
berichtete vielmehr davon. Die Bedeutungen bestimmter Namen verflocht er nicht
mit seiner Erzählung.

“Auf unserer Reise, die schon doppelt so lang dauert, wie dein Leben und noch
ein bisschen länger, haben sich viele Wölfe angeschlossen. Manche gingen, manche
blieben. Aber dass war schon früher so. Lioku hat nie einen Wolf davon gejagt
und so ist es bis heute geblieben. Jeder darf uns begleiten und jeder darf uns
verlassen, wenn er unsere Gesellschaft leid ist. Wir verbieten Wölfen, die nicht
zur Familie gehören nicht, mit uns zu wandern. Jeder der allein ist, darf mit
uns kommen.“


Ruhig lag sein Blick auf Kyrraine. Diese grundlegende Idee war immerhin beinahe
das ideale Bild der Welt. Niemand musste einsam sein. Keiner wurde fort
geschickt. Doch wie alles auf der Welt, hatte auch dass einen Haken.

“Wenn viele Wölfe zusammen leben, braucht es eigentlich eine sehr starke
Gemeinschaft, damit niemand in der Masse untergeht. Und dass ist schwer zu
verwirklichen, wenn man nie weiß, ob ein Wolf überhaupt bei uns bleibt. Wir
reisen schon so lange und suchen einen Ort, den wir vielleicht gar nicht finden
können. Nicht jeder bewahrt sich den Glauben daran, dass es ein Paradies auf
Erden gibt. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Ich folge dem
Rudel, weil ich dass immer getan habe. Wohin meine Leitwölfe mich führen, ist
mir dabei egal. Und auch du wirst irgendwann für dich entscheiden, warum du bei
uns bist.“


Aszira gelang es
grade noch, ein Augenrollen zu unterdrücken. Das war so eine typische Frage, wie
Hund sie gerne zu stellen pflegte. Eine Frage für Träumer. Ihr Antwort war
entsprechend automatisiert.

"Es gibt kein Paradies - weder hier noch anderswo."

Kaum waren die Worte heraus, biss die Schwarze sich auf die Lefzen. Es war
nunmal nicht Hund, der diese Frage gestellt hatte, sondern Alana. Ihre Freundin.
Zu ihr wollte sie nicht so schroff sein, auch wenn sie sich andererseits nicht
für sie verstellen wollte. Aber wenn Alana sie nach soetwas fragte, dann war es
ihr vermutlich auch irgendwie wichtig.

Kurz wandte Aszira den Kopf zur Seite und sah die Jüngere an, nur um gleich
darauf wieder den Blick zu senken - der Ausdruck einer Entschuldigung, die sie
nicht in Worte fassen würde. Stattdessen mühte die Schwarze sich, ihre Antwort
im Sinne der Frage zu ergänzen.

"Mir wäre jeder Ort recht, an dem ich nicht mehr an Hund geketten sein muss."

'Oder an dieses Rudel', ergänzte sie in Gedanken, wobei sie Alana
selbstverständlich nicht miteinschloss.

"Ich bin nie lange an einem Ort geblieben, erst recht, weil ich ihn als schön
empfunden hätte. Ich habe diesem Aspekt der Umgebung nie viel Aufmerksamkeit
geschenkt"
,

fuhr sie fort. Letzteres war eigentlich noch untertrieben - Aszira konnte sich
nicht erinnern, jemals irgendeinen Ort bewusst als schön empfunden zu haben.
Insgesamt hatte sie das Gefühl, Alanas Frage noch immer nicht befriedigend
beantwortet zu haben.

"Aber... ich würde gerne mal das Meer sehen",

meinte sie nach einem kurzen Moment des Schweigens. Ihr war ein Gespräch mit
Hund in den Sinn gekommen, in dem er ihr unter anderem vom Meer erzählt hatte.

Um ehrlich zu sein war ihr dieser Bláyron
unsympathisch. Er war irgendwie falsch, seltsam, anders. Er kam unehrlich rüber,
hinterlistig. Sie mochte ihn einfach nicht. Und deshalb würde sie ihm auch
nichts sagen. „Du scheinst mehr Charakter zu besitzen als andere Wölfe.“ … was
sollte das denn bedeuten? Wollte er sich damit bei ihr einschmeicheln? Das würde
nicht klappen. Vielleicht wenn sie gute Laune gehabt hätte, aber nicht jetzt,
nicht heute, nicht wenn sie richtig böse schlecht gelaunt war. Die Dunkle hob
ihre Augenbrauenwölbungen fragend an.

„Eine kleine, familiäre Angelegenheit?“

Acha. Diese Aussage machte sie nicht viel schlauer als vorher. Nur eins wusste
sie jetzt – anscheinend gehörte der Weiße zur Familie. Doch sie hatte Yukí ihn
nie erwähnen gehört. Jetzt, wo sie so drüber nachdachte, wusste sie gar nichts
über die Vergangenheit ihrer Freundin, nichts. Und genau das jetzt
herauszufinden, grub ihr ein noch größeres Loch in den Bauch. Sie wussten kaum
etwas von einander. Wieso? Waren sie nicht mal beste Freundinnen gewesen? Hm.
Freundschaft war anscheinend schnell vergänglich. Und auch wenn Yukí sie
vielleicht hasste, aus welchen Gründen auch immer, -Faite konnte sich kaum mehr
an den Grund ihres absurden Streites erinnern- so würde sie diesem
unsympathischen Typen nichts sagen. Er war einfach seltsam, hinterlistig. Nicht
gerade Vertrauen erweckend.

„Nein, ich weiß nicht wo sie ist.“

Nicht ganz die Wahrheit. Faite el Incendio wusste, dass sich die Helle hier
irgendwo in der Nähe aufhalten musste und mit ein paar gezielten Fragen an
andere Wölfe hätte sie bestimmt auch schnell ihren Aufenthaltsort rausfinden
können. Aber, nein. Sie wollte dem Weißen nicht verraten wo sie steckte – so
viel Anstand besaß sie noch, als Freundin. „Ehemalige“ Freundin?

„Was für … familiäre Angelegeneheiten gibt es denn zu klären, wenn ich fragen
darf?“


Die gesamte Zeit, als
Kyro sprach, hatte der junge Rüde inne gehalten und seine Ohren hatten jedes
Wort voller ehrlichem Interesse aufgesogen.
Das Tal der Freiheit...irgendwann ein Mal hatte seine Mutter es erwähnt.
Zumindest glaubte er, dass es seine Mutter gewesen war, denn lange war es schon
her. Und so nickte er nur leicht, als die Sprache auf die alte Heimat zu
sprechen kam.

Es stimmte, Kyrraine`s Leben dauerte noch nicht lange an. Und doch versuchte er
sich für einen Moment die Worte des Wolfes bildlich vorzustellen. Es erschien
ihm irgendwie logisch, dass manche Wölfe das Rudel verliesen. Immerhin vernahm
auch er diese eine Stimme welche ihn immer noch lockte. Wahrscheinlich hörten
andere sie auch und folgten ihr. Und für einen kurzen Moment brachte dieser
Gedanke ihn zum Lächeln. Möglicherweise traf er ein Mal auf jene Wölfe, die auch
die gleiche Stimme vernahmen wie er auch.
Dann jedoch neigte er den Kopf wieder zur Seite und musterte den Rüden an seiner
Seite nachdenklich.

"Ich denke ich laufe mit euch, weil mein Leben bei euch begonnen hat..."

, meinte er dann etwas zögernd, nach einer kurzen Pause der Stille. Eigentlich
hatte er nie genau darüber nachgedacht. Seine Eltern gehörten dieser
Gemeinschaft an, ebenso seine Geschwister. Also gehörte er ihr auch an. In einem
gewissen Maß war das immer selbstverständlich gewesen, doch nun wo er darüber
nachdachte kam es ihm irgendwie gar nicht mehr so selbstverständlich vor.

"Bist du...im Tal der Freiheit geboren?"

Die Frage schwirrte ihm schon durch den Kopf, bevor er sie nun aussprach. Denn
wenn das nicht der Fall war, vielleicht hatte dann Kyro selbst Bekanntschaft mit
diesen seltsamen Stimmen gemacht. Vielleicht früher, als er so jung war wie
Kyrraine jetzt. Als er vielleicht sein damaliges Rudel verließ um das Tal der
Freiheit aufzusuchen


Kyro dachte einen
Augenblick über Kyrraine’s Antwort nach und nickte dann. Gut möglich, dass mein
seiner Familie die Treue hielt. Aber der Kleine war noch jung und vielleicht
würde er ihnen bald nicht mehr folgen. Möglicherweise auch einfach irgendwann in
den nächsten Monaten, oder Jahren. Keiner wusste, wie lange ihre Wanderung noch
gehen würde. Ein Ende war nicht abzusehen und je weiter sie gingen, desto
weniger schien das Ziel erreichbar zu sein.

“Nein.“

Gab er knapp zurück, noch seinen Gedanken nachhängend. Wann war er zum Rudel
gestoßen? Ein Jungwolf war er gewesen, aber bereits einen Frühling älter als
Kyrraine. Und es war ein sonniger Herbst gewesen. In seiner Erinnerung war alles
warm, voller Energie. Untypisch für die Jahreszeit. Vergleichbar war es eher mit
dem Gefühl des Frühjahrs. Er hatte keine Sorgen gekannt, war unantastbar
gewesen!

“Es war Herbst und alles war friedlich. Es gab keine Angst, keinen Neid. Nur
Freundschaft. Wir waren alle jung und jeder hatte seine Träume. Wir wussten
eigentlich alle, wie das Leben ist und wie es sich in der Welt um uns herum
verhielt. Aber wir glaubten, wir könnten sie ausschließen. Vielleicht konnten
wir das auch. Eine Weile. Die Realität lässt sich nicht gerne ausschließen. Sie
kommt. Nicht schleichend, sondern in stürmischer Jagd. Und dann verändert sich
alles auf einmal. Man schläft ein, in einer heilen Welt und wacht auf, fernab
des Glücks.“


Er wusste, dass er viel sagte, ohne es wirklich auf den Punkt zu bringen. Vor
seinem geistigen Auge tanzen die Bilder von damals, die er nicht ganz greifen
konnte. Manchmal blitzen sie auf, verbunden mit einem Gefühl und dann waren sie
wieder weg, verflochten in einer Geschichte, die sich Erinnerung nennt. Ein paar
Namen, ein paar Augenblicke. Und dann war die Vergangenheit nicht mehr, wie in
diesem Herbst. Der nächste war voller bitterer Regentage, obwohl es nicht mehr
geregnet hatte, als normal.


"Herbst..."

Leise wiederholte Kyrraine dieses Wort, beinahe sanft und ohne den Älteren aus
seinen Gedanken reißen zu wollen.
Wie es wohl war alles zurück zu lassen? Seine Familie, Eltern und
Geschwister...Freunde...alles bekannte...
Dann jedoch schüttelte Kyr kurz seinen Kopf. Denn was war ihm in seiner
momentanen Welt schon bekannt? Jeden Tag erblickten sie fremde Orte, neues.
Nichts bekanntes. Bekannt waren nur die Gesichter um ihn herum und davon auch
nur die wenigsten. Wenn man es genau sah, so war Kyrraine eigentlich nichts
anderes gewohnt als das Bekannte hinter sich zu lassen. Vielleicht war es daher
wirklich nicht schlimm irgendwann ganz zu gehen. Sicherlich nicht innerhalb der
nächsten Wochen oder Monate. Aber danach. Wer konnte das schon vorher sehen.
Die Müdigkeit kehrte in den Körper des Jünglings zurück und er lies den Kopf
wieder auf die Schulter Kyro`s sinken.

"Die Welt ist schon eigenartig..."

,gab er murmelnd und schläfrig von sich. In einer sehr seltsamen Art und Weise
fühlte er sich zurück versetzt in seine Welpenzeit. Enge, die Wärme eines
älteren Wolfes, wenig Platz. Und auch wenn das hier nicht seine Welpenhöhle war,
so erinnerte es ihn doch etwas daran. Sicherlich, Kyro war nicht seine Mutter.
Foch für den Moment war er seine Bezugsperson, und das reichte um die
Erinnerungen zu wecken und das Gefühl der Schläfrigkeit zu vertiefen.

"Aber es ist auch schön, irgendwie."

,erklang nach einer kurzen Pause wieder die Stimme des Jüngeren. Schläfrig, aber
nachdenklich und mit einem etwas wehmütigem Unterton.

"Ich meine, wir wandern. Jeden Tag stehen wir auf und laufen weiter. Und
dabei kennen wir nicht ein Mal wirklich unser Ziel. Wir stzen unsere Pfoten auf
Wegen, die wir nicht sehen. Und fallen dabei auch in Löcher..."


Kurz hielt er inne.

"Ab und zu sogar wiederholt"

Kurz erhellte ein Lächeln seine Züge, ehe er wieder ernst wurde und die Augen
kurz schloss. Versuchsweise fuhr er sich mit der Pfote über die Nase um einige
Schneebrocken zu vertreiben, doch wirklich hilfreich war auch das nicht.


Kyro lachte. Es war
das erste Mal an diesem Tag, dass er einfach lachte, weil etwas lustig war. Ohne
bösen, höhnischen Unterton. Die Situation war zwar nicht lustig, nicht wenn man
in ihr steckte, aber wenn man sie erzählen würde, würde jeder lachen. Zweimal im
gleichen Loch! Dass musste man erst einmal schaffen.

“Jeder Wolf, jedes Rudel kennt eine andere Legende über den schönsten Ort der
Welt. Viele Geschichten handeln von dem Revier, dass wir suchen. Man erzählt den
Welpen von Wulf und dem Herzland, oder von Waka, dem Gesetz dem wir alle folgen
sollen. Manche sprechen vom Paradies der Wölfe, oder vom heiligen Land. Fast
jeder hat irgendwann mal so eine Geschichte gehört. Als Welpe glaubt man daran.
Die Erwachsenen bestätigen es noch, in dem sie sagen, dass sich die Tore nur
öffnen, wenn man den Glauben nie verliert. Und wenn man älter wird, dann weiß
man, wieso man sich nicht auf die Suche danach begibt. Man lebt in einem Revier
und zieht nicht aus, dieses Land zu finden, weil alle bereits nicht mehr
glauben, dass es existiert. Und dann erfreut man sich vielleicht noch mal an
diesem ungebrochenen Zauber, wenn man seinen eigenen Welpen davon erzählt. Ja,
so ist es.“


Er nickte, als wolle er seine eigenen Worte bestätigen.

“Aszira nennt uns Träumer, weil wir nach einem Ziel suchen, zu dem wir den
Weg nicht kennen. Aber wie soll man einen Ort finden, von dem man nicht weiß, wo
er ist, wenn man nicht irgendwann den ersten Schritt tut und losläuft? So viele
Wölfe erzählen sich die Legenden und Sagen, also muss doch mal jemand
herausfinden, ob es wirklich nur Geschichten sind. Vielleicht werden wir unser
ganzes Leben lang unterwegs sein und uns ewig heimatlos nennen… aber auf dem Weg
zu unserem Ziel haben wir dafür tausend Orte gesehen, an denen dieses Paradies
nicht ist. Ich habe viel gesehen. So viel… und du, du hast auch schon mehr von
der Welt gesehen, als manch alter Wolf in seinem ganzen Leben. Wenn man die Welt
gesehen hat, dann kann man sie erst begreifen, oder?“


Wäre die Situation eine Andere gewesen, wäre er nun kläffend aufgesprungen und
hätte sich einen Ast gesucht, um den er sich dann mit Kyrraine gestritten hätte.
Vielleicht. Wenn er den Mut gehabt hätte, wusste er doch nie wo der Anfang
seiner Regeln lag und wo das Ende. Aber sie lagen, wiederholt, in diesem Loch.

“Du kennst die Geschichte von Wulf, nicht wahr? Und Waka das Gesetz… die
haben sie auch erzählt. Es gibt viele dieser Legenden. In meinem Geburtsrudel
erzählte man sie so: ‚Jenseits aller Berge und Täler, noch hinter dem Horizont
und dem Ozean, fernab von Hass, Neid oder Zwietracht, da existiert ein Land. Ein
Land frei wie der Wind und das Wasser, die beiden Freunde, die seit Urzeiten
ungebändigt blieben. An Schönheit unübertroffen, voller Hoffnung für jeden, der
danach sucht. Wild und frei, ungezähmt und unendlich weit. Ein Land, zeitlos,
geschenkt den Seelen der Freiheit, als letzte Zuflucht. Gefunden werden kann der
Ort nur von denen, die an seine Existenz glauben und sie werden dort ihr Glück
finden. Kein Wolf, der los wandert, kehrt je zurück, den niemand will dieses
Paradies wieder verlassen. Frieden kehrt in die Herzen der Wölfe ein, die es
betreten und sie trachten einander nicht mehr nach dem Leben. Es ist viele Tage
entfernt, so viele, dass es zu weit ist, die Reise in einem Jahreslauf zu
schaffen… Wer seinen Glauben verliert, für den ist der Ort auf ewig
unerreichbar.’ Und dann wird dieser Ort noch beschrieben. Zusammengefasst ist es
dort so, wie es sein soll. Nahezu perfekt. Es gibt Flüsse und Seen und
Beutetiere im Überfluss…“


Er hielt kurz inne und dachte nach.

“Wir haben viele Berge hinter uns gelassen und viele Täler, sogar den Ozean
haben wir überquert. Wir sind viele Tage mehr gelaufen, als ein Jahreslauf
zählt… Und wir wandern wohl noch immer, weil wir den Glauben nicht verloren
haben, oder? Also sonst könnte man diese Reise nicht auf sich nehmen. Ich finde,
wir erfüllen alles, was verlangt wird. Wenn wir irgendwann diesen Ort finden,
braucht keiner von uns je wieder von den Legenden sprechen, denn wir werden
erreicht haben, wovon sie alle erzählen. Dann werde ich berichten, wie eine
Gruppe von Wölfen auszog, zu einem Ziel, dass sie nicht kannte, einem Weg
folgend, von dem sie nicht wussten, ob er der richtige war… Ich werde vom Land
der Freiheit erzählen, in dem wir unsere Wurzeln haben und dann werde ich von
denen berichten, die uns lange Zeit gefolgt sind. Die Legenden werden nicht
länger von einem Ort handeln, sondern von denen, die heldenhaft wagten, ihren
Traum zu jagen.“


Bei dem Lachen des
Wolfes entspannte sich Kyrraine mit einem Mal, es vertiefte nur das seltsam
unpassende Gefühl der Geborgenheit, der Erinnerung an eine frühere Zeit die doch
schon länger zurücklag und beinahe vergessen war. Eine Zeit ohne Sorgen und
Probleme.
Und als Kyro begann seine Geschichte zu erzählen, da schlossen sich die
Himmelsaugen halb und seine Ohren nahmen jedes einzelne Wort auf, lauschten und
versprachen es nie mehr zu vergessen.
Die Worte des Grauen hinterliesen einen angenehmen Beigeschmack. Sie schienen so
wahr und aufrichtig, so hoffnungsvoll und kraft spendend. Und mit einem Mal
fühlte sich der Jungwolf schon viel zuversichtlicher. Nun gut, sie steckten für
den Moment nun fest, doch was hieß das schon gegen den Weg, den sie bereits
zurück gelegt hatten?
Ein sachtes Lächeln legte sich auf seine Leftzen und dankbar stupste er Kyro
gegen die Schnauze, seine Rute glitt kurz von einer Seite auf die andere. Noch
erschöpft, aber voller Glauben daran dass wirklich alles sich zum guten wenden
würde.

"Wären wir hier nicht hinein gefallen, dann hätten wir bestimmt nie darüber
gesprochen..."


Nachdenklich erklang die Stimme des jungen Rüdens, während er Kyro betrachtete.
Er hatte gemeint, auch er selbst hätte in seinem jungem Leben schon mehr gesehen
als manch alter Wolf. Und genau das war es, was Kyrraines Seele mit Glück
erfüllte. Es war eine Art Bestätigung, nach der er so lange gesucht hatte. Eine
Bestätigung, dass es richtig war wieso sie so lange liefen ohne anzuhalten. Und
diese Worte reichten ihn dafür, für den Moment zumindest.
Dann richtete sich sein Blick, der kurz abgeglitten war, wieder auf den Rüden.
Und mit einer jugendlichen Übermut zog er kurz an seinem Schulterfell, neigte
dann den Kopf zur Seite und strahlte ihn beinahe an.

"Danke"

Mehr sagte er nicht, nur dieses eine Wort. Denn was sollte man mehr zu jenem
Wolf sagen, der einem in seinem Tun und handeln bestätigte und neue Kraft und
Glauben spendete?
Das Zittern im Körper des Jungwolfes war zurück gegangen un d obwohl sein Fell
immer noch nass vom Schnee war und sich teilweise schon Eiskristalle darin
gebildet hatten vernahm er in jenem Moment keine Kälte mehr. Nur eine angenehme
Zufriedenheit.


Alana sah Aszira
einen Augenblick fast entsetzt an, so als wäre sie ein Kind, dem man gerade
gesagt hatte, dass es keinen Weihnachtsmann gibt und auch keinen Osterhasen,
dann jedoch kicherte sie kurz und taumelte beabsichtigt im Laufen so, dass sie
leicht gegen die Schulter der schwarzen Wölfin stieß. Es vergnügte sie
scheinbar, wie automatisch und sicher solche Antworten aus dem Fang Asziras’
drangen. Und noch lustiger fand sie den Blick der Entschuldigung und die
erklärende Abschwächung der zuvor geäußerten Aussage. Dann lauschte die
Silberwölfin ruhig und geduldig und nickte.

„Du bist also geblieben, wo du warst, weil du dort die Gesellschaft so
mochtest?“


Nun war es an ihr, ihren Übermut zu zügeln und Aszira entschuldigend anzusehen.
Ihre Freundin hatte ihr von dem Rudel erzählt, bei dem sie gelebt hatte. Da war
sie wohl kaum glücklich gewesen. Bei diesem Gedankengang viel Alana auf, dass
sie eigentlich nichts weiter über das Leben der Schwarzen wusste, als die
Geschichte um die Rüden und die seltsame Hierarchie in dem zugehörigen Rudel.
Ehe sie danach fragte, galt es aber noch, etwas anderes loszuwerden.

„Als bleibst du lange an diesem Ort hier, der ja kein Ort ist, weil du es
schön findest… bei mir?“


Fragte sie stichelnd, voller welpischer Begeisterung und als wolle sie unbedingt
die Antwort, die sie eigentlich ohnehin schon kannte, oder zumindest ahnte. Noch
einmal schwankte sie zur Seite, so dass kaum mehr als ihr Schulterfell Aszira
berührte. Danach lief sie in ihrer normalen Haltung weiter. Nicht dominant,
nicht übermäßig unsicher. So als spiele ihre Stellung im Rudel keine Rolle, was
wohl auch der Fall war.

„Du hast mal von deinem Geburtsrudel erzählt? Wie lange hast du da gelebt und
was hast du die restliche Zeit getan, bis du zu uns kamst?“


Voller diebischer Freude darüber, dass Aszira sich doch etwas überlegt hatte,
was sie gern sehen würde, in einem irdischen Paradies, fasste Alana den
Entschluss, dass sie mit ihrer Freundin gemeinsam den Ozean sehen wollte. Sie
kannte ihn bereits, aber gerne hätte sie den schönen Anblick geteilt.


Es war eine
Seltenheit, dass Ayura sich so fröhlich und offen einem anderen Wolf gegenüber
zeigte. Ständig folgte ihr die Angst, dass sie die anderen belästigen könnte,
weshalb sie schon als kleiner Welpe eine ängstliche Scheu entwickelt hatte. Und
kaum hatte sie sich einmal dazu durchgedrungen, diese Hürde zu überwinden, da
bekam sie ihre Befürchtung scheinbar tausendfach bestätigt.
Ein wenig unsicher huschten die seegrünen Seelenspiegel zu Daina, die es nicht
für nötig hielt, ihr Desinteresse zu verbergen. Die Helle fühlte sich
unbehaglich, mit solchen Situationen konnte sie nichts anfangen. Voller
Schuldgefühle wandte sie die schönen Augen von der Schwarzen ab und blickte ein
wenig betreten zu Boden. War Iljas Schwester heute einfach schlecht gelaunt,
oder nervte sie, Ayura, tatsächlich so sehr? Oder vielleicht interpretierte sie
die Worte und Gesten der Schwarzen auch nur falsch?

“Bis jetzt habe ich nicht wirklich was gemacht …“

Ein Seitenblick glitt zu der anderen Jungwölfin. Sie wusste nicht, ob diese
beiläufige Frage überhaupt eine Antwort verlangt hatte. Andererseits wäre es
auch unhöflich gewesen, nicht zu antworten.

“ … Den Schnee beobachten, dem Rudel hinterher gehen, das ist alles.“

Unschlüssig blickte Ayura auf. Ihre buschige Rute kringelte sich nervös zwischen
ihren Beinen und fast bereute sie es, Daina aufgesucht zu haben. Vielleicht
wollte die Schwarze einen Moment alleine sein und fühlte sich durch ihre
Anwesenheit nur gestört und genervt? Hilfesuchend ließ die Helle den Blick
schweifen und heftete ihn auf eine kleine Gruppe von Wölfen, beziehungsweise auf
ihre Eltern. Vielleicht hätte sie lieber die aufsuchen sollten? Oder Jaris und
Ilja? Doch sie waren alle zu weit entfernt, als dass sie deren Aufmerksamkeit
erregen konnte. Und außerdem würde sie keine gescheite Ausrede finden, sich
gleich wieder vor Daina zurückzuziehen. Sie konnte sich vorstellen, dass die
Schwarze ihre Gesellschaft nicht brauchte, oder gar nicht wollte. Doch einfach
wegzugehen war wirklich nicht ihre Art und sie hatte Angst, dass sie die
Schwester ihrer besten Freundin womöglich beleiden, oder noch schlimmer, reizen
konnte.
Seufzend scharrte die Jungwölfin in der eisigen Schneedecke herum. Sie mochte
Daina eigentlich. Daina war immerhin Iljas Schwester und in ihrer Erinnerung war
sie eine nette Fähe. Einige Male spürte sie den Blick der Schwarzen auf sich.
Was sie wohl von ihr dachte?


Es war nicht schwer
zu sehen, welche Zweifel und unbehagliche Unsicherheit Daina mit ihrem
gleichgültigen Verhalten bei der gleichaltrigen Fähe ausgelöst hatte. Und obwohl
sie noch nie zuvor wirklich etwas mit Ayura zutun gehabt hatte und nie darüber
nachgedacht hatte, ob sie Sympathie für die Helle emfpand, merkte die Schwarze
wie sie ein unheimliches Mitleid beschlich, darüber wie sehr sie offenbar ihr
gegenüber verletzt hatte. Überrascht über ihr eigenes Empathievermögen stand
Daina auf, für einen kurzen Moment ratlos, was zu tun war. Sie kannte Ayura doch
nicht, wie hätte sie wissen können, dass ihr Verhalten die junge Wölfin so sehr
einschüchtern würde?

Während die Helle scheinbar verlegen da stand und mit den Pfoten im Schnee
herumkratzte, hatte Daina sich umgewand und sah nun direkt in das hübsche
Gesicht der Fähe. Woher kam nur all die Schuld, die sich in den grünen Augen
spiegelte? Es tat weh zu sehen, was wenige Worte anrichten konnten.

"Hey, es tut mir leid."

Sagte sie sanft, hoffend, dass Ayura aufblicken und die Reue in ihren Augen
sehen würde. Sie kannte das Gefühl, unerwünscht zu sein, abgestoßen zu werden
oder zu nerven so gut, denn es war dasselbe, was sie stets fühlte, wenn sie sich
jemandem zuwenden wollte. Nur schlug dieses Gefühl bei ihr in Trotz oder Zorn
gegen sich selbst um, anstatt in Schuldgefühle und Unsicherheit.

"Du hast mich nicht gestört oder so, ich wusste nur nicht was ich sagen soll,
weil ich..."


Sie hielt kurz inne und biss sich auf die Leftzen. Ihre Augen wanderten unsicher
nach links und rechts, als würde sie sich vergewissern, dass niemand anders ihre
Worte hören konnte.

"Weil ich einfach zu nichts Sinnvollem zu gebrauchen bin. Ehrlich. Ich kann
nicht jagen, ich bin nicht schnell oder stark und auch nicht tiefsinnig oder
besonders clever. Es ist als gebe es für mich nichts zu reden, weil ich entweder
nicht verstehe worum es geht oder nicht genug Charakter besitze, an irgendetwas
Interesse zu zeigen."


Beschämt sah sie Ayura an, während sich ein Hauch von Wut in ihre gelben Augen
schlich. Sie versuchte, dieses Gefühl zu bremsen, doch es überkam sie. Sie war
nicht wütend auf die Helle, sondern abermals auf sich selbst, weil es ihr nicht
richtig gelang, in Worte zu fassen, was sie hätte sagen wollen.

"Bitte sei nicht mehr traurig."

Wisperte sie, fast bestürzt, wobei ihr Blick alle Härte verlor und stattdessen
sanft, aber auch etwas melancholisch wirkte.

"Nicht wegen mir."

Ihre Stimme war nur mehr ein Flüstern, während ihre Augen zu Boden sanken.
Wahrscheinlich war es nur der eiskalte Stich der Eifersucht gewesen, der sie
dazu getrieben hatte, selbst kalt und gelangweilt zu wirken. Ja, ihre Schwester
hatte Freunde und sie selbst behauptete nur, sowas nicht zu brauchen, weil es
ihr schien, als wenn die Suche danach allzu hoffnungslos war.


Hoch war der Schnee,
durch den sich die weiße Wölfin kämpfte. Immer wieder versank sie bis zu den
Schultern in dem hellen Element und es erschwerte das Vorkommen wirklich enorm.
Doch Cayleth hatte keine Eile. Im Gegenteil, sie begrüßte es, dass sie sich auf
das Vorwärtskommen konzentrieren musste. Denn das hielt sie davon ab über die
vergangenen Tage nachzudenken. Hätte sie Zeit dafür gehabt, so hätte sie sich
wieder an die vielen schlaflosen und einsamen Nächte erinnert, in welchen sie
durch die Wälder geirrt war, auf der Suche nach Artgenossen oder irgendetwas,
dass ihr Halt gab. Doch so sehr sie auch gesucht hatte, immer nur waren neue
Wälder vor ihr aufgetaucht, neue Ebenen. Bedeckt von dem weißen Element, das
ihrer Fellfarbe so sehr ähnelte. Und auch in den Nächten, wo sie versuchte Ruhe
zu finden, liesen die Erinnerungen und Träume sie immer wieder aufschrecken.
Außerdem war es für sie nicht sehr erholsam zu wissen, dass keiner auf sie acht
gab, wenn sie schlief und daher jederzeit irgendetwas oder irgendjemand sie
überraschen konnte.
So war sie bereits schon lange vor der Morgendämmerung auf den Pfoten und
kämpfte sich weiter. Es war nicht gerade so, dass sie nun genau wusste wo sie
hinlief, doch sie war darauf bedacht immer in die gleiche Richtung zu laufen,
denn zumindest irgendeinen Sinn sollte ihr Weg haben.

Cayleth warnun doch so in Gedanken, dass sie mit einem Mal das Gleichgewicht
verlor und beinahe nach vorne auf die Schnauze gefallen wäre, als mit einem Mal
der Widerstand des Schnees nachgab. Nur ein schnelles versteifen ihrer
Vorderläufe brachte sie zum Halten und bewahrte ihren Kopf somit davor in das
weiße Element getaucht zu werden.

Irritiert blinzelnd sah sie sich um. Wo ihr vorher der Schnee noch bis zur Brust
gegangen war, war er nun...verschwunden? Zumindest war nur mehr eine vereiste
Stelle zu sehen. Und das mitten im Wald, denn eine Lichtung war es nicht
wirklich. Und soweit sie auf den ersten Blick erkennen konnte, war es auch keine
gute Stelle um es mit dem Wind zu erklären. Und während Cayleth noch darüber
nachdachte, was das bedeuten konnte bemerkte sie mit einem Mal den intensiven
Wolfsgeruch und zuckte erschrocken zurück. Innerlich scholt sie sich dafür, wie
unaufmerksam sie nur gewesen war. Da machte sie sich Nachts Sorgen, dass jemand
über sie herfallen konnte und tagsüber lief sie mit verschlossener Nase im Wald
herum.
Etwas nervös sah sich die Wölfin um, den Körper nun angespannt und das
Nackenhaar leicht gekräuselt. Doch so weit ihr Blick reichte, konnte sie keine
Wolfsseele erkennen. Nur der Geruch war hier. Unverkennbar Artgenossen. Und noch
etwas...
Für einen Moment blinzelte Cayleth, dann erhellten sich ihre Gesichtszüge und
ihre Zunge glitt automatisch ihre Leftzen entlang. Blut. Blut eines Tieres. Und
wie auf Befehl vernahm sie ihren Magen, der protestierte. Immerhin lag ihre
letzte Mahlzeit nun doch schon etwas zurück. Und als die Weiße, nun
aufmerksamgemacht durch den Geruch, sich genauer umsah, konnte sie auch den
ursprung des verführerischen geruchs erkennen. Ein Schneehuhn, leblos und
vollkommen verlassen lag da etwa in der Mitte dieses seltsamen Platzes.
Eben schon, wollte Cayleth mit einem Satz darauf zu hechten, da erinnerte sie
sich an die Worte ihres Vaters. Niemals durfte man unvorsichtig auf scheinbar
leichte Beute zugehen. Es konnte sich um eine Falle handeln. Und Cayleth gab
viel auf den Rat ihres Vaters, auch wenn er sie nicht mehr begleitete.

Nun wieder vorsichtiger geworden und die Körperhaltung geduckt um ja kein
Angriffsziel zu bieten schlich sich die Wölfin nun näher, die Ohren spielten
nervös damit ihr ja kein Geräusch - und mochte es noch so leise sein - entging
und bei jedem Atemzug zog sie witternd die Luft ein.
Und je näher sie dem Schneehuhn kam, desto intensiver wurde auch der
Wolfsgeruch. Wie eigenartig. Dabei war doch weit und breit kein Wolf zu sehen?

Doch als sie nur noch wenige Meter von dem leblosem Körper entfernt war
erblickte sie etwas, dass ihr zeigte wie sehr sie sich geirrt hatte. Von weitem
hatte es ausgesehen wie eine weiße Ebene. Doch nun konnte sie erkennen, das sich
in der Mitte der Ebene ein Loch befand. Und genau aus jenem Loch kam der
intensive Wolfsgeruch. Und wenn sie ihre Ohren nicht ganz täuschten bewegte sich
dort unten auch etwas. Waren da womöglich andere Wölfe vor ihr in diese Falle
gegangen? War es überhaupt eine Falle? Und die größte Frage von allen, waren
dort überahupt wirklich Wölfe in dem Loch?
Die Haltung des Eiskristalls wurde noch angespannter und sie schob sich nur mehr
Centimeter weise nach vorne, bis sie über dem Schneehuhn zu Halten kam, welches
sie misstrauisch beschnupperte. Nach Falle roch es nicht wirklich, nur nach
Wolf. Und Wölfe die Fallen stellten waren ihr nicht wirklich bekannt. Doch
trotzdem konnte sie das ganze nicht ganz verstehen. Und so schob sie sich
langsam weiter. Innerlich hätte sie sich am liebsten selbst angeschrien. Was tat
sie da eigentlich? Sie könnte das Huhn nehmen und sich so schnell wie möglich
verziehen. Dann könnte sie ihren Magen beruhigen und lief nicht Gefahr in
irgendeine verflixte Situation zu kommen. Doch ihr Körper wollte nicht hören.
Und so kam sie schließlich bei dem rand des Lochs an und schob in zeitlupe ihren
Kopf darüber um hinunter zu schielen.

Was sie sah lies sie die Luft anhalten. Zwei Wölfe. Zwei - ihrer Meinung nach
sehr schmutzige Wölfe - denn sie waren nicht weiß. Und sie hatte ihr gesamtes
Leben keine Wölfe gesehen die nicht weiß waren. Aber von dem Schmutz abgesehen -
was bei Eru taten sie in diesem Loch?

"Ähm...Verzeihung?"

Am liebsten hätte sich Cayleth auf die zunge gebissen. Wieso konnte sie nicht
einfach den Mund halten und sich aus dem Staub machen? Doch nun war es dafür
wohl zu spät.


Das Kiechern Alanas
warnte sie eigentlich vor, mit dem taumelnden Stoß rechnete sie trotzdem nicht.
Aszira taumelte ihrerseits einen Schritt zur Seite, grinste dabei jedoch
bereits. Ein Grinsen, das kurz bei den Worten der Jüngeren erlosch, auf ihren
entschuldigenden Blick hin jedoch wieder zurückkehrte - wennauch ein klein wenig
abgeschwächt. Nein, die Gesellschaft hatte sie gemocht. Manchmal war sie
akzeptabler als anderswo gewesen, und entsprechend hatte die Schwarze es dann
auch immer etwas länger ausgehalten. Aber mehr auch nicht. Die Gesellschaft war
immer eher ein Grund gewesen, einen Ort schnell wieder zu verlassen, und nicht,
noch länger dort zu bleiben...
In Alanas Stimme schwang wiederum der Schelm mit, und so war Aszira diesmal
besser auf den welpischen Übermut ihrer Freundin vorbereitet. Absichtlich ließ
sie sich diesmal anrempeln, taumelte wiederum einen Schritt zur Seite und
schnappte dann spielerisch nach dem Ohr der Jüngeren. Die Schwarze erwischte es
und hielt es gepackt, wennauch fast mehr mit den Lefzen als mit den Zähnen.
Aszira zog es mit sanfter Gewalt etwas nach unten und schüttelte dann
spielerisch den Kopf, bevor sie Alanas Ohr wieder freigab.

"Nichts und niemand anderes als du hält mich hier",

gab sie zur Antwort und grinste, aber aus ihren Augen war das Spielerische
bereits verschwunden und der Ernst darin zurückgekehrt. Denn mit dieser Antwort
war nicht nur Schönes verbunden, sondern auch auch Furcht. Mehrmals hatte sie
schon mit dem Gedanken gespielt, einfach zu Gehen und Hund freizugeben, so sehr
ihr Letzteres auch widerstrebte und so ungern sie Alana verließ. Aber sie wäre
frei von allen ihren Fesseln gewesen - jedoch mit der Ungewissheit, was dann aus
Alana wurde. So sehr Hund auch den dummen Sklaven spielte, so sehr könnte er
sich in dem Moment verändern, da sie ihm seine Schuld erließ. Und wenn sie
selbst außer Reichweite wäre, war es dann nicht umso wahrscheinlicher, dass er
sich statt an der Schwarzen an Alana Rächen würde? Einfach, weil er wusste, dass
die Jüngere ihr wichtig gewesen war? Aszira wollte sich gar nicht ausmalen, was
er Alana alles antun mochte aus Rache und purer Bosheit, die nuneinmal in ihm
steckte...
Nein, sie konnte nicht gehen, selbst wenn sie es wollte. Sie musste bleiben und
diese Ketten weitertragen. Aber dafür konnte sie auf Alana Acht geben, und vor
allem ihre Gesellschaft genießen. Ein gutes Gefühl. Eines, das sie vorher nie
gekannt hatte.
Erneut schnappte die Schwarze nach Alanas Ohr, um deren gute Laune nicht zu sehr
zu trüben. Es tat gut, ihre Freundin so ausgelassen zu sehen, und so sollte sie
auch noch eine Weile bleiben. Leider war das Thema, das die jüngere Fähe kurz
darauf ansprach, nicht sehr erfreulich für die Schwarze, und so verschwand das
Lächeln von ihren Lefzen. Nichts desto trotz wirkte die Schwarze nicht grimmig
wie sonst, sondern.. viel mehr zufrieden.

"Mein Geburtsrudel habe ich verlassen, da war ich noch kein Jahr alt. Das war
zur Zeit der Ranz"
,

begann sie und warf Alana bei den letzten Worten einen bedeutungsvollen Blick
zu.

"Ich habe dir ja schon erzählt, dass Fähen noch unter den niedersten Rüden
standen, dort wo ich herkomme. Meine Schwester und ich hatten als Töchter des
Alphas keinerlei bessere Stellung, genausowenig wie unsere Mutter. Wir hatten
uns unterzuordnen und uns alles gefallen zu lassen - und wer brav und artig war,
wurde vielleicht weniger gebissen..."


Mittlerweile klang in Asziras Stimme doch die Abscheu mit, die sie für dieses
Leben in Unterwürfigkeit empfand - ebenso für jene, die sich in dieses Schicksal
fügten.

"Das habe ich so nie hinnehmen wollen. Ich habe mich nur gefügt, wenn ich
wusste, dass ich andernfalls sterben würde. Mein Vater konnte unberechenbar in
seinem Zorn sein, und dass er seine eigene Brut töten würde, hatte er bereits
unter Beweis gestellt. Ich wollte nicht sterben, aber es wäre ein Sieg für mich
gewesen getötet zu werden, ohne gebrochen worden zu sein, und das wollte er so
nicht hinnehmen. Und als dann die Ranz kam, und alle Rüden nach Paarungen zu
lechzen begannen, da hielt er über meine feige, unterwürfige Schwester schützend
die Pfote - über mich natürlich jedoch nicht. Und so machte ich mich davon,
bevor sie über mich herfallen konnten."


Aszira schwieg ein paar Augenblicke lang. Vor ihrem geistigen Auge tanzten alte
Erinnerungen, die sie schließlich mit einem leichten Kopfschütteln vertrieb.

"Für mich selber jagen konnte ich zu dem Zeitpunkt schon, und so konnte ich
mich alleine durchschlagen. Das war anfangs nicht leicht, also schloss ich mich
dem ersten Rudel an, das mir begegnete. Ich blieb dort gerade lange genug, um zu
lernen in einer Gruppe zu jagen, bevor ich abermals flüchtete. Denn ihre
Ansichten glichen denen meines Geburtsrudels sehr, und so war es auch bei allen
Rudeln, auf die ich später traf. Mal mehr, mal weniger, aber doch alle gleich.
Keine Option für mich. Fünf oder sechs Rudeln habe ich mich tatsächlich mal
angeschlossen für ein kleines Weilchen, und ein paar mal kleinen Wandergruppen
aus zwei oder drei Wölfen. Aber spätestens zur Ranz habe ich alle Kontakte zu
anderen gemieden..."


Und wieder war da diese Bitterkeit in ihrer Stimme, die jedesmal herauszuhören
war, wenn ihre Gedanken zu einem bestimmten Ereignis zurückkehrten...


Kyro rümpfte kurz die
Nase, als Kyrraine ihn anstupste, sagte aber nichts. Auch nicht, als der
Jungrüde anmerkte, dass sie nie darüber gesprochen hätten, wenn sie nicht hier
festsäßen. Der Graubraune wusste nicht so recht, was er mit dieser Erkenntnis
anfangen sollte. Bisher hatten sie nie ein Wort gewechselt, was wohl mitunter
daran lag, dass es ihm verboten worden war, mit den Welpen in Kontakt zu treten.
Und so schnell, dass Kyro es kaum greifen konnte, waren aus kleinen Fellknäuelen
Jungtiere geworden waren, die selbstständig Beute schlagen konnten und in nicht
allzu ferner Zeit als Jagdgefährten mit ihnen auf Großwild gehen würden. Und mit
‚Danke’ hatte er in seinem ganzen Leben noch nie etwas anfangen können. Folglich
war das Gespräch eigentlich beendet, was aber nicht durch Schweigen auffiel, da
im selben Augenblick eine Wölfin ihren Kopf über den Rand der Grube streckte.

Kyro sah zu ihr nach oben und wollte schon freudig losplappern, dass man sie
retten sollte, als ihm das Gesicht gänzlich unbekannt war. Irritiert sah er sie
an und überlegte wohl, ob er sie nicht doch anders zuordnen konnte, immerhin
lebte er oft abseits. Aber diese Fähe war kein Teil der Wandergemeinschaft.

“Kannst du uns vielleicht helfen?“

Begann er unschlüssig.

“Wir könnten ein bisschen mehr Schnee hier unten gebrauchen, um raus zu
kommen.“


Er stupste Kyrraine an, um diesen zum Aufstehen zu bewegen. Der Jungrüde sollte
erneut über seinen Rücken die Grube verlassen. Und dann konnten sie, wenn sie
denn so nett waren, versuchen ihn ebenfalls zu erretten.

“Ich bin übrigens Kyro.“

Stellte er sich der Höflichkeit wegen vor.


Der weich
geschwungene Boden unter ihren Pfoten war unglaublich weiß. So rein, dass es
einem vorkommen konnte, als gehöre er nicht in diese Welt voller Gefahren und
Hinterhalte. Es war schwer zu akzeptieren, dass die Natur solch eine
jungfräuliche Unschuld hervorbrachte, während ihre andere Seite voll
tiefschwarzer Fallen war.
Noch immer starrte Ayura auf ihre hellen, leicht beigefarbenen Pfoten. Sie waren
im Grunde heller als beige, aber dunkler als der Schnee. Gerade in der Mitte
dieser zwei Farben und genau so, dass sie sich nicht mit dem Schnee vereinen
konnten. Ihre sensiblen Ohren drehten sich unschlüssig in verschiedene
Richtungen, richteten sich aber letztendlich auf Daina, die erneut ihre Stimme
erhoben hatte. Ihr Tonfall war leiser, sanfter und gab der Hellen die
Sicherheit, die sie brauchte um wieder ohne Zweifel aufschauen zu können. Die
seegrünen Augen trafen die Hellgelben und sie meinte die Reue in ihnen zu sehen.
Ein scheues, aber freundliches Lächeln schlich sich auf Ayuras weiche Lefzen und
ihre buschige Rute schwang einmal hin und wieder zurück. Ein zurückhaltendes
Schweigen fesselte ihren Fang, während die nächsten Worte der Schwarzen erneut
an ihr Ohr drangen. Obwohl sie sich durch diese getröstet fühlte, wusste sie
noch immer nichts zu sagen und bevorzugte es, dankbar zu nicken und abzuwarten.
Eingehend betrachtete sie die andere Jungwölfin, die etwas auf den Herzen zu
haben schien. Ihre Bewegungen wirkten unsicher und ein wenig verspannt. Was war
wohl los mit Daina?
Die Antwort kam ohne weitere Aufforderungen über ihre Zunge. Es schockierte
Ayura beinahe ein wenig, dass die gleichaltrige Fähe scheinbar so sehr unter
ihrem selbst gesetzten Druck lebte. Sie war innerlich also viel bedrückter und
verletzlicher, als sie sich geben wollte. Hatte sie dann noch Spaß am Leben?
Konnte man bei solchen Gefühlen noch Spaß am Leben haben? Einen Moment lang
kreisten diese Fragen in dem Kopf der Hellen, während sie Daina verständnisvoll
anschaute.

“Es stimmt so nicht, wie du es sagst. In meinen Augen bist du ganz und gar
nicht so, wie du dich gerade beschrieben hast und ich wette in den Augen anderer
Wölfe bist du auch nicht so. Ich glaube … Du bist zu selbstkritisch mit dir …“


Aufmunternd blickte Ayura die Schwester Iljas an. Tatsächlich hatte sie die
Mängel, die die Schwarze soeben aufgezählt hatte noch nie bei ihr bemerkt. Und
es war sicher ein blödes Gefühl, solche Dinge von sich glauben zu müssen, oder
sich selbst so zu sehen. Obwohl Selbstkritik eigentlich gut war, so sollte man
es doch nicht übertreiben.

“Nein, Daina. Ich bin nicht mehr traurig.“

Sie schenkte der Fähe ein warmherziges Lächeln.

“Nicht wegen dir.“


Wie Ayura es zuvor
getan hatte, so war nun sie es, die den reinweißen Schnee unter ihren Pfoten
betrachtete. Es war nicht schwer, etwas schönes, vollkommenes darin zu sehen,
doch Daina wusste, dass es mit lebenden, fühlenden Wesen niemals so einfach war,
wie mit Dingen. Dem Schnee jedenfalls war es wohl gleichgültig, was sie dachte
oder tat oder auch was sie tun konnte, von anderen Wölfen konnte sie das
hingegen nicht sagen. Das Beschauen des kalten Untergrundes hielt die Schwarze
jedoch nicht lange auf, da Ayura bald ihre Stimme wiedergefunden hatte. Egal,
wie sie sich gerade fühlte, Daina konnte nicht anders als ihr Gegenüber
anzusehen, wenn man mit ihr sprach. Wie sonst sollte sie auch den vollen Wert
der Worte erfassen? Andererseits wunderte sie sich darüber, dass sie noch immer
vollauf mitbekommen wollte, was man ihr erzählte. Selbst dann, wenn sie es
hinterher als Schwachsinn abtat. Sie musste ja zugeben, dass sie manchmal ein
bisschen schnell mit einem Urteil herbei war. Aber das war jetzt nicht wichtig.

Es war schön zu hören, wie Ayura erklärte, dass andere die Jungwölfin wohl nicht
so sahen, wie sie selbst und doch verleugnete sie innerlich bereits jedes Wort.
Sie konnte der Hellen nicht glauben, was sie da sagte, egal wie schön und
vollkommen sich ihre Stimme und die lieben Worte aus ihrem Mund auch anhörten.
Gleichsam fühlte sie sich schuldig, dass sie Ayura nicht genug vertraute, um ihr
Glauben zu schenken, denn ihre Sympathie für die Gleichaltrige war in den
letzten Minuten beachtlich angewachsen. Nein, die Helle würde sie nicht etwa
anlügen wollen, sie wusste nur einfach nicht, was Wahrheit war. Doch auch, wenn
sie nicht diese ungeteilte Heiterkeit austrahlen konnte, die Ayura nun abermals
zuteil wurde, so machte es die Schwarze doch glücklich zu sehen, dass die
Unsicherheit der Fähe verschwunden waren und hörte erleichtert aus ihrem eigenen
Munde, dass sie nun nicht mehr traurig war. Jedenfalls nicht ihretwegen.

"Es ist lieb von dir, das zu sagen. Aber du kennst mich nur nicht gut genug,
um zu sehen, wie nutzlos ein Wolf nur sein kann."


Sagte sie resigniert, mit einem Hauch von Bitterkeit in der Stimme. Sie wollte
nicht rumjammern, das war schwach und nervig, soviel wusste sie. Also musste sie
schnellstens aufhören, Ayura mit ihren wirren Gedanken zu belasten, das war
einfach nicht fair.

"Aber hör mal, damit musst du dich wirklich nicht herumplagen. Du bist doch
eigentlich zu mir gekommen, weil du angenehme Gesellschaft gesucht hast oder?
Also, wollen wir ein Stück zusammen gehen? Oder versuchen etwas zu jagen? Ich
mein, ich habe kein besonderes Vergnügen daran, aber vielleicht lerne ich das ja
noch."


Kein `bitte gern
geschehen`?. Aber Kyrraine hatte auch nicht wirklich damit gerechnet, dass Kyro
auf seinen Dank erwidern würde. Er konnte es sich gar nicht vorstellen so zu
leben wie sein Lochgenosse. Abseits von allen anderen, gebunden an eine einzige
Wölfin, deren Worte ohne zu zögern befolgt werden sollten...keine Geschwister,
keine Eltern und anscheinend nicht wirkliche Freunde. Es musste ein sehr
eigenartiges und tristes Leben sein. Zumindest in den Augen des lebensfrohen
Jungwolfes, der es liebte mit seinen Geschwistern herum zu toben und die anderen
zu necken.
Doch womit er ebenso nicht gerechnet hatte, war der Kopf, der mit einem Mal über
ihnen auftauchte. Mehr aus einem Reflex heraus, der aus der Überraschung
entstanden war, zog er die Leftzen kurz zurück und ließ ein leises Grollen
vernehmen. Diese Reaktion verebbte jedoch beinahe sofort wieder, nur das
misstrauen war geblieben.Immerhin waren sie in einer recht hilflosen Situation,
wenn man es genau betrachtete. Ausgeliefert, sozusagen.
Doch nachdem er dem Gesichtsausdruck der Fremden eher Verwirrung zuordnete als
Agressivität, entspannte er sich leicht und erhob sich bei dem Stupsen des Rüden
auf wackeligen Pfoten. Zwar hatte ihm die kurze Rast gut getan, und das Gespräch
hatte ihm dabei geholfen nicht mehr zu sehr um ihre Situation zu Bangen, doch
wirklich bei Kräften war er nicht wieder. Dazu kam, dass er die Wölfin dort oben
wirklich noch nie gesehen hatte und seine Eltern hatten ihn immer gewarnt
Fremden zuviel zu vertrauen.

Doch ein Blick auf seinen momentanen STandpunkt bestätigte nur die Frage Kyro`s.
Was sollten sie auch anderes tun. Und wer wusste es schon, möglicherweise konnte
die Weiße dort oben wirklich behilflich sein.

"Ich bin Kyrraine..."

Die Worte kamen eher zögerlich und nicht ohne einen Hauch des Misstrauend. Doch
dann fiel ihm noch etwas ein und seine Augen verengten sich leicht.

"Und rühr ja nicht das Schneehuhn an, das ist meines!"

Oh und er würde es verteidigen. Er hatte zwar keine Ahnung, wie, in dieser
Position, doch seine Rache...ja seine Rache die würde unendlich böse sein.


Kyro - Kyrraine -
Schneehuhn?
Blinzelnd verharrte der Kopf der Weißen wo er war und starrte die beiden
weiterhin fassungslos an. Sollte sie nun lachen? Sich amüsieren? Womöglich sich
doch lieber schleunigst aus dem STaub machen? Immerhin, wenn man es genau
betrachtete, was ging sie das Schicksal der beiden denn an. Zu guter letzt würde
sie Gefahr laufen bei ihrer Bemühung sie hinaus zu holen selbst in dieses
seltsame Loch zu fallen. Und danach stand ihr nicht gerade der Sinn.
Doch schon wieder reagierte ihr Körper anders, als ihre Gedanken. Denn während
sie sich innerlich schon einen Rückzugsplan zurechtlegte - und so schwer konnte
das nicht sein, denn folgen konnten sie ihr schwer - gab sie bereits ein knappes
Nicken von sich und schalt sich zugleich selbst. Dumme Wölfin. Dumme und
vollkommen unvernünftige Wölfin. Was bei Wulf tat sie da?

"F-Freut mich. Ich bin Cayleth. Ähm...genau"

Also von der eigentlichen überlegenen Position, die sie gegenüber den anderen
zur Zeit inne hatte, war absolut nichts zu merken. Was die beiden zu sehen
bekamen war eher eine Wölfin, die uneinig mit sich selbst zu sein schien.
Einerseits den Körper bis zum zerreißen gespannt, andererseits doch willig den
Unbekannten zu helfen.
DanRüden riss sie sich von dem Anblick der beiden los und atmete erst ein Mal
tief durch. Ruhig Blut. Erst ein Mal nachdenken. Was hatte der große Wolf, Kyro
genau, was hatte Kyro gesagt? Schnee? Kurz wanderte ihr Blick umher. Es würde
ein schönes Stück Arbeit sein, den schnee herzubefördern und dann in das Loch zu
schmeißen. Arbeit, auf die sie eigentlich nicht vorbereitet gewesen war. Mit
Zweifel in der Stimme schielte sie wieder über den Rand des Loches.

"Ähm...das könnte dauern, fürchte ich. Und wäre es nicht besser, ich würde
einen Ast hinein werfen? So einen größeren?"


Denn der Blick auf die Umgebung hatte ihr gezeigt, dass hier doch einiges an
Astwerk herumlag, welches wohl an der Schneelast abgebrochen war. Natürlich
liefen die beiden dann Gefahr, den Ast erst ein Mal auf den Kopf zu bekommen,
aber möglicherweise wäre es einfacher so wieder hinauf zu klettern.
Doch da Cayleth keinerlei Erfahrung in der Befreiung von Wölfen hatte, die in
einem Schneeloch feststeckten und auch noch nie jemanden getroffen hatte,
welcher ihr erklärt hatte was man dann am besten zu tun gedachte, wartete sie
erst ein Mal ab, ob ihr Vorschlag nicht als vollkommen unsinnig eingestuft
werden würde. Denn dann musste sie sich wohl wirklich dem Schnee zuwenden. Und
schon jetzt bedauerte sie ihre armen Pfoten.
Bei den Worten des jüngeren Rüden musste sie nun aber doch kichern. Ein
Jungspund, wie er im Buche stand. Vorlaut, frech und ohne Respekt älteren
gegenüber? Aber Cayleth nahm es ihm nicht übel. Vielleicht war es seine erste
richtige Beute, die wollte man ungern verlieren und die Situation musste an den
Nerven des Jüngeren zehren.

"Ich esse das Ding schon nicht, es ist noch ganz und heil. Also so heil wie
etwas totes eben sein kann..."
,

erklärte sie daher sicherheitshalber um zu verhindern, dass ihr einer der Rüden
da unten nachher doch noch an die Gurgel ging, weil dem weißem Federvieh
irgendwie ein Bissen fehlte.


Kyro sah zu der
Wölfin nach oben und überdachte ihren Vorschlag. Wie sollte das denn gehen, mit
einem Ast? Sie bräuchten wohl eher einen Stamm und den konnte die Wölfin wohl
kaum herbei schaffen. Äste bedeuteten Verästelungen. Die müsste die Wölfin erst
einmal loswerden, ehe das Teil ins Schneeloch passte. Und dann musste der Ast
noch lang genug sein und an den richtigen Stellen den Tritt stützen. Und wo
wollte sie einen Baum hernehmen?

“Äh, wenn du einen Passenden findest?!“

Fragte er mehr, als dass er ihr zustimmte. Sein Blick glitt auf die eingestürzte
Treppe, die neben Kyrraine aus der Grube geführt hatte. Nun, da sie wieder zu
zweit hier unten waren, war nicht einmal Platz für Reparaturarbeiten.

“Kannst du noch mal über meinen Rücken nach oben klettern?“

Fragte er seinen Leidensgenossen und brachte sich schon mal in Stellung. Es
schien ihm aberwitzig, es anders herum versuchen zu wollen. Wie wollte der
Jüngling fest genug stehen, um ihn auszuhalten. Kyro hingegen war ein wahrer
Meister darin, seinen Körper zu verspannen. Den Schaden, den seine erzwungene,
unterwürfige Haltung anrichten würde, konnte er noch nicht abschätzen. Aber das
Schleichen an Asziras Seite musste ihn früher oder später zum Krüppel machen.
Die einzige Rettung waren einsame Streifzüge oder Aktionen wie diese hier.

“Vielleicht kannst du noch einen Teil des Aufstiegs nutzen.“

Bemerkte er eher beiläufig und sah sich nach der Fähe um, die sich bereiterklärt
hatte, ihnen zu Hilfe zu kommen.


Es war fraglich, was
Kyrraine von der unerwarteten Hilfeleistung der Fremden hielt. Irgendwie
misstraute sie ihr immer noch, auch wenn sie meinte sie wollte ihnen helfen und
das Huhn nicht anrühren.
Doch wahrscheinlich war nun anderes vorrangig.

Sein Blick glitt zu Kyro und ein lautloser Seuftzer entglitt ihm. Also das ganze
wieder von vorne.
Mühsam stämmte er sich in die Höhe und beäugte etwas prüfend seine Pfoten.
Momentan zitterten sie nicht ein Mal mehr, doch wer wusste wie schnell sich das
wieder ändern konnte.

"Ich kann es versuchen"

Nicht sehr optimistisch, aber zumindest ehrlich. Und so schob sich Kyr etwas zur
Seite, damit der Rüde erst ein Mal einen guten Stand fassen konnte und schielte
dabei immer wieder prüfend nach oben.


Also doch der Schnee.

Kurz schloss die Weiße ihre Augen. Hatte sie es doch schon beinahe befürchtet.
Aber wahrscheinlich wäre das mit den Ästen tatsächlich nichts geworden.
Womöglich hätte sie am Ende noch einen erschlagenen Wolf am Hals. Und das war
wirklich nicht das, was sie nun brauchte.

"Dann wartet mal kurz..."

...oder eben länger. Doch was brachte es jetzt schon, die beiden noch mehr zu
demotivieren?
Cayleth wich zurück und begab sich dorthin, wo sie aus dem Schneehaufen
herausgestürzt war und dabei beinahe das Gleichgewicht verloren hatte. Mit einem
Sprung war sie wieder in der weißen Pracht und begann mit Kopf und Pfoten,
Schneehaufen um Schneehaufen erst ein Mal zu lockern und dann näher zu dem Loch
zu schieben, ehe sie wieder umkehrte und das gleiche Spiel wiederholte. Nach
einer Weile wurden ihre Bewegungen beinahe routiniert. Schnee lockern, schieben
und wieder umkehren.
Es dauerte doch eine Weile, bis sie einiges an lockerem Schnee beim Rand des
Loches aufgetürmt hatte. Dann streckte sie abermals ihren Hals und warf einen
Blick hinunter.

"Also...zieht ein Mal ein wenig die Köpfe ein, gleich schneit es"

Ausweichen können würden sowieso kaum. Und so machte sie sich gleich an die
Arbeit und begann den mühsam gesammelten Schnee mit dem Kopf über den rand ind
Loch zu schieben. Immer und immer wieder, solange bis der Rand abermals
flachgetreten war.

Etwas außer Atmem hielt sie inne und lies sich auf die Hinterläufe sinken.

"Reicht das?"

Dieses Mal machte sie sich nicht mehr die Mühe während ihren Worten den Hals zu
strecken, denn überzeugen, dass die beiden da unten waren musste sie sich kaum.
Und hören würden sie die Weiße auch so. Je mehr Entfernung zwischen ihr und dem
Loch lag, desto sicherer fühlte sie sich.


Über ihm fing es an,
im Schnee zu kratzen und zu scharren. Kyro legte den Kopf ein wenig schief. Da
hatte er jemanden aber schnell von seiner Idee abgebracht! Spielte aber auch
keine Rolle. Irgendwie musste es immerhin zu schaffen sein, hier heraus zu
kommen. Erst der Kleine, dann er. Dieses hin und her schieben des Körpers,
Gewicht und Stand austesten und dann warten, dass etwas geschah, war irgendwie
Zeit raubend. Kyro versuchte verschiedene Positionen und egal wie er sich
bewegte, Kyrraine war im Weg. Nach ein paar ungelenken, ungekonnten Versuchen
zog es der Graubraune vor, erst nachzudenken, alles abzuwägen und erst dann eine
Bewegung zu wagen. Dann schneite es.
Mühsam, mit Pfoten und Schnauze, schob er alles auf seinen gebauten Aufstieg und
versuchte den Schnee zu festigen. Das Loch war zuvor schon klein gewesen. Mit
dem Jüngling zusammen hier gefangen zu sein, erschwerte die Sache ungemein.
Irgendwann war er dann halbwegs zufrieden mit seinem Bau und nahm Haltung an.
Seine Vorderpfoten setzte er auf den angehäuften Hügel, die Hinterpfoten in der
verbliebenen Kuhle.

“So, jetzt musst du klettern.“

Wies er Kyrraine an und lehnte sich mit diesen Worten gegen die Grubenwand. Er
glaubte nicht, dass er eine bessere Treppe darstellen konnte. So bedurfte es
zwei Stufen und der Jungspund musste den Rand erreichen.

“Cayleth? Kannst du ihn bitte im Nacken packen und hochziehen, wenn er so
hoch ist, dass du an ihn heran kommst?“


Fragte er, aus Gründen der Höflichkeit, obwohl eine gewisse Bestimmtheit darin
lag, die über eine Bitte hinausging. Dann senkte er sein Haupt, um noch besseren
Kletterhalt gewährleisten zu können. Er stand, fest und ohne dass ein allzu
starkes Schwanken möglich war.


Beinahe hätte
Kyrraine mit einem Mal aufgewinselt. Er war doch kein Affe! Dann jedoch riss er
sich zusammen. Es brachte ja doch nichts, sich nun auch noch ungut anzustellen,
schlussnedlich lief sowieso alles auf das selbe hinauf. Er musste wieder
klettern.
Und so hielt er still, drückte sich an die Wand so gut es eben möglich war um
Kyro ein bisschen mehr Raum zu verschaffen, was kaum möglich war und lauschte
nervös den Geräuschen außerhalb der Gefangenschaft. Oh, was würde er die
Freiheit wieder zu schätzen wissen, wenn er hier erst ein Mal heraus war...
Als die Warnung der Weißen gekommen war senkte Kyrraine ergeben den Kopf und
schloss seine Augen, während der Schnee auf ihn herab rieselte. Wölfe gehörten
wirklich nicht in schneelöcher. Und er musste schon sehr hunrig sein, um je
wieder eines von diesen dummen Schneehühnern zu beachten und gar zu jagen. Dumme
Tiere.
Mit einem leichtem Kopfschütteln befreite er seine AUgen von der Last des
Schnees und beobachtete Kyro bei seinem Tun. Dann atmete er noch ein Mal tief
durch und legte seine Vorderpfoten wieder auf den Rücken des Rüden. Vorsichtig
versuchte er Halt zu finden, dann zog er seine Hinterläufe nach, spannte seinen
Körper an und konzentrierte sich auf den Rand, den es zu erreichen galt. Und er
hoffte wirklich, dass die weiße Wölfin ihm notfalls helfen würde.

"Bitte Eru, lass das nur gut gehen..."

Eine Bitte, die leise gesprochen war und wohl kaum Hilfe versprach, doch dann
duckte sich Kyr leicht und setzte all seine verbliebene Kraft in den Sprung, mit
dem er sich abstieß.
Immer näher kam der Rand des Lochs auf ihn zu, dann waren seine Vorderpfoten
darüber, die Hinterpfoten traten abermals im Nichts. Hilfesuchend blickte er zu
Cayleth und verkrallte sich dabei so fest er konnte in den evreisten Untergrund
um nicht wieder zurück zu rutschen. Doch nun kehrte langsam die Erschöpfung
zurück und es gelang im nur mühsam sich in dieser Position zu halten.


Weiterhin ihre Pfoten
schonend saß die Weiße da und lauschte den Geräuschen und Worten, die von unten
an ihre Ohren klangen. Hinaufziehen? Und irgendwie hatte sie schon gehofft ihre
Aufgabe wäre nun beendet. Aber anscheinend war das nicht der Fall.

"Natürlich..."

,kam es daher etwas trocken von dem Eiskristall und kurz legte sie die Ohren an.
Was erhoffte sie sich eigentlich davon, den beiden Rüden zu helfen? Ok, sie
würden wahrscheinlich dankbar sein. Aber Dankbarkeit alleine würde ihr auch
nicht viel bringen. Auf der anderen Seite hatte sie eigentlich sowieso nach
gesellschaft gesucht, womöglich hatte sie genau jene jetzt gefunden?
So in gedanken versunken zuckte Cayleth erschrocken zurück, als mit einem Mal
der Körper des einen Rüden auftauchte. Der halbe Körper zumindest, denn so ganz
schien das mit dem Sprung nun doch nicht geklappt zu haben. Bei dem Blick des
Jüngeren schlug sie die Augen nieder und gab sich geschlagen. Sie konnte ihn ja
schlecht hier hängen lassen.
Und so erhob sie sich und schlich sich Schritt um Schritt näher, da sie dem
Untergrund doch nicht so ganz traute. Als sie nur noch eine halbe Wolfslänge von
dem Rüden entfernt war streckte sie erneut ihren Hals und bemühte sich, ihn am
Genick zu fassen zu bekommen. Als sie ihre Zähne in seinem Nackenpelz vergraben
hatte stemmte sie ihre Vorderläufe in den Boden und zog, so gut es ihr eben
gelang. Und Zentimeter um Zentimeter gelang es ihr, den Jungwolf auf den
sicheren Boden zu ziehen, weg vom Rand. Doch trotzdem lies sie erst los, als sie
sicher war, dass er mit allen Pfoten das Loch verlassen hatte.
Dann erst wich sie hechelnd zurück und sank erst ein Mal wieder zu Boden.
Immerhin war sie es nicht gewohnt, einen Wolf so herum zu ziehen. Nun war einer
draußen, einer saß noch fest. Aber immerhin war es schon ein Mal besser als
zuvor.


Kyro schielte nach
oben und sah zu, wie Kyrraine sich am Rand des Lochs festgekrallt hatte. Wo
blieb denn die Wölfin, die ihn hochziehen sollte? Er zog sich auf den
Schneehaufen, stellte die Hinterläufe an die Wand und kassierte zunächst einige
Tritte. Dann jedoch musste der Jüngling bemerkt haben, dass er da stand und als
leichter Halt dienen konnte. Kurz darauf schien Cayleth den Nacken gepackt zu
haben und schließlich war er allein im Loch. Ohne inne zu halten wandte er sich
nur um, stürzte in die Kuhle zurück und begann, den Platz ausschöpfend, wieder
zu bauen. Er kratzte hier und da noch zusätzlich Schnee von den Wänden, ehe er
erneut einen dieser tollkühnen Sprünge wagte.
Zunächst drückte er sich an die Wand, unterhalb der Stelle, an der er gleich
herauszuspringen gedachte, dann sprang er ab und landete gegenüberliegend, um
sich von dort erneut wegzudrückend und im Sprung eine halbe Drehung zu machen
und am Rand der Grube krachend hängen zu bleiben. Dass mit dem fliegen hätte
auch besser klappen können. Seine Krallen suchten Halt auf der Eisfläche, was
sich als schwierig erwies, da diese schon von seinem ersten Versuch und dem
folgenden von Kyrraine keinen guten Widerstand mehr bot. Seine Hinterpfoten
schrammten hilflos an der Wand entlang. Déjà-vu, musste man es beinahe nennen.
Wieder fanden seine Krallen irgendwie eine Stelle, die nicht gleich davon
bröckelte und schließlich zu, dass er sich noch ein Stück nach oben kämpfte.

“Ich will hier raus!“

Entfuhr es ihm laut, obwohl er sich lediglich gedanklich selbst motivierend und
zum Kämpfen auffordern wollte. Er schlug eine der Vorderpfoten ein ganzes Stück
weiter ins Eis, zog die Andere nach, als er nicht wegrutschte und schaffte es
schließlich eine Hinterpfote auf den Rand zu stellen. Von hier war es nur noch
ein Leichtes, vorzuschnellen und sich in den weicheren Schnee zu kugeln.
Die Zunge hing ihm aus der Schnauze und er lachte amüsiert auf.

“Und dass alles wegen einem Federvieh. Im doppelten Sinne, meine ich!“

Stieß er aus, ehe er sich auf die Pfoten rollte und erhob. Sein Blick glitt über
die Ebene. Das Rudel war tatsächlich nirgendwo mehr zu sehen. Dass ihn niemand
vermisste war nicht sonderlich merkwürdig, aber dass das Pack nun schon kein
Auge mehr für den Nachwuchs hatte, ging doch beinahe zu weit.
Mit dem Gedanken an das Rudel senkte sich seine Körperhaltung etwas. Sein Gesetz
gebot, dass er unter jedem Wolf stand. Nicht nur unter Kyrraine, sondern auch
unter jedem Reisenden, jedem Fremden und auch unter dieser Wanderin, wenngleich
sie eine Fähe war. Sein Rang war geschlechtslos.

“Vielen Dank für deine Hilfe!“

Er wandte sich an die weiße Wölfin und verneigte sich tief. Tief deshalb, weil
er ohnehin schon geduckt war. Seine Rute pendelte hoch erfreut hin und her, als
wäre nicht Kyrraine der Jungwolf, sondern er.

“Geht es euch beiden gut?“

Fragte er schließlich besorgt.

Für einen Moment war
Panik in dem Jungwolf aufgestiegen. Panik darüber, ein zweites Mal zurück zu
fallen in die Tiefe denn ob er in nächster Zeit für ein drittes Mal wirklich die
Kraft besitzen würde war mehr als fraglich.
Doch dann hatte er zuerst Kyros Hilfe bei seinen Hinterpfoten gespürte und dann
die Hilfe der Weißen. Stück um Stück hatte er sich nach vorne gearbeitet, bis er
hechelnd, die Brust auf den sicheren Boden gedrückt einfach nur dalag, die Zunge
aus dem Maul hängend.

"Bei...Eru..."

,keuchte er vollkommen erledigt und rollte sich dann auf die Seite. Für einen
Moment musste er wahrlich die Augen schließen, um seinen Herzschlag zu
beruhigen.

Als er Kyro`s Handeln vernahm öffnete er seine Augen jedoch wieder und zog sich
etwas zur Seite, ohne die Motivation zu finden wirklich aufzustehen.
So beobachtete er Kyros Versuche aus müden Augen, wäre jedoch aufgesprungen und
hätte ihm geholfen, auch wenn er wohl in seinem jetzigem Zustand keine wirkliche
Hilfe darstellte, wenn er wieder zurück gerutscht wäre. Doch so blieb er liegen
und schielte zu seinem Schneehuhn, das einige Meter entfernt lag, als Kyro
sicher oben angekommen war.
Bei seinert Frage stemmte er sich auf wackeligen Pfoten in die Höhe, taumelte zu
seiner Beute und lies sich daneben wieder auf den Boden fallen.

"Nie wieder..."

Als wolle er seinen Worten Ausdruck verleihen vergrub er seine Zähne in dem
Fleisch des Vogels und zerrte angesäuert darauf herum. Doofes Viech!


Hechelnd hatte
Cayleth den Jungwolf im Auge behalten, denn auch von ihrer Seite aus gab es
etwas misstrauen. Doch im Großen und Ganzen war sie mehr skeptisch als
misstrauisch. Also entweder dieser Wolf war tatsächlich sehr schmutzig oder es
war einer der seltsamsten Wölfe, die ihr je über den Weg gelaufen waren. Es
konnte doch keine nicht-weißen Wölfe geben, oder?

Dann jedoch richtete sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Rad, wo eben Kyro
aufgetaucht war und sie erhob sich langsam und schob sich näher um notfalls
wieder Hilfe leisten zu können. Doch dieses Mal war sie anscheinend nicht von
Bedarf, denn nach kurzer Zeit gelang es dem Rüden von alleine den festen Boden
wieder zu gewinnen. Erleichtert nickte sie ihm zu und lies sich wieder auf die
Hinterläufe sinken. Denn er war wahrscheinlich um einiges schwerer und größer
als der Jungwolf und ob sie ihm hätte wirklich helfen können war fraglich.

"Ich denke der Boden hier oben ist für uns eher geschaffen als das Loch"

Es war nur eine kurze Feststellung, doch auch ihre Rute glitt freundlich von
einer Seite auf die andere. Sie fürchtete die beiden nicht, auch wenn es Rüden
waren und in der Überzahl. Mochte man es naiv nennen, doch sie hatte ihnen
geholfen und außerdem kam sie mit Rüden sowieso besser zu recht. Und etwas ko
schienen sie auch zu sein, kein Wunder bei der Tortur, die sie durchgemacht
hatten.
Bei den Worten des Größeren schnippten ihre Ohren zur Seite. Seine Haltung wurde
skeptisch gemustert. Sie kannte sich zu schlecht mit den Begebenheiten in einem
Rudel aus, und möglicherweise waren die beiden gar keines oder gehörten keinem
an, doch irgendwie kam es ihr seltsam vor.

"Oh...kein Problem..."

Verlegen senkte sie den Blick, da sie es nicht gewöhnt war mit einem Mal wieder
unteranderen und vor allem fremden Wölfen zu sein.

Dann witterte sie kurz. Alleine waren sie wohl trotzdem nicht gewesen, denn es
lagen noch die Gerüche anderer Wölfe in der Luft. Wahrscheinlich gehörten sie
doch einem Rudel an. Und für einen Moment fühlte Cayleth soetwas wie Sehnsucht
in sich aufsteigen. Die Sehnsucht nicht mehr länger alleine umher wandern zu
müssen. Doch, wie schon erwähnt, hatte sie keine Ahnung von den Gepflogenheiten
eines Rudels und sie wusste nicht ob es ausreichte zwei Mitglieder zu retten um
mitlaufen zu dürfen.
Die Frage des Älteren lies sie kurz lächeln. Es erinnerte sie irgendwie an die
Wanderung mit ihrem Vater, damals, als er sich ständig Sorgen um seine beiden
Kinder gemacht hatte.

"Alles halb so schlimm"

Vielleicht eine eingerissene Kralle und wunde Pfotenballen, aber nichts, was
nicht wieder vergehen würde. Besser, als zwei erforerene oder verhungerte Wölfe
in der Grube.
Ein kurzer Seitenblick galt dem Jungwolf, der seinen Unwillen scheinbar an
seiner Beute auslies und sie musste Grinsen. Früher, ja früher da war sie
vielleicht auch ein Mal so gewesen. Doch es war einiges an Zeit vergangen seit
damals.
Etwas unsicher sah sie wieder zu Kyro und fuhr sich dann nervös mit der Pfote
über die Schnauze. So, Mission erfüllt, Wölfe wieder auf festem Boden. Und nun?


In den grün-braunen
Augen reflektierte sich matt das Funkeln des Schnees, welcher erst langsam, dann
immer schneller vom Himmel gefallen war. Die dunklen Pfoten schoben nachdenklich
das Weiß hin und her, während der Rüde den krassen unterschied zwischen der
Dunkelheit und dem Licht beobachtete, welche niemals verschmolzen.
Als wäre es sein altes Leben hielt sich Shien noch immer mehr im Hintergrund,
blieb aber dennoch aus freien Stück bei diesem Rudel. Gänzlich konnte er sich
nicht an die Gemeinschaft gewöhnen, es fühlte sich einfach nur seltsam und fremd
an. Er war minderwertig, einfach ein Schatten, der stumm das Rudel begleitete
und geduldet wurde. Immerhin mehr als in seinem Geburtsrudel.
Die klare Luft füllte seinen leeren Körper, ließen den Rüden ein wenig
unbeschwerter Atmen und dennoch hatte er unverändert das Gefühl, dass die Last
auf seinen Schultern nicht weniger wurde.
Jeder hatte sein Packet zu tragen, dass war ihm bewusst. Jeder musste etwas
tragen, mit Ausnahme vielleicht der Welpen und selbst sie trugen ihre Lasten,
wenn auch nicht vom selben Ausmaß wie ein Erwachsener. Jeder hatte Probleme und
Sorgen, Wünsche und Träume, wobei hier wohl alles zusammen gleich stark
vertreten war. Der Wunsch nach einer Heimat, der Traum einer Zukunft stand der
beschwerlichen Reise und den Risiken gegenüber.
So war das im Leben, ein Gleichgewicht war hergestellt und dennoch konnte Shien
keinen wirklichen Frieden finden und es nicht mit sich selber vereinbaren. Gerne
hätte er mit Felice gesprochen, doch fand er einfach nicht den Mut dazu,
erstrecht nicht, wenn sie in Asziras Nähe war, die ihr Herz immer weiter
vergiftete und er nichts tun konnte, außer zu zusehen.
Die langsamen Schritte führten den Wolf zu einer altbewährten Bekannten und ein
ruhiger, sanfter Ausdruck legte sich auf seine Gesichtszüge.

Hallo Sharlia. Störe ich dich?


Der Jungwolf lächelte
seinen Bruder glücklich an. Die dunkle Nase zuckte dann liefen sie gemeinsam
Flanke an Flanke durch den Schnee. Jaris genoss die Wärme und die Nähe seines
Bruders. Die warme Spur des Hasen ließ das Wasser in seinem Maul zusammenlaufen.
Seine Pfoten stapften durch die weiße Pracht immer weiter und dann lief Aron
nach vorn. Jaris wusste was nun kam und duckte sich dicht auf den Boden. Gleich.
Gleich würde eine Hase auf ihn losjagen und er würde seine Zähne in den warmen
Körper schlagen. Doch es geschah nichts.
Verwirrt schob sich Jaris nach vorne über eine Erhebung im Boden und er
erblickte einen Hasen, vielleicht zwei Meter vor ihm. Es verwunderte ihn kurz,
dass er Aron nicht sah aber der Hase lenkte seine Aufmerksamkeit direkt auf ihn.
Ein beherzter Satz nach vorne, ein geschickter Biss, dann ein lautes Quicken und
dann baumelte der Hase leblos in seinem Fang.
Das er bei alldem von Ilja verfolgt wurde, bekam der Jungrüde nicht mit. Schon
gar nicht als in seiner Wahrnehmung Aron auf ihn zugejagt kam und fröhlich um
ihn herumsprang.

"Du hast ihn erwischt, Jaris! Du hast ihn erwischt!",
rief der kleine Wolf erfreut aus. Dann hielt er inne. "Jemand kommt."


Attachße hatte
Abseits des Rudels gedöst. Ein kleines Gesträuch am Fuße eines größeren Baumes
hatte ihm dabei als Schutz und Schirm vor Schnee und Lärm gedient, sodass er
sich ganz ungestört hatte ausruhen können. Sehr weit würde das Rudel ihm schon
nicht davonwandern und wenn, waren sie nicht schwer zu verfolgen. Als er
ausgeruht erwachte, bot sich ihm, noch bevor er aufstand oder Laut gab, ein
merkwürdiger Anblick. Unweit von ihm entfernt, einige Wolfssprünge vor ihm,
befand sich eine Art Grube im Boden, die von Kyro akribisch umrundet wurde. Nach
einer Weile - es musste ja so kommen - gab der vereiste Rand der Öffnung nach
und der Rüde fiel hinein. Eine kleine Weile verstrich, ehe der Braune sich
gerade erheben wollte um murrend seinem Artgenossen zu helfen, die Grube zu
verlassen oder ihn zumindest dafür zu verspotten, dass er hineingefallen war,
geschah etwas, das den Rüden überraschte. Sein Sohn kletterte mit blutigem Maul
aus dem Schneeloch heraus. Ein kurzes Wittern genügte - es war jedenfalls nicht
Kyros Blut. Neugierig, was nun geschehen würde, wartete Attaché ab.

Kyrraine begann, Schnee in das Loch zu schaufeln. Gar nicht mal so unklug, aber
ob das funktionieren würde? Nach einer Weile erklomm Kyro den Rand der Grube,
schien jedoch wenig Halt zu finden. Sein Sohn packte den Grauen am Nackenpelz
und landete kurz darauf, unfähig den Älteren emporzuziehen, bei ebendiesem
wieder unten im Loch. Abermals verstrich ein wenig Zeit. Wieder gerade als
Attaché hinübergehen und helfen wollte, tauchte eine fremde Fähe auf. Nochmals
beschloss der Rüde, sich zurückzuhalten und abzuwarten. Mit der Hilfe der
Fremden wurde also Kyrraine erneut aus dem Loch hinausgezogen, Kyro war aber
noch nicht wieder zu sehen gewesen. Kurz darauf verließ dieser ohne die Hilfe
der anderen das Loch, war jedoch ebenso aus der Puste. Nun, da das Schauspiel
vorüber war, gedachte Attaché, ihnen beizuwohnen.

Langsam trat er aus dem Gebüsch hervor, dass ihn verdeckt hatte, ein leises
Lachen drang aus seiner Kehle, während er auf die drei Wölfe zuschritt. Obwohl
er sicher war, dass Cayleth sich nicht angekündigt hatte und sie somit eine
potentielle Gefahr darstellte (zumindest theoretisch), ließ er die weiße Fähe
links liegen und sah ausschließlich Kyro an.

"Wunderbar, wirklich eine amüsante Vorstellung. Ich hätte eher gelacht, wenn
mein Versteck dadurch nicht aufgeflogen wäre und bitte entschuldigt, dass ich
euch nicht geholfen habe, aber ich wollte erstmal sehen, was ihr daraus macht."


Er stellte sich Kyro gegenüber und sah ihm direkt ins Gesicht.

"Also Kyro, wenn du schon unseren Nachwuchs in Löcher hineinschubst, solltest
du wenigstens versuchen nicht selbst hinein zu fallen."


Sagte er mit einem kühnen Funkeln in den goldenen Augen. Es war nicht so, dass
er wirklich dachte, dass Kyrraine wegen Kyros Vorsätzen in dem Loch gelandet
war, doch aus irgendeinem Grund fühlte er ein unterschwelliges Verlangen danach
Unfrieden zu verbreiten. Wenn auch nur auf eine sarkastische, nicht
ernstzunehmende Art.


Kyro folgte den
Schritten des Jünglings mit dem Blick und beobachtete ihn kurz schmunzelnd, als
er sich daran machte, auf der Wurzel allen Übels herum zu kauen. Der Graubraune
selbst nahm die Sache mit Humor. Hin und wieder stieß man sich eben die Schnauze
und landete in einem Loch. Wichtig war nur, dass man wieder herauskam.
Musternd ruhten seine Augen im Anschluss auf der weißen Wölfin, die sich als
Cayleth vorgestellt hatte. Sie wirkte merkwürdig auf ihn, obwohl er nicht
wusste, was ihn zu dieser Empfindung brachte. Sie hatte ihnen geholfen und war
freundlich. Es ging ihr außerdem gut und ihren Worten nach, hatte sie gerne
Hilfe geleistet. Letztlich kam er zu dem Entschluss, dass es ihm egal war, denn
so wirklich wichtig konnte es nicht sein, ihre wahren Beweggründe zu kennen.
Wenn es denn welche gab. Da war einfach sein Misstrauen, gegen das er ohnehin
nichts tun konnte.
Dann erklang ein Lachen aus dem Hintergrund und Kyro sah zur Seite. Erst war
sein Blick ziemlich neutral, wenn auch skeptisch, dass da noch ein Wolf war.
Dann verdüsterte sich seine Miene kaum merklich. Attaché war nicht gerade das,
was er einen Freund nannte, abgesehen davon dass er es seit geraumer Zeit so
hielt, dass er keine Freunde hatte, aber es gab keinen Grund, ihm übermäßig
feindselig gegenüber zu treten. Hund hatte keine Rechte, nur noch leben durfte
er. Alles Andere konnte über ihn verfügt werden. Was sollte da also ein Lachen
bewirken? Hohn, Spott? Was scherte es ihn?

Seine Augen verengten sich, als der Rüde zu sprechen anfing. Er hatte sie
beobachtet? Die ganze Zeit? Und nun lachte er? Etwas in ihm wollte aufbegehren.
In seiner Erinnerung tauchten Bilder auf, in denen er genau diesen Wolf mehr als
einmal tötete und ihn in seinem eigenen Blut ertränkte. Sie hatten seit dem
keinen Kontakt mehr zueinander gehabt. Zuletzt war er der gewesen, der Darkjania
wieder mit ihrem Geliebten zusammen geführt hatte. Zu welchem Preis? Das
Erzeugnis, die Brut war im Frühjahr geboren worden. Missgeburten! – Sein Kopf
wandte sich ruckartig zu Kyrraine um, dann wieder zu Attaché. Es war etwa in dem
Augenblick, in dem der Vater davon sprach, dass er seinen Sohn vorsätzlich in
die Grube geworfen hatte.
Kyro trat einen Schritt zurück, um Distanz zwischen sich und die anderen Wölfe
zu bringen. Vor allem aber zwischen sich und den ausgewachsenen Rüden. Das
musste ein Trick sein! Und sicher steckte die Höllenbraut dahinter! Und
Kyrraine, Kyrraine war doch nicht etwa auch Teil dieser Verschwörung? War der
Kleine etwa absichtlich hineingestürzt? Und nun würden sie sich gegen ihn, den
ohnehin schon Rangniedrigsten verschwören? Sohn und Vater würden erzählen, dass
er es gewagt hatte, sich einem Jungtier zu nähern und dieses schließlich in eine
Falle gestoßen hatte. Vielleicht würden sie ihm das Graben des Lochs sogar zu
lasten legen? Nun, da er selbst hinein gefallen war und dort überall herum
gegraben hatte, musste es immerhin nahe liegend sein!
Aber das war gelogen! Es war einfach nicht wahr! In keiner Sekunde hatte er vor
gehabt, dem Kleinen zu schaden. Und dass, obwohl er wusste, wessen Sohn er war!
Zugegeben hatte er sich genähert und sich amüsiert, aber nie mit der Absicht,
den Grünschnabel im Stich zu lassen. Wahrscheinlich würden sie ihm sogar noch zu
Lasten legen, dass er hinein gefallen war, um Zeit zu schinden, bis das Rudel zu
weit weg war, um ihr Rufen zu hören. Die Verschwörungstheorien explodierten
geradezu in seinem Kopf. Und sie alle führten zum einzigen Ziel und Sinn, dass
sein Leben noch hatte. Das Rudel, das er nur unter Bedingungen begleiten durfte!
Und wenn die Mehrheit des Rudelrats Kyrraine und Attaché glauben würde, dann
musste er verschwinden.
Kyros Ohren klappten zurück, erst demütig und enttäuscht von sich und dem Leben,
weil er den Plan nicht durchschaut hatte, dann trotzig und wütend. Es fügte sich
alles zusammen. Kyrraine hatte so getan, als würde ihm die Kraft fehlen, aus dem
Loch zu klettern und wenn Cayleth nicht aufgetaucht wäre, hätte Kyro sich früher
oder später veranlasst sehen müssen, es selbst zu probieren. Und sicher sollte
genau an dieser Stelle die Falle zuschnappen. Das Auftauchen der Fremden war
nicht geplant, aber zerstörte die Idee nicht. Es standen zwei normale Aussagen
gegen die eines Verbrechers. Wem also würde man glauben?!
Seine Augen machten sich auf die Suche nach einem schwarzen Fleck, der sicher
gleich irgendwo im Schnee auftauchen würde. Er konnte beinahe ihr Lachen schon
hören! Es bestand kein Zweifel, dass es ihr teuflischer Plan gewesen war. Es
musste einfach so sein. Wie lange planten sie das alles schon? Vielleicht gab es
noch Zeugen, die ebenfalls ihre Aussage machen konnten. Nicht zu seinen Gunsten
natürlich. Es schien alles darauf hinauszulaufen, dass er nur eine Möglichkeit
hatte, die sich kaum umsetzen ließ. Er musste Attaché jetzt sofort töten. Wenn
dieser nicht mit dem Angriff rechnete, würde es vielleicht nur einen Biss
brauchen. Ehe Cayleth verstanden hatte, was gespielt wurde, hätte er auch sie
überwältigt und dann galt es nur noch, einen Jungwolf auszuschalten, der gerade
erst dem Welpenalter entwachsen war. Bis dahin würde Darkjania aufgetaucht sein
und dann konnten sie miteinander abrechnen. Letztlich war es möglich, dass er
überlebte. Er würde einige Tage fernab des Rudels bleiben und dieses weiter
ziehen lassen. Schnee, Wind und Wasser sollten das Blut von seinen Lefzen
entfernen. Dann würde er Aramis erzählen, dass die Familie eigene Wege gegangen
sei und nicht zurückkehren würde. Wenn niemand sonst im Rudel bescheid wusste,
über diesen teuflischen Plan, dann standen die Chancen fünfzig zu fünfzig, dass
er damit durchkam.
Seine Augen huschten zu Kyrraine, der dort an seinem Vogel herumnagte. Immer
mehr verkrampfe sich seine Haltung, das Fell war gesträubt und als sein Blick zu
Attaché hinüber schwenkte, sah er diesen verachtend und zornig an. Wütend und
gefährlich, wie nur ein Wolf auszusehen vermag, den man chancenlos in die Enge
getrieben hatte.

“Verlogenes Pack!“

Schimpfte er verächtlich. In keiner Sekunde hatte er in Betracht gezogen, dass
man ihm glauben würde, wenn er erzählte, wie es sich wirklich zugetragen hatte.
Gedanklich hatte er sich damit abgefunden, dass er gehen musste, wenn er nicht
getötet werden wollte.


Kyrraine war
vollkommen vertieft in sein Tun, so dass er kaum auf die Worte der anderen
hörte. Außerdem knurrte sein Magen und somit hatte das vor allem Priorität.
Doch als sein Vater mit einem Mal auftauchte setzte er sich nun doch erst ein
Mal vollkommen baff auf. Eben wollte er schon freudig auf ihn zulaufen und ihm
von dem Elrebnis erzählen, da klappten seine Ohren fassungslos zurück.
Sein eigener Vater, Attache...er hatte es gesehen und nichts getan?
Kyrraine wollte im ersten Moment seinen Ohren gar nicht hören. Zu baff machte
ihn das gehörte. Er hatte dort unten gesessen und beinahe der Panik nachgegeben
und sein Vater hatte zugesehen?
Ein unwilliges Murren verließ das Maul des Jungwolfes, welches schon längst
nicht mehr an dem Federtier herumkaute. Statt dessen fixierten die Himmelsaugen
seinen Vater.

"Du warst die ganze Zeit da?"

,kam es beinahe anklagend von dem Jüngling. Anklagend und noch immer ungläubig.
Denn was hatte ihn davon abgehalten zu helfen? Und irgendwo tief in sich fühlte
sich Kyrraine mit einem Mal unsicher. Vielleicht war er einfach schon zu alt
geworden und seine Eltern würden ihm überhaupt nicht mehr zur Seite stehen?
Möglicherweise musste er von nun an tatsächlich vollkommen alleine auf seinen
pfoten stehen. Und in jenem AUgenblick sehnte er sich mehr als zuvor nach seinen
Schwestern.
Als Kyro auf die Worte seines Vaters reagierte schob er sich langsam neben Kyro,
wobei er dessen Haltung entweder vollkommen ignorierte oder nicht wahrnahm, denn
sein Blick war immer noch auf seinen Vater gerichtet.

"Nun sei doch nicht so! Er hat mir geholfen! So wie du es nicht getan hast. "

,beschwerte er sich und schüttelte etwas überfordert den Kopf. Irgendwie war ihm
das ganze zuviel. Erst die Anstrengung aus dem Loch wieder heraus zu kommen und
nun das. Wo steckten nur seine Schwestern, wenn er sie brauchte? Oder würden sie
etwa auch nur lachen und erklären sie hätten zugesehen?


Aufmerksam lauschte
die junge Fähe den Worten der Schwarzen, während sie leicht ihren hübschen Kopf
schief legte. Eine Gewohnheit aus der Welpenzeit, die bereits so lange her
schien, dass die ersten Erinnerungen bereits anfingen zu verblassen. Ayura hatte
bereits vergessen, wie schön es war, sorgenlos durch die Welt zu gehen, die
Augen voller schöner Dinge. Es war eine wunderschöne Zeit gewesen, in der Leid
und Schmerz noch nicht existiert hatte, in der das Gefühl von Hoffnungslosigkeit
fremd war. Doch auch bei Daina schien diese Zeit der Naivität lange nicht mehr
zu existieren.
Die seegrünen Augen der Hellen betrachteten die gleichaltrige Fähe mit einem
beinahe mitleidigen Blick. Sie konnte es nicht ertragen, die Schwester ihrer
besten Freundin so niedergeschlagen zu sehen und obgleich sie Recht hatte, dass
die beiden sich eher weniger kannten, so war Ayura doch der Meinung, dass es
mehr an Dainas Selbstkritik lag. Doch diese Meinung behielt die Tochter des
Alphas lieber für sich. Womöglich würde die Schwarze sich beleidigt fühlen, wenn
sie es ihr sagen würde. Und so nickte sie verständnisvoll und verharrte in
stillem Schweigen.
Als Daina das Thema wechselte, entschloss Ayura sich, nicht weiter nachzuhaken.
Sie konnte sich vorstellen, wie Iljas Schwester sich fühlen mochte. Vielleicht
war es tatsächlich besser, wenn man dieses Thema erst einmal dabei beließ.
Möglicherweise würde die Dunkle es sich irgendwann noch einmal überlegen und
ihre Meinung über sich und die Welt ändern.

“Ich habe mich nicht herumgeplagt. Es hat mir nicht das Geringste ausgemacht,
dir zuzuhören, Daina.“


Erklärte sie ehrlich und zauberte wieder ein freundliches Lächeln auf die
weichen Lefzen.

“Aber wir können gerne ein Stück zusammen gehen, oder etwas jagen. Es wird
bestimmt lustig. Das Jagen ist eigentlich gar nicht so schlimm. Ich bin mir
sicher du wirst es auch ganz schnell beherrschen und Spaß daran finden!“


Ermutigend schaute sie die Schwarze an, ehe ihr Blick kurz in die Ferne
schweifte. Sie entdeckte ihren Bruder, der soeben einen Hasen erbeutet hatte,
der nun schlaff in seinem Maul hing. Ein plötzliches Jagdfieber ergriff die
junge Fähe und sie sehnte sich nach dem warmen Blut der Beute, das zähflüssig an
ihren Lefzen heruntertropfte. Erwartungsvoll blickte sie die Weggefährtin an und
machte einen kleinen Satz nach vorn. Bevor man jagen konnte, brauchte man erst
eine Fährte.


Daina nutzte die
Tatsache aus, dass Ayura einen Themenwechsel zuließ und ging nicht weiter auf
den ersten Satz der Hellen ein. Sie wollte nicht länger dieser Gefühlsduselei
nachgeben und ebenso wenig wollte sie in Selbstmitleid versinken. Es war nicht
schwierig zu bemerken, dass der Vorschlag, zu jagen, bei Ayura voll ins Schwarze
getroffen hatte. Daina konnte es in ihren Augen sehen und an der dunklen
Schnauze, die unwillkürlich zu wittern begann.

Spaß finden am Jagen, wie lächerlich! Es war eine verdammte Notwendigkeit, ein
Muss, wenn man allein überleben wollte. Sie hatte doch gar keine Wahl, ob sie
jagen lernen wollte oder nicht, es wurde ihr von der Natur vorgeschrieben. Wie
gerne hätte sie sich dagegen gewehrt, aber jeder Trotz wurde von einem leeren
Magen erweicht, bis man schließlich nachgab. Langsam senkte Daina ihre Nase zum
Boden und witterte. Es kam ihr vor, als täte sie das nur Ayura zuliebe, doch
insgeheim war das kein bisschen wahr, denn sie selbst war hungrig genug, um
ihren widerspenstigen Geist aufzugeben.

"Schnüffel, schnüffel."

Sagte sie genervt, als würde es irgendetwas helfen, wenn man seine Absichten
laut aussprach. Es war hoffnungslos, sie hatte einfach nicht den Ehrgeiz, sich
zu konzentrieren.

"Nichts gefunden, wie schade. Dann müssen wir wohl was anderes machen."

Rasch sprudelten die Worte aus ihr heraus, während sie unauffällig in der Gegend
herum schaute, ganz so, als hätte sie dieses Thema bereits vollkommen abgetan.
Lieber wäre es ihr ja. Konnte nicht einfach jemand anderes für die Jungwölfe
jagen, so wie früher? Sie war doch seit dem zarten Alter von ein paar Tagen kein
Stück besser geworden im Jagen, warum sollte sie das jetzt also selbst machen?
Unfair.


Beinahe ein wenig abwesend hingen Shanayas bernsteinfarbigen Augen auf den
Wölfen der kleinen Runde. Die friedliche Ruhe des Tages war auf einmal
dahingeschwunden und zurück blieben gespaltene Gefühle von Trauer und
Einsamkeit. Sie fühlte sich verloren in der kleinen Gruppe, wusste weder vor
noch zurück. Es fühlte sich falsch an, weiter bei dem Alpha und seiner
Gefährtin, oder bei Kiba zu verweilen, doch ebenso falsch schien es, sich
davonzuschleichen. Die junge Fähe sehnte sich nach ihrem schwarzen Freund, den
stummen Beobachter, doch er war nicht da. Oder …?

Die feinen Ohren schnippten ruckartig nach hinten, als sie die Stimme hörte, die
ihr Herz in Wallung brachte. Es war, als hätte der schwarze Rüde ihren stummen
Ruf erhört. Er war gekommen um sie aus dieser misslichen Lage zu ziehen.
Sichtlich erleichtert lehnte sie sich gegen seinen muskulösen Körper und vergrub
ihre Schnauze tief in sein Brustfell. Sein einzigartiger Geruch füllte die
sensible Nase und langsam schloss Shanaya die gelben Seelentore. Ein seltsamer
Friede breitete sich in ihr aus und die verlorene Ruhe kehrte zu ihr zurück. Sie
lächelte.

“Du bist gekommen …“

Nuschelte sie in den Pelz hinein. Wie froh sie doch war, dass er nun bei ihr
war. Er würde immer bei ihr sein, wenn sie ihn brauchte, da war sie sich sicher.
Nichts konnte sie trennen, sie waren Eins.
Langsam blickte sie auf, rieb ihren Kopf leicht gegen seinen und schleckte ihm
ein paar Male dankbar mit der Zunge über die Wange, während sie helle Fieplaute
von sich gab um ihre Zufriedenheit zu zeigen. Die Welt um sie herum verschwamm
zu einer undurchsichtigen Einheit. Es waren nur noch sie beide.
Es geschah viel zu schnell, als dass sie hätte reagieren können. Sie hatte es
kommen sehen, sie sah die beige Fähe, die in rasantem Tempo auf sie zu rannte.
Sie vernahm die Details dieses Momentes überdeutlich, sah die einzelnen Haare
der Fähe, hörte das Knirschen des Schnees unter den trommelnden Pfoten, fühlte
den Schock, der ihr in den Gliedern saß … Und dann lag sie plötzlich im kalten
Schnee. Weiches Fell drückte sich an sie und hinderte sie am Aufstehen. Sekunden
später spürte sie, wie die Beige versuchte aufzustehen, sie vernahm die Worte,
die verängstigte Stimme, doch sie konnte keinen Sinn in dessen Bedeutung sehen.
Einen Moment lag sie mit geschlossenen Augen da, fühlte die Kälte, die durch den
dicken Winterpelz sickerte. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihrer Schulter an der
Stelle, wo Yukí sie gerammt hatte. Shanaya seufzte und hob benommen das
wohlgeformte Haupt. Schwankend schweifte ihr Blick durch die Runde. Demon, Kiba,
Aramis, Lajila. Alle waren sie noch da und nun befand sich auch Yukí bei ihnen.
Auf der Seite liegend starrte sie die Helle an. Sie schien merkwürdig
verängstigt zu sein, worauf die Schwarze keine Erklärung hatte.

“Was … was war das?“

Verwirrt blieb sie liegen und wartete auf eine Antwort, wobei sie selbst nicht
sicher war, an wen sie die Frage nun genau gerichtet hatte.


Der Alpha schmiegte sich
einige Momente Gedankenverloren an seine Gefährtin. Ihre Wahl war auf ihn
gefallen, auch wenn der weiße Rüde sicher eine ebenso gute gewesen wäre. Doch
anscheinend hatte Wulf ein Einsehen gehabt und gesehen wie dringend der Leitwolf
jemanden gebraucht hatte, der sein Herz erwärmte. Und genau dies schaffte Lajila
in jeder Minute ihres gemeinsamen Seins. Selbst wenn sie einander nicht sahen,
ihre Herzen wichen nie von einander.
Seine Ohren spielten und er hörte wie Demon ebenfalls auf die Gruppe zukam und
schließlich Shanayas Namen leise aussprach. Ein Lächeln schlich sich über seine
Lefzen. Also hatten auch die Jungen ihr Glück gefunden. Es freute ihn, dass
Demon anscheinend doch Worte gefunden hatte um sich auszudrücken.
Warm hapste er nach einem der beiden Ohren seiner Gefährten und zupfte liebevoll
daran. Und dann ging alles sehr schnell. Eine beige Wölfin die er rasch als Yuki
erkannte, rannte direkt auf die kleine Gruppe zu und erfasste dann Shanaya.
Aramis war so verdutzt, dass er in diesem Moment zu keiner Regung mehr fähig
war. Er sah wie Shanaya fiel, sah wie die beiden Wölfinnen im Schnee landeten.
Er wollte Knurren, wollte die Fähe zurechtweisen doch dann lag sie wie ein
Haufen Elend im Schnee und zitterte.
Er roch ihre Angst. Sie erfüllte die Luft um die Fähe herum, vertrieb jeden
Gedanken an Frieden und Hoffnung. Eben war er noch völlig entspannt gewesen,
doch nun war er alarmiert. Es mochte sein das Yuki vorlaut und sonst was war,
aber verängstigt hatte er sie noch nicht erlebt. Seine Pfoten führten ihn näher,
langsam aber vorsichtig. Manchmal bissen verängstigte Wölfe schneller zu als
einem lieb war.

“Yuki…was ist los? Wer wird uns umbringen? “,

auch wenn seine Stimme erstaunlich ruhig war, so schwang doch der Drang nach
einer Antwort in ihr. Er wollte wissen was los war. Vielleicht war er nur der
Leitwolf, ein Rebell der dazu ernannt worden war, aber sein Beschützerinstinkt
der tief in seiner Seele verwurzelt war, griff auf jedes Rudelmitglied über. Und
niemand der einem “seiner” Wölfe etwas antun wollte, war sicher auf dieser Welt


Der junge Rüde lächelte
als Shanaya sich an ihn schmiegte. Er spürte ihre Bedrücktheit, doch jene
verschwand rasch als sie sich an ihn lehnte. Demon war erleichtert. Sie war hier
und schien auch bei keinem anderen Wolf sein zu wollen. Sanft schleckte er ihr
über den Kopf, zupfte wie auch der Alpha es bei Lajila getan hatte an einem
ihrer Ohren und seine Wahrnehmung verschwand in dichtem Nebel. Sie waren eins.
Nur sie beide zählten. Nichts auf dieser Welt konnte daran…
Plötzlich wurde Shanaya von ihm weg gerissen und der Nebel riss beinahe schon
schmerzhaft auf. Er war überrascht und konnte die Situation gar nicht so schnell
erfassen wie sie geschah.
Was er sah ließ sein Herz zu einem kalten, bösen Klumpen zusammen krampfen ehe
ein mörderisches Knurren aus seiner Kehle erklang. Er realisierte nicht das es
Yuki war, die dort seine geliebte Shanaya umrannte sondern sah nur einen beigen
Wolf der seine- ja verdammt- seine Gefährtin in den Schnee warf. Die schwarzen
Lefzen zogen sich weit nach oben als er vor sprang, er wollte ihm weh tun diesem
Wolf. Wollte seine Zähne in das Fleisch des Wolfes bohren und Blut schmecken.
Woher all jene Gedanken, all jene Wut kam, konnte er gar nicht sagen. Aber das
war sowieso unwichtig.
Doch dann trat der Alpha zwischen ihn und sein Opfer. Demon stieß beinahe ein
Fauchen aus, aber diesen Dämpfer hatte er gebraucht. Selbst wenn er vor lauter
Wut beinahe blind gewesen war, den Alpha anfallen zählte zu jenen Dinge die er
nicht tun würde. Finster starrte er knurrend die Wölfin an und langsam erzählte
ihm sein Verstand, dass es Yuki war und sie völlig verängstigt war.
Sein Blick eilte zu Shanaya. Sorge leuchtete anstelle von Wut in seinen Augen
als er zu ihr trat.

“Liebste… tut dir etwas weh?”,

murmelte er nahe ihrem Ohr, gerade so das sie es verstehen konnte. Ihre Frage
blieb indes unbeantwortet, denn er wusste es selbst nicht.


Wieso war die Welt so
voller Idioten? Er hatte mit seiner Tochter ja schon einen tollen Fang gemacht,
ber hier hatte er ja auch nicht wirklich Glück gehabt. Vielleicht zog er Idioten
an? Er war einfach zu weich. Auf ihre Worte hin rollte er fast mit den Augen,
beherrschte sich aber. Er musste ihr Vertrauen gewinnen, also stand er brav da
und nickte.

“Ja, nichts besonderes.“

Sie sollte aufhören zu fragen, neugieriges Biest. Sie sollte ihm einfach nur
sagen, wo seine Tochter war, damit er diese ganze Dummheit schnell hinter sich
lassen konnte. Aber anscheinend dachte sie lieber noch ein Mal über seine Worte
nach. Sie war wirklich schwer von Begriff. Aber seine Lefzen zierte noch immer
dieses sanfte ruhige Lächeln. Auch wenn er lieber auf sie los gegangen wäre, um
ihr das Maul zu stopfen. Aber es waren Wölfe in der Nähe, dieser Mord würde
nicht unentdeckt bleiben. Der Weiße seufzte, richtete den grünen Blick dann zur
Seite. Und er staunte nicht schlecht, als dort eine beige Gestalt in der Nähe
stand. Oh. Ein fieses Grinsen schlich such auf die dunklen Lefzen des Rüden, als
seine Tochter ihn ansah und letz endlich davon lief. Ihr herrlicher Geruch lag
ihm nun in der Nase. Er würde sie wieder finden. Feiges Miststück. Nun wandte er
sich wieder Faite zu, vielleicht rückte sie ja noch mit einem Geheimnis heraus?
Aber natürlich nicht. Oh man.. wie konnte man nur so verzogen sein? Und dann
fragte sie schon wieder nach. Himmel. Begriff dieses dämliche Vieh auch mal,
dass er so etwas nicht hören wollte? Er trat noch einen Schrott auf die Schwarze
zu, neigte den Kopf wieder zu ihrem Ohr. Ein wahnsinniges Grinsen auf den Lefzen
hauchte er Worte in ihr Ohr, die vom selben Wahnsinn getränkt waren.

“Ich wüßte gerne, wie sie schmeckt..“

Es war auch egal, was sie wußte, und was nicht. Sie war eh viel zu unfähig, um
damit um zu gehen.


Alana spitzte
aufmerksam die Ohren, als Aszira ihr die Antwort schenkte, die sie hatte hören
wollen und machte dazu ein vergnügtes, zufriedenes Gesicht. So wie sich in die
Augen ihrer Freundin der Ernst schlich, so wurde ihr Strahlen ruhiger und
weniger aufgedreht. Der freudigen Empfindung tat dies keinen Abbruch. Es war
nicht alles rosarot, aber die Silberwölfin hielt Freundschaft für essenziell.
Und wie Aszira bewiesen hatte, stellte sie diese auch über alles andere.

“Gut. Ich würde dich sehr vermissen…“,

erklärte sie lächelnd. Zufrieden mit sich und der Welt und doch einwenig getrübt
über die Vorstellung, die Schwarze könnte tatsächlich gehen. Natürlich biss sie
sich nicht daran fest, ihre Freundin verlieren zu können, denn sie war hier,
direkt neben ihr und machte keine Anstalten, gehen zu wollen.

“Ehhy!“,

sie verzog das Gesicht und erlag dem Versuch, einen grimmigen Gesichtsausdruck
aufzusetzen. Daraus wurde eine Mischung aus Trotz, einem verkniffenem Grinsen
und irgendetwas, dass einer Grimasse ähnelte.

“Was sabberst du an meinem Ohr herum?“,

fragte sie, mit Empörung in der Stimme, ehe sie prustend loskicherte und ein
paar Hüpfer neben Aszira her sprang. Als sie wieder aufkam, versank sie ein
Stück weiter im Schnee. Scheinbar hatte sich unter der weißen Oberfläche eine
kleine Kuhle verborgen. Ein wenig ungelenkt befreite sie sich, ehe sie wieder zu
der schwarzen Wölfin hinüber sah. Welpische Freude und jedes Grinsen waren von
ihren Lefzen verschwunden. Sie hatte ihre Ohren aufmerksam nach vorne gerichtet
und beobachtete ihre Freundin, während sie ihren Worten lauschte. Sie unterbrach
die Schwarze kein einziges mal und lief ruhig und nachdenklich neben ihr her.

“Irgendwie komisch… weißt du, man könnte fast meinen, man ist selbst daran
schuld… an so was. Bei mir war es genau andersherum. Ich war immer brav und hab
verzweifelt versucht, es meinem Papa recht zu machen. Aber egal was ich tat, ich
war die einzige meiner Geschwister, die nie von ihm anerkannt wurde. Alle
machten Fehler und nur ich bekam ärger… Dabei hab ich mir so viel Mühe gegeben,
alles richtig zu machen. Ich konnte viel schneller für mich selbst sorgen. Doch
statt mir damit einen Platz im Herzen des Rudels zu sichern, blieb ich ewig die,
die nicht dazu gehörte. Ich weiß nicht warum und ich werde es auch nie erfahren.
Ich dachte immer, es wäre meine Schuld und dass irgendetwas an mir falsch sein
musste. Also ging ich und all die Zeit, die ich unterwegs war und verschiedenen
Wölfen begegnete, bestätigte sich diese Vermutung. Es musste an mir liegen. Da
war ich ganz sicher.“


Sie legte sinnierend den Kopf schief. Aus ihren Worten war keinerlei Bitterkeit
zu hören, lediglich ein gewisses Unverständnis. Es schien ihr ganz
offensichtlich egal zu sein.

“Ich denke, es lag auch an mir. Wenn man krampfhaft versucht, gemocht zu
werden, bewirkt man das Gegenteil, weil man sich selbst verleugnet. Als ich hier
her kam, war ich längst nicht mehr fähig, mich um Sympathie zu bemühen. Aber es
war auch gar nicht notwendig.“


Ein zufriedenes Lächeln legte sich über ihre Lefzen. Sie hatte für sich ein
Happy End gefunden, dass ihr niemand mehr nehmen konnte, ganz gleich was
geschehen würde. Sie hatte gelernt, dass es nicht ihre Schuld war.


Etwas überfordert mit
der Situation stand die Weiße nur da und beobachtete die beiden Rüden etwas
skeptisch. Sie schienen ja ansich sehr nett und freundlich, in keiner Weise
aggressiv oder darauf aus sie sofort wieder zu verjagen, doch was nicht war
konnte ja noch werden.
Als jedoch der nächste fremde Rüde auftauchte wich die Weiße nun doch etwas
zurück, denn wirklich geheuer war ihr das Ganze nicht. Erst irrte sie Wochen
lang, beinahe Monate lang umher auf der Suche nach Artgenossen und fand nicht
ein Mal einen Pfotenabdruck und nun waren da mit einem Mal drei auf ein Mal?
Alles Rüden und allesamt sehr schmutzig? Und zwei davon hatte sie auch noch aus
einem Loch heraus ziehen müssen. Unentschlossen - ob weglaufen oder
stehenbleiben - verharrte der Eiskristall fürs erste wo sie war. Einige
Wolfslängen von den anderen entfernt und darauf bedacht nicht zu viel
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Als sich herausstellte, dass der neu hinzugekommene anscheinend der Vater des
Jünglings war wollte sie schon aufatmen, denn immerhin hatte sie seinen Sohn
geholfen, da vernahm sie seine Worte und sofort versteifte sich ihre Haltung.
Und mit einem Mal tauchten vor ihrem inneren Auge wieder die Bilder ihrer
Welpenzeit auf. Erinnerungen, in welchen sich ihre Eltern gegenüber standen. Das
Fell ihrer Mutter, die nie wirklich ihre Mutter gewesen war, gesträubt und die
Zähne gebleckt, die immerwährende Verachtung in ihrem Blick. Und abermals sah
sie den Schmerz in dem Blick ihres Vaters. Und sie sah sich selbst dazwischen
gehen. Dazwischengehen, als kaum 2 Monate alter Welpe. Und dann spürte sie nur
mehr Schmerz. Schmerz, der in der Gegenwart nicht real war, doch in ihrer
Erinnerung lebte er weiter. Niemals hatte sie mit Bestrafungen gespart, was sie
und ihren Vater anging. Und ihren Bruder.
Mit einem atemlosen Keuchen schüttelte Cayleth den Kopf und wich mit steifen
Pfoten zurück. Die Worte von Kyro trafen auf ihre Ohren, doch ihr Inneres
erreichten sie nicht. Nur der Tonfall hallte nach. Wut, Hass, verachtung. Alles
aufgestaut in ihren Erinnerungen. Dinge, vor denen sie geflohen war. Und
anscheinend hatte es doch nichts gebracht.
Schritt um Schritt wich sie zurück. Sah zu, wie sich der Jüngere mehr oder
weniger dazwischen stellte und ihre Ohren legten sich eng an den Kopf als ein
leichtes Zittern durch ihren Körper ging. Nun würde dem Jüngling bestimmt gleich
widerfahren, was sie einst erleben musste. Er würde die Bestrafung zu spüren
bekommen. Eine Bestrafung für etwas, das niemals Schmerz verdient hätte. Und
Cayleth wandte den Kopf ab und schloss die Augen. In jenem Moment ein Häufchen
Elend, Gefangen in ihrer Erinnerung und unfähig sich zu bewegen.


Das dunkle
Rudelratsmitglied hatte für einen kurzen Moment alles um sich herum
ausgeblendet. Nicht, weil es für sie keine Rolle spielte, denn das tat es sehr
wohl. Doch einfach deshalb, weil dieser Moment der Eintracht und Ruhe schon viel
zu lange auf sich hatte warten lassen. Und nun wollte sie ihn auskosten.
Doch anscheinend war ihr das nicht allzulange vergönnt, denn als mit einem Mal
eine kopflose Yuki herbeistürmte, promt Shanaya von den Pfoten fegte und dann zu
Boden sank hob auch Lajila den Kopf und kehrte in die Gegenwart zurück. Und
diese bestand nun traurigerweise nun ein Mal nicht aus Eintracht und Ruhe
sondern aus Chaos, Verwirrung und allen nur möglichen Bedrohungen.

"Wer tut was?"

Kam daher die Frage etwas irritiert von der Dunklen, ehe sie einen Schritt zur
Seite trat und überlegte, was zu tun war. Um Shanaya wurde sich bereits
gekümmert. Daher näherte sie sich vorsichtig der vollkommen verstörten Yuki und
lies sich neben ihr auf die Hinterläufe sinken um ihr etwas beruhigende Nähe zu
spenden.

"Wir sind ja hier..."

,verfiel sie in einen eher mütterlichen Tonfall, den sie auch damals bei ihren
Kleinen angewandt hatte, als jene noch klein und hilflos gewesen waren und zu
jung um die Welt zu begreifen. Wie schnell doch die Zeit verging.
Warm lag der Blick aus den braunen AUgen auf der Wölfin, abwartend ob sie ihre
Worte noch etwas ausbauen würde um verständlich zu machen was genau sie meinte.

Im gleichen Moment jedoch hob sie den Kopf wieder und suchte mit ihrem Blick
nach ihren Jüngsten. Denn falls wirklich solch große Gefahr bestand wollte sie
sie in ihrer Nähe wissen.


Liebe. Überall war
Liebe. Liebe, Zärtlichkeit und der Drang nach Nähe. Lajila lehnte sachte am
starken Körper des Alphas, schien alles um sich auszublenden. Aramis ging es
genauso. Es gab nur ihn, seine Geliebte und das stille Tanzen des Schnees. Kiba
drehte sein Haupt ängstlich zu Shanaya, seiner schwarzen Freundin, die ebenfalls
im Fell des Schwarzen versunken war. Und Kiba? Der Weisse stand alleine im
glitzernden Schnee, umzingelt von Liebe. Seine Lunge zog sich zusammen, flach
atmete der Rüde. Am liebsten hätte er laut geschrien und alle verjagt. Hätte am
liebsten so lange einen Klang aus seiner Kehle fahren lassen, um selbst den
Schnee von den Ästen zu donnern. Wie konnten sie nur alle dastehen, sich lieben
und sich aneinander drücken, und ihn dabei vergessen?! Kiba sah wieder zu
Lajila. Lajila, eine Fähe, die mehr war als eine Freundin. Zumindest für ihn.
Natürlich mochte die Schwarze ihn auch, er war ja auch Pate von Aakalliko
geworden. Sie vertraute ihm. Aber es war nicht mehr. Nur in den sonnigen Träumen
vom Weissen war die Fähe seine Gefährtin. Aber hier in der kalten Realität...

Keine Sekund hätte sich der Rüde länger Gedanken zu seinen Gefühlen machen
können, denn da schoss auch schon eine Fähe auf die Gruppe zu und riss Shanaya
von den Pfoten. Schnee wirbelte auf, so, dass für einen kurzen Moment Kiba im
Weiss unterging. Yuki. Voller Panik wirbelte die Fähe umher und stammelte etwas
vor sich hin. Kiba weitete seine Augen, unruhig schnippten die Ohren hin und
her. Demon kümmerte sich bereits um seine neue Liebste, Aramis und Lajila
schienen Aufmerksam auf die panische Fähe zu blicken. Und Kiba?
Langsam senkte sich das weisse Haupt, immer noch verwirrt und voller Schmerzen
machte der Rüde ein zwei Schritte nach Hinten, ehe er sich ganz aus dem Staub
machte. Weg, einfach nur weg.
Links, Rechts. Schnell spielte sich ein Rhythmus ein. Die Atmung stockte teils
noch, das Herz raste. Gefühle jagten durch den Kopf des weissen Rüden und die
Worte Yukis hallten im Ohr. Falls es wahr war, was sie sagte, dann müssten sie
jetzt handeln. Besonders Kiba hätte den Schwanz nicht einziehen dürfen. Aber wie
schon so oft in seinem Leben flüchtete er. Nicht einen Atemzug dachte er ans
Umkehren. Immer weiter lief Kiba durch den Schnee, den Kopf gesenkt, die Nase
beinahe im Schnee. Lange lief der Rüde nur so vor sich hin, versunken in
Gedanken. Kaum merkte er, wie lange er sich regelmässig fortbewegte, kaum merkte
er, wie die Landschaft an ihm vorbei zog. Lange schritt der Weisse durch den
Schnee und vertrödelte kostbare Zeit. Plötzlich, nach längerem einsamen
Umherirren, jagte ihm einen Geruch in die Nase. Kyro, Kyrraine und Attaché. Aber
nur sehr schwach. Etwas stiess viel mehr hervor. Es war fremd und... neu.
Umkehren? Es war zu spät. War dies etwa das Geschöpf, von dem Yuki sprach? Mit
weit aufgerissenen Augen hob Kiba seinen weissen Kopf und starrte auf ein Bündel
Elend. Eine weisse Fähe, fremd und doch mit dem Geruch von Freunden vermischt.
Kurz entschlossen ging der Rüde auf die Fähe zu, hielt aber trotzdem Abstand –
einerseits, um sie nicht zu erschrecken, anderseits aus dem Grund Yuki. Links,
Recht, Rhythmisch bewegten sich die Läufe und sachte schwankte die Rute hin und
her. Vielleicht war sie die Möglichkeit, sein Verschwinden zu entschuldigen...?


"Hallo, fremde Fähe. Fürchte dich bitte nicht. Mein Name ist Kiba. Hab keine
Angst, ja? "


Kurz sah er mit einem weichen Blick in die Seelnspiegel der Fremden. Ihr Fell,
das jene Tore umzingelte, war weiss und klar. Hätte er selber keine leichten
silbernen Zeichnungen gehabt, hätte er ausgesehen wie sie. Und der Schnee. Kurz
schmunzelte Kiba und vergass sein Gefühlskampf von vorhin. Zwei weisse Wölfe im
Tanz des Schnees.

"Was ist geschehen? Ich pass schon auf, dass dir niemand etwas tut..."

Was tat Kiba da nur? Eben floh er mit wirren Gedanken aus einer Lage, die ein
Betawolf hätte bewältigen müssen und nun spielte er den grossen Beschützer. Ob
das gut kam? Vorsichtig nahm der noch zwei weitere Schritte, bis er nur noch
eine Wolfslänge vor ihr zum Stillstand kam. Mit einem lieben Lächeln auf den
Lefzen.


Eben noch, da war die
Weiße überrannt worden von längst vergangenen Gefühlen, da wurde Cayleth mit
einem Mal bewusst, dass sie nicht mehr alleine war.
Schritt für Schritt hatte sie sich von den drei Rüden entfernt, bis sie nur mehr
eine Witterung waren, verborgen durch die Schneewehen. Schneewehen, die ihre
Pfoten begruben und ihr Fell abermals lehrte, was es hieß Kälte zu spüren. Doch
dieses Mal nahm sie jene Kälte nicht wahr.
Nun jedoch, wo sie sich der Gegenwart des anderen bewusst wurde, ehe jener
überhaupt zu sprechen begann, hob sie ihren Kopf und ihre braune Augen musterten
den Fremden wenig überrascht. Es war eher Unglauben, den sie für einen Moment
fühlte. Konnte es in jener seltsamen Welt wirklich soetwas normales wie einen
weißen Wolf geben? Einen weißen Wolf, wie sie es war, wie es ihr Bruder gewesen
war und alle anderen Wölfe die sie bis dahin gekannt hatte?

Cayleth hatte es noch gar nicht gewagt soetwas zu hoffen. Doch nun, wo jener
Wolf vor ihr stand und auch zu ihr sprach, da sank sie zu Boden, bis der Schnee
sich ihrem Körper annahm und die Konturen verschmelzen lies. Nur die braunen
Augen stachen klar daraus hervor. Doch sie hatte sich nicht fallen lassen, weil
sie den Fremden fürchtete, sondern weil eine innere Anspannung nachgelassen
hatte und sie sich mit einem Mal seltsam befreit fühlte.
Moment, was hatte der Weiße gesagt? Kiba?

"Kiba"

Sie wiederholte den Namen leise, beinahe andächtig, ehe sie sacht ihre Pfoten
streckte und sich dann langsam wieder in die Höhe zog bis sie wieder stand.
Einige Schneebrocken hingen in ihrem Fell, doch das nahm sie nicht ein Mal wahr.
Ihr Blick war fest auf den Wolf vor ihr gerichtet. Als würde er verschwinden,
wenn sie den Blick abwandte.

"Ich bin Cayleth"

Sie benötigte momentan keine großen Worte, keine langen Sätze oder ausführlichen
Erklärungen.

Doch seine nächsten Worte erwärmten ihr Herz und gaben ihr das Gefühl,
vielleicht doch nicht falsch abgebogen zu sein. Womöglich hatte sie endlich das
einsame Wandern hinter sich gelassen und Wölfe gefunden, denen sie sich
anschließen konnte.
Als Kiba näher trat, da neigte sie den Kopf sacht zur Seite und witterte. Sein
GEruch war angenehm und die Stimme einladend. Sie weckte keine negativen
Erinnerungen in ihr, jedoch auch keine angenehmen. Denn selten hatten Wölfe
ihres Rudels freundlich und ohne Hintergedanken mit ihr gesprochen. Es war eine
neue Erfahrung für den Eiskristall. Und sie konnte nicht sagen, dass es eine
unangenehme Erfahrung war. Im Gegenteil, es gefiel ihr.

"Wölfe...die streiten. Kyro und...ein anderer"

Bestimmt keine ausreichende Erklärung. Und sollte Kyro diesem Weißen unbekannt
sein, dann würde er sich bestimmt noch weniger auskennen. Doch für Cayleth war
das in jenem Moment nicht wichtig. Es fühlte sich nur richtig an, überhaupt
darüber zu sprechen, egal wie wirr ihre Worte auch klingen mochten.
Vertrauensvoll betrachtete sie den Rüden vor sich, fühlte weder ANgst noch
Misstrauen sondern eher soetwas wie Neugierde. Neugierde und eine innere
Verbundenheit. Und auch, wenn er doch anders war, in seinem Verhalten, seinen
Worten und seinem Aussehen, so erinnerte er sie doch auf irgendeine seltsame Art
und Weise an ihren Bruder. Jenen Wolf, der ihr immer zur Seite gestanden war.
Eine Eigenschaft, die sie auch in jener Situation gut gebrauchen konnte.


Kein stockender Atem,
kein Knurren, keine zitternde Muskeln. Nur ein Funkeln in den Augen. Nur? Kiba
fasste neuen Mut, sah zu, wie der geschmeidige Körper in den Schnee sank und
somit fast ganz im Tanz des Schnees versank. Der Tanz ohne Sorge. Die Gedanken
an die unangenehme Situation von zuvor waren ganz weg, selbst der Stein im Magen
wegen Yukis Worten. Das Glitzern in den braunen Seelentoren stärkte den Weissen.
Kiba schluckte und verfolgte jede Hebung und Senkung des Brustkorbes und beim
leisen erklingen seines Namens sträubte sich sein Nackenhaar. Sie reckten sich
dem Himmel entgegen, wie es nun auch die Fremde Fähe wieder tat. Schnee fiel auf
den schon bedeckten Boden und nur kurz nahm der Rüde seinen Blick von ihr, um
einer Flocke zuzusehen. Schnell schwangen die bernsteinfarbenen Augen zurück auf
den schlanken Körper und neugierig lauschte er dem Klang des Namens ihrerseits.
Cayleth. Kiba liess sich den Namen einige Male durch den Kopf wandern und
stellte fest, dass er schön war. Rein und schön. Kiba reckte seinen Hals und
blinzelte, sog den Duft ein und klammerte sich an ihn fest. Erst als Cayleth
weitersprach, glitt aus der Kehle kurz ein Knurren.

"Kyro? Streit?"

Jetzt hätte Kiba erneut gerne mit seiner gesamten Kraft gehuelt. Kyro und
Streit, Wörter, die nicht zueinander gehörten. Was hatte der Rüde jetzt wieder
angestellt? Eigentlich wollte er es gar nicht erst wissen und so kam es, dass
der Weisse mit einem Schütteln des Hauptes den Schreck wieder aus seinem Gesicht
schüttelte.

"Ach, Kyro..? Ja, das kann gut sein..."

Kiba lächelte, schämte sich innerlich, dass er die Bedeutung links liegen liess.
Dennoch störte es ihn jetzt nicht sonderlich. Warum auch. Der Weisse nahm die
letzten Schritte auf die Neue hinzu und stubste sie sachte mit seiner warmen
Nase an. So konnte er ihren süsslichen Duft noch besser riechen und noch besser
einprägen. Der Duft beruhigte.

"Woher kommst du, Cayleth? Und weshalb bist du hier"

So viele Fragen kamen plötzlich hoch. Kibas Interesse war geweckt.


Ihr rasendes Herz
ließ ihr keine Ruhe, schwächte sie. Lähmte ihren Körper. Sie spürte keinen
Schmerz, nur die endlose Angst. Im ersten Moment glaubte sie, dass ihr Vater
bereits hinter ihr stand, meinte seinen Atem auf ihrem Pelz zu spüren. Aber er
war nicht hier, war entfernt.. bei Faite. Faite.. FAITE! Yukí wollte schreien,
zu ihr rennen, sie beschützen. Aber sie konnte sich nicht bewegen, keinen
Schritt gehen. Sie hörte Shanayas Stimme und dann ein Knurren. Yukí jaulte auf,
drückte sich noch fester auf den Boden. Sie hatte nichts getan..! Sie hatte
nicht gewollt, dass er herkam.

“Ich.. bitte.. tu‘ mir nichts..“

Aber Demon verstummte, und eine andere Stimme drang an ihr Ohr. Aramis.. er
konnte ihr helfen.. Er war der Alpha.. er würde ihr helfen. Inzwischen war
Demons Knurren verstummt, er kümmerte sich um Shanaya. Aber Yukí konnte sich
nicht aufrappeln, sich nicht bewegen.

“Er.. er ist hier..“

Die Stimme der Beigen zitterte. Lajila trat nun auch zu ihr, setzte sich neben
sie. Die Fähe wimmerte, kniff die Augen zusammen. Nichts sehen, nur daliegen. Er
sollte verschwinden, aus ihrem Kopf, aus ihrem Leben. Einfach nur verschwinden.
Sie war dankbar, dass diese Wölfe ihr beistanden, auch wenn sie nichts tun
konnten. Sie waren vollkommen machtlos. Wenn er sie mit sich nehmen wollte..
dann würde er dies auch tun. Kein Wolf der Welt würde ihren Vater daran hindern.
Nicht Lajila, nicht Aramis. Genau so wenig wie.. Faite. Sie betete immer noch
darum, dass es der Schwarzen gut ging. Es musste alles ok sein.. Yukí legte die
Ohren an den Kopf, blickte kurz zu Shanaya. Shanaya.. wenn sie hier wäre.. wnen
ihre Tante bloß bei ihr wäre. Wie gerne hätte sie nun das Gesicht im Fell der
Schwarzen versteckt, bei ihr Schutz gesucht. Aber.. sie war tot. Sie würde sie
nie wieder sehen.

“Ich will nicht sterben..“

Sie konnte ihnen nicht sagen.. wer. Sie würden zu ihm gehen. In seine Falle
gehen. Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass sie starben.. Sie wollte
das alles nicht.


Die braunen Seelenspiegel hatten sich auf den weißen Rüden gerichtet und nahmen
jede seiner Bewegungen wahr. Die weißen Ohren drehten sich so, dass sie jedes
seiner Worte verstehen konnte, so dass ihr kein einziges Wort entging. Auf
irgendeine seltsame Art und Weise beruhigten sie seine Worte, auch wenn der
Inhalt eigentlich eher auf normaler Gesprächsbasis beruhte. Doch es war nicht
der Inhalt, der Cayleth zusagte. Zumindest nicht nur. Es war seine Haltung, sein
Blcik,s eine Stimme. Es war die Art und Weise, wie er sie ansah und wie er auf
sie zuging.
Bei seinem leisem Knurren hatte sie kurz die Ohren angelegt. Doch nicht aus
Furcht vor ihm, sondern vor dem das ihn zu einer solchen reaktion bewegte. Doch
schon seine nächsten Worte brachten die Entspannung wieder in ihren Körper
zurück.
Und als Kiba dann näher trat, war es ihr als würde seine Witterung ihren körper
umschmeicheln. Sie mit einer seltsamen Wärme einhüllen. Eine Wärme, die ihr das
Gefühl gab willkommen zu sein. Ein Gefühl, welches sie kaum kannte. Schon gar
nicht aus ihrer Jugendzeit.
Sein Stupsen brachte sie dazu für einen Moment die Augen nieder zu schlagen.
Erinnerungen stiegen in ihr auf. Doch dieses Mal waren es angenehme
Erinnerungen. Sie tobte mit ihrem bruder über die Wiesen, lief mit ihrem vater
um die Wette und wenn sie alle außer Atem waren hatten sie sich eng zusammen
gekuschelt, ihr Vater hatte sie angestupst und ihnen gesagt wie stolz er auf sie
war. Nein, es waren keine unangenehmen Erinnerungen. Sie öffnete die Augen
wieder, musterte Kiba ruhig und interessiert. Dieser Rüde weckte keine
unangenehmen Gefühle in ihr. Im Gegenteil.

Bei seinen Fragen musste sie sacht lächeln. Und das überraschte sie selbst, denn
ansich hatte sie keinen Grund dazu. Doch es fiel ihr soviel leichter zu Lächeln,
nun wo er in der Nähe war.

"Ich komme aus...also ich weiß nicht genau wie das Land sich nennt. Wir
nannten es immer nur Eisland. Aber es hatte viele namen. Land des Schnees, land
der Träume. Verlorenes Land..."


Ihre Stimme war leise, die Worte bedacht gewählt. So als wüsste sie nicht recht
ob sie positiv oder negativ von ihrer Heimat sprechen sollte, die ihr nie das
Gefühl gegeben hatte ihre wirkliche heimat zu sein.
Kurz neigte sie den Kopf zur Seite, den Blick an Kiba vorbei gerichtet. An einen
unbestimmten Punkt.

"Irgendwie war es das alles. Jeden einzelnen tag des jahres lag Schnee, auch
wenn es nur selten schneite. Aber es war kalt. Auch wenn oft die Sonne vom
Himmel strahlte und unser Fell wärmte."


Bei den letzten Worten wurde ihre Stimme etwas melancholisch. Denn zwar war die
Sonne eigentlich immer dagewesen, doch hatte auch sie es nicht geschafft die
Herzen ihrer Familie zu erwärmen. Zu erfroren war das Wesen ihrer Mutter und
ihrer Schwestern bereits gewesen.

Als sie jedoch wieder zu Kiba blickte verschwand jener Ton aus ihrer Stimme, die
Rute schwang sacht von einer Seite auf die andere. Das land lag weit hinter ihr,
zu weit um sie noch einholen zu können. Dessen war sie sich sicher.

"ich bin hier, weil dort wo ich herkam vieles nicht...so war wie es sein
sollte. Ich war bei meiner Mutter nicht erwünscht. ich war nie ihre Tochter.
Daher zog ich mit meinem vater und meinem bruder fort. Lange Wochen und Monate.
zuerst schloss sich mein bruder einem eigenartigem Rudel an. den
Nordlichtern...dann fand mein vater jene Wölfin, wegen der er lebte. Und
ich...ich verließ sie um ihrem Glück nicht im Wege zu stehen..."


Die weißen ohren schnippten kurz. So ganz stimmte das nicht, denn ihrem vater
war und würde sie wohl niemals im Wege stehen. Doch es war sie selbst, die ihre
pfoten dazu gebracht hatte weiter zu laufen, den letzten part ihrer Familie und
ihrer vergangenheit zurück zu lassen.
Und nun, wo sie hier stand, wusste sie erneut dass es kein fehler war. Auch,
wenn sie nie daran gezweifelt hatte.

"Nun lief ich bis jetzt alleine durch die Wälder. Bis ich auf Kyro und diesen
kyrraine traf. Und nun auf dich."


Klar war der Blick, mit dem sie ihn musterte. nachdenklich. Aufmerksam.

"Ich bin lange genug alleine gewandert. ich suche...Artgenossen, Wölfe wie
ich. Ein Rudel. Wölfe die mich so nehmen, wie ich bin."


Attaché war sich der
Auswirkungen seines saloppen Scherzes durchaus bewusst, jetzt, da deutlich auf
Kyros Gesicht zu sehen war, in welche unerwartete Rage er den Rüden versetzt
hatte. Normalerweise hätte man jetzt wohl versuchen sollen, zu erklären, dass
man nur Spaß gemacht hatte und sich entschuldigt, dass es zu einem
Missverständnis gekommen war, doch der Braune fand es ziemlich albern von Kyro
einen so offensichtlich sarkastischen Streich so persönlich zu nehmen. Und
Kyrraine? Himmel, war er denn von Spießern umgeben? Der war jetzt also
enttäuscht, dass sein papi ihn nicht aus dem Loch gerettet hatte?

Attaché setzte sich gelassen auf den kalten Erdboden und sah skeptisch zwischen
Kyro und Kyrraine hin und her. Die Haltung des Älteren war so angespannt und
gereizt, dass die Luft zwischen ihnen zu flimmern schien. Was dachte sich der
Rüde nur dabei, hier solch drohende Posen einzunehmen, nachdem man nichts als
Worte verwendet hatte, die frei von jeglicher Gewalt gewesen waren. Mahnend sah
Attaché ihn an.

"Jetzt reg dich aber mal wieder ab, alter Mann! Du übertreibst die ganze
Geschichte jawohl eindeutig, mit diesen gebleckten Zähnen und den aufgestellten
Nackenhaaren."


Anschließend sah er Kyrraine an, der ihn mit solch einem fassungslosen Blick
fixierte, dass man meinen könnte, er wäre wohl der schlechteste Vater auf der
Welt.

"Und du willst mir jetzt wirklich vorwerfen, ich hätte meine Vaterpflichten
links liegen gelassen, weil ich dir die Chance gab, dich selbst aus einer
misslichen Lage zu befreien, obwohl du dich in keinerlei Gefahr befandst? Wenn
etwas schlimmes passiert wäre, wäre ich immerhin in der Nähe gewesen, ist das
nicht tröstend?"


Es stach ihn schon ein wenig, wie sei Sohn ihn gerade anbsah. Er spürte ein
wenig Wut in seinem Bauch aufkeimen, die einen schmerzenden Kloß in seinem Hals
bildete.

"Ich muss ein ewig schlechter Vater gewesen sein, dass du so von mir denkst."

Sagte er bitter und beschaute verächtlich, dass sein Sohn sich auf die Seite
Kyros gestellt hatte, obwohl er ihn nicht einmal im Wort direkt angegriffen
hatte. Nichts hatte er getan, nur einen Scherz gemacht, den keiner verstanden
hatte. Doch es tat ihm nicht Leid, so sah er wenigstens, auf wen man sich
wirklich verlassen konnte. Auf Kyrraine jedenfalls nicht.


Kyros Blick schnellte
zu Kyrraine hinüber. Was fragte der Jüngling da? Fassungslos sah er zwischen
Vater und Sohn hin und her. Was sollte das nun bedeuten? Wieso stellte sich der
Kleine dumm? Wartete man noch darauf, dass sich Kyro weiter in Schwierigkeiten
begab? Ging es etwa darum, dass er nun ausrastete, um ihn endgültig dran zu
kriegen?
Als wolle jemand diese Vermutung bestätigen, tauchte Kiba auf. Er war Beta und
hatte damit eine Stimme im Rudelrat. Diese abscheulichen Kreaturen! Nicht
wissend, was er überhaupt noch denken sollte, sah er auf den Jungrüden, der sich
neben ihn geschoben hatte. Alles in ihm sträubte sich dagegen zu glauben, dass
man auch ihn reingelegt hatte. Er wollte gar nicht in Betracht ziehen, dass
jemand ihn verteidigen könnte. Schon gar nicht ein Teil der Brut, die Attaché
und Darkjania in die Welt gesetzt hatten. Er log! Er musste einfach lügen!
Kyros Blick flog wieder zu Attaché. Irgendwie wirkte dieser nicht, als wäre das
alles ein Schauspiel.
Darkjania hatte also nicht ihre Welpen in diesen Rachefeldzug miteinbezogen.
Ungünstig, denn so fiel es ihm um einiges schwerer, in Betracht zu ziehen, dass
er Kyrraine töten sollte. Aber daran war die Idee zuvor auch schon gescheitert.
In diesem Fall war es aber auch undenkbar, Attaché zu töten. Nicht vor den Augen
seines Sohnes. Eine verzwickte Situation.
Attaché wandte sich Kyrraine zu, während Kyros Ohren sich wieder an seinen Kopf
anlegten. Damit der Kleine gar nicht reagieren konnte, trat er vor dessen Vater
und fixierte ihn.

„Ich hätte ihn töten können!“

Schrie er ihm ins Gesicht.

„Keinerlei Gefahr! Dass ich nicht lache! Ich hätte seine Kehle in Fetzen
gerissen, ehe du überhaupt gemerkt hättest, was ich tue!“


Die Stimme hatte er kein bisschen gesenkt. Ein schnauben verließ seine Kehle,
während er Attaché anfunkelte. Von dem was er sagte, war er vollkommen
überzeugt. Es stand für ihn völlig außer Frage, dass er so etwas hätte tun
könnte und dass es ein lustiger Rachefeldzug gegen Darkjania gewesen wäre. Es
hätte ihm vielleicht sogar Freude bereitet. Und er hätte es allein dafür getan,
Attachés dummen Blick zu sehen.

„Dir scheint weder das Leben deines Sohnes sonderlich am Herzen zu liegen,
noch scheinst du es mit der Rolle als Vater besonders ernst zu meinen. Du
hättest nicht zulassen dürfen, dass jemand wie ich auch nur in die Nähe dieses
Kleinen kommt!“


Er lachte gehässig und dämonisch auf.

“Von selbst wäre er da nicht herausgekommen, du Hohlkopf! Und er hätte sich
sonst was brechen können, beim Sturz, oder beim zweiten Hineinfallen. Du hast
doch nicht mal in das Loch reingeschaut!“


Kyro brüllte immer noch und merkte erst jetzt, dass er langsam außer Atem kam.
Jetzt, da er sich um Kopf und Kragen redete und sowieso schon in Rage war,
züngelte lodernd immer mehr aus seinem Inneren an die Oberfläche. Eine Woge von
irgendetwas, das er nicht benennen konnte, sprudelte und wirbelte in ihm herum,
dass er kurz taumelte.

„Du Versager! Benimmst dich wie ein Welpe und willst dich als Opfer
hinstellen? Weil dein Sohn es wagt, dich anzuklagen, vollkommen zu Recht?! Du
hockst hier draußen, in deinem Gebüsch und lachst dich kaputt? Worüber? Das Leid
anderer Wölfe? Widerlich!“


Schritt für Schritt
lief sie immer weiter, monoton und langweilig, wie immer. Irgendwie hatte sie
keine Lust mehr auf Laufen. Sie wollte auch endlich einmal ankommen, und zu
Hause sein. Einfach irgendwann mal, irgendwo zu Hause sein und sich dort
wohlfühlen können. Immer dorthin zurückkehren, ohne lange Suche, ohne langen
Weg. Das wäre wirklich schön.

Ihre Augen huschten immer Mal wieder zu diesem ominösen Bláyron, der irgendwie
seltsam war, wie er da scheinheilig neben ihr herlief. Aber vielleicht war auch
sie einfach nur ... seltsam? Scheinheilig? Für ihn war sie bestimmt die
Eigenartige. So war es und so würde es immer sein, eine rein persönliche
subjektive Einschätzung des anderen. Und auch wenn sie sich eine ausführliche
Antwort erhofft hatte, so erhielt sie diesmal nur einen knappen Satz als
Auskunft, der ihre Frage nicht in geringster Weise zufriedenstellend beantworten
konnte - war doch klar gewesen. Doch eine Bewegung aus den Augenwinkeln, ließ
sie einen Moment kürzer treten, und so ihr Tempo drosseln. Der strahlendweiße
Rüde war mit einem Mal so nah an ihr, dass es ihr eine Gänsehaut bereiten würde,
wären Wölfe imstande soetwas zu empfinden. Was zur Hö....?! Sein Flüstern war
irrsinnig, und vorallem die Worte.
Verständnislos machte die Dunkle ein paar Schritte zur Seite, um sich dem Weißen
zu entziehen, aus ihren Augen und der ganzen Körperhaltung sprach Unverständnis.
Was sollte denn das bedeuten? Was ... ? Sie konnte sich keinen Reim darauf
machen, sie hatte ja sowas von keine Ahnung. Was war das bloß für einer? Ein
Stalker, ein ehemaliger Geliebter, ein Verflossener von Yukí, der penetrant
etwas von ihr wollte? WAS wollte er wirklich? Sie schüttelte den Köpf beinahe
schon verstört wirkend, auf diese Worte.

"Was zur Hölle ...?"

Mehr brachte sie nicht raus. Es waren eben die Gedanken, die ihr durch den Kopf
gingen. Meinte er das ernst? Machte er einen Spaß? Wollte er sie verarschen,
austricksen und dann über sie lachen? Sie konnte den Rüden sowas von nicht
einschätzen. Und das passte ihr gar nicht, sodass ihre Verwirrtheit nun langsam
drohte in Wut umzuschwappen.


Schnee knirschte
unter ihren Pfoten, und verfing sich glänzend in ihrem Fell. Schneekristalle
wirbelten bei jedem Schritt auf, und vor ihr zeigte sich endlich das Ziel ihrer
Reise - das Rudel ihres Vaters. Sakura lächelte. Sie wusste viel von diesem
Rudel, und das Rudel wusste nichts von ihr. Obwohl vielleicht Noir und Katan
noch ihren Namen wissen würden...jetzt jedoch galt es ersteinmal, sich dem
Haufen zu nähern, und die Weiße beschleunigte ihren Schritt. Mit
Schneekristallen behängt lief sie näher, erkannte erste Wölfe, die sie zuordnen
konnte. Kannte sie auch nicht immer ihre Namen, so wusste sie doch um ihre
Verbindungen bestens Bescheid. Die Jungwölfin, die da gerade einen Rüden
verfolgte, der jedoch von ihr kaum Notiz zu nehmen schien, war eine gute erste
Anlaufstelle. Sie gehörte zu Darkjania, einer Fähe die Sakura schon vor der
Auflösung des Rudels gekannt hatte. Sie war jetzt Rudelratsvorstand, das wusste
Sakura auch. Ob die Schwarze je geahnt hätte, wie weit Sakura in so kurzer Zeit
kommen würde? Ob sie sich an sie erinnern würde? Die Weiße lächelte noch immer,
während die Bilder aus ihren Erinnerungen wieder eins wurden mit dem, was sich
vor ihren Augen abspielte. Die Jungwölfin war jetzt nah genug, um Sakura gut zu
hören, und weiterhin auf sie zutrabend, rief die Weiße nach ihr.

"He, Tochter der Rudelratsvorsitzenden!"

Grüßte sie grinsend, und wartete gespannt auf deren Reaktion. Woher sollte eine
Fremde wie sie auch wissen, wessen Tochter sie war? Tja. Die Weiße sah dem
Jungrüden nach, der zuvor noch das Hauptaugenmerk der Jungwölfin gewesen war.
Der hatte seine Chance wohl fürs erste vertan.

"Hast du 'ne Ahnung wo deine Mutter gerade rumtobt? Ich wollte fürs erste
hier bleiben, und brauch darum jemanden aus eurer Chefriege"


Verriet sie zwinkernd, und stellte sich Ilja nun direkt in den Weg, breit
grinsend und hoch erhobenen Hauptes.

"Ah, ich bin übrigens Sakura. Und wie heißt du?"


Der junge Wolf schien
mit jeder Sekunde die er dort verbrachte immer kleiner zu werden. Irgendwie
verstand er die Welt nicht mehr. Sein vater schien sauer oder enttäuscht zu
sein, weil er - sein Sohn - dessen verhalten nicht ganz verstehen konnte. Und
auch wenn Attàche nun sprach und seine Worte auf eine eigene Weise logisch
klangen, so konnte er sie doch nicht nachvollziehen. In jenem Moment sehnte er
sich mehr als zuvor nach seinen Schwestern, nach Sicherheit und Wärme, nach Halt
und Zuversicht. Nach einem Lichtblick in diesem Chaos.
Als dann auch noch Kyro zwischen ihn und seinen Vater trat sank der Jüngling
vollkommen zu Boden, den Bauch in den Schnee gepresst und die Welt nicht mehr
verstehend. Mit einem Mal erschien alles so unwirklich. Kyro hätte ihn töten
können?

Die Ohren des Jungwolfes pressten sich an seinen Kopf. Nicht, weil er wirklich
an den inhalt jener Worte glaubte, eher wegen der Lautstärke und des Tonfalls.
Kyro hätte ihn bestimmt nicht getötet, dazu hatte er ihm nichts getan. Um den
Hintergrund zu verstehen wusste er zu wenig. Und dass er als Mittel zum Zweck
dienen könnte kam ihm daher nicht ein Mal in den Sinn.
Somit war er für den Moment einfach nur ein eingeschüchterter und verstörter
junger Wolf, der einfach nicht mehr nachvollziehen konnte was nun geschehen war.
Und der Einfachhalber schob er das ganze dem Schneehuhn zu, zu dem er kurz
schielte. Nie wieder, würde er so ein Viech auch nur mit einem Blick -
geschweige denn dem Zucken seiner Nase - widtmen. Solche Tiere, so klein und
unschuldig sie auch aussehen mochten, brachten nur Unheil mit sich, wie man
erkennen konnte. Und für kyrraine zeigte sich da eine sehr gerade Linie. Erst
das Schneehuhn, der Sturz in das Loch, Kyro der ihm folgte, das kurze Entkommen
nur um abermals in dem Loch zu landen, das Auftauchen einer Fremden und nun das
seltsame Verhalten seines Vaters und die Worte von Kyro. Und was stand am Anfang
jener probleme? Das Schneehuhn!

Darkjania hatte eine größere Reise
durch das verstreute Rudel unternommen, um ihre Familie vollständig ausfindig zu
machen. Ilja hatte sie lächelnd nachgesehen, als diese durch den Schnee
davongetobt war, und Daina war bei Ayura gewesen - aber Kyrraine hatte sie heute
noch nicht zu Gesicht bekommen. Ebenso wie Attaché. Gut möglich, dass beide
zusammen unterwegs waren, aber dennoch wollte die Schwarze sich lieber ein
eigenes Bild machen. Es gab zuviele Möglichkeiten, die nicht so angenehm waren
wie ein gemeinsamer Vater-Sohn Spaziergang...
Die Schwarze hatte den relativ gesammelten Teil des Rudels jetzt hinter sich
gelassen, und lief zurück, weiter und weiter. Sie hatte schon ein gutes Stück
zurückgelegt, Sichtkontakt zum Rudel war nicht mehr möglich, während sie sich
diverser Möglichkeiten ausmalte, warum Kyrraine nicht mit den Anderen lief. Die
Antwort, die sie in einiger Entfernung vor sich erkannte, war deutlich schlimmer
als das meiste, was sie sich ausgemalt hatte.

Kyrraine, liegend neben Kyro, der Attaché anschrie - und nicht allzu weit
entfernt, Kiba und eine Fremde. Die Schwarze wartete nicht länger, sondern
rannte los - sie konnte kein Blut sehen, aber wenn Kyro tatsächlich ihren Sohn
angefallen hätte, so wäre sein Schicksal hiermit ein für alle Mal besiegelt!
Rasant schlugen ihre Pfoten wieder und wieder auf den Boden auf, Schnee wirbelte
bei jedem weitere Schritt hoch durch die Luft, das Schwarze Fell war schnell
verklebt davon. Die Zähne schon im Lauf gebleckt, toste die Schwarze durch all
die Harmonie bei Kiba und der Fremden, mitten zwischen den beiden entlang, weil
das der vorerst kürzeste Weg war. Mit wenige weiteren Sätzen war sie bei dem
unseligen Dreigespann, stoppte Schneeaufwühlend direkt zwischen Attaché und
Kyro, und sprang direkt wieder los, Schnappend und Grollend auf Kyro zu. Es
kümmerte sie vorerst nicht ob sie Fleisch zwischen die Fänge bekam, ob Haut und
Haar an ihren Zähnen hängen blieb, sie wollte den Grauen nur hier weg haben,
weit weg
von ihrer Familie! Immer wieder zupackend setzte sie dem Grauen
nach, bis dieser sich in Bewegung setzte. Einen bitteren Moment noch sah sie ihm
nach, war dann mit zwei Sätzen wieder bei Kyrraine, legte sich dicht zu ihm und
begann, ihm über den Kopf zu lecken. Auch wenn ihre Wut längst nicht verraucht
war, überwog in diesem Moment doch die Sorge, und erleichtert stellte sie fest
dass ihr Sohn zumindest keine sichtbaren Wunden davongetragen hatte.

"Schhhh..."

Flüsterte sie ihm beruhigend zu, und strich mit dem Schnauzenrücken über den
Körper ihres Sohnes.

"Was ist passiert?"

Ihre Stimme war erstaunlich leise, und ihr Blick huschte von Attaché zu Kyrraine
und wieder zurück, ohne dass sie aufhörte ihren kleinen Sohn zu liebkosen, der
so verloren bei ihr im Schnee lag. Der Zorn in ihrer Brust lies sie frieren,
auch wenn sie sich bemühte Kyrraine zu wärmen. Sie ahnte mehr was geschehen war,
aber bevor sie es nicht sicher wusste, wollte sie auch kein Urteil sprechen.
Zumindest nicht über jemand anderes als Kyro selbst...


Ihr Atem brannte
mittlerweile in ihrem Hals und ihrer Lunge, ein Brennen, das ihr mehr und mehr
Kraft raubte und Ilja schließlich dazu zwang, inne zu halten. Jaris war ihr noch
immer vorraus, obwohl sie schon viel Distanz zwischen ihnen gut gemacht hatte.
Das war aber nicht das Problem. Er sollte ja weiterlaufen, damit sie ihn fangen
konnte - aber er sollte auch VOR IHR weglaufen. Und das tat er nicht. Nein, das
tat er auf keinen Fall. Denn um vor jemandem weg zu laufen, musste man
ersteinmal Notiz von seinem Verfolger nehmen.
Aber Jaris ignorierte sie. Ilja war sich sicher, dass er sie längst hätte
bemerken müssen - immerhin machte sie keinerlei Anstalten, leise zu sein, auch
nur die geringste Deckung zu nutzen oder auf die Windrichtung zu achten.
Entsprechend barst die Schneedecke unter ihren Sprüngen, ging ihr Atem schnell
und laut und war sie auf weiter, offener Fläche einfach auszumachen.
Keine Reaktion seitens Jaris'. Ilja rang hechelnd nach Luft und starrte dem
Jungrüden nach. Ihr Lächeln war von ihren Lefzen verschwunden und ihre Laune
erheblich gesunken. Pah, dann eben nicht! Sollte Jaris doch mit sich selbst
spielen, so wie er sich aj auch mit sich selbst unterhielt! So richtig hatte sie
ohnehin keine Lust gehabt, sich mit ihm abzugeben! Ja, genau! Sollte er doch
sein dummes Spiel alleine spielen!
Ilja reckte die Nase gen Himmel und schnaubte pikiert, dann wandte sie sich um
und stolzierte - sofern der hoche Schnee ihr das erlaubte - zurück in die
Richtung, aus der sie gekommen war. Ein wenig zuckten ihre Lefzen, während sie
still Verwünschungen vor sich hingrummelte und sich in ihre schlechte Laune
hineinsteigerte. Schon nach wenigen Minuten war Ilja so angesäuert, dass sie
sogar den fremden Geruch, der ihr in die Nase stieg, absichtlich ignorierte. Das
ging leider nur solange gut, bis eine fremde Stimme sie ansprach, und ihr eine
weiße Fähe in den Weg trat, die Ilja definitiv nicht kannte. Zuerst war der
Blick, den Ilja auf die Fremde richtete, so verärgerte wie sie sich fühlte.
Gleich darauf wechselte ihr Gesichtsausdruck zu Überraschung, die sie sofort
hinter einer unbeeindruckten Miene zu tarnen versuchte. WIE hatte die Fähe sie
gerade angesprochen?! Woher wusste sie, dass ihre Mutter Rudelratsvorsitzende
war? Roch man ihr das etwa an?! Ilja war zu verblüfft, um gleich zu antworten,
aber die Weiße vor ihr sprach ohnehin gleich weiter. Ilja klappte der Fang auf.
Und wieder zu. Schließlich fasste sie sich und versuchte, die Fremde von oben
herab anzusehen. Als sie sprach, klang es schnippisch.

"Du weißt, welchen Rang meine Mutter hat, aber nicht, wie ich heiße? Und
nein, ich weiß nicht, wo meine Mutter 'rumtobt' - ich muss nicht mehr in
Sichtweite von Mami bleiben!"


Ilja wusste selbst nicht genau, ob sie wütend oder amüsiert sein sollte. Auf
ihren Lefzen kräuselte sich daher die Andeutung eines Lächelns, während ihre
Augen wiederum ärgerlich funkelten.

"Mein Name ist Ilja",

stellte sie sich aber schließlich doch vor.


Die Weiße lächelte,
und begann, sich die ersten Eiskristalle aus dem reinweißen Fell zu lecken. Sie
musste seltsam aussehen im Schnee, wo ihr Fell im Wettstreit mit dem Eiswasser
um die reinere Farbe stand. Zufrieden mit sich und der Welt grinste die Weiße
ihr Gegenüber an, lies die Rute sanft pendeln, und schenkte der Braunen ihre
ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Blick, den ihr Gegenüber ihr dabei zuwarf, störte
sie kein bisschen.

"Nun, man kann aus Taten lesen, aber Namen schreibt keine Körpersprache"

Erklärte sie knapp, und zog ihr Grinsen dann in die Breite.

"Das wäre wohl auch für sie ziemlich anstrengend"

Gab sie zurück, und trat einen Schritt näher.

"Wenn du mich zu einem von euren Leitwölfen begleitest, verrate ich dir auch
woher ich das weiß"


Lockte sie zwinkernd, und taperte an Ilja vorbei, wartete jedoch auf sie und sah
über die Schultern zurück. Es gab keinen Zweifel daran dass sie die besagten
Wölfe auch alleine finden und erkennen würde - aber die Kleine hatte ja eh Zeit,
und sie wäre die erste der Sakura ihr kleines Geheimnis anvertrauen konnte.
Nicht, dass es wirklich ein Geheimnis gewesen wäre...aber dennoch. Immerhin
hatte sie sich erst vor kurzer Zeit von ihrem Rudel getrennt, da wäre ein
Gesprächspartner nun alles andere als unwillkommen.


Iljas Blick lag
musternd auf der Weißen, noch immer mit einem gewissen Funkeln in den Augen. Ihr
Verärgerung war noch nicht gänzlich verraucht, dafür tat ihr Sakura zu
geheimnisvoll und zu besserwisserisch, und Ilja mochte es gar nicht, als
unwissend oder gar dumm hingestellte zu werden! Dennoch wuchs in ihr auch
Neugierde ob dieser Fremden - gerade, weil sie so geheimnisvoll tat.
Ihre Ohren klappten lauschend nach vorne, als Sakura ihr antwortete. Iljas Blick
wechselte einmal mehr zu einem überraschten Ausdruck und wurde dann skeptisch.
Sakura hatte ihr also angesehen, dass sie die Tochter der hiesigen
Rudelratsvorsitzenden war? Woran sah man sowas denn bitte schön?!

"Soso",

sagte sie nur, in dem Bedürfnis darauf irgendetwas zu erwidern. Etwas Schlaueres
viel ihr auf die Schnelle nicht ein. Auf Sakuras zweites Kommentar hin runzelte
sie lediglich leicht die Stirn, um schließlich, auf den Vorschlag der Weißen
hin, eine Augenbraue hochzuziehen. Sie wollte sie zu den Alphas führen? Einen
Moment schien Ilja zu zögern, während Sakura sich schon in Bewegung setzte und
zu ihr zurück sah, dann deutete sie ein Schulterzucken an.

"Ach, warum eigentlich nicht",

erklärte sie und kam neben die Weiße getrabt, kaum dass eben jene angedeutet
hatte, ihr Geheimnis mit ihr zu teilen. Iljas Blick schien desinteressiert, aber
es brauchte nicht viel, um die brennende Neugier hinter dieser lockeren Fassade
zu erkennen. Die Jungfähe schlug den Weg in direkter Linie zum Rudel ein, quer
durch den Schnee, während sie ungeduldig darauf wartete, dass Sakura endlich zu
erzählen begann. Schon nach wenigen Schritte konnte sie jedoch schon nicht mehr
an sich halten.

"Also, wie genau hast du meine Abstammung an meiner 'Körpersprache' erkannt?
Erzähl mir nicht, ich sei meiner Mutter ähnlich, das bin ich nämlich nicht! Ah,
aber dafür müsstest du meine Mutter ja kennen, also vergiss was ich gesagt ha-..
Moment mal!"


Ilja hielt inne und starrte Sakura wie vom Donner gerührt an...


Attaché saß beinahe
regunglos da, während Kyro ihm all die hässlichen Worte an den Kopf warf. Nur
gelegentlich erbebte seine Brust unter einem stummen, unterschwelligen Lachen,
dass sich an der Lächerlichkeit der Worte des Rüden weidete. Weder fühlte sich
der Braune angegriffen, noch sah er in Kyro eine wirkliche Gefahr für seinen
Sohn - nun, außer vielleicht dass er durch die hirnrissigen Argumente des
Älteren verblöden könnte. Es war einfach nur lächerlich, wie der Rüde sich
verhielt, ganz so als hätte man ihn beleidigt und in die Ecke getrieben. Dabei
hatte er Platz ohne Ende und niemand hier drohte ihm. Er bermerkte wohl, dass
auch Kiba sich nun in ihrer Nähe befand und auch, dass dies Kyro anscheinend
besonders ins Auge stach, doch warum sich der Rüde hier so aufführte, hatte er
immer noch nicht verstanden.

"Du würdest es nicht wagen, ihm auch nur ein Haar zu krümmen."

Sagte Attaché ehrlich. Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Leftzen. Es war
einfach absurd, wie der Rüde ihm gegenüber die Situation schilderte. Beine
brechen, Kehle zerreißen, Blut und Tod. So ein Unsinn. Lächerlich.

"Ich glaube außerdem kaum, dass du der richtige bist, einem anderen Vater zu
sagen, dass er versagt hat."


Bedeutungsvoll verließen die Worte im Flüsterton seine Leftzen, ehe er
unerwartet aufhorchte. Urplötzlich kam seine Gefährtin wie gestochen auf sie
zugerannt, mitten zwischen Kiba und Cayleth hindurch zwischen ihn und Kyro. In
nur Sekundenbruchteilen wurde Attaché bewusst, wie schrecklich die jarmlose
Szenerie auf sie wirken musste, doch er verharrte. Sie war ohnehin zu schnell in
ihrem Handeln, als dass er jetzt etwas hätte ändern können. Ein bisschen ärgerte
es ihn, dass er sich nicht mehr über den Grauen lustig machen konnte, der sich
so sehr aufgeblasen hatte, da Darkjania ihn schnappend und knurrend von ihrem
Sohn fort trieb, aber andererseits war er froh, dass er sich vor diesem Irren
nicht zu rechtfertigen brauchte.

"Hallo, Liebes. Es ist nichts geschehen, also sorge dich nicht zu sehr.
Kyrraine ist in das Loch dort gefallen und Kyro hat ihm hinaushelfen wollen und
ist dabei selbst hinein gefallen. Es war in der Tat ziemlich komisch, aber das
sieht unser Sohn eher nicht so."


Er kratzte sich etwas verschämt hinterm Ohr.


"ich habe sie nicht aus den Augen gelassen, aber ich wollte schauen, wie sie
sich befreien würden. Cayleth hat ihnen letzten Endes geholfen. Obwohl Kyrraine
zumindest auch ohne sie hinausgelangt ist. Kluger Junge eben."

Als er Cayleths Namen erwähnte, deutete er mit dem Kopf auf die Fähe, die unweit
entfernt stand. Es hatte hier wirklich keinen Grund für Aggressivität gegeben,
auch wenn sowohl Kyro als auch Darkjania einen gefunden hatten.


Der Weisse zog leicht
seinen Kopf zurück, um die Fähe zu betrachten. Der Schnee, der um sie herum
Tanzte, der weisse Boden unter den starken Pfoten und der leichte Windzug, der
das Fell im Nacken der Fremden spielen liess. Alles passte zusammen. Alles ergab
ein schönes Bild. Kiba blickte auf den Boden, wo er seine Pfote zu der ihrer
schob. Seine Pfote war auch so weiss. Leicht legte der Rüde sein Haupt schräg,
ehe er wieder in die klaren Seelentore sah und den Worten lauschte. Bei den
Worten die sanft aus der Kehle glitten, versuchte Kiba den Punkt auszumachen, an
den Cayleth blickte. Vor seinem geistigen Auge glitzerte ein Märchenland aus
Schnee und Eis. Am Himmel flogen Vögel, im Hintergrund rannten Rehe und Hirsche
um die Wette. Verlorenes Land? Hm... Die Mimik verzog sich im schmalen Gesicht
und so versuchte der Rüde, sie wieder zum Lächeln zu bringen. Sachte steiss er
sie erneut an, fiebte leise. In den Tagen, in denen Lajila traurig war, musste
er nicht viel tun, um ihr ein Lächeln auf die Lefzen zu zaubern. Wenige Worte
genügten meist. Lajila...
Kiba lauschte weiter den Worten und verdrang die schwarze Fähe aus seinem Kopf.
Zurück blieb lediglich ein schlechtes Gewissen gegenüber der Fähe, die mehr war
als nur eine Freundin.

"Klingt nach einer langen Reise. Wohin möchtest du denn...?"

.oO(...Möchtest du hier bei mir bleiben?)


Laut der Erzählung klang es nicht nach einem Ziel, das Cayleth verfolgte.
Richtig erwähnt hatte sie es dennoch nicht. Kiba sah schon, wie er neben der
Weissen auf den Rest des Rudels zumarschierte, wie er Cayleth den anderen
vorstellte. Und dann auch Lajila... Nein, auch jetzt wieder weg mit ihr. So hart
und böse es auch klang. Lajila war bei den anderen. Bei Yuki... Yuki! Ihre
Worte. Kiba riss sich aus seinen Gedanken und begann unruhig zu tänzeln. Wie
konnte er es nur vergessen. Was war, wenn...
Kiba blickte in die Augen von Cayleth

"Komm, Cayleth, lass uns etwas laufen... Komm, Liebes."

Kiba drückte ihren Kopf in Gehrichtung und begann zu laufen. Stehts darauf
achtend, dass Cayleth ja nicht anhält. Regelmässig bewegten sich Kibas Läufe,
die Flanken berührten sich. Ein ruhiges Gefühl durchströmte den schlanken
Körper. Sanft hauchte Kiba seine warme Atemluft ins Ohr der Weissen und
lächelte.


Für einen kurzen
Augenblick zuckten die weißen Ohren zurück und legten sich eng an den Kopf. Es
war jener Moment, in dem mit einem Mal eine dunkle Wölfin auf sie zu stürmte.
Und für einen Augenblick überlegte Cayleth, was bei Waka sie tun sollte. Hatte
sie etwas falsch gemacht? War sie vielleicht doch in einem Revier gelandet ohne
es zu merken und das war die Leitwölfin? Und vor allem, sie hatte nicht die
geringste Ahnung wie man sich in jener Situation verhalten sollte. Ihre Mutter
hatte immer Unterwerfung verlangt, selbst von ihnen, ihren Kindern. Selbst als
Welpe. Und später dann hatte sich jeder einzelne Wolf des Rudels ihnen
unterwerfen müssen, selbst die Alten, die Kräftigen, denn alle fürchteten die
ihre Mutter.
Doch der Augenblick zog vorüber, ebenso, wie die fremde Schwarze an ihnen
vorrüber rauschte und nichts zurücklies, als einen unangenehmen nachgeschmack
und einen Hauch ihrer Witterung in der Luft. Von entfernt, dort wo sie die
anderen zurück gelassen hatte, erklangen Kampfgeräusche. Und mit einem Mal
erschien es Cayleth logisch, dass es sich wohl um die Mutter des Jünglings
handeln musste. Oder eben doch um die Leitwölfin. Eben eines von beiden.
Doch dies war nun wieder unwichtig und der Blick heftete sich erneut auf Kiba,
den weißen Rüden vor ihr. Am liebsten hätte sie leise aufgeseufzt. Er war so
lieb zu ihr, so freundlich, so vertrauensvoll, als würden sie sich schon ewig
kennen. Sie beobachtete jede seiner Bewegungen und fühlte sich sicher in seiner
Nähe. Kein Gedanke galt mehr den anderen. Denn sie war hier, bei Kiba.
Seine Frage bewegte ihre Ohren wieder dazu sich aufzurichten, die Haltung
entspannte sich wieder und für einen kurzen Augenblick schien sie unschlüssig,
was sie antworten sollte.

"Wohin?"

Sie wiederholte die Frage langsam, bedächtig und etwas unsicher ob er vielleicht
damit andeuten wollte, dass sie nun doch weiter musste.

"Ich suche eigentlich keinen Ort. Nicht wirklich. Nichts bestimmtes
zumindest. Eigentlich suche ich nach Wölfen, mit denen ich leben kann. Ob ich
nun mit ihnen laufe oder wandere oder mit ihnen in einem Revier lebe ist mir
dabei egal..."


Unschlüssig zuckte sie mit den Ohren, senkte kurz den Blick und hob ihn erst
wieder bei seinen nächsten Worten. Etwas unruhig nahm sie seine Nervosität wahr.
Doch das schob sie auf die Geräusche im Hintergrund. Wahrscheinlich war es nicht
klug hier in der Nähe herum zu stehen.
Und seine Worte brachten das Lächeln auf ihre Lefzen zurück. Er war si gut zu
ihr...
Als er sie zum gehen bewegte folgte ihr Körper seiner Aufforderung ohne zu
zögern. Es fühlte sich gut an, zu wissen dass sie mit jemanden laufen durfte.
Jemand, der keine Vorurteile gegen sie hegte und ihr das Gefühl vermittelte
willkommen zu sein. Und als er so neben ihr lief, da streckte sie kurz ihren
Hals und berührte ihn für einen Moment dankbar an der Schnauze. Nur eine kurze
Geste, doch für sie steckte viel mehr dahinter. Dankbarkeit und Hoffnung,
Hoffnung vielleicht ihr Ziel gefunden zu haben.
Dann jedoch wurde ihr Blick nachdenklich und sie senkte die Stimme.

"Sag mal...wieso sind die Wölfe hier so...schmutzig?"

Das letzte Wort sprach sie eher zögerlich aus, da sie nicht beleidigend klingen
wollte. Doch sie konnte es einfach nicht verstehen, dass die anderen hier nicht
weiß sein sollten.


Mama?
Zu aller erst vernahm der junge Rüde nur das Getrappel der näher kommenden
Pfoten, die einem Wirbelsturm glichen. Doch als er den Kopf leicht hob und
aufsah, da war es in seinen Augen ein erlösender Wirbelsturm.
Doch als sie auf Kyro los ging, presste er den Kopf wieder auf den Boden und
kniff die Augen zusammen. Wieso musste nur alles so laut sein, so prutal, so
eigenartig? Dabei hatte der Tag doch so gut begonnen.
Erst als er Darkjania neben sich spürte, öffnete er seine Augen und rutschte
näher zu ihr, schmiegte sich schutzsuchend an ihren starken Körper und bebte
doch zugleich vor innerer Anspannung.

"Mama..."

Nur ein leises Wimmern, zu verwirrt um wirklich sagen zu können was ihn so
einschüchterte.
Er hörte seinen Vater sprechen, doch für den Moment wagte er es nicht
hinzusehen. Die Situation zerhte an seinen Nerven, vor allem nach dem Abenteuer
von vorhin.

Mama...Kyro hat mir geholfen! Er...er hat nichts getan, nur geholfen...bitte
tu ihm nicht weh...


Abermals war die STimme eher brüchig, aber er fühlte sich verpflichtet dem Rüden
zu helfen. Er war so freundlich gewesen, war wegen ihm in das Loch gefallen und
hatte ihm zugehört, ihn beruhigt und mit ihm gesprochen. Mochte er die
Vergangenheit auch nicht kennen, so wusste er doch, was Kyro in dem Moment getan
hatte als es darauf ankam und er jemanden gebraucht hatte der für ihn da war.
Und Kyro war für ihn da gewesen.
Beinahe anklagend hob er nun den Kopf und blickte Darkjania aus trotzigen Augen
an. Und seine nächsten Worte kamen mit einer solchen Bestimmtheit, dass es schon
beinahe verzweifelt klang.

"Das Schneehuhn ist schuld. Genau! Auf das solltest du wütend sein, nicht auf
Kyro!"


Kyro grinste freudlos
und bösartig zugleich. Was war dieser Rüde doch für ein Dummkopf! Er würde es
nicht wagen? Wer sollte ihn abhalten? Wäre es nicht logisch und problemlösend?
Attaché musste unglaublich dumm sein. Da er ihn nicht kannte, fiel ihm dies erst
jetzt, in einer solchen Situation auf. Eine Tatsache, die ihn milde stimmen
wollte, als der Schwachmaat plötzlich das Thema komplett wechselte. Vater? Er?
Wie kam der Trottel denn darauf? Er war noch nie Vater gewesen. Klar lief es
darauf hinaus, dass er somit versagt hatte, aber eine solch offensichtliche
Tatsache, die wohl der Provokation dienen sollte, verstand Kyro nicht.

„Ich weiß, aber was hat das damit…?“

Plötzlich war er da. Der Schatten, den er schon seit geraumer Zeit erwartet
hatte. Sie stürmte heran, fiel über ihn her und verhinderte, dass er überhaupt
noch etwas sagen konnte. Verwirrt von Attachés Feststellung, die so klar und
logisch war, also gar keinen Sinn hatte, stand er Darkjania doch recht hilflos
gegenüber. Mit Müh und Not brachte er sich aus der Schusslinie und wollte davon
stürmen. Es dauerte einige Augenblicke, ehe er wieder zu sich fand.

"Damit werdet ihr nicht durchkommen!“

Schrie er, allerdings nicht so, dass es klang, als wäre er davon überzeugt. Er
wollte nur nicht gleich aufgeben und es hinnehmen, wie es war. Sie logen, wenn
sie behaupteten, er hätte Kyrraine vorsätzlich in das Loch gestoßen! Vom
Schauspiel der schwarzen Dämonin ließ er sich auch nicht irreführen, aber er war
stehen geblieben. Er musste hören, was der Kleine sagen würde. Er musste wissen,
ob dieser nun zugeben würde, an der Verschwörung beteiligt gewesen zu sein.
Attaché gab dummes Zeug zum Besten, was wohl bedeutete, dass er sehr wohl ein
schlechtes Gewissen hatte. Immerhin rechtfertigte er sich sogleich. Und
Kyrraine… ‚Tu ihm nicht weh…’. Kyro seufzte und rannte davon, so schnell er
konnte. Es galt, sich Hilfe zu suchen. Und nur eine Wölfin war dumm genug, ihn
anzuhören und ihm zu glauben. Er wusste nicht, ob sie etwas gegen das gesamte
Rudel ausrichten konnte, aber dass war ihm auch völlig egal. Zur Not würde er
rennen, als wäre der Teufel – in diesem Fall Darkjania – persönlich hinter ihm
her.
Kyro kannte kein Gefühl für Erschöpfung oder Schmerz in seinen Beinen, er
rannte, als wäre er kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern eine Maschine, ohne
jegliche wölfische Schwäche. Die Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul, die
Lungenflügel füllten sich stoßweise mit Luft. Zu hektisch und zu ungleichmäßig.
Er merkte gar nicht, wie sich ein Schwindelgefühl seiner bemächtigte und sein
Sichtgefühl langsam eingeschränkt wurde. Kyro rannte einfach weiter, in wilder
Panik, als ginge es um sein Leben. Und es ging um sein Leben! Denn dessen Sinn
bestand immerhin einzig und allein darin, Hund sein zu dürfen! Er würde dieses
Privileg nicht aufgeben. Niemals.
Ihm wurde schwarz vor Augen, so dass er diese kurz schloss und den Kopf
schüttelte. Als er sie dann wieder öffnete, blieb ein Teil seines Sichtfeldes
immer noch schwarz. Impulsartig dämmerte ihm, was sich gerade vor ihm befand.
Oder besser: Wer.

„Aaaaaaaaah!!!!“

Schrie er in voller Lautstärke, während sich seine Stimme überschlug. Einen
Haken schlagend überschlug er sich wenig später im Schnee. Wie konnte das sein?
Er war doch wie ein Besessener gerannt, wie hatte sie ihn einholen können?
Unmöglich! Alles in ihm und um ihn herum drehte sich, doch als sich sein Blick
klärte, sah er auf Daina und schien von sich selbst genervt.

„Du bist es nur…“

Stieß er hechelnd aus, ehe er taumelnd wieder auf die Pfoten kam. Er musste zu
Noir und hatte nun keine Zeit sich mit den Kröten – Ayura war auch da – zu
befassen. Auch nicht damit, dass sie ihn nun verpfeifen konnten. Er hatte sich
ihnen genähert. Wieso schaffte er es eigentlich nicht, aus Fehlern zu lernen?
Mit langsamen Schritten ging er ein Stück weiter, bis er die Spur des Rudels und
an deren Ende einige Wölfe erblickte. Seine Beine zitterten vor Anstrengung,
dennoch rannte er sogleich los. Vorbei an Alana und Aszira, so wie allen anderen
Rudelmitgliedern. Im Augenwinkel nahm er eine verstörte Yukí und den Leitwolf
wahr, sowie Demon, Shanaya und Lajila. Noir! Noir! Beinahe hysterisch schien
sein Verhalten nun zu werden, als er sich dreimal um sich selbst drehte und
schließlich die Schwarze am Rand der Sippe bemerkte. Fertig mit sich und der
Welt schleppte er sich zu ihr hinüber, um sich dann in den Schnee zu werfen.
Einmal atmete er tief ein und aus, dann klagte er los, als könne seine
Peinigerin jeden Augenblick auftauchen. Seine Stimme war noch laut genug, um die
ganze Gemeinschaft zu unterhalten, wurde dann aber irgendwann etwas leiser.

„Sie lügen!“, schrie er zu Anfang. „Sie haben mich
reingelegt! Es stimmt nicht! Es ist nicht wahr!“


Sein Kopf schien unfähig, das Geschehene zu ordnen, oder irgendetwas
Vernünftiges hervor zu bringen.

„Ich wusste doch nicht, dass ich hinein falle! … Es war eine Falle! Sie
hat es geplant! … Ich wollte ihm nichts tun! … Er hat mich ausgelacht und sich
die ganze Zeit versteckt gehalten! … Sie haben dass geplant! Aber es ist
gelogen! Gelogen! … Es war meine Schuld! … Es ist ihre Rache!“


Kyro schnaufte, wie ein uralter Wolf. Gegen Ende jedes Satzes klang es
kurzzeitig so, als würde er gleich ersticken, ehe er kurz ein bisschen
Sauerstoff einsaugte und dann weiter schrie. Die Worte brachten ihn wieder in
Bewegung, stachelten ihn an und schürten die Entsetzung über eine solche
Gemeinheit.


Sie suchte also nach
Artgenossen, nach Wölfen. Nach einer Familie. Kiba erinnerte sich an jene Zeit
zurück, an denen er ohne Beka gehen musste und wie er damals lange der Fährte
des Rudels gefolgt war, in dem er nun Beta war. Er erinnerte sich an die harte
Wanderung zurück und an seine Ankunft hier bei den Wolves of Freedom. Abgefangen
von Reiko und Kyro... Nun empfing er selber fremde Vierbeiner. So wie nun
Cayleth. Obwohl es wohl eher Zufall war. Oder Schicksal? Wer weiss. Kiba blieb
kurz stehen und blickte über die Schulter zu den restlichen Wölfen. Kyro schrie
Worte vor sich hin. Oftmals bedeutete dies nichts Gutes, denn Hund war nun mal
Hund. Leider. Kyro. Kyro war eigentlich gar nicht so böse. Oder doch? Vermutlich
kannte Kiba ihn zu wenig. Vermutlich war Kyro von damals nicht mehr der selbe.
Dazumal war der Rüde Freund und Helfer. Was war da nur geschehen? Sollte er
umkehren und nachsehen? Cayleths Berührung an seiner Schnauze überredete ihn zum
weitergehen. Schön darauf achtend, ja nicht aus dem Rhythmus zu fallen und schon
gar nicht zu weit von der Seite der Weissen zu kommen.

"Du bist hier auf ein Rudel gestossen, das auf Wanderung ist, Cayleth. Wir
nennen uns die Wölfe der Freiheit und sind auf der Suche nach einem Neuen zu
Hause. Ich bin Beta hier und laufe nun schon lange mit ihnen mit. Unser
eigentliches Ziel ist das Herzland der Wölfe und unsere Läufe trugen uns über
das grosse, zugefrorene Wasser, durch Wälder und über Wiesen. Wir sind eine
grosse Familie..."


Kiba hob sein Haupt auf die selbe Höhe wie Cayleth und sah in ihre klaren Augen.
Ein Lächeln huschte über seine Lefzen. Sie würde bestimmt mit ihnen wandern
können. Nur hoffte der Weisse, das sich die Lage zwischen Kyro und Attaché, wie
auch die wirren Worte von Yuki bald regelten. Kiba wollte allerdings Klarheit
über die bedrohliche Aussage der hellen Fähe und so nahm er den Weg, den er
bereits gekommen war, zurück zum grössten Teil des Rudels. Dahin wo Lajila und
Aramis waren, Shanaya und Demon. Wobei... War es wirklich ein guter Zeitpunkt,
jetzt eine Neue hinzubringen? Die Worte Cayleths rissen den Rüden abermals aus
den Gedanken und er sah verwirrt zu ihr hin. Schmutzig?
Noch bevor der Betarüde eine Frage zu der ihrer stellen konnte, sah Kiba aus den
Augenwinkeln, wie sich Kyro auf den Weg Richtung Rudel aufmachte – und dies im
Eiltempo. Darkjania und ihr Gefährte blieben bei ihrem Sohn. Oder? Kiba
schüttelte jegliche Gedanken aus seinem Kopf, entspannte sich und sah wieder zu
der Neuen.

"Schmutzig? Wieso schmutzig? Ich verstehe nicht..."

Ohne gross darüber nachzudenken sah er an sich hinunter. Der Schnee hatte ihn
zum grössten Teil gereinigt. Er schmunzelte. Schmutzige Wölfe. Ihm kam die
Schlammschlacht in den Sinn. Da waren sie schmutzig! Mit zugedrückten Augen und
einem Grinsen im Gesicht lehnte er sich an den schlanken Körper von Cayleth. Es
kam ihm vor, als kannte er sie schon länger. Viel länger. Alles war so
vertraut...


Die Schwarze grollte
Kyro hinterher bis er verschwand, und hörte seine Worte zwar, realisierte sie
aber kaum. Mit bissiger Zufriedenheit sah sie ihn rennen, und das einzige was
sie wirklich beruhigte und gleichenfalls zur Ruhe rief, war ihr Sohn, der so
viel kleiner wirkte als er es jemals gewesen war. Dem Braunen weiterhin sanft
über den Kopf lecken lauschte sie den Berichten ihrer zwei Rüden, und
unterdrückte gekonnt die Wut, die bei Attachés Worten in ihr aufflackerte. Sie
wollte Kyrraine nicht noch mehr verschrecken, aber sie brannte innerlich. Mit
vorwursvoller Miene, hinter der ihr Gefährte ihren Zorn ohne weiteres erkennen
würde, sah sie zu Attaché herüber. Sie holte tief Luft, die ihre heiße Wut etwas
abkühlen sollte. Es misslang.

"Kyrraine fällt in ein Loch, in dass auch Kyro reinfällt, und du sagst es ist
nichts geschehen?!"


Sorge und Ärger waren sowohl in ihrer Stimme als auch in ihren Augen angelangt.

"Er hätte tot sein können"

Es war kaum mehr als ein bitteres Flüstern, aber in ihre Augen mischte sich
Verzweiflung, während sie Attaché ansah. Ihr Gefährte, der Wolf dem sie blind
folgen würde, schien ihr mit einem Mal so fremd, so furchtbar fremd. Wie konnte
er nur glauben dass Kyro keine Gefahr sei? Nach allem, was passiert war? Die
Schwarze senkte den Blick, um weiter mit der Zunge über Kyrraines zitternden
Körpe zu fahren. Es stach, es tat weh, ihn so verängstigt zu sehen - umso
schlimmer, da sie wusste, dass sie daran großen Anteil gehabt hatte...

"Es ist gut, wenn er dir aus einem Loch hilft, Kyrraine - aber er darf sich
weder dir noch deinen Schwestern überhaupt nähern"


Erklärte sie, und schmiegte sich mit dem Kopf an Kyrraines Seite.

"Kyro kann manchmal nett sein, aber er ist ein unberechenbarer Wolf. Er hätte
dich töten können - und dass nicht nur, weil er dafür stark genug ist. Er hat
schon sehr schlimme Dinge getan, darum ist es ihm auch verboten näher zu euch zu
kommen. Verstehst du?"


Sie wusste wirklich nicht, inwiefern diese Logik für einen Jungwolf Sinn ergab -
wichtiger war aber, dass er selbst sich ihm nicht auch näherte. Die Schwarze
horchte auf, als ihr Sohn die Schuld einem Schneehuhn gab. Was zum...?

"Was hat denn das Schneehuhn gemacht?"

Fragte sie, nun doch ein wenig perplex. Der Frage, wer diese ominöse Cayleth
war, war sie auch noch nicht weiter nachgegangen - vermutlich die, mit der Kiba
da gerade turtelte...


Bisher hatte Attaché
die ganze Situation als wenig heikel und im Großen und Ganzen als Harmlos
betrachtet, doch die Worte seiner Gefährtin und die Art, wie sie ihren Zorn über
sein Benehmen unterdrückte, ohne ihn vor ihm verstecken zu können, änderten die
Windrichtung für ihn schlagartig. Von Reue und Demut war er weit entfernt, es
war Resignation die in sein Gesicht trat. Ein leises Seufzen verließ seine
Kehle, bevor er eine ganze Zeit lang schwieg. In seinem Kopf aber, jagte ein
Gedanke den nächsten. Die unglaublich starke Wut und der Hass auf Kyro seiner
Gefährtin, waren Dinge, die er weder richtig erfassen, noch verstehen konnte.
Sie und er waren doch eigentlich Freunde gewesen, warum also führte sie sich
immer so auf? Der Braune konnte nicht verstehen, wie man soviel Hass emfpinden
konnte, wie Darkjania es tat, obwohl sie doch sonst eine liebevolle,
fürsorgliche Person war. Nach einer ganzen Weile sah er sie an, aller Ausdruck
war aus seinen goldenen Augen gewichen.

"Es bestand keine Gefahr, ich war hier, wenige Meter entfernt. Es ist
nichts geschehen. Du bist so geblendet von deiner Wut auf Kyro, dass du dich von
deiner Feindsehligkeit mehr leiten lässt, als durch die Liebe deiner Familie."


Seine Augen glitten zu seinem Sohn, traurig darüber, dass er das Vertrauen, dass
er seit jeher zwischen sich und all seinen Familienmitgliedern gespürt hatte,
niemals wirklich hatte festigen können. Langsam stand er auf und drehte sich um,
tief ein und ausatmend. Innerlich kämpfte seine Enttäuschung über das Benehmen
seiner Gefährtin mit der Liebe, die er für sie und auch für ihren Nachwuchs
emfpand, doch schließlich konnte er sich nicht dazu durchringen noch länger zu
bleiben.

"Ich bin es Leid."

Die Worte klangen bitter und traurig aus seinem Mund und ihre Bedeutung war kalt
und schwer wie der Schnee unter seinen Pfoten. Es sollte nicht heißen, dass er
nicht länger zu Darkjania halten oder mit ihr zusammen sein wollte, es hieß nur,
dass er den Groll und den Hass, den er in ihrem Herzen spürte, nicht mehr
ertragen konnte. Zu stark war das Band zwischen ihnen beiden und er wollte diese
Gefühle nicht teilen.

"Du kannst mir ruhig Vorwürfe machen. Ich bin sicher ich verdiene jeden
davon. Aber ich bin nicht mehr bereit dazu den Hass zu fühlen, der dein Herz
vergiftet hat. Ich kann es nicht."


Es tat weh. Aber es war richtig zu sagen, was er dachte. Es war richtig, nicht
darüber zu schweigen, was in seinem Kopf vor sich ging und er würde ein reines
Gewissen haben. Wenn schon nicht vor anderen, dann wenigstens vor seiner
Gefährtin.

"Ich liebe dich."

Im Flüsterton wehten die Worte durch den Wind zu Darkjania hinüber, während der
braune Rüde langsam von dannen schritt ohne sich umzudrehen. Ihm war zuvor nicht
bewusst gewesen, wie sehr ihn Darkjanias Gefühle mitgenommen hatten, doch die
Vorwürfe, die aus ihren Worten sprachen, hatten ihm den Rest gegeben. Seine
streitlustige Laune war verflogen, zurück blieb nur eine eisige Leere. Kyro
hatte Recht. Er wr ein Versager.


Es war alles so
unendlich viel auf ein Mal und nun schien auch noch seine Mutter wütend zu sein
auf seinen Vater. Natürlich, er hätte sich beim hinunter stürzen verletzen
können. Und es war nicht gerade hilfreich gewesen, nun zu erfahren, dass sein
Vater dem ganzen beigewohnt hatte ohne sich einzumischen, aber schlussendlich
war doch nichts furchtbares geschehen, oder nicht? Zumindest war es aus
Kyrraine`s Sicht so. Die Unverständniss, die er zuvor seinem Vater gegenüber zu
tage gebracht hatte wandelte sich nun wieder in die ergebene Loyalität eines
Sohnes.

"Er hat es bestimmt nicht böse gemeint...und tot bin ich auch nicht."

Kam es leise zun dem Jungrüden, ehe er den Kopf matt wieder sinken lies und die
Augen schloss.
Worte rauschten an ihm vorrüber, ergaben wenig Sinn. Kyro war unberechenbar?
Aber das war ansich doch bestimmt jeder einzelne von ihnen. Denn wenn es einem
nicht gut ging handelte man anders als sonst. Und wie sollte es dem Rüden schon
gut gehen, wenn er sich ständig am Rande herum drücken musste?

"Ja Mama..."

Nur leise Worte, doch Kyrraine hatte ihre eher knappe Erklärung sehr wohl
wahrgenommen und würde sie verinnerlichen. Vielleicht nicht jetzt gerade, dazu
fehlte ihm die Konzentration. Doch wenn es darauf ankam würde er ihre Worte
wieder aufrufen und sich daran erinnern. Und dementsprechend anders oder
bedachter handeln. Immerhin war Darkjania seine Mutter und sie wusste sovieles
mehr als er.

Bei ihrer Frage öffneten sich seine Seelenspiegel nun doch wieder und er schien
sich regelrecht darüber zu freuen. Eine willkommene Ablenkung, um von diesen
Unstimmigkeiten fort zu kommen.
Sein Kopf ruckte in die Höhe und kurz glitt sein Blick zu der Stelle, wo das
Schneehuhn lag, halb begraben unter Eis und Schnee. Dann rieb er seinen Kopf
wieder schutzsuchend und leise murrend an dem Fell seiner Mutter.

"Ich habe es gerochen! Und dann bin ich näher geschlichen...ganz leise,
wirklich! Und es hat mich nicht kommen gehört."


,begann er seine erzählende Erklärung. Stolz schwang in seiner Stimme mit.


"Es hat mich nicht gehört! Und daher habe ich es auch gefangen, also
eigentlich ausgegraben. Allerdings saß das dumme Ding in einer Höhle und da war
ich dann auch drin. Da kam ich nicht mehr raus. Dann kam Kyro und hat mich
ausgelacht, danach wollte er mir helfen ist aber selber reingefallen. Danach hat
er es geschafft mir heraus zu helfen, dann hab ich versucht ihm raus zu helfen
und bin wieder hinein gefallen.."


Bei jener Stelle der Erzählung schloss Kyrraine etwas beschämt die Augen und er
holte tief Luft um weiter zu erzählen.

"Und dann kam diese Weiße da und hat uns mit Schnee zugeschaufelt, bis ich
hinaus kam wobei sie mir gehlfen hat, dann ist Kyro raus, sie ist weg und nuns
eit ihr da und alle streiten und schreien sich an..."


Es war sichtlich schwer für den Jungen das ganze einiegrmaßen geordnet in Worte
zu fassen.
Kurz hielt er inne und blickte um Beistimmung bettelnd zu seiner Mutter auf, ehe
seine nächsten Worte mit untrüglicher Überzeugung kamen.

"Und genau daher ist das Schneehuhn an allem schuld!"

Als dann jedoch sein Vater sprach, wandte er den Kopf zu ihm. Blickte ihn erst
in stummen Erstaunen an und anschließend beinahe ängstlich. Er verstand es
nicht, konnte es nicht verstehen. Und als sein Vater sich abwandte und ging, da
legte er unruhig die Ohren an und sah zu seiner Mutter, die noch neben ihm lag.
Wenn sie nun auch ging?...


Eine große Familie...

Allein diese Worte brachten Cayleth dazu, die Augen zu schließen. Nein, dieses
Mal lies sie die Erinnerungen nicht zu. Denn an eine wirkliche Familie konnte
sie sich nicht erinnern. Hatte sie denn jemals etwas so...normales besessen? Je
mehr sie immer darüber nachgedacht hatte, desto mehr hatte sie daran gezweifelt.
Bis sie überhaupt nicht mehr daran glaubte. Einen Vater? - Ja. Einen bruder? -
Ja. Aber es waren mehr Freunde gewesen, vertraute. Keine Mutter die sie
umsorgte, keine Schwestern mit denen sie umhergetobt war. Keine Familie. Nein.

"Es muss schön sein eine Familie zu haben..."

Es war beinahe nebensächlich gesprochen, als würde nichts wichtiges dahinter
stehen. Und auch schwangen keine Emotionen mit diesen Worten mit. Weder Trauer,
noch Sehnsucht noch etwas anderes. Sie fand einfach, dass sie irgendetwas darauf
sagen sollte, wenn er es schon erzählte.
Dann jedoch wischte sie jene Gedanken zur Seite. Besser das Thema schnell
wechseln, bevor sie doch wieder zu nachdenklich wurde um die Freude an dem
Treffen richtig genießen zu können.
Die ganze Zeit war sie mit ihm gelaufen, ohne weiter groß darüber nachzudenken.
Sie hatte sich seinem Rythmus angepasst, genoss es jemanden neben sich zu wissen
der sich anscheinend wirklich für sich zu interessieren schien. Und so ließen
die Rufe und Stimmen hinter ihr nach, ohne dass es ihr wirklich auffiel. Dafür
wurden andere Gerüche intensiver. Witterungen von anderen Wölfen. Viel mehr
Wölfen. Eine Erkenntnis, die sie für einen Augenblick eher erschütterte als
freute. Da irrte sie solange durch die Wälder auf der Suche nach Wölfe und fand
keinen einzigen und nun, nun sollte sie gleich soviele auf ein Mal gefunden
haben? Hoffentlich wurde ihr das nicht doch noch zuviel.

Seine Verwirrung brachte sie zum schmunzeln und entlockte ihr ein leises Lachen,
ehe sie seine Musterung beobachtete und vergnügt den Kopf schüttelte.

"Nicht du. Du bist weiß, so wie ich. So wie alle anderen auch. Aber
die...dort hinten wo wir herkommen...sie waren nicht weiß. Aber es ist doch
eigentlich jeder Wolf weiß, oder etwas...nicht?"


Die letzten Worte kamen mehr als zögerlich, immerhin war es lächerlich alleine
soetwas in Betracht zu ziehen. Oder etwa nicht?
Doch seine Nähe, die Ruhe die er ausstrahlte und das Vertrauen dass sie ihm
entgegen brachte liesen abermals ein Lächeln auf ihren Leftzen erscheinen. Er
würde nicht über ihre Frage lachen, er bestimmt nicht.


Links. Rechts. Pfote
heben und in den kalten Schnee setzen. Immer und immer wieder. Nichts unterbrach
den Rhythmus, nichts störte. Einfach nichts. Leise mischte sich der Wind mit den
Atemzügen. Die Wärme an der Flanke Kibas strömte in seinen Körper hinein und
wärmte ihn. Angenehm strömte eine Macht durch das Innern des Weissen. Cayleth
hatte sich seinem Tempo angepasst. Es war gerecht, nicht zu schnell nicht zu
langsam, dennoch fürchtete Kiba, dass die Weisse vielleicht zu müde war und dann
nicht ganz bis ans Ziel kam. Aber er bremste nicht ab. Würden sie langsamer
gehen, würden sie nach eine Weile benötigen. Im Notfall konnte er auch über sie
wachen, während sie schlief und sich ausruhen würde. Allerdings hätten sie
danach schnell vorankommen müssen, um nicht zu fest vom Rudel abzukommen.
Immerhin waren sie jetzt schon weit weg. Der Geruch der Freiheitswölfe drang
durch dir Luft zu ihnen, schwach waren noch Pfotenabdrücke zu sehen. Sie waren
kurz davor, im Schnee zu verschwinden.
Ein Grinsen schlich auf die Lefzen, als die Fähe lachte. Ihr gefiel seine
Unsicherheit und so zog er neckisch an ihrem Ohr. Sie erklärte – er verstand
immer noch nicht ganz. Kiba glaubte aber langsam zu wissen, was sie meinte. Auch
er lachte herzlich.

"Du glaubst, dass alle Wölfe weiss sind? Du kommst aus dem Eisland, wo alles
weiss ist, nicht wahr? Nun, ihr seid eurem Umfeld angepasst, um getarnt auf
Beutejagt gehen könnt."


Kiba nickte grinsend und dachte eigentlich nicht, dass sie dies nicht wusste,
dennoch wollte er es zur Erklärung sagen. Es gehörte nunmal zur Geschichte des
farbigen Wolfes.

"Nicht alle Wölfe sind weiss, nein, Cayleth. Die Wölfe aus dem Sandland sind
braun wie der Wüstensand. Andere sind ganz dunkel, um im Wald gut getarnt zu
sein. Mit der Zeit gingen die Wölfe wie du auf Wanderung, sie vermehrten sich
untereinander. Die Wölfe hier sind nicht schmutzig. Sie wurden nur mit einer
anderen Fellfarbe geboren. Sie und wir, keiner ist hier anders Cayleth. Weiss
ist zwar eine sehr reine Farbe, dennoch sind wir wie gesagt nicht anders. Keine
Sorge... Ich achte schon auf dich, wenn dich ein anders farbener Wolf angreifen
will."


Kiba schmunzelte, wuffte leise. Der Rüde senkte seinen Kopf, biss in den klaren
Schnee und bewarf seine Weggefährtin mit Schnee. Ein leises Lachen rutschte aus
der Kehle.


Die Worte des Rüden
versetzten die Weiße in Entzücken. Es war ihr, als täte sich eine neue Welt auf,
so unbekannt und fremd, dass sie ihr eigentlich Angst einjagen sollte. Doch im
Gegenteil. Cayleth begrüßte alles Neue, was sie dazu bewog das Alte hinter sich
zu lassen. Neue Gesichter, neues Wissen, neue Orte. All dies war ihr willkommen.

Und so fiel sie in sein Lachen ein, genoss diese - ihr so gut wie fremde -
Unbeschwertheit, welche sie verspürte und prustete den Schnee von ihrer
Schnauze.
Die strahlend klaren Augen beobachteten Kiba vergnügt und auch wenn seine Worte
so neu für sie waren, so klangen sie doch logisch, verständlich. So ganz ohne
bitteren Nachgeschmack.

"Das wusste ich nicht."

Es war nur eine kurze Feststellung, ohne jegliches Schamgefühl. Auch etwas
neues. Denn wenn sie vor ihrer Mutter zugegeben hatte etwas nicht zu wissen,
wurde sie gescholten. Denn als ihre Tochter hatte man automatisch ein größeres
Wissen, eine größere Weisheit als jeder andere der ihnen vor die Pfoten kam.
Unfug...
Doch sie war nun hier. Hier bei Kiba. Hier in dieser vollkommen eigenartigen
Welt. Zwar war alles weiß, so wie auch in ihrer Heimat, doch auch der Schnee
konnte nicht über die Fremde hinweg täuschen. Aber auch wenn alles hier Fremd
war, so fühlte sie sich hier wohl, geborgen und sicher. Was zuletzt sicher auch
an ihrer Begleitung lag.
Sie hielt weiterhin mit ihm Schritt. Zwar hatte das Herbeischaffen des Schnees
zuvor sie einiges an Kräfte gekostet, ebenso wie auch die lange Wanderung seit
sie ihren Vater verlassen hatte, doch Kiba schenkte ihr irgendwie neue Kräfte.
Sie spürte keine Erschöpfung, nicht jetzt.

Und seine letzten Worte entlockten ihr ein dankbares Seuftzen. Er würde auf sie
achten? Abermals erinnerte er sie kurz an ihren Bruder. Seine Art ihr gegenüber,
so selbstverständlich akzeptierend, als wären sich ihre Wege nicht erst heute
begegnet. Doch Cayleth wunderte sich darüber nicht. Sie nahm jenes Geschenk
dankbar an, wollte es nicht hinterfragen, wollte es genießen und auskosten.
Und so hob sie eine Pfote und schüttelte sie, um den Rüden ihrerseits etwas mit
dem weißen Element zu bewerfen.


Noir war nicht mehr
müde, sie war nicht mehr glücklich und auch nicht unglücklich. Sie war einfach
wütend. Sie wollte nicht mehr weiter laufen. Ohne das Gefühl zu haben, irgendwas
zu erreichen. Das Rudel zerstreute sich. Viele gingen, viele kamen. Und immer
liefen sie weiter und weiter. Einem Traum nach. Und sie kamen einfach nicht an.

Also stapfte die Schwarze wütend durch den Schnee. Setzte einen Fuß vor den
anderen, wie sie alle es immer taten. Immer. Nie blieben sie stehen. Nie hatten
sie einen Ort schon mal gesehen. Immer war alles unbekannt. Es reichte. Noir
fühlte sich, als müsste sie schon längst einmal die ganze Welt umwandert haben.
Und es würde sie nicht wundern wenn sie plötzlich in ihrem alten Revier ankommen
würde. Im Tal der Freiheit. Der Gedanke an das Revier ließ ihr Herz schneller
schlagen, aber nicht vor Glück sondern vor Wut. Dort war es ihnen gut gegangen.
Dort waren sie eine Familie gewesen und jetzt, was war das? Sie schaute sich um.
Dieses Gefühl in ihr, diese Wut war ihr völlig neu und sie fühlte sich dadurch
sehr schwach. Weil sie so gerne ihre Enttäuschung über diese ganze Wanderung an
irgendjemandem ausgelassen hätte. Halbherzig schnappte sie nach einer Fliege,
die ihren Kopf umkreiste und sie schon die ganze Zeit nervte. Vertieft in ihre
Gedanken, die sie nur noch wütender machen, lief sie am Rand des Rudels. Immer
weiter. Bis sich plötzlich wieder etwas änderte. Kyro kam auf sie zugelaufen.
Unsicher drehte sie sich um, hielt Ausschau nach Aszira, aber diese war
nirgendwo zu sehen. Verwirrt sah sie ihren grauen Freund an, wie lange war es
her gewesen das er von ihm aus zu ihr gekommen war. Einfach, weil er ihre Nähe
suchte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Rute pendelte leicht hin und
her. Vorsichtig lächelte sie ihm entgegen. Er sah erschöpft aus und war wackelig
auf den Beinen. Die Schwarze legte ihren Kopf schräg und musterte den Rüden
verwirrt. Dann ließ er sich vor ihr in den Schnee fallen. Besorgt beugte sie
sich zu ihm und stupste ihn vorsichtig an. Gerade wollte sie etwas sagen, als er
begann zu schreien. Erschrocken über diesen plötzlichen Ausbruch wich sie kurz
einige Zentimeter zurück. Sie lauschte seinen Worten, sie ergaben keinen Sinn,
aber der Rüde, der einst ein so guter Freund gewesen war, schien völlig
aufgelöst. Seine Stimme überschlug sich beinahe und er schien wirklich Angst zu
haben. Langsam beugte sie sich wieder zu ihm zurück. Sie hatte keine Angst vor
ihm, das hatte sie niemals gehabt. Er würde ihr nicht weh tun, er konnte ihr gar
nicht weh tun. Sie waren Freunde, auch wenn Kyro das nicht mehr wahrnehmen
wollte. Auch wenn er nach außen hin "Hund" war, war er irgendwo da drinnen doch
noch ihr Kyro. Und er vertraute ihr immer noch, er vertraute darauf, dass sie
ihn rettete, rausholte, aus dieser Situation, mit der er eindeutig überfordert
war. Ihre Wut war verschwunden und anstatt dessen verspürte sie jetzt wieder
eine gewisse Ruhe und Zärtlichkeit für Kyro. Sie würde ihn so gerne zurück holen
können, aber sie konnte nicht. Sie konnte nur für ihn da sein, jetzt, wo er sie
brauchte. Und er brauchte sie, denn diese arme Kreatur die sich da vor ihr auf
dem Boden wand, das war nicht Kyro, diese Kreatur schien völlig verrückt. Redete
zusammenhangloses Zeug. Aber er hatte Angst. Und außerdem war er wütend. Es war,
als hätte er all' ihre Wut auf sich genommen. Und als würde sie ganz von ihr
abfallen. Vorsichtig stupste sie dem grauen Wolf gegen die Schulter.

„Sch, sch..."

Flüsterte sie dem Grauen zu, der eher einem Skelett als einem Wolf glich. Sie
zupfte vorsichtig an seinem Ohr und lächelte dann ein kleines Lächeln.

„Es ist okay. Ich glaube dir, du weißt das ich dir alles glaube. Ich weiß,
dass du nichts Böses getan hast. Kyro."


Ihre Stimme war ganz ruhig und ganz weich. Sie versuchte ihm in die Augen zu
schauen, aber er war so wütend das er nicht still saß und nur ab und zu trafen
sich ihre Blicke für einen Augenblick.

„Kyro."

Sagte sie erneut, diesmal mit etwas Nachdruck. Sie sah ihn an, so, wie man einen
guten Freund ansah. Sie vertraute ihm, brachte keine Distanz zwischen ihn und
sie, sie bestrafte ihn nicht, sie gab ihm keine Befehle. Sie sah ihn einfach an.
Nicht Hund, sondern ihn.

„Was ist denn passiert?"


Kyro besaß gerade
noch soviel Geistesgegenwart, um nicht die Augen zu verdrehen. Dennoch blickte
er Noir so an, als hätte sie ihn grundlos beleidigt. Dann jedoch rief er sich
zur Vernunft auf, da sie ihn immerhin vor Darkjania und Attaché retten musste.
Wie ein gejagtes Beutetier sah er sich zu allen Seiten um, denn die Jägerin und
Richterin konnte sogleich auftauchen.

“Kyrraine…! Er ist in ein Loch gefallen, er hatte sich vom Rudel entfernt und
niemandem ist aufgefallen, dass er verloren gegangen ist. Außer mir, weil ich am
Ende der Gruppe lief.“


Fing er an, atmete noch einige mal tief ein und aus und sprach dann weiter.

“Das Loch war zu klein, um Anlauf zu nehmen und zu tief, um ihn direkt
rauszuziehen. Also habe ich angefangen, Schnee in das Loch zu schieben. Aber der
Boden gab unter meinen Pfoten nach und dann landeten wir beide im Loch. Kyrraine
konnte dann über meinen Rücken nach oben klettern und hat meine Arbeit weiter
geführt und weiter Schnee ins Loch geschaufelt. Aber er hatte eigentlich ein
Schneehuhn erlegt und das hat er bei mir im Loch vergessen. Aber er wollte es
unbedingt haben, also hab ich es beim versuchten Sprung mitgenommen. Dann war es
unter mir und wenn ich es losgelassen hätte, wäre es zurück gefallen, aber ich
kam nicht weiter. Ich hing am Rand. Und dann hat Kyrraine mich im Nacken gepackt
und wollte mich rausziehen. Unter meinen Pfoten gab der Halt nach und wir
landeten wieder in der Grube. Da haben wir dann eine ganze Weile ausgeharrt,
weil der Idiot sich verausgabt hatte… dann tauchte eine Fremde Wölfin auf und
wir schafften es, alle, samt Huhn, das Loch hinter uns zu lassen…“


Kyro seufzte. Bis dahin hatte er wirklich geglaubt, sie hätten es geschafft und
alles wäre gut. Sie hätten sich kurz ausgeruht und wären dann wieder zum Rudel
gestoßen.

“Und dann trat Attaché plötzlich aus dem Gebüsch. Es war eine Falle… er hat
gesagt, ich hätte Kyrraine mit Absicht in das Loch gestoßen, dabei war er schon
drin, ehe ich dort ankam. Darkjania tauchte dann auch gleich auf, also war alles
klar. Sie werden sicher gleich kommen und behauptet, dass ich ihren Sohn dort
hinein gestoßen habe und weil ich mich nicht an meine Regeln gehalten habe,
Kyrraine sogar nach mir riecht, wollen sie mich vertreiben. Oder… ich denke,
Darkjania will verfügen, dass ich sterben muss. Aber es war alles nur ein fieser
Trick und sie haben es so geplant, dass es keine Zeugen für das gibt, was
wirklich passiert ist. Es steht meine Aussage gegen die von Attaché und
Darkjania!“


Er endete und schien sich erneut darüber aufzuregen, so dumm gewesen zu sein. Er
hätte es ahnen müssen, dass es eine Falle war!


Cayleth lachte. Wie
ein Lied aus schönsten Tönen drang das Lachen aus der Kehle in den Wind, wurde
weiter getragen und umschwirrte den Kopf des weissen Rüden. Sie lachte. Und er
tat es auch. Kiba fühlte sich so frei und gut, so, dass er es kaum zu glauben
wagte, dass die Fähe erst vor wenigen Worten in sein Leben schritt. Kiba hob
seinen Blick und suchte nach Rudelmitgliedern. Der Geruch der Freiheitswölfe war
präsent und stark. Sie mussten nicht mehr weit von ihnen weg sein, dennoch
fehlten sie noch im Blickfeld.
Plötzliche Kälte. Kiba schüttelte sein Haupt um den Schnee aus seinem Gesicht zu
schütten, den ihm Cayleth angeworfen hatte. Kiba wuffte freundlich und leckte
der Fähe über den Kopf. Mit jedem Atemzug wurde sie mehr und mehr vertrauter. Es
war so normal, das sie neben ihm ging und so ab normal, dass das Rudel keine
Ahnung von ihr hatte. Es war so normal, dass Kiba mit Cayleth sprach und so ab
normal, dass kein anderer der Wolves of Freedom sie noch nie gehört oder gesehen
hatte. Immerhin war sie ja schon Ewigkeiten bei ihm...

"Dann hast du also auch noch nie eine grüne Wiese gesehen? Mit hohem,
saftigem Gras, in dem viele Tiere leben? Kleine Grashüpfer bis zu Hasen, zu
Rehen und Hirschen, die sich davon ernähren?"



Neugierig blickte Kiba ins schmale Gesicht der Weissen. Man konnte so toll
spielen darin und ab nächstem Sommer konnte er dann endlich auch die Hasen und
Rehe jagen. Dank Alana und seinen Freunden. Dann konnte er endlich wie alle
anderen sich auch ausserhalb der Grossjagt etwas kleines zu Futtern suchen. Den
Gedanken daran liess ihn strahlen. Das Grüne Gras, dass sich im Wind bog, Bienen
und Wespen, die auf den kräftigen Blüten sitzen. Rehe, die um die Wette liefen
und Vögel die sangen. Cayleth musste so etwas schon gesehen haben!


Die Schwarze seufzte
leise, als sie Attachés Worte hörte. Wie konnte er das alles nicht sehen, nicht
spüren, nicht verstehen? Es war ihr unmöglich seine Unbesorgtheit
nachzuvollziehen - ganz so, als sei Kyro der Wolf der er einmal war. Aber Kyro
war tot! Es gab nur noch den Hund, und der war nicht nur unberechenbar, sondern
eine ernstzunehmende Gefahr! Umso mehr für ihre Kinder! Die Schwarze strich mit
der Schnauze Kyrraines Nacken entlang, und spitzte gespannt die Ohren, als ihr
Sohn zu erzählen begann.
Darkjania lächelte, als er von seinem Jagderfolf berichtete, und leckte ihm
sanft über die großen Ohren, während er noch weitersprach. Es vermengte sich
soviel, Geschehenes wie Gefühle, dass sie ersteinmal sortieren musste. Dennoch
blieb das Lächeln vorerst wo es war.

"Ja, da ist wohl wirklich das Schneehuhn Schuld"

Gab sie grinsend zu, und stupste Kyrraine sanft an.

"Andererseits hast du dein erstes Schneehuhn gefangen - ich bin stolz auf
dich"


Sagte sie, und meinte es auch so. Dass da plötzlich ein Loch im Schnee war,
konnte ihr Sohn ja nicht ahnen - das hätte jedem passieren können. Attachés
Worte liessen die Schwarze wieder den Blick anheben - und jedes Lächeln
verblich.
'Ich bin es Leid'
Die Schwarze rührte sich nicht, der Schnee unter ihrem Körper schien zu Eis zu
gefrieren, alles um sie herum war plötzlich starr und kalt - einen Moment später
änderte sich ihre Wahrnehmung wieder. Und sie merkte, dass sie es war, die kalt
war. Die Schwarze konnte die Dimension dieser Worte noch nicht erfassen - es
hätte alles bedeuten können, selbst, dass Attaché im nächsten Moment allem den
Rücken kehren und einfach gehen würde. Nicht, dass sie es ihm zugetraut hätte -
aber seine Worte liessen alles offen. Und hatten, nebenbei bemerkt, ins Schwarze
getroffen.
Die weiteren Worte des Braunen hörte Darkjania wie durch eine dichte Schneewand
- sie verstand, begriff jedes Wort, aber sie kamen so leise, so dumpf nur bei
ihr an. Leise schluckend starrte sie nun auf den Rücken ihres Gefährten, der so
fern, so abweisend zu ihnen stand. Ein Flüstern brach die Mauer, stürmte wie ein
Donnerhall auf sie ein - und erklärten doch nichts. Die Schwarze sah ihm bebend
nach, hatte keinen Ausdruck für das, was in ihr und vor ihr vorging, und starrte
Attaché so lange nach, bis er im Schneegestöber verschwunden war. Erst dann
senkte sie, sehr langsam, den Kopf, und vergrub ihn hilflos im Fell ihres
Sohnes. Sie konnte nicht in Worte fassen, was da gerade geschehen war - aber es
tat weh. Und mit jedem Herzschlag stieg weitere Kälte in ihr auf. Kyrraines
Wärme nahm sie kaum noch wahr, obwohl sie dicht an ihn gedrängt lag. Die Welt
erfror zum zweiten Mal. Und sie mit ihr.


Kurz wurden die
Seelenspiegel geschlossen, als die Zunge des Rüden über ihren Kopf glitt. Es war
eigenartig und normalerweise wäre sie wohl sofort zurück gewichen und hätte den
Rüden neben ihr für verrückt erklärt. Eine alte Agewohnheit Fremden gegenüber.

Doch Kiba hier war eine Ausnahme. Statt ihn für verrückt zu halten empfand sie
Dankbarkeit. Dankbarkeit im Bezug auf seinem Verhalten ihr gegenüber. Er hatte
sie so ohne weiteres akzeptiert, nicht viele unnötige Fragen gestellt, sie nicht
durchlöchert. Er riss keine alten Wunden auf, wekcte zwar die ein oder andere
Erinnerung, doch nichts, das ihr Herz beschwerte oder ihre Pfoten zum anhalten
brachten. Im Gegenteil. Cayleth fühlte sich so unbeschwert wie schon lange nicht
mehr.
Ihre Nase zuckte leicht, als die Gerüche der anderen intensiver wurden und
autmoatisch hob sie ihren Kopf und suchte die Umgebung ab. Doch auch nun lies
sie sich davon nicht zum anhalten bringen. Kiba lief weiter, also tat sie das
auch.
Als er auf seine Frage zu sprechen kam spitzte sie die Ohren und versuchte es
sich bildlich vorzustellen. Sie kannte Hasen, natürlich. Allerdings meist auch
nur in der weißen Variante, wenn sie nicht gerade ein wenig braun in ihrem Fell
erahnen liesen. Doch Rehe und Hirsche? Möglicherweise handelte es sich dabei um
eine andere Bezeichnung für Rentiere? Denn diese kannte sie zur Genüge. Zu
hunderten waren sie in den Frühlingsmonaten durch ihre Reviere gezogen, der Hall
der Hufe klang noch immer in ihrer Erinnerung nach, brachte sie zum Lächeln.
Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit. Twar war sie immer nur kurz, doch nichts
desto trotz hatte Cayleth sie geliebt.
Aufmerksam sah sie wieder zu Kiba, das Lächeln blieb erhalten.

"Grüne Wiesen? Ich kenne Moos. Moos, welches von den Rentieren ausgegraben
wird und das sie fressen. Und ich kenne Hasen. Und weite weiße Ebenen. Karge
Landschaften, die doch ihre eigene Schönheit haben...aber keine grünen
Wiesen..."


Doch auch, wenn sie jene Dinge nicht kannte, so lag doch kein Bedauern in ihrer
Stimme, denn nun war sie hier. Sovieles lag hinter ihr doch noch mehr vor ihr.
Und sie würde all die Dinge noch sehen, von welchen Kiba sprach. Ganz bestimmt.
Und hoffentlich mit ihm gemeinsam. Seite an Seite.

Dieser Gedanke war so selbstverständlich in ihr aufgetaucht, dass es den
Eiskraistall für einen Augenblick selbst erstaunte. Dann jedoch stupste sie den
Weißen sacht an und blickte voraus. Voraus in ihre neue Zukunft. Soviel heller
als noch vor wenigen Stunden.

"Es gibt sovieles, dass ich noch nicht kenne."

Nur eine Feststellung, nicht viel mehr. Doch abermals sah sie ihn an. Mit ihren
hellen und klaren Augen. Doch auch etwas nachdenklich.

"Aber du wirst es mir zeigen, nicht wahr?"

Und sie lächelte.


Mama...Papa...Familie...
Das einzige wozu Kyrraine fähig war, war dazuliegen und die Geschehnisse um ihn
herum wahrzunehmen. Worte, die gesprochen wurde, Bewegungen die ausgeführt
wurden. Kälte, die sich immer näher um ihn scharrte mit jedem Augenblick, jeder
Sekunde. Und wo der Tag noch so gut angefangen hatte so verwandelte er sich
immer mehr in eine Katastrophe.
Kyrraine hatte gedacht, dass er irgendwann ein Mal auf das Erlebniss mit dem
Loch zurücksehen und lachen konnte. Bestimmt nicht jetzt oder morgen, aber
irgendwann - hatte er gedacht - würde er jemanden davon erzählen und sie würden
gemeinsam über soviel Ungeschicklichkeit oder Pech lachen. Ohne jegliche
negativen Gedanken, denn es war geschehen, ändern konnte man es nicht mehr und
er hatte es gut überstanden.
Doch nun, wo sich alles mit einem Mal so wahnsinnig schnell veränderte und immer
mehr Schatten auftauchte, da wusste Kyrraine, dass er niemals darüber lachen
würde können. Er würde auch niemals darüber erzählen, niemanden. Denn was aus
seinem kleinem Jagdabenteuer gewordenw ar, war mehr als sein junges Herz
momentan ertragen und verstehen konnte.
Kyro und Attachè. Kyro und Darkjania. Darkjania und Attachè. Vater und Mutter.
Ein Rudel, eine Familie und doch soviel...Wut, Zorn, Trauer. Und vor allem
Schmerz.
Der Jungrüde hatte die Augen für einen Moment zusammen gepresst, als würde er so
alles ausblenden können. Doch die leiser werdenden Schritte seines Vater drangen
an seine Ohren, der Atem seiner Mutter, der Schmerz der Beiden. Alles war hier,
realistisch und unausblendbar.
Nur mit Mühe konnte Kyrraine ein leises Fiepen unterdrücken. Es würde niemanden
helfen, schon gar nicht ihm selbst.

Und als ihm das klar wurde öffnete er seine Augen wieder. Sein Vater war aus
seinem Blickfeld verschwunden, nur seine Mutter war noch hier. Hier neben ihm.
Und er wollte helfen, wollte sie so beschützen, wie sie ihn und seine Schwestern
immer beschützt hatte. Doch er wusste nicht wie.

"mama..."

Nur ein leises Wimmern, nichts von der Sicherheit, die er ihr schenken wollte.
Denn er empfand keine Sicherheit mehr. Nicht heute, nicht jetzt.

"Mama"

Abermals ein Wimmern, doch dieses Mal gab er sich Mühe das Zittern aus seiner
Stimme zu verbannen, hob den Kopf und setzte sich auf, nur um den Kopf gleich
wieder zu senken und im Nackenfell Darkjania`s zu Versenken. Ruhig und
gleichmäßig ging sein Atem, täuschte über den untragbar schnellen Rythmus seines
Herzens hinweg, dessen Pochen in seinen Ohren hämmerte, unaufhörlich und nicht
zu verdrängen. Doch das half ihm dabei sich klar zu werden, dass er immer noch
lebte. Hier und jetzt. Er war am leben und es würde besser werden. Natürlich
würde es das. Nicht in diesem Moment, aber bestimmt morgen. Auf jeden Fall.

"Ich bin ja da, Mama"

Und obwohl die Stimme noch leise war, war es doch kein Wimmern mehr. Und dann
hob er den Kopf und rief nach seinen beiden Schwestern. Denn sie waren eine
Familie. Und auch wenn er es vermeiden würde ihnen wirklich zu erzählen was
passiert war, dann brauchte er sie doch bei sich.
Sie waren eine Familie und somit mussten sie zusammen halten. Hier und jetzt.
Heute, mehr noch vielleicht als in den letzten Tagen.
Und so rief seine Stimme nach seinen beiden Schwestern, ohne Erklärung, nur dass
sie hier sein mussten. Denn Liebe benötigte keine Erklärungen. Sie musste
einfach erhört werden, nicht mehr.


Schleichend langsam
stapfte Attaché durch den höher werdenden Schnee in den Wald hinein, ohne darauf
zu achten in welche Richung er ging. Er konnte genauso gut vom Rudel weg, wie
zum Rudel hin gehen, oder parallel zu ihnen - er dachte nicht darüber nach. Es
war nicht seine Absicht, sich weit von ihnen zu entfernen. Es gab kein Leben
mehr jenseits dieser Gruppe für ihn. Nirgendwo auf der Welt schien er
hinzugehören, doch der Ort, wo das Rudel war, war immer der Ort aller Orte, der
ihn am wenigsten abzustoßen schien. Grimmig hatte er seinen Sohn und seine
Gefährtin im Schnee liegen gelassen. Was hätte er anderes tun sollen? Sich
Vorwürfe anhören oder sich selbst welche machen. Oder gleich beides. Doch ihm
war nicht danach. Er empfand keine Schuld und keinen Ärger, nur ein bisschen
trostlos fühlte er sich in all dem Winter, der nicht nur den Wald, sondern auch
die Herzen der Wölfe ergriffen hatte.

Schallend erklang der Ruf seines Sohnes über den Baumwipfeln, mit dem er seine
Schwestern zu sich bat. Der Braune fühlte einen sanften Stich im Herzen, doch es
zog ihn nicht zurück. Bestimmt würden sie jetzt ein familiäres Zusammensein
pflichten, einander liebhaben und Wärme spenden. Dazu war er wohl einfach nicht
gemacht worden. In dem Wissen, dass er nicht sehen würde, was er hinter sich
gelassen hatte, wandte Attaché den Kopf und blickte zurück, ohne jedoch
umzudrehen. Es schien, als wären die Bande in der Familie stärker geworden, sein
Band jedoch wurde herausgelöst und machte ihn zu einem einsamen Wolf. Wie
damals. Unwillkürlich musste der Wolf an die Beschaffenheit seines unnatürlich
widerstandsfähigen Körpers denken, in dem ein zerbrechliches, gläsernes Herz
schlug. Sein Geist hatte lange nicht das aushalten können, was sein Körper
ertragen hatte - er war ein verkrüppelter Wolf in einem gesunden Körper. Wie
sollte man ein normales Leben führen können, wenn man dauernd von der
Vergangenheit eingeholt wurde? Wie sollte man Glück ertragen können, nachdem man
soviel Unglück erfuhr?

Ein Knurren drang aus der Kehle des Braunen. Für diesen einen Moment war es die
Welt und die Zit, beides unendliche, unbegreifbare Dinge, die er verhasste und
beknurrte. Er würde niemals richtig glücklich sein, wenn ihn die Vergangenheit
weiter verfolgte und es würden immer die sein, die ihm am nächsten standen, die
darunter leiden würden. Still und klamm verfluchte er sie, diese Tatsache, und
ging weiter in den Wald hinein.


Die Braunen Pfoten
trommelten über den Boden. Sie sprintete durch den Wald, während die Fährten
ihrer Familie, ihres Rudels, ihrer alten "Freunde", immer näher kam. Ihr Hals
brannte und es war ihr beinahe unmöglich noch einzuatmen.
Am Anfang war es leicht gewesen. Sie war gut konditioniert, da sie trainiert
hatte, sowieso war sie die beste Läuferin gewesen, von ihnen. Von ihnen drei.
Lunar, Kheiji und sie. Und jetzt? Jetzt war er weg. Und Lunar auch. Und sie
rannte, so schnell sie konnte und so schnell, wie sie wahrscheinlich noch nie in
ihrem Leben gerannt war. Die Luft um sie herum schien immer dünner zu werden,
ihre Beine fühlten sich an wie Gummi und irgendwie auch taub. Aber Niana rannte
weiter. Immer weiter, dahin zurück, wo sie wahrscheinlich niemand vermissen
würde. Niemand erwarten würde. Sie schnappte nach Luft. Das war jetzt nicht
wichtig. Kheiji war wichtig. Lunar war wichtig. Und sie, sie dumme, dumme Fähe,
sie hatte sie alleine gelassen. Sie schloss einen Moment die Augen, versuchte
Luft in ihre Lungen zu pressen, aber die kalte Luft schien ihr die ganze Kehle
zu verätzen. Sie hatte es fast geschafft. Die Wölfe, die sie beinahe ihr ganzes
Leben begleitet hatten schienen zum Greifen nah. Sie öffnete die Augen wieder,
ein letztes Mal ging ein Ruck zu ihrem Körper und sie beschleunigte ihren Lauf.
Ihre Läufe wollten kapitulieren, genau wie ihre Lungen, aber die Braune hatte
inzwischen gelernt über ihre Grenzen zu gehen. Und so flog sie über den Boden,
durch den stillen, großen Wald. Und eine Fährte schlug ihr ins Gesicht, er
musste ganz nah sein. Attaché. Sie holte alles aus ihrem Körper aus, der kurz
davor war, vor Erschöpfung einfach in die Knie zu gehen. Aber sie schaffte es.
Langsam erkannte sie die Umrisse des braunen Rüden. Und dann sein Gesicht. Immer
besser konnte sie ihn sehen und auch er musste sie inzwischen sehen. Aber sie
bremste noch nicht ab. Wie vom Teufel gejagt hetzte sie auf ihn zu und legte
erst im letzten Moment eine Vollbremsung ein. Um sie wirbelte Schnee auf und
ihre Muskeln zitterten, da sie sich zum ersten Mal seit langem entspannten. Kurz
hatte Niana das Gefühl die Orientierung zu verlieren und kraftlos zur Seite zu
kippen, aber sie fing sich rechtzeitig ab. Sie stand genau vor dem Wolf, der
dieses Rudel nun auch schon so lange begleitete.

„Attaché."

Ihre Stimme überschlug sich, als sie den Namen mehr aushustete als sprach. Nach
Atem ringend sah sie sich um. Sie war schon wieder auf den Beinen. Bereit,
weiter zu rennen. Auch wenn ihre Kehle brannte, auch wenn ihre Läufe nicht mehr
weiter konnten, sie würde ihre Brüder retten.

„Wo sind Noir und Aramis?"

Ihre Augen waren weit aufgerissen und man sah ihr an, dass sie irgendwas
schrecklich durcheinander gebracht hatte. Sie konnte nicht schon wieder einen
Bruder verlieren. Einen Wolf, den sie liebte. Oder gleich zwei. Sie mussten sie
wieder finden. Ihr Herz schlug wahnsinnig schnell und Niana vermochte nicht zu
sagen, ob es an der Angst, oder der enormen Anstrengung lag. Das trommelnde
Geräusch schien alles zu übertönen. Und das Pfeifen in ihren Lungen kam ihr auch
vor wie ein lautes Geschrei. Sie sah den Gefährten von Darkjania an. Völlig
überfordert, völlig verängstigt und doch mit einem gewissen Stolz. Weil sie sie
eingeholt hatte. Weil sie es geschafft hatte, ohne Pause. Weil es ein Zug ihres
Charakters war, dieser Stolz. Aber als sie zu ihm sprach, wich dieser Stolz
einem Moment dem puren Entsetzen. Als sie dieses eine Wort aussprach, schien
sich die alte Niana einen Moment aufzulösen.

„Menschen!"

Mit wummerndem Herzen sah sie Attaché an. Sie musste Aramis finden. Und Noir.
Sie mussten hier weg. Sofort.


Nach und nach schien
die Stille des Waldes Attaché einzuhüllen. Jedes Geräusch wurde vom Schnee
gedämpft und wirkte fern und blass. Doch die Ruhe und die Einsamkeit um den
Rüden hielt nicht lange an. Unerwartet und plötzlich brach nicht weit entfernt
eine nicht unbekannte Fähe aus dem Unterholz hervor, aufgelöst vor Anstrengung
und deutlich erkennbarer Angst in den klaren Augen. Atemlos stoppte sie vor ihm
und sofort erkannte er sie. Nie zuvor hatten sich die beiden Wölfe wirklich
miteinander befasst und ihre Abwesenheit hatte er nicht besonders wargenommen.
Erst jetzt, da Niana zurückkehrte und ihr der Ernst einer Lage, die der Braune
noch nicht kannte, ins Gesicht geschrieben schien, wurde ihm bewusst, wie lange
sie, Lunar und Kheiji fort gewesen waren.

Er hatte weder beabsichtigt allzu früh dem Rudel nahe zu kommen, noch hatte er
auf seinem kleinen Spaziergang besonders viel Achtung an den Aufenthaltsort der
Gruppe verschwendet, doch nun, da Niana danach fragte, konnte Attaché sofort
sagen, in welcher Richtung sich das Rudel befand. Er fragte nicht, was passiert
war oder warum die Fähe so aufgeregt war, denn noch ehe es dazu kam,
beantwortete sie die gedankliche Frage von selbst. Menschen.
Unwillkürlich weiteten sich die Augen des Rüden und sein Herz schien einen
kurzen Moment lang auszusetzen, dann gab es keine Zeit mehr zu verlieren. Egal
warum die Menschen da waren, egal wo sie waren, es war klar, dass andere Wölfe
wegen ihnen in Schwierigkeiten waren und Niana war den ganzen Weg hierher
gerannt, um ihnen zu helfen. Auf dem Absatz machte er kehrt und wies mit dem
Kopf in Richtung Rudel.

"Komm mit."

War alles, was er sagte, dann rannte er los, sicher, dass Niana ihre letzten
Kräfte mobilisieren würde, um ihm zu folgen. Das Rudel war nicht mehr als eine
Stunde entfernt, wenn man schneller lief, vielleicht auch etwas weniger. Je eher
sie dort waren, desto eher würde sich klären, was geschehen war und wie groß die
Gefahr für die Wölfe der Freiheit war. Und hoffentlich würde die Fähe noch den
Atem haben, alles zu erklären, wenn sie bei den Alphawölfen angelangt waren.
Wie erwartet liefen sie eine knappe Stunde, bis Attaché die Gestalt von Aramis
vor der wandernden Gruppe von Wölfen ausgemacht hatte. Lieber wäre er zu Noir
gegangen, doch er wusste, dass Kyro dort war und hatte keine Lust auf diese
alberne Zankerei mit dem Rüden, der sich von ihm ohnehin verfolgt fühlte. Kurz
glitt sein Blick über die Schulter, der prüfte ob Niana noch da war, dann
blickte er atemlos den Alpharüden an. Er rang nach Luft, doch er fand seine
Stimme bald.

"Aramis, Niana ist zurückgekehrt. Sie hat dir etwas zu berichten und ich
denke, sie wird Hilfe brauchen."


Er versuchte beiläfuig die Situation zu verstehen, der Aramis gerade
gegenüberstand. Da waren eine am Boden liegende Yukí, da waren Lajila, Shanaya
und Demon. Was war hier geschehen? Er sah zu Niana. Nun würden sie alle erfahren
können, was abseits des Rudels geschehen war.


Jetzt war es an ihr,
stumm und aufmerksam ihrer Freundin zu lauschen. Es war keine sehr schöne
Geschichte, die Alana zu erzählen hatte. Kein Wunder bei einer Lebensgeschichte,
denn das Leben war ein Erzähler, der immer ein fieses Lächeln auf den Lefzen
hatte. Da half es auch nichts zu sagen 'Aber es hätte schlimmer kommen können',
schließlich konnte es immer noch schlimmer werden, solange das eigene Leben
andauerte. Sicher davor war man erst im Tode, aber das konnte jawohl das Ziel
nicht sein...
Ein 'Es war nicht deine Schuld' lag ihr mehrmals auf den Lefzen, und blieb doch
unausgesprochen. Einerseits wollte sie Alana nicht unterbrechen, andererseits
wäre das ihrer Schlussfolgerung zuwider gelaufen. Unkommentiert wollte sie das
aber auch nicht lassen.

"Vielleicht hast du recht. Aber ich bezweifle stark, dass es stets nur an dir
lag, also gib dir nicht die ganze Schuld"
,

erklärte sie und sah ihre Freundin ernst an. Kurz darauf lächelte sie leicht,
als sie Alanas Lächeln sah, dann wandte sie den Blick wieder geradeaus.

"Sympathie zu erlangen ist nie mein Ziel gewesen. Aber anerkannt wollte ich
sein, respektiert für meine Stärke und meine Fähigkeiten, besonders von Rüden.
Sie sollten wissen, dass ich ihnen mindestens ebenbürtig war und dessalb niemals
vor ihnen kriechen wür-"


Die letzte Silbe blieb unausgesprochen, als plötzlich hinter ihnen ein Schrei
erklang und die Schwarze ruckartig den Kopf umwandte. Hund kam auf sie
zugehetzt, so schnell als würde ihn der Schatten selbst jagen, und jagte schier
atemlos an ihnen vorbei. Aszira sah ihm irritiert nach, dann verfinsterte sich
ihr Blick ein wenig.

"Was hat er JETZT wieder angestellt?!"

Ihre grauen Augen folgten dem Rüden durch den Wald, aber kurz bevor er außer
Sicht geriet, schien er inne zu halten. Vor ihm stand eine schwarze
Wolfsgestalt, die Aszira auf diese Entfernung nicht eindeutig zuzuordnen
vermochte. Sogleich begann der Rüde wiederum zu schreien, und auch wenn die
Schwarze erahnen konnte, dass er dabei Worte formulierte, so konnte sie doch
keines davon verstehen. Doch allein der Tonfall reichte, um die Schwarze zu
alarmieren. Irgendetwas war passiert, und Aszira wollte darüber bescheid wissen.

"Komm",

sagte sie nur an Alana gewandt, während sie sich im lockeren Trab in Richtung
Hund wandte. Dieser hatte derweil zu schreien aufgehört, redete jedoch nach wie
vor auf die schwarze Gestalt, die sich als Noir entpuppte, ein. Aszira bekam
nurmehr den letzten Teil halbwegs mit, als sie bei den beiden anlangte.
Irgendetwas von einer Falle, die Attaché, Darkjania und einer aus ihrer Brut ihm
gestellt haben sollten. Wie genau diese Falle ausgesehen haben sollte, wusste
die Schwarze noch nicht, aber Hunds Schlussfolgerungen machten auch ohne dieses
Wissen grundsätzlich ersteinmal Sinn. Die Rudelratsvorsitzende wollte Hund also
endgültig ans Leder? Sofern Hund sich das nicht einfach ausgedacht hatte, um
sich bei der Hundsliebhaberin Noir einzuschmeicheln, hieß das. Einfältig genug
wäre er ja. Andererseits traute sie auch Darkjania eine derartige
Durchtriebenheit zu. So könnte sie Hunds Tod einfordern, ohne anschließend
selbst bestraft zu werden, weil sie ihn grundlos getötete hätte...
Ich Blick glitt zu Noir. Zweifellos würde die Alpha Hund Glauben schenken. Und
wem sollte sie glauben? Nun, niemand außer ihr hatte das Recht, Hund zu töten!
Diese Previleg würde sie sich von niemand nehmen lassen!

"Und jetzt nochmal für mich: was war das für eine Falle?",

forderte sie. Zwar würde er jetzt nocheinmal von vorn erzählen müssen, aber sie
wollte selbst genau darüber informiert sein, was passiert war...


Sakura lächelte nur
schelmisch, ob der Reaktion ihres jungen Gegenübers. War sie nicht erst Gestern
noch genau so alt gewesen? Sakura schloß für einen kurzen Moment die Augen.
Nein, sie war immer jung geblieben, soviel Erwachsenheit auch in ihr stecken
mochte. Nach dem Chihiro und sie die Führung über die Jungwölfe übernommen
hatten, hatten sie alle sehr viel ausprobieren müssen - ihnen hatte niemand
beigebracht wie man ein Rudel führte, und nicht wie man es zusammenhielt. Alles,
was sie konnten, hatten sie sich selbst beigebracht. Und da der Einfluss
Erwachsener ab der Rudelauflösung vollständig gefehlt hatte, waren sie einander
eben gegenseitig Vorbilder gewesen. Junge Vorbilder.Die Weiße schlug die Augen
wieder auf, und nickte auf Iljas Zustimmung hin. Wunderbar.
Die Weiße folgte der Braunen nun dichtauf, die Rute locker pendelnd, und die
Ohren in alle Richtungen drehen lassend. Es war wie eine Heimkehr in ein Gebiet,
das man vor Jahren verlassen hatte, und das neu besiedelt worden war...
Leicht grinsend lauschte sie Iljas Frage, und legte sich schon die passenden
Worte zurecht, als die Braune stehen blieb, und sie anstarrte wie den Gevatter
selbst. Sakura kicherte.

"Hihi. Jaaah, dazu müsste ich die Dame wohl kennen..."

Gab sie breit grinsend zu, und fuhr kurz darauf fort. Es machte ihr Spaß, die
Braune auf die Folter zu spannen.

"Tihihi. Klar kenne ich Darkjania! Sie war schon da als ich geboren wurde.
Ich bin die Tochter von Lioku, der dieses Rudel gegründet hat!"


Verkündete sie nicht ohne Stolz, und grinste Ilja breit an, in Erwartung ihrer
Reaktion. Ihre Miene wurde unmerklich ernster, als sie nach ein paar Momenten
weitererzählte.

"Das Rudel unseres Vaters löste sich auf, als wir noch recht jung waren - da
es zwei Würfe gegeben hatten, beschlossen wir Jungwölfe zusammen zu bleiben -
ich und mein Gefährte übernahmen die Führung, und seit gerauener Zeit folgen und
beobachten wir euch"


Die Weiße horchte auf, als ein leises Heulen vom Wind zu ihnen getragen wurde,
und nach ihrer Begleiterin rief. Die Weiße sagte nichts dazu, Ilja hatte
schließlich selbst Ohren - was da wohl passiert war?


Niana spürte ein
heftiges Stechen in der Brust. Sie spürte, dass ihr langsam der Atem ausging.
Sie würde bald die Grenze ihrer Kräfte erreicht haben, dass wusste sie, aber sie
wusste auch, dass sie jetzt versuchen musste wirklich an dieser anzukommen und
wenn es nötig war, sie zu überschreiten. Stark hechelnd sah sie Attaché an,
dessen Augen sich weiteten. Ihre Ohren zuckten nervös und sie drehte prüfend den
Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war. Erst als sie die Worte des
Braunen hörte drehte sie sich wieder in seine Richtung. Komm mit. Ihr
Körper wollte rebellieren. Wollte ihm hinterherrufen, dass die Menschen noch
weit weg waren. Und das sie ruhig noch eine kurze Pause einlegen konnten. Aber
dann viel ihr Lunar ein, sein besorgter Blick, seine letzten Worte. Sie dachte
an Kheiji und daran, dass sie nicht einmal wusste, ob er noch am Leben war. Sie
dachte daran, dass sie keine Ahnung hatte wie weit die Menschen tatsächlich noch
von ihnen entfernt waren. Und während sie das alles dachte sprang sie auf. Stieß
sich kräftig vom Boden ab und rannte so schnell sie konnte hinter Attaché her.
Die kurze Pause hatte ihrem Körper wenigstens ein bisschen Kraft zurück gegeben
und so viel es ihr anfangs nicht schwer, mit dem Rüden mitzuhalten. Elegant
stießen sich ihre Läufe vom Boden ab und setzten wieder auf. Sie war eine der
besten Läuferinnen des Rudels, doch bald ging ihr erneut die Puste aus und auch
die Kraft und sie musste ihren Lauf verlangsamen. Sie achtete jedoch darauf
Attaché nicht zu verlieren. Ihr Atem pfiff und ab und zu drang ein leises
Winseln aus ihrer Kehle, wenn ihre Muskeln vor Anstrengung zu zerreißen drohten.
Sie wusste nicht, wir lange sie gelaufen waren. Sie wusste nicht, wie schnell
sie tatsächlich gelaufen waren, es kam ihr schnell vor, aber irgendwann drangen
ihr die Gerüche immer intensiver in die Nase und sie konnte es kaum erwarten
endlich bei Aramis und Noir anzukommen. Sie keuchte, als sie die ersten Wölfe
erkannte, würdigte aber keinen eines längeren Blickes. Ihre volle Konzentration
galt dem Laufen, den Bemühungen, immer im gleichen Abstand zu Attaché zu
bleiben, ihre Pfoten richtig zu sortieren. Ihre Läufe brannten und und zogen.
Erleichtert winselte sie auf, als sie Aramis einige Meter entfernt sah. Attaché
war schon bei ihm, einige Sekunden später kam Niana neben dem Rüden zu stehen.
Ihr Atem ging in schnellen, kurzen Stößen und die Zunge hing ihr weit aus dem
Maul. Ihre ausgetrockneter Körper sehnte sich nach etwas Wasser, aber auch dazu
war jetzt keine Zeit. Die Fähe blickte Aramis an, die anderen Wölfe um ihn herum
blendete sie aus. Sie waren auch nicht Wichtig. Einer war mal wichtig gewesen,
aber sie war unsichtbar für ihn geworden. Würde er sie überhaupt noch erkennen?
Vielleicht hatte er sie auch einfach vergessen. Sie schüttelte kurz den Kopf und
versuchte zu Atem zu kommen.

„Aramis. Wir...Ich... Es."

Völlig aufgelöst versuchte sie etwas zu sagen und wusste nicht, wie sie es
erklären sollte. Sie war verwirrt und plötzlich hatte sie furchtbare Angst. Sie
hätte Lunar und Kheiji helfen müssen. Sie hätte nicht einfach weglaufen dürfen.

„Menschen. Ungefähr einen Tagesmarsch von hier."

Sie hob dem Blick und sah dem Alpha fest in die Augen. Ihr ganzer Körper
zitterte noch vor Anstrengung. Sie hatte die Strecke an einem halben Tag zurück
gelegt. Ihr sonst so stolzer, beinahe arroganter Blick wirkte nun beschämt und
unnahbar.

„Sie haben Kheiji. Und vielleicht auch Lunar."

Sie holte tief Luft, unterdrückte das Winseln das aus ihrem Fang dringen wollte.
Sie sah Aramis immer noch in die Augen, es kostete sie eine ungeheure Kraft,
aber sie war stark geworden, auf ihrer Reise. Es schien als wäre sie ein kleines
Stück gewachsen und hatte an Muskeln zugelegt. Aus ihren hellen Augen sah sie
nun den grauen Rüden an.

„Du musst das Rudel zusammen rufen und dann müsst ihr so weit weg wie
möglich."


Sie bezog sich nicht mit ein. Sie gehörte nicht mehr zu diesem Rudel. Sie würde
nicht mit ihnen fliehen. Sie gehörte zu Lunar und Kheiji. Und sie würde es sich
niemals verzeihen wenn sie nicht versuchen würde, ihnen zu helfen. Sie dachte an
den großen, weißen Wolf, der erst in den letzten Wochen zu einem Freund geworden
war. Und ihr Bruder. Genau wie Kheiji. Sie waren Geschwister.


Kiba richtete seinen
Blick in die Ferne und erhaschte nun einzelne Gerüche seiner Freunde. Der Weg
konnte nicht mehr weit sein. Nur noch wenige Atemzüge und wenige Wechsel
zwischen linken und rechten Läufen. Kiba schüttelte sein Haupt um die leichten
Schneeflocken, die sich auf ihm niedergelassen hatten, los zu werden. Dann
lauschte er den Worten Cayleths. Moos und Rentiere. Moos kannte er, ein Rentier
hatte Kiba, so viel er wusste, noch nicht gesehen. Karibus. Aber diese beiden
Tiere unterschieden sich nicht gross. Karge Landschaften? Hatte er auch schon
gesehen. Aber die saftige grünen Wiesen gefielen ihm besser. Es war alles viel
leuchtender und wärmer, die Blumen die der Sonne entgegen sahen und die feinen Düfte...

"Ja, Cayleth. Ich werde dir alles zeigen. Dir alleine."

Kiba lächelte und sah aus den Augenwinkeln Punkte am Ende des Horizont, welche
sich bewegten. Die Freiheitswölfe! Kiba sah kurz in die Runde. Kurz rümpfte sich
die Nase. Es roch nach Angst und Aufregung. Er sollte sich beeilen und seine
Weggefährtin so schnell als möglich in Sicherheit bringen.

"Cayleth, komm. Lass uns beeilen. Ich habe ein ungutes Bauchgefühl!"

Kiba straffte die Muskeln und schlug ein schnelleres Tempo ein. Immer darauf
achtend, dass Cayleth bei ihm blieb, steuerte Kiba auf Aramis zu. Yuki hatte
ihren Platz nicht verlassen. Auch sonst waren alle noch da. Und. Niana! Niana
war wieder da und ausgerechnet von ihr schien Gefahr herzufliessen. Kiba sah zu
Cayleth und hatte plötzlich etwas Angst, liess es allerdings nicht nach aussen.
Die weisse Fähe sollte nicht unnötig in Schrecken versetzt werden. Womöglich
empfand Kiba die Situation auch falsch. Wie dem auch sei, schnell zu Aramis.
Attaché hatte den Weg ebenfalls zum Alpha gefunden, Kyro war bei Noir. Bevor er
ins Sichtfeld des Alphas trat, blieb Kiba stehen und leckte Cayleth über die
Schnauze.

"Der grosse Silberfang ist Aramis, unser Alpha..."

Flüsterte der Weisse der Fähe ins Ohr. Mehr, damit sie Bescheid wusste. Der Rüde
berührte seine neue Freundin sanft mit der Schnauze und ging dann weiter. Noch
kurz blickte er über die Schultern, um Cayleth aufzufordern mitzukommen.

"Aramis? Was... Ich..."

Kiba sah zu Niana.

"Hallo Niana...! Aramis, ich habe jemanden mitgebracht. Ihr Name lautet
Cayleth. Sie ist mit guten Absichten unterwegs und sucht Artgenossen, mit denen
sie verbleiben kann..."


Cayleth war zufrieden
gewesen mit den Landschaften und Welten, die sie gekannt hatte. Welten voller
Kälte und doch beinhalteten sie alle ihre ganz eigene Schönheit, auch wenn diese
den meisten verborgen blieb und sich nur den wenigsten offenbarte. Und bis vor
kurzem hatte sich die Weiße zwar nach Gesellschaft gesehnt, aber nicht unbedingt
nach neuen und unbekannten Lebensräumen. Nun jedoch, wo sie die Worte Kiba`s
förmlich aufsog und in sich festhielt, da spürte sie die Neugierde und die
Freude auf das Kommende wie ein leichtes Kribbeln, dass sich in ihrem gesamten
Körper ausbreitete und ihre Augen abermals zum leuchten brachte.

Als Kiba von seinem unguten Gefühl sprach, neigte sie den Kopf kurz beunruhigt
zur Seite, fragte jedoch nicht nach sondern passte sich seinem Tempo an. Um
nichts in der Welt wollte sie ihn gerade jetzt aus den Augen verlieren. Denn je
näher die anderen Fremden ihnen kamen, desto größer wurde die Nervosität in
ihrem Inneren. Doch statt die Ohren anzulegen und sich diesem Gefühl hinzugeben,
war ihr Blick auf den Rüden gerichtet, welcher anhielt und ihr kurz erklärte was
wichtig war. Kiba. Er gab ihr Sicherheit. Und ein anderes Gefühl, dass sie nicht
so ganz zuordnen konnte. Noch nicht.
Alpha? Kurz überlegte Cayleth. Alpha...jene Wölfe, welche dem Rudel Befehle
erteilten und die anderen mussten ihnen bedingungslos gehorchen oder sich aus
dem Staub machen. So hatte ihre Mutter es immer erklärt. Und der Eiskristall
hatte es immer verabscheut. Kein eigener Wille, kein eigener Glaube. Etwas, dass
sie eigentlich nicht noch ein Mal durchmachen wollte.
Doch als Kiba ihr über die Schnauze schleckte, da Wiefte sie leise und drückte
ihren Kopf kurz an seinen Fang. Vielleicht waren die Wölfe hier anders...besser,
wer wusste das schon.
Und so folgte sie ihm zu den anderen. Zwar etwas zurückhaltend, aber voller
Zuversicht - die sie sich selbst nicht wirklich erklären konnte. Aber Kiba war
hier.

"Ich...grüße euch"


Noir lauschte dem Rüden aufmerksam, aber und zu legte sie den Kopf etwas schräg,
weil sie seiner wirren, verrückten Geschichte nicht folgen konnte. Unsicher sah
sie sich um, hielt nach Attaché und Darkjania aus. Langsam schüttelte sie den
Kopf, nein, das passte nicht zu ihnen. Kyro redete wirres Zeug, das wusste sie.
Sie ahnte auch das ein Funken Wahrheit in seiner Geschichte steckte. Aber sein
ganzes Auftreten war reinstes Drama und sie hatte das Gefühl, als würde der
Rüde, der einst ein so guter Freund gewesen war, immer mehr in Fahrt kommen.
Vorsichtig stupste sie ihn an und lächelte. Dann meinte sie mit ruhiger,
besänftigender Stimme:

„Beruhige dich, Kyro."  

Sie sah ihn durchdringend an. Nickte leicht mit dem Kopf, als würde sie ihm
versichern wollen, das alles okay ist. Ihr Lächeln war verschwunden und sie sah
ihn einfach nur ernst an. Sie wollte nicht, dass er dachte, sie würde sich über
ihn lustig machen. Dann meinte sie mit leiser, flüsternder Stimme:

„Niemand wird dich umbringen!"

Sowas hätte sie niemals zugelassen. Sie hatte schon mal bewiesen dass sie ihm
den Rücken stärkte. Weil er ihr Freund war, auch wenn er das nicht mehr so sah.
Sie vertraute ihm immer noch. Sie wusste, dass er ihr nicht weh tun würde, weil
er es gar nicht konnte. Sie wusste, dass er ein guter Wolf war, ganz tief in
sich drinnen und das diese Welt ihn kaputt gemacht hatte. Sie glaubte aber auch,
dass man ihm wieder auf die Beine helfen könnte, das man ihn wieder
zusammensetzten könnte, wenn da nicht Aszira wäre, die ihn sorgfältig weiter in
seine Einzelteile zerlegte. Und als hätten ihre Gedanken die Fähe gerufen, kam
Aszira auch schon dazu. Noir sah auf und musterte die schwarze Fähe kurz. Sie
wussten beide, dass sie sich gegenseitig nicht leiden konnten, dass sie
verschiedene Meinungen hatten und die der anderen nicht respektieren konnten.
Nach Noirs Werten und ihrer Lebensanschauung war Aszira mit allem, was sie Kyro
antat, nicht besser als dieser, als er sie vergewaltigt hatte. Und es war ein
einmaliger Ausbruch gewesen. Noir wusste, das die Tat furchtbar war, aber Kyro
war keine Gefahr mehr. Und Aszira behandelte ihn wie ein Stück Dreck, wie ein
Ventil. Ihr Freund musste büßen, für alles, was der Schwarzen jemals passiert
war. Langsam sah sie wieder zu Kyro.

„Er hat versucht Kyrraine aus einem Loch zu helfen, dabei ist er selbst
hinein gestürzt und hat somit auch die Regel..."
 

Noir stockte kurz im Satz. Das Leben des Rüden bestand nur noch aus Regeln. Es
war gar kein Leben mehr. Es war eine einzige Kontrolle. Sie atmete kurz ein und
fuhr fort:

„...die Regel sich den Welpen zu nähern gebrochen. Eine fremde Fähe hat ihnen
aus dem Loch geholfen. Attaché hat das ganze Wohl beobachtet, worauf Darkjania
sehr ungehalten reagiert hat. Attaché hat wohl behauptet Kyro hätte Kyrraine in
das Loch gestoßen."
 

Sie sah Aszira mit einem ausdruckslosen, sachlichen Blick an. Sie würden sich
nie verstehen.


Noch immer vollkommen irritiert lag Shanaya im Schnee. Ihre bernsteingelben
Augen folgten den Bewegungen der Beigen, die sich zitternd auf dem Boden wand,
als sie ein merkwürdig wütendes Knurren vernahm. Das schwarze Haupt schnellte
herum und erblickte Demon, der im Begriffe war, sich auf die völlig verängstigte
Fähe zu stürzen. Tief gerührt und gleichzeitig entsetzt riss die Schwarze ihre
Seelentore weit auf, woraufhin der Alpha ihre Angst zerstreute, indem er sich
zwischen den beiden Wölfen stellte. In Form eines erleichterten Seufzens atmete
die junge Wölfin aus, während eine sanfte, tiefe Stimme an ihrem Ohr sie leicht
zusammenzucken ließ.

Liebevoll blickten die gelben Augen zu Demon auf, dessen silbernen Seelenspiegel
voller Sorge zurückstrahlten. Beruhigend lächelte sie ihn an, drückte ihren Kopf
gegen sein Kinn und schloss für einen friedlichen Moment die tiefgründigen
Augen.

“Alles ok, mir tut nichts weh.“

Teilte sie ihm mit und genoss gleichzeitig seine fürsorgliche Nähe.
Erst nach einer Weile ließ sie ihren Blick in die Runde schweifen und
beobachtete aufmerksam das Geschehen. Mühsam versuchte sie, die gestammelten
Worte Yukís zu verstehen, doch sie sprach so verängstigt und stotternd, dass
weder die Worte, noch der Sinn hinter ihnen richtig zu verstehen war. Kurz
schaute die Schwarze Demon fragend an, ehe sie wieder die anderen Wölfe
betrachtete. “Ich will nicht sterben …“ Was hatte es zu bedeuten? Ein
kalter Schauer lief ihren Rücken hinunter und sie drängte sich automatisch ein
wenig enger an ihren schwarzen Freund. Ihre Gedanken kreisten umher, sie konnte
an nichts mehr denken. Die Außenwelt schrumpfte sich auf Demon allein zusammen.

Yukí, den Alpha und seine Gefährtin beachtete sie nicht mehr und Kibas
Verschwinden hatte sie erst Recht nicht mitbekommen. Zu plötzlich und
erschreckend waren diese Sekunden gewesen.


Der weiche Schnee
verklumpte sich zwischen ihren empfindlichen Pfotenballen, während sie gesenkten
Hauptes eine lebendige Fährte suchte. Die schwarze, sensible Nase zuckte leicht,
als sie die kalte Schneedecke durchdrang und Ayura spürte die Kälte, die die
Berührung nach sich zog. Es war eine angenehme Kälte, die ihren Geist erfrischte
und ihren Ehrgeiz wachsen ließ. Ihre Gedanken waren geordnet und klar, während
sie systematisch nach bestimmten Witterungen Ausschau hielt. Dainas Treiben nahm
sie nur am Rande wahr, war sie doch nun viel zu vertieft in ihren Handlungen.

Erst als die Helle meinte, etwas ausfindig gemacht zu haben, hielt sie eine
Weile inne. Sie sog die Luft an der Stelle tief ein und ihre weichen Ohren
zuckten, während sie versuchte, die Stimmen einzufangen, die der Wind ihr
zutrug. Die genervte Stimme der Weggefährtin drang an ihr Ohr und ein wenig
irritiert schaute sie auf. War es nicht Daina selbst, die vorgeschlagen hatte,
etwas zu jagen? Natürlich verstand die Helle, dass dies keinesfalls bedeutete,
dass die Unlust des Jagens mit einem Male verflogen war, doch so einen
demotivierten Eindruck hatte die Schwarze vor einigen Momenten noch nicht
gemacht.
Ayura öffnete den Fang, doch abgelenkt von dem anziehenden Duft der Beute,
verließen die Worte der Ermutigung nicht ihre Kehle.

“Moment …“

Wisperte die Jungwölfin, völlig im Bann eines Jägers. Flink machte sie einige
Sätze nach vorn und duckte sich anschließend leicht. Auf Dainas folgenden Worte
wollte sie später reagieren.
Eine Weile beobachtete sie das Schneehuhn, das sich gut einige Wolfslängen vor
ihnen befand an, rührte die angespannten Muskeln keinen Millimeter. Ein Jäger
hatte geduldig zu sein. Sie hatte während den vielen Jagdstunden gelernt, die
verlockende Eile zu unterdrücken und nun verharrte sie ruhig an einer Stelle.
Die junge Fähe konnte selbst nicht sagen, worauf genau sie wartete, doch
irgendwann kam das Zeichen, wie ein Einverständnis zwischen Jäger und Gejagtem.
Ohne Vorwarnung drückten sich die sehnigen Läufe vom Boden ab. Ein Zucken, eine
aufgewirbelte Wolke aus feinem puderzuckerartigem Schnee und schon war sie auf
und davon.

Das Schneehuhn hatte die Schnelligkeit seines Feindes weit unterschätzt und noch
während es in die Luft flog, wurde es von messerscharfen Fängen zu Boden
gerissen. Eine Weile zappelte das hilflose Tier am Boden, ehe es schließlich
seinen letzten Atem aushauchte. Es war eine erfolgreiche Jagd gewesen, auch wenn
sie vielleicht noch nicht so geschickte war, wie ihr Bruder.
Warmes Blut rannte aus Ayuras Lefzen und zufrieden trug sie das schlaffe Tier am
Hals zurück. Zurück zu Daina. Fröhlich blickte sie die gleichaltrige Fähe an und
plötzlich viel ihr die Unlust der Schwarzen wieder ein. Und nun hatte sie sie
auch noch ignoriert, war ihrem Jagdtrieb lieber gefolgt. Ayura fühlte sich
schuldig. Sie war keine gute Freundin, nein, das war sie gewiss nicht.
Unschlüssig, was sie nun tun sollte, blickte die Helle kurz zu Boden und ließ
schließlich die Beute zwischen ihnen fallen.

“Hier.“

Sagte sie so unbeschwert wie möglich und lächelte dabei. Gleich darauf plagte
sie jedoch wieder der Gedanke, ob es das richtige war, der Schwarzen die Beute
vor die Füße zu legen, als zweifle sie wirklich so sehr an ihren Jagdkünsten.
Unsicher schaute sie in die gelben Augen des Gegenübers. Hoffentlich war sie
nicht so sauer, dass sie das Geschenk abwies.


Alanas Ohren
richteten sich in Kyros Richtung, während sie fragend zu Aszira hinüber blickte,
die ihren Satz abgebrochen hatte und sich nun um ihren Hund kümmern musste. Der
Silberwölfin war zum Lachen zumute, was sie sich gerade noch verkneifen konnte.
Sie konzentrierte sich darauf, ihren Puls zu beruhigen, nachdem Kyros Schrei sie
in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Mit federleichten Schritten folgte sie der
Schwarzen zu Noir, der sie freundlich zulächelte und grüßend nickte.

Die Leitwölfin war damals die erste gewesen, die sich ihr angenommen hatte, als
sie sich selbst ausgetrickst hatte, um dem Rudel näher zu kommen. Und auch
später hatte Noir viel vertrauen in sie gesetzt. Dennoch hatten sie sich
bedauerlicher Weise nie näher kennen gelernt. Es war irgendwie komisch, so viel
Sympathie und Vertrauen zu finden und sich dennoch nicht nah zu sein. Alanas
Blick fiel auf Kyro, mitleidslos, aber nicht bösartig. Sie stempelte ihn als
Spinner ab und scherte sich nicht um seine Angst, dennoch wollte sie natürlich
nicht, dass ihm jemand zu Unrecht an die Kehle sprang. Manchmal glaubte sie
beinahe, die Beziehung zwischen ihm und ihr war noch komplizierter, als zwischen
ihm und Aszira. Letztlich war es wohl allgemein nicht leicht, mit ihm Kontakt zu
haben. Auch für Noir nicht.

„Wieso hast du deine Regeln gebrochen?“

Fragte sie, obwohl sie sich eigentlich nur wie eine Nebendarstellerin vorkam.
Die Szenerie ging sie nichts an, aber das einzige, wovon sie glaubte, dass es
wichtig war, waren Kyros Regeln, die man ihm zur Strafe auferlegt hatte. Wenn
man sich darauf verlassen konnte, dass er sie einhielt, brauchte man ihn nicht
zu fürchten. Und Furcht war das einzige, was Alana stets beschäftigte. Es war
ihr lieber, der Rüde blieb seinen Regeln treu.
Ihr Blick glitt hinüber zu Niana und Attaché, die zu Aramis geeilt waren. Die
junge Fähe gebärdete sich unruhig, was bei Alana den Impuls zur Flucht in ihre
Adern katapultierte. Nur mühsam hielt sie sich zurück und blickte schließlich
wieder sachlich zu Noir, Kyro und Aszira


Kyro starrte Noir an,
gebeutelt von der fassungslosen Feststellung, dass sie ihn nicht ernst nahm.
Einige Augenblicke wurde er ganz ruhig, so als wäre er nicht mehr da, sondern
weit weg, an einem Ort, an dem man ihm nichts mehr tun konnte. Sie machte sich
innerlich sicher über ihn lustig, stellte er fest und wusste nichts mit der
Erkenntnis anzufangen. Er war Hund und dass war völlig normal.

“Aber sie wollen es tun!“,

schrie er sie an, ehe er verstummte und zu Aszira hinüber sah. Jetzt war alles
vorbei, sie würde sicher schon bescheid wissen und tun, was Darkjania angefangen
hatte. Regungslos wartete er darauf, dass ihre Schritte schneller wurden und
sich ihre Zähne um ihren Hals schlossen. Dass wirkte irgendwie richtiger, als
wenn es jemand anders tat.
Sogleich wollte er ihrem Befehl folgen, ließ sich aber bereitwillig von Noir
über die Schnauze fahren. Sollte sie doch reden, dann konnte er wenigstens
eventuellen Hohn aus ihrer Stimme ziehen. Mit demütiger Haltung kroch er an die
Seite der schwarzen Bestie, um sich einzufinden, wo er hingehörte. Ruhe und
Zufriedenheit erfüllten ihn, kaum dass er sich neben sie in den Schnee gelegt
hatte. Danach betrachtete er Noir von der neuen, besseren Position.

“Sie sind keine Welpen mehr. Wie alt müssen sie sein, damit die Regel
aufgehoben wird? Im Rudel gibt es doch genug Erwachsene, die sich auch nicht
wehren könnten, wenn ich ihnen etwas tun wollte?“


Er sah die Leitwölfin an, die er bei diesem Punkt auf die Stufe eines
Neugeborenen stellte. Aber er fragte nicht sie, sondern Aszira, weil er sicher
war, dass sie die Frage besser beantworten konnte. Eigentlich müsste er sich an
Lajila und Darkjania wenden, doch letztere würde ihn nicht an sich heran kommen
lassen, ohne auszurasten. Und Lajilas Meinung scherte ihn wenig. Die Welpen, die
sie geboren hatte, fühlten sich nicht annähernd so sehr zu ihm hingezogen, wie
es Daina zu tun pflegte. Aber davon wusste außer ihm und ihr niemand. Es war
besser, es gar nicht erst zu erwähnen.

“Hat wohl behauptet…“,

Wiederholte er voller Abscheu. Nicht weil Attaché es behauptet hatte, sondern
weil Noir es so formulierte.

“Er hat gesagt, ich hätte seinen Sohn in die Grube gestoßen. Und er hat
gewartet, bis ich ihn zerfleische. Sie haben mir diese Falle gestellt, weil sie
einen Grund haben wollten, mich zu töten. Er hat es gesagt! Er hat gesagt, ich
hätte Kyrraine hineingestoßen, mit Absicht! Und dann kam Darkjania, um mich zu
töten, weil ich mich ihrem Nachwuchs genähert habe. Es war geplant, dass ist
doch wohl offensichtlich! Und es war ihnen sogar so wichtig, dass sie das Leben
ihres Sohnes aufs Spiel gesetzt haben.“


Mürrisch, versteckt hinter einer neutralen Maske, blickte er zu Alana hinüber,
die sich plötzlich einmischte. Warum? Er dachte nach.

“Ich dachte, es wäre keine große Sache. Ein bisschen Schnee reinschaufeln und
denn Jüngling rausziehen… es sah einfach aus. Ich hatte nicht beabsichtig, auf
dem Eis auszurutschen und selbst im Loch zu landen.“


Ihr Blick lag wachsam
und fordernd gleichermaßen auf Hund, und nur widerstrebend wandte sie ihn zu
Noir, als die Alpha an Stelle des Rüden antwortete. Aszira spürte Zorn in sich
aufsteigen, wie heiße Kohlen in ihren Eingeweiden. Von Hund wollte sie eine
Antwort, nicht von der Hundeliebhaberin - ihren Worten konnte sie nicht trauen.
Noir neigte dazu jedwede Situation verharmlosend darzustellen und die Augen vor
der nackten, kalten Wahrheit zu verschließen. Dennoch hörte sie zu und rang das
Verlangen nieder, der Alpha über die Schnauze zu fahren und damit einen Streit
vom Zaun zu brechen, was allein Alanas Anwesenheit zuzuschreiben war. Und so war
es die Stimme ihrer Freundin, eine Frage an Hund richtend, die Aszira die
Fassung bewahren ließ. Ihre grauen Augen glitten zu Hund, der an ihre Seite
gekrochen kam. Er kam dabei so nahe, dass seine Bewegungen genau auf der
unsichtbaren Linie entlang schrammten, die den Mindestabstand zwischen ihr und
ihm darstellte. Aszira Lefzen zuckten unwillkürlich, als sie der Impuls
durchzuckte, nach Hund zu schnappen und ihn damit nur eine Pfotenbreite weiter
auf Abstand zu bringen. Aber Hund verharrte, lag im Schnee und rührte sich nicht
weiter, und so blieb der Impuls nur ein Zucken von Muskeln an Flanke und Lauf.
Es war gerade so ertragbar.
Seinen Worten in Bezug auf die Wehrlosigkeit vieler anderer Rudelmitglieder
musste die Schwarze zustimmen. Ebenso, was die 'Welpen' anging.

"Sie sind in der Tat keine Welpen mehr",

stellte sie fest, wobei in ihrer Stimme ein befehlender Ton mitschwang - was sie
anging, war diese Regel damit in der Tat aufgehoben.

'Immerhin verspüre selbst ich nicht mehr den Drang, ihnen die Kehle
durchzubeißen, wenn ich sie sehe'
,

fügte sie im Stillen hinzu. Die einstigen kleinen Monster waren groß genug
geworden, als dass sie sich nicht mehr in welpische Versionen Hunds
verwandelten, wenn ihr Blick auf sie fiel...
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Hund wiederum zu sprechen begann und
erneut von der Falle berichtete, die ihm gestellt worden war. Seine Darstellung
war wesentlich eindeutiger formuliert, kein eventuell und vielleicht wie bei
Noir. Aszira war dennoch nicht ganz sicher, ob sie Hund glauben sollte.
Verflucht, eigentlich glaubte sie weder ihm noch Noir wirklich. Noir, weil sie
alles harmloser darstellte, und Hund, weil er vielleicht nur seine eigene Haut
retten wollte und damit das eine oder andere vielleicht so darstellte, dass es
ihn in ein besseres Licht rückte. Allerdings erschien es ihr gar nicht mal so
unwahrscheinlich, dass Darkjania und ihr Gefährte eine solche List aushecken
würden, nur um Hund zu töten. Und DAS war es, was Aszira eigentlich so in Wut
versetzte. Das Recht, Hund zu töten, stand allein, ganz allein IHR zu! Und
deshalb, deshalb glaubte sie Hund.

"Hinterlistiges Pack!",

klang es grollend von ihr, dann wandte sie sich energisch um. Gleich darauf
hielt sie jedoch inne, und wandte zu Alana um. Ihre Züge wurden merklich
weicher, ebenso wie ihre Stimme.

"Du bleibst vielleicht besser hier bei Noir... das wir-.. könnte hässlich
werden."


Noch einen Moment hing ihr Blick auf ihrer Freundin, dann wandte sie sich nach
vorn und Schritt voran.

"Hund, du kommst mit!"


"Du hast mich reingelegt!",

rief Ilja entrüsted aus. Okay, so ganz passend war diese Formulierung nicht,
aber auf die Schnelle war ihr nichts bessere eingefallen und, nunja, sie
fühlte
sich durchaus hereingelegt! Da kam diese Fremde daher und machte
einen auf geheimnisvoll und mystisch, und dabei kannte sie das Rudel längst!
Eine Tochter Liokus zu sein rief bei Ilja nichtmal den Hauch des Respekts
hervor, den die Weiße sich vermutlich erhofft hatte. Ilja hatte die Geschichte
des Rudelgründers erzählt bekommen, ja, aber für sie war er trotzde nur
irgendein ferner Wolf, der halt mal Alpha gewesen und nun aber lägst tot war.
Für die Jungfähe hatte dieser Name keine weitere Bedeutung. Entsprechend blieb
ihr Missfallen und wuchs noch weiter an, je mehr die Weiße vor ihr lachte. Sie
lachte sie aus, war Ilja klar. Sie machte sich über sie lustig! Und dennoch
wechselte ihre Miene zu Erstaunen, als Sakura weiterredete.

"Wie, du bist als Jungwölfin schon Alpha geworden?!"

Jetzt lag ein Hauch Bewunderung in ihrer Stimme. Alpha sein - DAS war
etwas, mit dem Ilja mehr anfangen konnte als mit einem toten, ehemaligem Alpha!

Ihre Unterhaltung wurde jedoch jäh unterbrochen, als ein Heulen an ihre Ohren
drang. Ilja hob unwillkürlich den Kop zu Himmel und in die Richtung gewandt, aus
der der Ruf kam, als könne sie ihn so besser verstehen. Sie runzelte die Stirn.

"Das ist Kyrr...",

sagte sie, mehr zu sich selbst als zu Sakura. Für einen Moment überlegte sie, ob
sie dem Ruf wirklich nackommen sollte - Ilja mochte es nicht, herbeibeordert zu
werden. Aber der Ruf kam von ihrem Bruder und nicht von Daina oder ihrer Mutter,
also sprach eigentlich nichts dagegen. Ilja setzte sich in Bewegung, dann fiel
ihr wieder ein, zu wem Sakura ja eigentlich wollte.

"Ähm, du könntest mitkommen - mein Bruder weiß vielleicht, wo meine Mutter
steckt, und DIE weiß vermutlich, wo die Alphas sind..."


Ja, guter Plan!


Die traute Zweisamkeit
mit Lajila erfrischte den Alpharüden zusehend. Die Anspannung wich von seinem
Körper und dennoch wirkte er eher größer und gestärkter als vorher. Er schloss
die Augen und sog den Geruch seiner Gefährtin tief in sich ein. Als er den Fang
langsam aus ihrem Fell zog, funkelten seine Augen warm und erstaunlich
zufrieden.
Und wieder einmal wurde der Frieden plötzlich und heftig erschüttert. Attaché
stand mit einem Mal vor ihm, berichtete das Niana wie da war. Nur Niana? Aramis
zuckte mit den Ohren und verengten kurz die Augen. Dann tauchte auch schon Niana
auf. Und dann stand Kiba auch schon mit einer fremden Wölfin vor ihm. Konnten
sie sich nicht einmal darauf einigen nacheinander zu kommen? So mit einer Stunde
Abstand? Noch während er den leisen Gedanken zu Ende führte, drangen all jene
Worte zu ihm. Er musste abwägen was am wichtigsten war. Jetzt.

Der große Alpharüde erstarrte. Die grauen Seelenspiegel legten sich fest auf
Niana. Er begegnete ihrem Blick unnachgiebig und doch war deutlich das er sich
nicht provoziert fühlte. Früher wäre das wohl anders gewesen. Ihre Worte
brachten sein Fell zum sträuben und ein dumpfes Knurren verließ seine Kehle. Die
Wärme in seinen Augen wich einem eisigen Funkeln. Mancher Wolf konnte sich
vielleicht noch daran erinnern, dass der Alpha die Menschen hasste. Und das er
damals bei der Flucht aus dem Tal, tagelang mit Menschenblut verschmiert durch
das Rudel gelaufen war. Seine Lefzen zuckten nach oben.

“Menschen…”,

er sprach das Wort voller Verachtung und mit einem Hass aus, der selten war auf
dieser Welt.

“Wie seid ihr auf sie gestoßen?”,

es war kein Vorwurf, er wollte einfach wissen was geschehen war. Eine
Tagesreise. Menschen waren manchmal schneller als jeder von ihnen. Er wusste es.
Viel zu genau. Sie mussten weg von hier. Das Rudel musste weg von ihr. Aber er
würde es sich nicht verzeihen können, wenn er Lunar und Kheiji zurückließ. Sie
hatten das Löwenherz schon einmal verloren und jetzt gleich Lunar mit? Er
schnaubte aufgebracht und hob schließlich ohne eine Antwort von Niana den Fang.

Lang gezogen ertönte die Stimme des Alphas und reichte wohl weiter als das Rudel
verteilt war. Es war eine Warnung, ein alarmierendes Heulen, das dass ganze
Rudel aufrütteln und beisammen rufen sollte. Gefahr war nah, selbst wenn sie
womöglich eine Tagesreise entfernt war. Sie mussten wirklich weg von hier.

Als er verstummte sah er wieder zu Niana.

“Wir müssen den Beiden helfen..”,

es war keine Frage, es war eine Feststellung. Sein Blick schweifte umher, das
Rudel sollte sich rasch einfinden. Seine Laune fiel derweil immer tiefer ab, was
sich deutlich in seinen Augen widerspiegelte.


Noir sah die Wölfe um
sie herum nicht mehr an. Sie sah zwischen ihnen hindurch und presste die Zähne
aufeinander. Im Laufe des Gesprächs hatte sich ihr Körper immer mehr verspannt
und ihre Züge hatten einen angespannten Ausdruck angenommen. Die Schwarze
erinnerte sich nicht, wann sie das letzte Mal so wütend gewesen war. Vielleicht
war sie auch nie so wütend gewesen. Sie hatte das Gefühl ihr ganzer Körper würde
in Flammen stehen und am Liebsten wäre sie einfach davon gelaufen. Sie war
wütend auf Kyro, weil er so willenlos und so dumm war. Weil er sie ansah, mit
diesem Blick, der alles viel schlimmer machte. Weil er so dumm aussah. So
unendlich dumm. Warum verstand er dass nicht? Warum wehrte er sich nicht? Wieso
war er zu so einer verdammten Puppe geworden. Langsam und sehr bemüht die
Kontrolle zu bewahren wanderte ihr Blick zu Aszira. Sie sind in der Tat keine
Welpen mehr
. Hallte der Satz der Bestie in ihrem Kopf wieder. Noirs Muskeln
zuckten und es wäre so schön gewesen, der Fähe einfach weh zu tun. So weh, wie
sie ihr tat. Aber sie verengte nur die Augen, ihre Stimme war leise, eher ein
Flüstern, aber zu mehr war sie nicht in der Lage, sonst hätte sie geschrien.

„Ich halte nichts von den Regeln. Von keiner einzigen."  

Ihr Ton war scharf und ihr Blick traf hart auf den von Aszira. Sie schüttelte
leicht den Kopf. Was war dass denn, dass die Schwarze da fabrizierte? Sie hatte
Kyro umgebracht, und einen Hund aus ihm gemacht. Und dieser Hund war dumm, total
dumm, weil er dumm sein wollte. Und das Schlimmste war, dass er Noir ansah, als
wäre sie dumm, als wäre sie ein Welpe, der nichts verstand. Das Schlimmste war,
dass er sie nicht mehr zu erkennen schien, dass er sie nicht mehr zu mögen
schien und dass er auf der Seite der Tyrannin war. Das war das Schlimmste. Und
dass sie es zugelassen hatte. Sie hatte dafür gesorgt, das sie Kyro verloren
hatte. Jetzt musste sie mit den Konsequenzen leben. Ihr Blick wanderte kurz zu
Kyro und in ihm konnte er hemmungslose Enttäuschung sehen. Wieso war er so
verdammt schwach?
Als Aszira dann aufschrie drehte sich Noir zu ihr und sah sie ungläubig an.
Einen Moment schwieg sie sprachlos, dann begann sie laut zu lachen, sie sah
Aszira an und lachte sie aus. Sie verstand die Fähe nicht und das verhalten
dieser, erschien ihr einfach lächerlich. Sie überlegte kurz, ob sie der Schwarze
noch eine Frage stellen sollte, aber diese hatte sich bereits abgewandt und auch
Noir drehte sich nun weg. Ihre Augen suchten beinahe automatisch nach Katan. Wo
war er? Sie brauchte ihn jetzt. Er musste sie beruhigen, sie zu sich
zurückführen. Diese Wut in ihrem Bauch schien alles zu zerstören.
Als Aramis Heulen an ihre Ohren drang spitzen sich ihre Ohren und sie verengte
misstrauisch die Augen. Irgendwas stimmte nicht, irgendwas versetzte ihren alten
Freund in Unruhe. Sie hätte sich gewünscht, dass dieses Gefühl sie von ihrer Wut
ablenkte, aber diese ließ sie nicht los und nur deswegen blieb sie noch kurz
stehen.


Alana kniff die Augen
unwillig zusammen, als Kyro erneut schrie. Diese hysterische Form seiner Person
ging ihr irgendwie auf die nerven. Dennoch wurde ihre Frage beantwortet und
klang plausibel. Es war seltsam, seinen Worten zu trauen. Alana selbst hatte ihm
womöglich mehr verziehen, als Aszira. Sie hatte ihm verziehen, dass er es getan
hatte, aber nicht, wem er es antat. Die Schwarze war ihre wichtigste Freundin.
Was die Sache wiederum unverzeihbar machte. Es war kompliziert, wie sie zuvor
schon gedacht hatte. Zu kompliziert. Aber Kyro war eben so…

“Attaché ist hier, bei Aramis und Niana ist bei ihm. Sie scheinen…“

… aufgeregt. Weiter kam sie nicht, denn das Heulen des Leitwolfs warnte vor
Gefahr. Alana sah zu Aszira hinüber. Nicht viel besorgter als sonst. Aber sie
würde ihre Freundin nun nicht gehen lassen, obwohl diese sich bereits abgewandt hatte.

“Was da zu regeln ist, lässt sich später klären.“

Sie bestand darauf, nicht wissend, welchen Einfluss sie in diesem Moment auf
Aszira hatte. Sich misstrauisch umblickend huschte sie zu ihrer Freundin hinüber
und sah sie an.

“Wir sollten eher zusammen bleiben, oder?“

Flüsterte sie, als plane sie eine Verschwörung. Sie meinte das Rudel,
einerseits. Viel eher meinte sie aber sich und ihre Freundin. Natürlich wollte
sie nicht, dass jemandem etwas geschah, aber noch viel wichtiger war ihr, dass
Aszira an ihrer Seite blieb. Wiederum aus zwei Gründen. So wusste sie diese in
Sicherheit und fühlte sich selbst sicherer. Es sei denn die Gefahr würde sie
einholen.
Was war eigentlich los? Sie Blickte zu Aramis hinüber.


Kyro starrte Aszira
an. Die Welpen waren also in den Augen seiner Herrin nicht länger Welpen. Er
nickte, unsicher was er von der Aussage seiner Herrin halten sollte. Er hätte
nicht erwartet, dass sie die gleiche Meinung hatte, wie er. Was ihn aber
wirklich völlig überrumpelte und überraschte war, dass sie sich erst Noirs und
dann seine Worte anhörte, ohne auszurasten. Ohne nach ihm zu Schnappen oder ihn
zu beißen. Irgendwie verstand er die Welt nicht mehr. Und dann schimpfte sie auf
Darkjania und Attaché. Sie wandte sich ab und wollte losgehen. Sie wollte, so
ihre eigenen Worte, etwas hässliches, veranstalten. Wollte sie kämpfen? Mit
Darkjania? Wegen ihm? Weil sie versucht hatte ihn zu töten? Weil sie ihn
ausgetrickst hatten, ihm diese dämliche Falle stellten?
Seine Rute begann enthusiastisch hin und her zu peitschen, ehe er zu Noir
hinüber sah, die ihm nicht geglaubt hatte. Oder es jedenfalls nicht zugab.
Aszira glaubte ihm. Er war natürlich nicht so naiv zu glauben, dass sie seine
Ehre verteidigen wollte, viel eher steckte wohl ein niederes Motiv dahinter.
Trotzdem konnte er kaum an sich halten, als sie ihn zu sich befehligte und ihn
mitnehmen wollte. Er sprang auf die Pfoten, den Blick nach wie vor auf Noir
gerichtet. Ihre Blicke trafen sich, unfähig ihre gegensätzlichen Standpunkte zu
verstehen. Kyro lächelte mitleidig. Zu diesem Zeitpunkt wäre es wahrscheinlicher
gewesen, dass sich Noir und Aszira beste Freunde nannten, als dass er und die
Leitwölfin das sein könnten, was sie einst waren.
Er sah die Wut in ihren Augen, ein Zorn der sich gegen ihn und seine Herrin
richtete. Er wusste nicht, wer von ihnen beiden die Alpha gerade mehr reizte.
Jede Spur von Angst war aus seinen Augen und seiner Haltung gewichten. Er stand,
unterwürfig und demütig da, bereit, sich umzuwenden. Konnte nicht anders, als in
dieser Pose zu verharren und sie weiter durchdringend anzustarren. Ihm ging so
manches durch den Kopf und da war so viel, was seine damalige Freundin hätte
hören müssen, wenn er nur einen Gedanken ausgesprochen hätte. Aber sie hätte
nichts davon hören wollen. Er wettete sogar mit sich selbst, dass sie ihn
angegriffen hätte, sich ihrer Wut überlassend. Also schwieg er und ließ sie
Wölfin schließlich unwissend stehen, seiner Herrin folgend.
Er hielt augenblicklich wieder inne, als Alana sich an Aszira wandte und seine
Herrin davon abbringen wollte, zu Darkjania zu gehen. Er trat zu ihnen beiden
hinüber.

“Kyrraine ist bei ihr.“,

Wisperte er fast tonlos. Es war nur ein Punkt von vielen, der diesen Zeitpunkt
als ungünstig herausstellte. Alana hatte vermutlich die besseren Argumente. Aber
ihn interessierte nicht, was sich plötzlich für eine Gefahr anbahnte. Innerlich
fühlte er sich plötzlich zerrissen. Es wäre eine Genugtuung zuzusehen, wie
Aszira auf Darkjania losginge, aber nicht, wenn der Jüngling bei ihr war. Seine
Herrin nahm auf solche Dinge keine Rücksicht, dass wusste er und da Kyrraine
eine potenzielle Gefahr darstellte, weil er zu einem Rüden heranwuchs, würde sie
wohl noch weniger Mitleid haben.
Was da gerade in ihm vorging, war jenseits seiner Gabe zu begreifen. Es war ihm
also lieber, Darkjania blieb unversehrt, dem Kleinen zuliebe, als dass dieser
mit ansehen musste, wie seiner Mutter etwas geschah. Abgesehen davon kam es Kyro
unsinnig vor, wenn die beiden Wölfinnen kämpften. Unterhaltsam, auf eine
schäbige Art und Weise, aber er wollte nicht, dass seine Herrin verletzt wurde.
Und er brauchte keinen Kampf, keinen Kleinkrieg. Er wollte nur am Leben bleiben.
Solch eine Falle war intrigant und welpisch.
Sein Blick glitt zu Attaché hinüber und verdüsterte sich kaum merklich. Die
Wurzel allen Übels. Wäre er wie Aszira, hätte er sich nun auf ihn gestürzt.
Abgesehen davon müsste er natürlich frei sein und nicht Hund. Vielleicht hätte
er ihn damals einfach töten sollen. Allerdings wäre er dann jetzt nicht hier,
bei seiner Herrin. Und dass machte die Sache schon gut, wie sie war. Im
Augenblick fühlte er sich jedenfalls unantastbar. Beflügelt vom Verhalten der
Schwarzen.


Jagen. Eine
langweilige, lästige Aufgabe, fand Daina. Ayura hingegen hatte sich schon ganzu
ihren Instinkten hingegeben und sich auf die Suche begeben. Gerade als die
Schwarze sich dazu durchringen wollte, die Nase zu senken, kam unweit entfernt
ganz plötzlich und ohne Vorwarnung ein Wolf aus dem Gebüsch gesprungen. Aber es
war nicht irgendein Wolf. Es war Kyro. Er war völlig aufgeschreckt und wirkte
verwirrt. Er sah sie jedoch nur kurz mit weit aufgerissenen Augen an, ganz
erschrocken, so als sei sie ein Gespenst, schrie auf und raste davon. Perplex
sah Daina ihm nach. Was hatte der denn? Egal.

Es hätte Daina gefallen, noch ein bisschen mehr ungeteilte Zeit mit Ayura zu
verbringen. Sie war einfach nicht so besserwisserisch und neunmalklug wie all
die Erwachsenen, die sie ständig zu belehren versuchten. Wie als Antwort auf ein
leises Magenknurren, ließ die Helle ihre Beute vor ihren schwarzen Pfoten
fallen, obwohl sich Daina nichteinmal an der Jagd beteiligt hatte. Trotz der
netten Geste sah sie Unsicherheit in den Augen der Gleichaltrigen aufblitzen.
Was befürchtete sie denn? Ein friedliches Lächeln auf dem Gesicht der Schwarzen
war die Antwort auf die Zweifel, die aus den besorgten Augen zu ihr sprachen.

"Danke, dass du mit mir teilst."

Sagte sie grinsend, und biss das tote Tier rasch in der Mitte durch. Es sah ein
bisschen makaber aus, wie das zweigeteilte Schneehuhn im Schnee lag, aber Daina
war hungrig genug, um ihre Hälfte mit wenigen Bissen zu verschlingen. Jedoch,
noch ehe sie fertig war, schallte die Stimme ihres Bruders durch die Luft über
ihnen. Er rief seine Schwestern herbei. Wozu? Er klang bestürzt. Warum? Was
hatte sie damit zu tun? Unwillig stand sie auf.

"Ich werde besser nachsehen gehen."

Sagte sie, doch gerade, als sie sich zum Gehen aufmachte, erklang ein zweites
Heulen in der Luft. Das des Alphas und es verkündigte drohende Gefahr. Was auch
immer es war, was ihnen drohte, es konnte nichts Gutes sein. Besorgt sah sie zu
ihrer neuen Freundin und dachte an ihre Schwester. Sie waren beste Freundinnen,
Ayura und sie - Daina spürte einen kleinen Stich - also würde Ayura bestimmt
mitkommen wollen.

"Komm mit."

Sagte sie und lief schleunigst los in die Richtung, aus der das Heulen ihres
Bruders gekommen war.


Kiba spürte den Blick von seinem Alpha. Kibas Kopf schwang zu Niana, dann wieder
zu Aramis und das Blut gefror in seine Adern. Menschen? Angst umfing ihn. Beka.
Menschan hatten ihm seinen Bruder genommen. Der graue Hüne wurde von einer
eiskalten und hasserfüllten Hülle umgeben und sein Ruf glitt durch die kühle
Luft. Der Weisse wich zurück an die warme Seite seiner neuen Freundin und legte
seinen Kopf auf ihre Schultern. Ja, Kiba hatte Angst. Angst von den Zweibeinern,
welche mit Feuerstöcken bewaffnet waren. Sie hatten Beka getötet. Hätte es der
Rüde gekonnt, so hätte er geweint. Und dennoch versuchte er seine Gefühle zu
verstecken, um Cayleth nicht auch noch Angst zu machen. Kiba verschloss seine
Augen.

"Aramis, Darkjania und ihr Sohn sind sind weit weg..."

Kiba wagte keinen Blick auf Attaché zu werfen, sah aber tief in Lajilas Augen.
Hatten die schwarze Fähe und ihr kleinen Sohn auch den Ruf des Alpharüden
gehört? Hoffentlich. Kurz glaubte der Weiss ein Zittern wahrzunehmen und so
leckte der Rüde mit seiner rauen Zunge über den Kopf von Cayleth.

"Ich passe auf dich auf..."

Flüsterte Kiba ihr ins Ohr als Bestätigung. Dann sah Kiba wieder in die Runde.
Was nun? Sie mussten weg von hier. Keine Zeit verlieren. Zudem lag überall
Schnee. Schnee, welcher Spuren hinterliess. Und dennoch wusste auch Kiba, dass
Aramis nicht ohne die zwei Brüder losziehen würde.
Kiba nickte zur Bestätigung der Worte von Aramis ganz leicht.
Ja, sie mussten ihnen helfen...
Kiba legte seinen Kopf wieder zurück auf Cayleths Schultern, atmete ihren Geruch
ein und spendete ihr Wärme.


Das Lachen schien durch ihre Ohren zu schneiden, und die Schwarze hielt abrupt
inne, während ihr Kopf zu Noir herumzuckte. Ihre Lefzen zuckten erneut und ihre
Augen schienen die Alpha durchbohren zu wollen, so stechend war ihr Blick. Dass
Noir von den Regeln nichts hielt, die Hund auferlegt worden waren, war ihr ja
klar gewesen. Ihrer Ansicht nach war die Alpha blind und verdreht genug im Kopf,
als dass sie sich über eine Vergewaltigung durch Hund vermutlich sogar gefreut
hätte. Vielleicht träumte sie sogar davon und hasste sie, Aszira, deshalb so
sehr. Wie widerlich! Asziras Zorn auf die Schwarze verwandelte sich bei diesem
Gedanken sogleich in Ekel, und ihr drohendes Zähneblecken verschwand sogleich in
einer angewiderten Miene. Noir bemerkte das vermutlich nicht einmal, hatte sie
sich doch ihrerseits bereits abgewandt. Der Drang, die Alpha anzufallen und die
Zähne tief in ihr Fleisch zu versenken, war zumindest im Moment verschwunden.

Alanas Stimme drang zunächst wie aus weiter Ferne in ihr Bewusstsein, deren
Worte sich erst zu einem verständlichen Sinn zusammen setzten, als das Heulen
Aramis' erlang. Aszira wandte sich zum zweiten Male von Noir ab und in die
gewiesene Richtung um. Der Name "Attaché" erregte dabei stärker ihre
Aufmerksamkeit als die Warnung des Alphas. Gefahr sollte im Verzug sein? Gefahr
lauerte ständig und überall, sei es nun Gefahr für Leib und Leben - oder für die
eigenen Interessen. Was Letzteres anging, war Attaché die am nächsten greifbare
Gefahr. Er war an diesem Komplott beteiligt, das ihr ihr Recht auf Hunds Tod
entreißen wollte. Wie es aussah, musste sie gar nicht weit laufen, um diese
Angelegenheit zu klären...
Als hätte Alana ihre Gedanken erraten, trat die Jüngere dicht an ihre Seite und
bat sie, diese Sache auf später zu verschieben. Fast argwöhnisch glitt ihr Blick
zu ihrer Freundin. In ihrem Gesicht stand Sorge geschrieben, und Aszira hielt
das Heulen des Alphas für den Grund ihrer Angst. Sie konnte Alana jetzt nicht
allein lassen, wenn diese sich fürchtete, und Darkjania suchen gehen - und sie
konnte Attaché nicht zur Rechenschaft ziehen, ohne Alana damit noch mehr Angst
zu machen. Außerdem war Attaché nicht alleine, und nicht wenige der anderen
Anwesenden würden sich einmischen und sich auf seine Seite stellen. Mist,
verdammter!
Leise erklang Hunds Stimme von der anderen Seite her, während die Schwarze noch
über die Situation nachgrübelte. Zuerst wusste sie nicht, was er meinte,
mutmaßte dann aber, dass er sich mit "ihr" auf die Rudelratsvorsitzende bezog.
Kyrraine war schließlich auch Teil dieser "Angelegenheit". Sein Einwand - wenn
es denn einer wahr, für Aszira klang die Anwesenheit des Jungwolfes eher wie ein
Pro-Argument - interessierte sie in der Tat recht wenig im Vergleich zu Alanas.

"Schön, dann später. Ich vergesse nicht",

verkündete sie ihr Urteil. Ihr Blick wanderte zu den Wölfen um Aramis.

"Dann sehen wir mal nach, was es sonst noch für Probleme gibt."

Aszira setzte sich in Richtung der Wolfsgruppe in Bewegung...


Menschen?
Einige Mal wiederholte die Weiße dieses Wort in ihren gedanken, lies es
nachhallen und versuchte den üblen Nachgeschmack den es hinterließ zu erklären.
An der HAltung der anderen konnte sie erkennen, dass Menschen eine Gefahr
darstellen mussten. Anscheinend sogar eine sehr große Gefahr. Doch für sie
persönlich spielte dieses Wort keine Rolle. Es war möglich, dass ihre Mutter
oder ein anderer aus ihrem geburtsrudel es irgendwann ein Mal erwähnt hatte.
Menschen. Was für eine eigenartige Bezeichnung. Waren es Tiere?
Doch Cayleth war klar, dass es sich um einen mehr als schlechten zeitpunkt
handelte sich darüber nun klar zu werden und womöglich noch nachzufragen.
Außerdem hatten sie alle sowieso ihre ganz eigenen Probleme und der Eiskristall
zog sich fürs erste zurück. Nur einige Schritte und möglichst leise, doch fühlte
sich sich nicht dazugehörig, konnte nicht mitsprechen und wollte nicht im Weg
stehen.
Kiba jedoch, der sich wieder zu ihr gesellte gab ihr ein gutes Gefühl. Das
Gefühl doch irgendwie auf eine seltsame Art und Weise dazu zugehören. Nicht
unbedingt zu den anderen. Aber speziell zu ihm. Dem silbernen Rüden. Sie spitzte
die Ohren als er sprach, vernahm seine leisen Worte, die Nähe und die Wärme
seines Körpers, seine Zunge die über ihren Kopf glitt und spürte, wie sie
innerlich ganz ruhig wurde. Solange Kiba hier bei ihr war erschien es ihr
unnötig Furcht zu empfinden. Solange Kiba hier bei ihr war, erschien alles gut.

"Danke..."l

Es war nur ein Wort, leise und mehr ein Flüstern. Und doch empfand sie eine
große Dankbarkeit gegenüber dem Weißen.


Die Schwarze seuftze
leise, und lies den so schwer gewordenen Kopf ruhen, wo er war. Es tat gut,
ihren Sohn jetzt bei sich zu haben, das Bebeb ihres Körpers lies allmählich
nach. Dennoch spürte sie etwas Kaltes in sich, etwas, dass der Kälte von Schnee
und Eis mühelos gewachsen war. Sie wusste nicht genau was da mit ihr passierte,
sie konnte es nur ahnen - und sie ahnte auch, dass sie es gar nicht genauer
wissen wollte...
Kyrraines Heulen lies auch sie aufhorchen, und sie schloss die Augen - er war
hier, und er sorgte sich um sie - er ging nicht einfach fort. Und das war gut.
Die Schwarze lag ein paar Minuten schweigend so da, genoß die Schwärze vor ihren
Augen und schlug schließlich die Augen auf. Sie hob vorsichtig den Kopf, zog die
Läufe an ihren Körper heran, und drehte den Kopf soweit, dass sie ihrem Sohn nun
mit der Nase durch das Fell streichen konnte.

"..."

Gerdae hatte sie zum Sprechen angesetzt, als sie Aramis Ruf leise im Wind zu
hören glaubte. Sie hatte nicht alles verstanden, die Distanz war doch ein ganzes
Stück - und nur langsam erhob sie sich, strich Kyrraine mit der Zunge über die
Nase.

"Danke mein Sohn. Lass uns gehen, es muss etwas passiert sein"

Schloß sie, und wischte sich mit der Pfote die Traurigkeit vom Gesich, während
sie sich in Bewegung setzte.

"Bestimmt begegnen uns deine Schwestern unterwegs"

Sie hoffte es mehr, als dass sie es glaubte, aber sie war sich auch nicht sicher
welchem Ruf ihre zwei Töchter mehr Beachtung schenken würden - dem ihres Bruders
oder dem ihres Alphas?
Dicht neben ihrem Sohn lief sie nun den ganzen langen Weg zurück, den sie vorhin
auf der Suche nach ihm und seinem Vater zurückgelegt hatte. Jetzt allerdings
schien der Weg ihr zweimal so lang wie noch zuvor. Ihre Pfoten waren schwerer,
überladen mit all den unklaren Gefühlen in ihr. Erst nach einer gefühlten
Ewigkeit tauchten in der Ferne die ersten Wolfsgestalten vor ihnen auf, zwei
davon kamen näher. Nach einem weiteren ganzen Stück Weg erkannte Darkjania ihre
schwarze Tochter, Daina, darunter. Ein schweres Lächeln legte sich auf ihre
Leftzen, und erst nachdem die Vier sich noch ein ganzes Stück näher gekommen
waren, erkannte sie auch Ayura. Ihr Blick fand kurz zu Kyrraine, das Lächeln
wurde ein wenig breiter.
Alpha hin oder her, Daina hatte den Weg zu ihnen eingeschlagen. Es freute sie,
obgleich es sie beunruhigte, was Aramis wohl so besorgt hatte.
Die letzten Schritte zu Daina brachte sie trabend hinter sich, und streckte
sanft den Kopf gegen Dainas Hals, verharrte ein paar wertvolle Momente lang so,
und zog dann den Kopf zurück, ihrer Tochter dabei sanft über die Schnauze
leckend.

"Schön dass ihr da seid"

Meinte sie, und nickte dabei nun auch Ayura zu, die sie nicht ausschliessen
wollte. Die Sorge war nicht vollständig aus ihrem Gesicht zu vertreiben, aber
ihr unruhiges Herz trieb sie weiter.

"Wir müssen zu Aramis"

Meinte sie, und setzte sich sogleich wieder in Bewegung. Sie musste sich
konzentrieren. Wenn das Rudel in Gefahr war, hatte sie wirklich keine Zeit
dafür, ihre Fragen und ihre seltsamen Gefühle zu überdenken. Dann galt es zu
handeln und wachsam zu sein. Mit nun etwas strafferem Schritt führte sie die
Jungwölfe nun also zurück in Richtung Rudel, wo auch endlich eine größer
werdende Versammlung sich vor ihnen zeigte. Aramis musste dort sein. Das war ihr
Ziel.


Sakura lächelte
schief, als Ilja sie anfuhr. Nun...in gewisser Weise hatte sie wohl Recht. Aber
dass sie mehr wusste, als sie zugab, hatte sie ja auch nie bestritten. Sakura
wusste nicht inwieweit Lioku der Jungfähe ein Begriff sein mochte, darum
verwunderte es sie nicht weiter, dass daraufhin nichts kam, obwohl sie es
erwartet hatte. Grinsend bleckte sie die Zähne, auf Iljas Nachfrage hin.

"Oh jah,..."

Setzte sie gerade an, als das Heulen sie nun unterbrach. Ilja setzte sich in
Bewegung, und Sakura lies sich nicht lange Bitten, und folgte ihr. Sie waren
noch nicht allzu weit gelaufen, als ein zweiter Ruf zu ihnen drang. Die Stimme
konnte Sakura nicht eindeutig zuordnen, aber dringend klang es wohl.

"Was ist da los?"

Fragte sie nach, diesmal offensichtlich so ahnungslos wie sie aussah, und sah
sich um. Immerhin rief man nicht mal eben aus Spaß das Rudel zusammen - das war
ihr völlig klar.
Unentschlossen sah sie zu Ilja herüber.

"Was machen wir jetzt?"

Das sie sich vorerst an Ilja halten würde stand ausser Frage, und so überlies
sie ihrer Führerin die Wahl, welchem Ruf sie zuerst folgen würden. Immerhin
konnte diese wohl auch die Stimmen zuordnen.


Felice hatte sich mit
dem Rudel treiben lassen. Shien war hier und dort gewesen, und sie ebenso. Ab
und an hatte sie sich bei Aszira aufgehalten, oft war sie allein zwischen den
anderen Wölfen geblieben. Ihre Augen und Ohren hatten beobachtet, beschlossen
und notiert. Sie war in letzter Zeit trotz auffälliger Fellfärbung kaum aus der
Masse herausgestochen, hatte still für sich gelebt, und das Gewusel ringsherum
akzeptiert, ohne sich so richtig darum zu kümmern. Hier passierte etwas, da
passierte etwas. Felice war das zur Zeit relativ egal, sie hatte sich ruhig
verhalten und nur zugesehen. Sie hatte eine Auszeit vom aktiven Leben genommen.
Jetzt jedoch war die Fähe wieder erwacht. Der Ruf des Alphas hatte sie aus
nächster Nähe erreicht, und mit wenigen Schritten stand sie mit im Zirkel um
Aramais und Lajila herum, hörte gerade noch die letzten Worte des Alphas, und
stellte überaus neugierig die braunen Ohren auf. Das klang nach Ärger. Und Ärger
würde ihre Lebensgeister erst wieder so richtig erwecken...

"Wem müssen wir helfen?"

Mischte sie sich in das Gespräch ein, und sah fragend zwischen Niana und Aramis
hin und her. Überhaupt sah man ihr an dass sie voller Neugier hier aufgeschlagen
war, und weniger besorgt als viel mehr interessiert an der Lage schien. Wenn der
Alpha selbst schon so sorgenvoll war, dann konnte die Situation nur spannend
sein - und für sie vielleicht sogar ganz nützlich...


Gedanken waren an dem
jungem Rüden vorübergezogen, wie Wolken an einem stürmischen Tag am Himmel über
ihnen. Doch Wolken wären rein gewesen, weiß, möglicherweise auch grau. Doch
trotzdem von einer unantastbaren Reinheit.
Die Gedanken Kyrraine`s waren verworren. Ohne jegliche Ordnung. Bilder aus
seiner Welpenzeit zogen ebenso vorüber, wie Bilder von der Reise oder Bilder
seiner Geschister und unbekannter Gesichter. Gesichter, die möglicherweise
früher ein Mal eine Bedeutung hatten, doch für den Moment maß er ihnen keine
Bedeutung zu.
Seine Ohren waren angelegt und trotzdem vernahm er den Atem seiner Mutter. Wobei
er jenen eher spürte als hörte. Auch seine Brust senkte sich langsam,
gleichmäßig aber wohl fühlte er sich nicht. Das Himmelsauge fühlte sich mit
einem Mal verloren, verloren in der weiten Welt. Vor allem jetzt, da er nicht
wusste was aus dem Zusammenhalt seiner Familie wurde.
Als seine Mutter sich erhob folgte er ihrer Bewegung, mehr aus einer Automie
heraus, als das er es wirklich wahrnehmen würde. Erst im nachhinein und bei
ihren Worten wurde ihm bewusst, dass Aramis vorhin nach dem Rudel gerufen hatte.
Es war irgendwie an ihm vorüber gezogen, ebenso wie die Bilder und Gedanken
zuvor. Doch auch jetzt, wo er sich dem Ruf bewusst war, hatte er für ihn keine
große Bedeutung. Im Gegenteil, Kyrraine wäre liegen geblieben, hätte keine Pfote
gerührt, wäre seine Mutter da nicht anderer Meinung gewesen. Sie forderte ihn
auf zu gehen, sprach von seinen Schwestern. Und jene letzten hatten sehr wohl
eine Bedeutung für ihn. Ein sachter Windzug, der sein Fell durchstrich und
gleichzeitig seinen Herzschlag belebte. Seine Schwestern, ja sie würden kommen.
Und dann wäre alles wieder besser, viel besser und um einiges richtiger.
Seine Pfoten setzten sich in Bewegung, passten sich dem Rythmus Darkjania`s an
und brachten ihn so den anderen immer näher. Während der gesamten Zeit, in
welcher sie einfach nur nebeneinander herliefen versuchte sich Kyrraine klar zu
werden, was genau Leben eigentlich bedeutete. Es war so komplex, so voll mit
lauter Dingern die ein junges Wesen nicht verstehen konnte. Aber bevor er näher
darüber nachdenken konnte erkannte er seine Schwestern näher kommen und mit
einem Mal war sein Kopf leer. Eine angenehme Leere, keien Gedanken mehr, keine
Sorgen, kein Schmerz. Sie waren hier, waren seinem Ruf gefolgt.
Er lies seiner Mutter den Vortritt, lauschte ihrer Begrüßung und seine Augen
lächelten kurz. Sie waren hier.
Auch er trat vor, senkte sachte den Kopf und beobachtete jene beiden Wölfinnen,
die ihm soviel bedeuteten. Sie hatten sich verändert, ebenso wie er selbst auch.
Doch innerlich hoffte er, dass sich einige wenige Dinge niemals zwischen ihnen
ändern würden. Denn jene Dinge waren es, die sein Leben momentan noch zusammen hielten.


Erleichterung
durchflutete die junge Fähe, als diese merkte, dass Daina überhaupt keine
Anzeichen von Wut zeigte. Es war also unberechtigte Sorge gewesen, sie war
selbst einfach zu ängstlich. Warum konnte sie nicht wie alle anderen offen auf
alles zugehen? Warum hatte sie immer solche Angst vor dem, was möglicherweise
kommen konnte? Rasch schüttelte Ayura ihr Haupt, als wolle sie ihre Gedanken
loswerden.

“Immer wieder gerne.“

Antwortete sie der Gleichaltrigen lächelnd und schaute ihr dabei zu, wie sie das
Schneehuhn geschickt in der Mitte durchteilte. Beinahe ebenso schnell wie Daina
verschlang auch Ayura ihre Hälfte, während hintereinander zwei warnende Heultöne
erklangen. Während die Schwarze schon beim ersten Ruf aufgesprungen war, stand
Ayura noch immer unschlüssig da. Angst packte sie, denn der zweite Ruf war nicht
irgendeine Warnung gewesen. Sie kam von ihrem Vater und es musste schon etwas
sehr wichtiges sein, wofür er das ganze Rudel augenblicklich versammelt haben
wollte. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, als sie zu Iljas Schwester
blickte, die sich dazu entschlossen hatte den Rufen zu folgen und sie
schließlich aufforderte mitzukommen.
Mit Gewalt riss sich die Alphastochter aus ihrer Angststarre und lief in großen
Sätzen hinter der Schwarzen her. Es dauerte nicht lange, bis die
Rudelratsvorsitzende mit Kyrraine an der Seite zum Vorschein kam. Und
schließlich standen sie vor den beiden Wölfen, die für Ayura noch in gewisser
Hinsicht fremd waren. Ein scheues Nicken galt sowohl Dainas Bruder, als auch
ihrer Mutter. Und als sie die zärtliche Geste zwischen Mutter und Tochter
beobachtete, wünschte sie sich plötzlich an Aramis’ oder Lajilas Seite.
Sehnsüchtig blickte die Helle in die Richtung, aus der das Heulen ihres Vaters
erklungen war. Zu ihrer Freude hatte Darkjania ohnehin vor, sich dorthin zu
begeben, wie es inzwischen alle tun sollten. Raschen Schritten folgte sie der
schwarzen Rudelratsvorsitzenden und lief eilig einige Schritte voraus. Das
ungute Gefühl, dass etwas Schreckliches passiert sein musste ließ sich nicht
mehr abschütteln.
Sie nährten sich einer Gruppe von Wölfen, unter denen Ayura beide ihrer
Elternteile wiederfand. Obwohl die Wölfe bereits in Sicht waren schien es eine
Ewigkeit zu dauern, bis sie schließlich bei ihnen waren.

“Ich geh eben meine Eltern suchen.“

Sagte sie an Daina gewandt und verschwand daraufhin in der Menge. Den Alpha
erblickte sie als erste und lief erleichtert auf ihn zu, ohne auf den Ernst der
Lage zu achten. Schutzsuchend vergrub sie ihre Schnauze in seinem weichen Fell
und verharrte so für einen kurzen Augenblick, ehe sie sich von ihm löste.

“Was ist geschehen, Papa?“

Erklang ihre leise, ängstliche Stimme. Und dann hieß es warten.

Völlig verstört lag die Beige am Boden, versuchte die Angst zu verdrängen, sich
zu beruhigen. Und trotzdem bekam sie keinen freien Kopf, konnte sich nicht von
dem nieder schmetterndem Gedanken befreien, dass er gekommen war, um sie zu
holen. Nur sie. Und wenn er nicht bekam, was er wollte.. würde er all die
anderen töten. Sie einfach töten, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Sie wollte
nicht, dass jemand wegen ihr starb. Niemand sollte ihm begegnen, ihm zum Opfer
fallen. Aber es war zu spät, er war bei Faite.. und sie wußte nicht, wie sie
helfen sollte. Die Schwarze hasste sie. Sie wollte ihre Hilfe nicht, da war sie
sich sicher. Sie war zu schwach und erbärmlich, um irgend etwas für sie zu tun.
Und niemand verstand, was los war. Keiner der Wölfe wußte, wie es in ihr aussah.
Sie war so erbärmlich. Yukí Árashi bemerkte nicht, das immer mehr Wölfe zu ihnen
herüber kamen. Aber sie kamen nicht wegen ihr. Niemand kam, um ihr zu helfen.
Niana war da. Sie sagte etwas von Menschen, aber die Fähe verstand nichts, hörte
nur ein Rauschen in ihren Ohren. Es war zu spät. Alles zu spät. Irgendwann erhob
sich die Fähe, stellte sich auf die zittrigen Läufe. Die hellen Augen blickten
keinen der Wölfe an, niemand konnte lesen, was in ihren Augen stand. Angst,
Panik. Sie wollte etwas sagen, aber wahrscheinlich hätte es eh niemand gemerkt.
Sie sprachen über die Menschen, und über Dinge, die sie nicht interessierten.
Nicht jetzt, nicht hier. Sie war allein mit ihrer Angst. Ganz langsam, als könne
sie etwas falsch machen, setzte sich die Fähe in Bewegung, bewegte sich
vorwärts. Weg vom Rudel, weg von ihren Freunden. Sie durfte sie nicht in Gefahr
bringen.
Es dauerte nicht lang, bis sie stehen blieb. Erschöpft und ausgelaugt von der
Angst, die ihre Sinne betäubte. Sie konnte nicht weiter gehen, sich nicht weiter
schleppen. Sie war allein, eine erdrückende Stille hatte ihren Weg begleitet.
Jetzt war das Rudel in Sicherheit.. und wenn er zu ihr kommen würde, würde
niemand bemerken, was hier vor sich ging. Niemand würde ihre Angst, ihre
Schwäche sehen. Yukí ließ sich fallen, ließ ihren erschöpften Körper in den
Schnee fallen. Ihr Herz raste, pumpte Adrenalin durch ihren Körper. Sie wollte
sich nicht vorstellen, was nun mit Faite war. Sie konnte es nicht.
Wie ein Donnerschlag, der die Ohren betäubte drang eine Stimme an ihre Ohren,
eine Stimme, die ihren Körper gefrieren ließ. Er war hier. Ihr Vater war zu ihr
gekommen. Er war hier, um sie zu töten.

Bláyron hatte sich höflich von Faite verabschiedet, wie es
nun ein Mal üblich war. Er hinterließ wahrscheinlich eine große Menge an
Misstrauen, aber das war ihm egal. Er brauchte sie nicht mehr. Seine Tochter
hatte sich gezeigt, war davon gerannt. Und er musste nur ihrer Fährte folgen.
Mehr nicht. Also hatte er sich von der Fähe abgewandt, machte nun einen kleinen
Bogen um das Rudel und näherte sich dem stärker werdenden Geruch seiner Tochter.
Eigentlich hatte er nicht ein mal mehr Lust, sie zurück zu holen. Jetzt
spiegelte sich in seinen Augen nur noch der Wille wider, ihr weh zu tun. Und
diese Gier würde schon bald gestillt sein. Auch wenn ihre Angst fast schon
genügend war. Seine Schritte waren ruhig, als hätte er es nicht eilig. Und
dann.. dann lag sie da. Vollkommen allein, und er konnte ihre Angst förmlich
riechen. Oh, sie war so schwach. Nicht mehr als ein Stück Dreck, dass zu nichts
zu gebrauchen war. Bláyron Árashi lächelte. Wie wunderbar dieser Gedanke doch
war.. ihren panischen Blick zu sehen. Ihr Blut zu schmecken.

“Hallo, meine Kleine. Hast du Angst?“


Yukí blieb wie versteinert liegen, schaffte es nicht, den
Kopf in seine Richtung zu bewegen. Sie wollte schreien, weglaufen und sich
retten. Aber sie wußte, dass er schneller sein würde. Es brachte nichts, weg zu
laufen. Die Beige drückte ihren Körper in den Schnee, legte die Ohren an und
kniff die Augen zu, so fest sie konnte. Sie wollte ihn nicht sehen. Es war nur
ein Traum, es würde gleich alles zu Ende sein. Trotz der Entfernung spürte sie
seine Nähe, bildete sich ein, seinen Atem zu hören. Er kam näher, bewegte sich
auf sie zu.

“Verschwinde.. Verschwinde!“

Sie sprach leise, und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass ihre eigenen Worte ihr
das Trommelfell zerrißen. Ihr tat alles weh. Sie wollte hier weg. Einfach nur
fliehen. Aber.. sie konnte kein Blut riechen. Es musste Faite gut gehen. Ihr
durfte nichts passiert sein.
Sie brauchte ihre Freundin.




Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Kyro, Lijenna, Joshua



26.11.2010 22:07
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