Tirakani Amar » Aus tausendundeiner Welt » Wolfsträumer » Die alten Tagebücher » In einem Land nach unsrer Zeit » Hallo Gast [anmelden|registrieren]


Neues Thema        Antworten    




Joshua
Joshua Winter






Art
Mensch

In einem Land nach unsrer Zeit
   |   Zitat   |   Beitrag editieren   |   IP


Joshua schlug die Augen auf und sah sich ein bisschen orientierungslos um. Es war, als würde er die letzten bildhaften Traumstücke wegblinzeln, dabei konnte er sich nicht erinnern, was er geträumt hatte. Es dauerte auch eine Weile, bis er wusste, wo er war. Langsam, wie im Zeitraffer, sickerten die Erinnerungen zurück in seinen Kopf, als hätten sie sich lange außerhalb aufgehalten. Sein Körper fühlte sich irgendwie nicht besonders erholt an, was wohl daran lag, dass er nicht lange geschlafen hatte. Oder? (nur 100 Jahre... keine Sorge, Josh. - Offkommentar Ende XD) Ein bisschen matt richtete er sich auf, was nicht ganz gelingen wollte. Zu wenig Platz. Er drückte leicht gegen die Scheibe, irgendwie sicher, dass diese aufgehen musste, aber noch fühlte er sich seltsam träge und es kam ihm vor, als würde im der Sauerstoff ausgehen. Überhaupt fühlte er sich ein bisschen krank. Letztlich ging die Klappe von allein auf und er versuchte sich etwas unbeholfen nach draußen zu kämpfen.

Sarn öffnete die Augen und wusste, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte nicht sagen was, und es dauerte ein paar Momente, bevor sie begriff, dass sie etwas anstarrte ohne zu erkennen, was es war. Es war weiß und es wirkte glatt, aber mehr konnte sie nicht sagen. Sie wollte den Kopf heben um daran zu wittern, aber sie fühlte sich schwer wie Blei, und so blieb sie still liegen. Erst dadurch wurde ihr bewusst, dass sie lag. Aber auch das fühlte sich falsch an. Sie spürte leichten Druck am Hinterkopf, an Schultern und Rücken - aber gleichzeitig auch an Vorder- und Hinterläufen. Wie lag sie? So konnte man gar nicht liegen. Dann spürte sie Nässe auf ihrer Haut, aber auch das fühlte sich wiederum falsch an. Wieso war alles so falsch? War das ein Traum? Nein, das konnte nicht sein, sie war doch tot-... Der Gedanke löste eine plötzlich Panik in ihr aus. Sie sah den Bären vor sich, wusste dass sein Schlag sie treffen würde, aber sie konnte nicht weichen, sie durfte nicht, sie musste doch ihre Welpen beschützen, und dann war da derSchmerz, der reißende Schmerz, und sie wurde weggeschleudert und-... Von den intensiven Erinnerungen heimgesucht, wandt sarn sich hin und her, schnappte, schlug und trat. Etwas riss an ihrem rechten Vorderlauf, dann an ihren Schläfen, aber es war jeweils nur ein kurzes Schmerz. irgendetwas bewegte sich neben ihr, und plötzlich war da kein Hindernis mehr, gegen das sie schlug, sondern nur leere Luft. Mit einem mal fiel sie-... Sie wurde fortgeschleudert und landete hart auf der Seite, ihre Flanke brannte, sie schmeckte Blut, sie hörte ihre Welpen schreien und den Bären brüllen, und dann war da auch Ferons Stimme und noch weitere-... Der Fall war nicht tief und irgendwie gelang es Sarn, auf alle Viere zu fallen. Sie starrte auf den Boden, einen seltsam glatten, grauen Boden, aber das war nicht das seltsamste. Das Seltsamste waren ihre Pfoten. Helle, fast felllose Haut und lange zehen ohne Krallen. Sie hob eine davon, drehte sie, obwohl das eigentlich gar nicht gehen sollte. Sie fiel fast vorneüber, dnen ihr Hintern ragte seltsam weit hoch, ihre Hinterläufe waren viel zu lang. Sarn drehte sich, fiel auf die Seite und schaffte es doch irgendwie, ihre schrecklich seltsamen Vorderpfoten zu nutzen um sich abzufangen. So halb auf der Seite liegend starrte Sarn an sich hinunter, und jetzt wusste sie, was falsch war: alles. Alles war falsch. Sarn schrie - und selbst ihre Stimme klang falsch in ihren Ohren.

Joshua landete auf seinen Füßen, wohl nur unwesentlich viel später als Sarn. Aber doch als Mensch, der schon immer ein Mensch gewesen war. Dabei hätte er wohl eigentlich davon träumen sollen, ein Wolf zu sein. Es war immer noch so, als würden die Erinnerungen erst langsam in seinen Verstand tröpfeln. Forschungsprojekt... Natursimulation für das Militär. Er zuckte zusammen, als etwas neben ihm schrie. Er wandte den Blick zu dem Mädchen, das ihm vertraut geworden war, in den letzten Wochen. (vor 100 Jahren xD)

Sarn holte tief Luft, nur um noch einmal aus vollen Hals ihr Entsetzen heraus zu schreien. Anschließend brannten ihre Lungen, als hätte sie jeglichen Sauerstoff hinaus geschrien. Ihr schwindelte, und vor ihren Augen pulsierten schwarze Punkte. Gleich hatte der Tod sie wieder, dachte sie und empfand dabei so etwas wie Erleichterung. Aber dem war nicht so, sie blieb bei Bewusstsein, und ihr Blickfeld klärte sich im gleichen Maße, wie ihre Lungen wieder ihre normale Leistungsfähigkeit wiedererlangten. Was jedoch nicht hieß, dass sie sich beruhigte - Sarn hechelte, auch wenn ihr Fang sich seltsam klein anfühlte, und sie spürte ihren Herzschlag rasen. plötzlich nahm sie eine Bewegung neben sich wahr, und sie erstarrte für einen Moment. Da war noch so eine Albtraumkreatur, so seltsam wie sie, sofern sie das sagen konnte. Aber es hatte auch irgendetwas Vertrautes an sich. 'Er', korrigierte sie sich gedanklich, und wusste nicht, woher sie das Wissen nahm.

Joshua sah ein bisschen so aus, als wollte er sich gleich wieder in diese komische Kammer zurückziehen. Beinahe hätte er sogar die Hände gehoben, um sich die Ohren zuzuhalten, aber er ließ den zweiten Schrei ebenfalls über sich ergehen. Noch lehnte er ein bisschen an der Wand, während er versuchte, sich daran zu erinnern, ob die wirklich in diesem Raum eingeschlafen waren. Irgendwie nicht. Aber alles wirkte im Augenblick etwas fremd, sodass er nicht herausfühlen konnte, ob er sich nicht doch einfach nur irrte. Er sah an sich hinunter. Unbekleidet... und Sarn war auch nackt... oh! Jetzt verstand er, warum sie geschrien hatte! Wie peinlich. Er drehte sich weg. "Ich schau nicht hin...", versprach er. Eigentlich war es dafür zu spät und vielleicht schrie sie auch nur deshalb, weil ER nackt war?

Sarn starrte ihr Gegenüber an, innerlich hin und her gerissen zwischen einem gefühl der Bedrohung und einer Vertrautheit, die zumindest ein wenig Sicherheit in diesem Albtraum versprach. Langsam zog sie ihre Beine an ihren Körper, als fürchtete sie, dass es - er - sich bei einer zu schnellen Bewegung auf sie stürzen würde. Vorsichtig versuchte sie, wieder auf die Beine - auf alle vier Beine - zu kommen. Ihr Körper fühlte sich nach wie vor fremd an, aber ihr Unterbewusstsein schien trotzdem halbwegs zu wissen, was es tun musste. ihr Hintern durfte diesmal nur nicht so hoch, sonst verlor sie das Gleichgewicht wieder, aber dafür musste sie ihre furchtbar langen Hinterläufe fast so stark anwinkeln, als wolle sie sitzen. Im grunde war diese Haltung aber nur erträglich, wenn man den Oberkörper höher ragen ließ als das Hinterteil... schrecklich, schrecklich falsch! Dann sprach der andere, und sie konnte seine Worte tatsächlich auch verstehen - ihr entzog sich allerdings dennoch, was er meinte. Er drehte sich plötzlich um, und Sarn unterdrückte den Impuls, sich abzustoßen und ihn anzuspringen, und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass sie es nicht einfach zu ließ und die Gelegenheit für einen Erstschlag nutzte. Als würden zwei Instinkte in ihr miteinander ringen. "Wer... was..." Sie wusste nicht, welche Frage sie zuerst stellen sollte. dafür viel ihr aber umso klarer auf, dass sie keine Probleme damit hatte die Worte zu formen, obwohl ihr Fang sich ganz anders bewegte. Sie versuchte es einfach hinzunehmen. Die Alternative war ein weiterer Schrei, der sich schon in ihrer Kehle formen wollte.

Joshua sah sich im restlichen Raum um. In dem Teil, den er betrachten konnte, ohne Sarn nackt ansehen zu müssen. Er fühlte sich auch sehr entblößt und zunehmend unwohler in seiner Haut. Ihm war kalt und er wollte einfach etwas anziehen. Das war man eben so gewöhnt... Ein bisschen unbeholfen tastete er sich an der Wand entlang, auf der Suche nach einem Griff, um eine Türe zu öffnen und dahinter einen Schrank zu entdecken. Irgendetwas... ein Handtuch... eine Decke... ihm wäre alles recht gewesen. Hinter sich hörte er Sarn. Was wollte sie von ihm wissen? "Ich war es nicht...", versicherte er. Er erinnerte sich vage daran, dass er noch leicht bekleidet gewesen war, als er einschlief. Aber er hatte Sarn bestimmt nickt ausgezogen! Nur... wer hatte sie beide ausgezogen?

Sarn verfolgte jeder seiner Bewegungen, während er an der Wand entlanglief und... Die Wand. Die Wand hatte Löcher, und hinter den Löchern schwebten noch mehr dieser Kreaturen. Alle genauso felllos, alle mit diesen flachen Gesichtern, soweit sie das sehen konnte. Sarn hob instinktiv ihre Vorderpfoten und betastete ängstlich ihr Gesicht. Flach. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen, aber sie wusste nicht, worum genau sie weinte. Die Tränen fühlten sich heiß an, und erst dadurch merkte sie, wie furchtbar kalt ihr überhaupt war. "Was... bist du? Was bin ich?", fragte sie schluchzend. Sie erinnerte sich daran, was sie war, aber das stimmte irgendwie nicht mehr.

Joshua hätte sich beinahe umgedreht, so rein aus Reflex, aber dann besann er sich, doch in die andere Richtung zu sehen. Er kaute auf ihren Fragen herum, die zäh waren, wie alter Kaugummi. Wie... was... sie waren? Nackt... aber er schätzte mal, dass sie
diese Erkenntnis auch schon gehabt hatte. "Was meinst du?" Durfte er sich nun wieder umdrehen? Kannten sie sich dafür gut genug? War überhaupt etwas dabei, so ganz... rational betrachtet?


Sarn verstand seine Frage nicht. Nein, das stimmte nicht. Sie verstand nicht, warum er das fragte. War das nicht offensichtlich? Musste er sich nicht das gleiche fragen? Aber nein, das musste er wohl nicht. Auch seine Bewegungen wirkten schon, als wäre ihm sein Körper vertrauter als ihr. Dann musste er doch aber die Antworten kennen, oder? "Was bin ich?", wiederholte sie, die Arme jetzt um sich geschlungen und etwas vornüber gebeugt. "Kein... Kein Wolf mehr... Was bin ich... jetzt?"

Joshua runzelte die Stirn, aber letztlich fiel der Groschen. Zumindest ein bisschen. "Du bist ein Mensch... du hast nur geträumt...", erinnerte er Sarn überaus deutlich. Offenbar war er sich nicht darüber im Klaren, wie sehr das etwas ältere Mädchen verwirrt war.

Sarn wiederholte seine Antwort flüsternd. Mensch... Das Wort echote irgendwo tief in ihr, und sein Nachhall klang vertraut. Sie sah an sich herunter, sah zu den Gestalten hinter den Wandlöchern, sah zu ihrem Gegenüber. Sie war ein Mensch? Und das davor, ihr Wolfsleben, war... geträumt? "Geträumt", flüsterte sie, und begann dann, den Kopf zu schütteln "Nein. Nein. NeinneinneinneinNEINNEINNEIN!" Sie schrie ihm ihren Widerstand am Ende entgegen. "Ich habe gelebt! gelebt!", schrie sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen. "Gelebt", klang es gedämpft und schluchzend.

Joshua schielte über die Schulter. Dieses Mal war der Impuls größer, als das Hinschauverbot. Vielleicht war es sowieso nicht um ihrer beider Nacktheit gegangen... "Du lebst doch immer noch...", nuschelte er etwas überfordert und ziemlich unschlüssig. Scheinbar war da etwas gewaltig schief gegangen, aber so ganz erfasste er nicht, was los war. "War es so schön, mal ein Wolf zu sein?"

Sarn schüttelte nur den Kopf. Nein, sie lebte nciht mehr, sie erinnerte sich daran zu sterben. Seine nächste Frage verwirrte sie einmal mehr. "Warum 'mal'? Warum 'mal'? Was gibt es denn sonst? Warum wird man nach dem Tod ein.. ein Mensch?! In keiner Geschichte heißt es, dass man ein Mensch wird! Man geht zu den Sternen, wenn man stirbt... Ich hätte ein Stern werden sollen..." Ihre Stimme ging im Schluchzen unter.

Joshua stand ratlos da und kam sich irgendwie unsensibel vor. Er wusste nicht mehr, was er sagen wollte und hätte erst mal eine Woche Bedenkzeit benötigt. Aber selbst so viel Zeit hätte ihm wahrscheinlich nicht weiter geholfen, also schlich er ein bisschen unschlüssig näher. "Erinnerst du dich nicht, Sarn? Wir waren hier... um Geld zu verdienen... wir sollten in den Körper von Tieren schlüpfen, in einer Simulation..." Wahrscheinlich war es kontraproduktiv, ihr das nun zu erzählen, huh?

Sarn sah mit verheulten Augen aber auch einer gewissen Wachsamkeit im Blick auf, als er näher kam. Eine Weile sah sie ihn nur an, ohne dass zu erkennen war, ob sie verstanden hatte, was er ihr da erzählte. "Skaja. Mein Name ist... war Skaja. Oder nicht?" Das war alles so verwirrend. Das Leben, dass sie sechs Jahre lang gelebt hatte, sollte nun nicht echt gewesen sein - aber dieses hier, dieses fremde Leben, war real?

Joshua fühlte sich immer noch unwohl, nackt, wie er war. Er ging in die Hocke, ein paar Schritte von Sarn entfernt. "Ich weiß nicht, was du geträumt hast... als Mensch war dein Name 'Sarn'...", erklärte er. "Und ich bin Joshua... wir... kennen uns ein bisschen..."

Sarn ihren Menschennamen. Er hatte schon bei... Joshua... vertraut geklungen, aber nun, da sie ihn selbst aussprach, wurde dieses Gefühl fast zur Gewissheit. Eine Gewissheit, der Verzweiflung folgte, weil das vermutlich bedeutete, dass alles andere auch wahr war. Und das konnte - das WOLLTE - sie einfach nicht glauben. "Kann sein", räumte sie etwas zögernd ein. Ihr Blick glitt erneut zu den anderen Menschen hinter den Wandlöchern. Hatte sie auch so geschwebt und... geträumt? Sie wollte Joshua noch einmal danach fragen, aber sie traute sich nicht. Sie erinnerte sich an seine Behauptungen und wollte sie nicht noch einmal hören. Nicht jetzt. Sie wollte nicht länger darüber nachdenken, was echt war und was nicht. "Mir ist kalt", sagte sie stattdessen.

Joshua nickte leicht und ließ den Blick schweifen. "Mir auch.", nuschelte er. Aber es war niemand da. Hatte denn niemand gemerkt, dass sie aufgewacht waren? In diesem kahlen Raum gab es jedenfalls nichts, was irgendwie mit Stoff verwandt war. "Und ich hab Hunger..." Ziemlichen Hunger, wenn er genau darüber nachdachte. Er trat zur Türe, die wohl aus dem Raum führte und scheiterte daran, sie zu öffnen. Er kannte den Zahlencode nicht und er war sicher, dass er nicht in diesem Raum eingeschlafen war. Er ging unschlüssig die Wände ab.

Sarn beobachtete wie Joshua aufstand - ein Vorgang, bei dem sich sich ganzer Körper regelrecht zu entfalten schien - und sich zu einer Wand umwandte, in der es keien Löcher mit Menschen drin gab. Sarn entschied, es ihm vorsichtig gleich zu tun. Mit beiden Händen stützte sie an der Wand neben sich ab. Sie wollte dabei in die Löcher greifen um sich festzuhalten, und stellte zu ihrer Verwunderung fest, das gar nicht ging. Die Löcher waren von einem durchsichtigen Material versperrt, und erst jetzt bei genauerer Betrachtung fiel ihr bewusst auf, dass das Material den restlichen Raum teilweise widerspiegelte. Sie tippte mit den Fingernägeln dagegen. Es klickte leise. 'Glas', kam es ihr von irgendwoher in den Sinn. Es gelang ihr schließlich, sich aufzurichten und sich an ein paar Schritten zu versuchen, die gar nicht so wackelig waren, wie sie vermutet hatte. Dieser menschliche Körper wurde ihr mehr und mehr vertrauter, udn das rein instinktiv. Sarn versuchte, nicht darüber nachzudenken. "Was machst du?", wandte sie sich schließlich wieder an Joshua, der irgendetwas zu suchen schien.

Joshua wäre beinahe wieder zusammen gezuckt. "Ich... suche den Ausgang...", murmelte er vor sich hin. "Hier ist eine Türe... aber sie geht nicht auf... wieso kommen sie nicht, um nach uns zu sehen? Das Experiment mit dir hat immerhin funktioniert, oder?" Er nickte zu sich selbst, nachdem er sie noch einmal gemustert hatte und dann irgendwie beschämt war, weil sie nun ganz nackt neben ihm stand. Er entfernte sich derweil wieder von der Türe und lief an den Kammern mit den anderen Teilnehmern vorbei. "Das ist ja Jeremy!", stieß er schließlich aus. Sein Freund war aber noch im Wasser... oder was auch immer das war. Er erinnerte sich vage an ein paar Erklärungen dazu, aber es war ein bisschen, wie in der Schule gewesen. Wenn man keine Klassenarbeit über das Thema schrieb, passte niemand auf. Er schielte zu Sarn, schätzte aber, dass er sie nicht fragen brauchte. "Und wie war es, als Wolf?"

Sarn wollte fragen, was eine 'Tür' war, aber als sie seinem Blick folgte und den betreffenden Wandabschnitt sah, verknüpfte etwas in ihr den Anblick mit dem Wort. Sie glaubte fast zu wissen, um was genau es dabei ging, aber sie war nicht sicher. Ein Teil von ihr wehrte sich gegen dieses unterbewusste Wissen, dass nicht zu einem Wolf passte. Ihr Kopf fuhr herum, als Joshua plötzlich einen Namen rief. Jeremy... das klang auch ein wenig vertraut. Kannte sie alle diese Menschen hinter dem Glas? Sie sah wieder zu Joshua, als er sie nach dem Wolfsein fragte. Sie deutete ein Schulterzucken an. "Wie ist es, ein Mensch zu sein?", fragte sie im Gegenzug. Sie hatte keinen Vergleich.

Joshua schien mit der Gegenfrage genauso überfordert zu sein. "Wahrscheinlich... ganz anders...?", mutmaßte er, um die Frage nicht so offen stehen zu lassen. "Konntest du... normal denken? Und wie sieht ein Wolf? Und... so?"

Sarn wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte. "Ja, schon... ich konnte denken wie jetzt auch", erwiderte sie nach ein paar Momenten des Erinnerns und Überprüfens. "Und sehen... ich weiß nicht, nichts von diesen Dingen hier habe ich als Wolf gesehen. Aber ich konnte mehr riechen... Also ich weiß nicht, ob es hier überhaupt etwas zu riechen gibt, von daher bin ich nicht sicher... Aber wieso fragst du, warst du denn nicht auch ein Wolf?" Der Satz kam ihr schon ohne Stocken über die Lippen, aber ihre Gedanken rebellierten immernoch gegen die Vorstellung eines ganzen Lebens als Traum.

Joshua schüttelte leicht den Kopf. "Ich hab gar nichts geträumt..." Das glaubte er zumindest. "Aber manchmal erinnert
man sich nicht an Träume..." Er hatte keine Ahnung, ob das bei Wölfen auch so war. Überhaupt war es schwer, mit Sarn zu reden, wenn er nicht wusste, welches Wissen er voraussetzen konnte und welches nicht. Sein Blick glitt noch einmal zu Jeremy, aber dieser war offenbar nicht aufgewacht. "Ob er auch träumt, ein Wolf zu sein?" Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Haare hatten sich am ganzen Körper aufgestellt. Kalt.


Zuna war die, die hinter der Türe stand, als diese sich öffnete. Sie trug Kleidung auf dem Arm und strahlte die beiden Jüngeren an, als träfe sie gerade den Sänger von The Gringos oder Vark Vertico höchstpersönlich. Sie tänzelte jedenfalls in den kahlen Raum und machte diesen gleich um ein vielfaches lebendiger. "Ihr seid aufgewacht!" Es klang nach 'Jesus ist über das Wasser gegangen!'. "Also eigentlich haben die wenigsten daran geglaubt... ich für meinen Teil habe nie aufgehört, daran zu glauben... und es ist wahrhaftig großartig! Es ist mir so eine Ehre, euch kennen zu lernen... ihr müsst mir alles berichten! Oh, nun habe ich Hoffnung, dass auch noch weitere Träumer aufwachen werden!" Sie sah die beiden Jüngeren an und schien sich erst jetzt zu entsinnen, wie man sich benahm. "Verzeiht mir... ich bin Zuna. Hoch erfreut!" Sie machte einen Knicks, vielleicht, weil sie gehört hatte, dass man das früher als Höflichkeit empfand. Dass es etwas vor Sarns und Joshuas Zeit angebracht gewesen war, ahnte sie nicht. Sie streckte den beiden verstört wirkenden Jugendlichen die Kleidung hin. "Ich arbeite hier!", verkündete sie stolz. "In der Sicherheitsabteilung... deshalb hab ich euch auch gesehen... und eigentlich passiert nie etwas und der Job ist langweilig... aber jetzt ist ja doch etwas passiert und-" Vielleicht sollte sie zwischendurch Luft holen?

Sarn zuckte zusammen, duckte sich und fuhr herum, als die Tür hinter ihr plötzlich zur Seite glitt und eine fremde Kreatur in der Wandlücke stand. Es schien ein Mensch zu sein, aber ihre Haut war grotesk bunt, außer an Kopf und Vorderpfoten. Sie sprach, aber die meisten ihrer Worte gingen wie ein Rauschen an Sarns Bewusstsein vorbei. Sie hatte nur Augen für die weit zurück gezogenen Lefzen der Kreatur, und durch den Schreck fühlte sie sich ohnehin schon bedroht. Das Wesen streckte die Vordergliedmaßen aus, irgendetwas Fremdes in den Händen, und in Sarn übernahmen Instinkte die Oberhand, die ihr gefühlte sechs Jahre lang vertraut gewesen waren. Sarn bleckte die Zähne und aus ihrer Kehle kam ein Grollen, dass für einen Menschen doch ungewöhnlich tief war und sehr an einen Hund oder eben einen Wolf erinnerte. Sie stieß sich direkt aus ihrer geduckten Haltung ab, die Arme vorgestreckt, der fremden Kreatur entgegen.

Zuna stand perplex da, den Beiden die Kleidung hinhaltend und schien noch zu überlegen, ob Sarn sie nun umarmen würde. Aber das Knurren klang eher nach Angriff und so versuchte Zuna, einfach aus der Schlusslinie zu tanzen. "Huch? Da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden?", erkundigte sie sich und stolperte rückwärts. Folgte nun noch ein Angriff?

Joshua stand etwas irritiert am Rand und verstand nicht so ganz, was passierte. Seine Gedanken routierten. Ach du Schreck! "Sarn! Nicht!"

Sarn streckte den Arm nach der Kreatur aus, als diese sich bewegte und ihr klar wurde, dass ihr Sprung ins Leere gehen würde. Sie bekam den bunthäutigen Arm zu fassen - die Haut fühlte sich seltsam an - und riss dadurch das Wesen etwas zur Seite. Es verlor dabei, was es in Händen gehalten hatte, und Sarn ließ den Arm sogleich los, um damit nicht in berührung zu kommen. Sie landete ungeschickt auf mehr oder minder allen Vieren, wirbelte herum - und entdeckte dabei neben sich einen langezogenen Raum/Gang/Höhle/Tunnel. Sarn stockte, dann wandte sie sich in eine der beiden möglichen Richtungen und floh.

Joshua tauschte sich ein bisschen entsetzt mit Zuna aus, die nicht weiter besorgt war, weil sie wusste, dass man ohne Zugangsberechtigung in diesem Gebäude keine zwanzig Meter weit kam. Joshua selbst war ziemlich froh, als er nicht mehr nackt und entblößt vor der jungen Frau stehen musste, sondern Kleidung am Leib trug, die ihn dazu nun auch warm halten würde. Kalt war es eigentlich nicht unbedingt, aber eben auch nicht warm genug, um unbekleidet herum zu laufen. Ein bisschen scheu entschied er, dass er wohl eher geeignet war, Sarn wieder einzufangen, weshalb Zuna gutmütig vorschlug, zu warten. Der 15-Jährige tappte also den Gang entlang, den Sarn genommen hatte. Dieser sollte anscheinend nicht sehr weit gehen und sich dann gabeln. Danach gab es Türen, die nur jemand öffnen konnte, der zum Forschungsinstitut gehörte.

Sarn saß in einer Ecke des Gangs, der sich als Sackgasse entpuppt hatte. Es gab zwar eine Tür, aber sie wollte einfach nicht in der Wand verschwinden. Sarn hatte verzweifelt daran gekratzt und versucht zu schieben und zu ziehen, aber als Ergebnis hatte sie sich lediglich zwei Fingernägel so tief abgebrochen, dass die Tür jetzt von blutigen Striemen geziert wurde. Danach hatte sie es aufgegeben und sich in die Ecke sinken lassen, die Knie an den Körper gezogen und das Gesicht auf die Knie gelegt. Sie war so verwirrt, für einen Moment war sie wieder Skaja gewesen, hatte sich genauso wie früher gefühlt, aber gleichzeitig war da das Wissen gewesen, ein Mensch und kein Wolf mehr zu sein.

Joshua schlich ein bisschen herum und schob sich unsicher um die Ecke. Hätte sich Sarn bewegt, er hätte womöglich aufgeschrien, vor Schreck. Stattdessen ließ er sich auf alle Viere sinken und krabbelte ganz vorsichtig näher. Auf Knien... das ging dann besser, auch wenn man so einen Teil des Beines nach sich zog. Er hatte nicht besonders viel Ahnung von Wölfen und ihm fehlte wohl die entsprechende Rute, um diese hin und her pendeln zu lassen. Am Ende wäre er ein treudoofer Hund gewesen und kein Wolf, aber die Sprache wäre ähnlich gewesen, oder? Was wusste er schon... Er senkte den Kopf ein bisschen. Das war doch... unterwürfig... vielleicht auch freundlich? "Sarn...?", fragte er schüchtern.

Sarn hörte wie sich jemand näherte, aber als sie aufsah, zuckte sie etwas zusammen, erschrocken darüber, wie nah Joshua schon war. So leise wie die Geräusche gewesen waren, hätte sie ihn viel weiter weg erwartet, stattdessen hatte sie ihn offenbar erst sehr spät gehört. Sie beruhigte sich jedoch sogleich wieder - Joshua war vertraut, und er war auf allen Vieren, auch wenn das etwas seltsam aussah mit den nach hinten aufliegenden Beinen. Was jedoch ihr misstrauen weckte, war seine Haut - sie war jetzt bunt, ähnlich wie bei der anderen Kreatur vorhin. Eigentlich war das gar nicht seine Haut, fiel ihr auf, sondern eher wie eine bunte Haut über der eigentlichen. Wie eine Schicht aus seltsam platten Fell, das nicht aus er Haut wuchs. Grotesk. Sarn versuchte, sich auf Joshuas Gesicht zu konzentrieren, während sie langsam ihre Beine und ihr Gleichgewicht neu ordnete, um zu hocken statt zu sitzen, und mit den Händen auf dem Boden abgestützt. Er hatte den Kopf gesenkt und sah von unten zu ihr auf, was ihr ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit verlieh. Und ein bisschen Scham. "Schon gut... ich werde dir nichts tun."

Joshua überlegte, mit dem Hinterteil zu wackeln, wäre sich aber zu blöd dabei vorgekommen, sodass er sich nur auf dieselbe Weise hinsetzte, wie Sarn es tat. Ein Wolf war er vielleicht nicht, aber als Hund war er gar nicht mal so schlecht. Zumindest wenn er an den alten Zausel dachte, den sie bei ihm Zuhause gehalten hatten. Er wusste nicht so genau, wo er anfangen sollte... es schien nur so, dass er etwas sagen musste, oder erklären... "Keine... Angst...", flüsterte er Sarn zu. Er fand das alles hier eigentlich selbst ziemlich unheimlich und wollte lieber wieder gehen. Am Ende dachte er auch noch, er wäre ein Wolf, oder so...

Sarn sah Joshua eine Weile nur an, während sie versuchte sich darauf zu einigen, wer und was sie war. Sie fühlte sich inzwischen wieder weniger wölfsich, was im Umkehrschluss vermutlich bedeutete, dass sie sich menschlicher fühlte. Sie war zumindest in diesem Augenblick ein Mensch, und auch wenn sie später vielleicht endlich aufwachen oder wieder ins Dunkel sinken würde, so musste sie jetzt ersteinmal als Mensch mit dieser Situation fertig werden. Sarn atmete tief ein und aus. Ihr war immernoch kalt, und zwei Finger ihrer rechten Hand schmerzten pulsierend. Sie nahm wieder das Bunte auf Joshuas Haut in Augenschein, dann streckte sie langsam die linke Hand aus und berührte es vorsichtig auf Höhe seiner Schulter. "Was ist das?" Es war weder kalt noch warm, war eindeutig kein Fell, aber doch ein bisschen ähnlich.

Joshua folgte der Bewegung von Sarns Hand mit dem Blick. Aufmerksam und unsicher, was das Mädchen nun tun würde. Er hatte das Blut realisiert und konnte nicht über den Umstand hinweg sehen, dass sie nackt war. Vermutlich war es für einen Wolf ziemlich egal,
dass man sich gegenseitig sah, wie... die Natur den Menschen eben hervor gebracht hatte, aber als Mensch gab es solche Gedanken wie: 'Bin ich hässlich?' oder 'Wie pervers' oder so etwas in der Art. Rational betrachtet war das total idiotisch und als wolle Sarn seine Gedanken bestätigen, fragte sie, was das war, was er trug. "Äh...", machte er, weil er sich gedanklich verhaspelte, ehe er überhaupt mit der Antwort beginnen konnte. "Kleidung." Er hatte die Sache auf den Punkt gebracht, aber besonders viel Informationsgehalt hatte die Antwort nicht. Nachdenklich musterte er Sarn und versuchte ebenfalls - aus völlig anderen Gründen - sich nur auf das Gesicht zu konzentrieren. "Du hast doch gesagt, dass dir kalt ist, oder?" Es klang so unsicher, dass man glauben könnte, er würde denken, sich die Worte nur eingebildet zu haben. "Kleidung hält dich warm... die... Frau vorhin... hat Kleidung für uns gebracht, damit wir nicht frieren."


Sarn strich ein wenig seinen Arm hinab, um die Kleidung zu fühlen. Es war weich, in gewisser Weise, und laut Joshua sollte es warm halten. Also tatsächlich eine Art von Fell, nur... unnatürlich. Künstlich. So wie diese ganze Höhle mit ihren geraden Wänden und Kanten offensichtlich unnatürlich und demnach künstlich war. "Okay", sagte sie schließlich, seine Erklärung so wie sie war hinnehmend. Dann stand sie auf - laufen war als Mensch auf zwei Beinen wesentlich einfacher, auch wenn etwas in ihr sich dagegen sträubte, Bauch und Brust so offen vor sich her zu tragen. So angreifbar. Sie wagte ein paar Schritte den Gang zurück und spähte vorsichtig um die Ecke.

Joshua schloss zu Sarn auf, um sich an der Seite der... Werwölfin zu halten. So oder so ähnlich war das, huh? Nein! Ein Wolfskind... das war Sarn. Nur dass es ein bisschen einfacher war, weil sie dieselbe Sprache sprachen. "Du solltest Zuna vielleicht nicht... wieder angreifen... das macht man unter Menschen eher nicht...", flüsterte er zu Sarn hinüber.

Sarn lief mit bedächtigen Schritten den Weg zurück, den sie geflohen war. Rechts reihten sich weitere Türen an einander, manche von ihnen mit einem runden Glasloch - 'Scheibe', 'Fenster' flüsterte ein Stimme in ihr leise - mit weiteren Räumen dahinter. "Ich versuch's", erwiderte sie leise, während sie sich der offenen Tür links näherten. Sarn blieb davor stehen, dem Raum dehinter zugewandt. Da war die Kreatur wieder - eine Menschenfrau mit Kleidung. Sarn versteifte sich etwas.

Joshua entschied, dass er einfach mal auf Zuna zutrat und dieser die Kleidung für Sarn abnahm. Er brachte sie dem Wolfsmädchen und überlegte, ob er beim Anziehen helfen sollte. War vielleicht besser. Sein Gesicht wurde ein bisschen warm und er hoffte, dass sich seine Wangen nicht röteten, als er die Kleidung auf dem Boden ablegte und Sarn den Slip hinhielt. "Das ist... ein Slip... zum drunter tragen... und meistens hat Kleidung so ein Zettelchen... da steht drauf, welche Größe und... wie man die Sachen waschen muss und so. Das ist immer hinten." Er kniete vor Sarn und sah zu dieser nach oben. Zum Glück wusste diese nicht, wie peinlich all das war. Und Zuna musste er nicht ansehen. "Da muss dein eines Bein... und da dein anderes rein."





Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Lu, Lio, Kyro, Lijenna



19.03.2014 13:33
Off   |   Suchen   |  




Joshua
Joshua Winter






Art
Mensch

   |   Zitat   |   Beitrag editieren   |   IP


Sarn betrachtete das Stückchen Kleidung, dass er ihr hinhielt, und nahm es vorsichtig entgegen. Es war ganz dünn und leicht und war eigentlich mehr Loch als... was auch immer. Slip. Und ihre beiden Beine sollten durch das eine Loch gemeinsam und dann durch jeweils ein anderes? Das war machbar, nun stand sie in dem Slip. Joshua gab ihr etwas nuschelnd zu verstehen, dass man den Slip so weit hochziehen sollte wie möglich. Ah, nun lag der dünne Stoff überall direkt auf ihrer Haut an. Sarn verzog etwas skeptisch das Gesicht. "Das fühlt sich komisch an", kommentierte sie leise und versuchte nach wie vor die andere Menschin zu ignorieren. Sie fühlte sich unwohl, wenn sie sie ansah, und sie wollte nicht schon wieder die Kontrolle verlieren.

Joshua schätzte mal, dass Sarn dann noch weniger Gefallen an dem Kleidungsstück finden würde, das er ihr nun hin hielt. "Das ist ein... BH..." Er kam sich vor, als würde er etwas Verbotenes tun, dabei war das doch total bescheuert! Er hatte nicht nur keinerlei... Absichten in eine gewisse Richtung, er war dazu noch ganz sicher komplett schwul. Aber das konnte er Sarn nicht erklären. Schwule Wölfe gab es doch sicher nicht, oder? (Er kannte eben Lunar noch nicht! xD) Jedenfalls konnte er diese Anmerkung nicht machen, weil Sarn von allein wahrscheinlich nicht auf die Idee kam, dass ein Junge und ein Mädchen solche Dinge für gewöhnlich nicht taten, ohne gewisse Motive zu haben. Okay. Er hatte eigentlich keine Ahnung von BHs. "Also... das ist ein Kleidungsstück für deine Brüste... also... ich glaube... damit... die einen besseren Halt haben und nicht runter hängen... mit der Zeit...?" Am Ende klang es fragend. Es war zum einen das falsche Thema für einen 15-Jährigen, männlichen Teenager und zum anderen hatte Sarn da nicht so... besonders viel. Also vielleicht bräuchte sie gar keinen BH? So etwas konnte er doch nicht beurteilen! Seine Ohren jedenfalls brannten nun und waren sicher auch rot. Hoffentlich versteckten seine Haare diesen Umstand so gut wie möglich. "Jedenfalls... kommt ein Arm da rein und einer da... und..." Er war aufgestanden und hielt Sarn den BH hin, sodass sie eigentlich nur hinein schlüpfen musste. "Ich kann dir den Verschluss am Rücken zu machen..."

Sarn brachte dem zweiten Kleidungsstück in der Tat noch mehr Skepsis entgegen als dem Slip. Sie versuchte zu verstehen, was Joshua ihr da erklärte, aber es misslang ihr größtenteils. "Das sieht nicht aus, als würde es warm machen", meinte sie und machte keinerlei Anstalten, den BH in die Hand zu nehmen oder sich von ihm darein helfen zu lassen. "Und warum trägt man Kleidung unter Kleidung? Hast du das auch da drunter?" Es klang ein wenig misstrauisch. Woher wusste er das alels überhaupt? Aber das hatte er ihr schon zu erklären versucht, eine Erklärung, die sie noch nicht akzeptieren konnte.

Joshua sah ein wenig leidend aus. "Also... das hier ist eben auch nicht zum warm machen... sondern um deine Brüste zu stützen... weil... sonst ist das beim Rennen unangenehm..." Das glaubte er jedenfalls mal aufgeschnappt zu haben. Natürlich konnte es auch sein, dass er ihr totalen Unfug erzählte. Er traute sich dennoch nicht, sich zu Zuna umzudrehen. "Also ich bin... männlich... und Männer haben andere Geschlechtsmerkmale... und wir haben nicht so Brüste wie Frauen... unsere Brust ist flach... Äh... also wenn du magst kannst du auch das hier anziehen, ohne den BH..." Er hob ein Oberteil auf.

Sarn linste zu der anderen Frau hinüber. Zuna hatte eine Hand zum gesicht gehoben und verbarg damit ihren Mund, vermutlich um sich daran zu hindern nochmal die Zähne zu blecken. Besser so für sie alle, dachte Sarn und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Joshua zu, der von seinen eigenen Worten nicht ganz überzeugt schien. Ein Grund mehr, den BH nicht zu benutzen, fand sie. Stattdessen nahm sie das nächste Kleidungsstück entgegen. Das war viel größer und ähnlich dem, was Joshua trug. Sarn drehte es ein wenig hin und her, glich die Öffnungen und die beiden längeren Stoffabschnitte mit Joshuas Kleidung ab. Hmm. Sie streckte einen Arm hinein, fand nach einigem Drehen den Weg in einen Ärmel und ihre Hand erschien am anderen Ende. Das gleiche mit der anderen Hand. Sarn zögerte einen Moment, dann raffte sie den Stoff zusammen, sodass Körperloch und Kopfloch direkt übereinander lagen und streckte den Kopf durch. Der restliche Stoff fiel fast von selbst ihren Oberkörper herunter. Sarn stand still und betrachtete sich und die Kleidung selbst. "das fühlt sich noch komischer an", befand sie. Aber es war gleich nicht mehr so kalt.

Joshua sah prüfend zu, ob Sarn das Oberteil auch richtig herum anzog. Okay. Immerhin. Ihm war gleich viel wohler, nun, da das Wolfsmädchen gar nicht mehr so wirklich nackt war. Er merkte, wie sich sein Körper ein bisschen entspannte und die Peinlichkeit verschwand. Jetzt kamen sie schließlich zu den etwas 'einfacheren' Kleidungsstücken. Er hob eine Jeans auf und hielt sie neben sich, damit Sarn vergleichen konnte. Danach drehte er die Hose herum und reichte sie dem etwas älteren Mädchen. "Das ist eine Hose... das Material wird Jeans genannt... deshalb sagt man manchmal auch statt Hose Jeans dazu. Und das ist, damit deine Beine auch warm bleiben...", erklärte er. "Das hier sind Socken..." Er hatte sich wieder auf den Boden gekniet. "Die trägt man, damit die Füße warm bleiben." Füße... Pfoten. Er tippte mal vorsichtshalber sacht auf den linken Fuß von Sarn. Das war ein Fuß. "Und um die Füße zu schonen... wenn man Schuhe trägt." Die Schuhe standen bereits parat und waren zum Glück nicht mit hohen Absätzen, sondern ganz normale, vermutlich sogar bequeme Turnschuhe. "Schuhe trägt man, damit man sich nicht die Füße verletzt, an spitzen Steinen oder Scherben oder so... und damit die Füße eben warm bleiben, oder man sie sich im Sommer auf heißem Asphalt nicht verbrennt. Naja, also Asphalt ist ein von Menschen geschaffener, gerader Boden... ziemlich hart..." Er merkte, dass er von einem Übel zum nächsten kam. Wenn er von Asphalt sprach, kam er zum Thema Straßen und Straßen wurden von Autos befahren und Autos waren von Menschen gelenkte Maschinen... Ihm schwirrte der Kopf, wenn er nur daran dachte, all das erklären zu müssen. Wie musste es da Sarn gehen? Kam die Erinnerung nicht irgendwann wieder zurück? Am besten in den nächsten fünf Minuten?

Sarn nahm die Hose und verglich sie mit einigem Drehen und Wenden selbst nochmal mit der, die Joshua trug. Sie untersuchte eingehend die Funktionsweise mehrerer aneinander gereihter harter Gnubbel, die durch spezielle Löcher gezwungen werden mussten - aber offenbar erst, nachdem man schon in der Hose drinsteckte, weil man sie sonst gar nicht bis über die Hüfte ziehen konnte, wie sie feststellte. Sarn fand diese ganze Kleidung mehr und mehr irritierend, auch wenn es offensichtlich nützlich war, sowas zu haben. Aber für die Hose musste man sich extra einen Moment Hinsetzen, um sie anzuziehen, weil man andersnfalls zwischenzeitlich auf einem Bein stehen müsste und da spielte ihr Gleichgewicht einfach nicht mit. Auf zwei Beinen zu stehen und zu laufen war schon irgendwie absurd, auf einem Bein wollte ihr Gehirn dann noch viel weniger akzeptieren. Gleiches nochmal mit den Socken, aber das irritierenste an denen war wiederum, dass sie anschließend den Boden etwas gedämpfter spürte. Nicht viel im Grunde, aber doch genug, dass Sarn das Gefühl hatte sich vom Boden zu lösen, sobald sie nicht mehr auf ihre Pfoten - Füße - sah. Noch schlimmer waren die Schuhe. Es war einfach hinein zu kommen, da konnte man sich kaum irren - außer dass Joshua darauf bestand, welcher Schuh für welchen Fuß sein sollte - aber anschließend spürte sie... etwas und gleichzeitig nichts. Zu wenig, denn der Boden war eindeutig weg, und zu viel, denn ihre Fußsohlen meldeten ihr Kontakt auch wenn sie den Fuß vom Boden hob. Sarn versuchte krampfhaft ihre räumliche Orientierung zu bewahren und sich an diese widersprüchlichen Signale zu gewöhnen, aber sie hielt es nicht lange aus. Eilig setzte sie sich wieder und riss sich keuchend sowohl die Schuhe als auch die Socken von den Füßen. Die Welt glitt sofort wieder in ihre Bahnen zurück. "Der Boden war weg", versuchte sie zu erklären, während sie sich wieder beruhigte, aber sie zweifelte inzwischen daran, dass Joshua verstand, was sie meinte.

Joshua beobachtete Sarn aufmerksam. Er war nicht ungeduldig, im Gegenteil. Hätte das Wolfsmädchen etwas falsch gemacht, hätte er es als seinen Fehler eingestuft, weil er etwas nicht gesagt oder erklärt hatte. Er selbst stand gut in seinen Turnschuhen und konnte wohl nicht ganz nachvollziehen, was für Probleme Sarn damit hatte. Aber ihm war fast klar gewesen, dass so gefangene Füße noch irritierender waren, als Kleidung. Diese hatte immerhin entfernt noch etwas mit Fell gemeinsam. Er atmete tief durch, als Sarn - obwohl diese die Schuhe und Socken wieder ausgezogen hatte - doch irgendwie fertig angezogen war. Zumindest ausreichend bekleidet. Erst jetzt wandte er sich zu Zuna um und betrachtete die junge Frau nachdenklich. "Wo ist meine eigene Kleidung?", wollte er wissen. "Wie lange... haben wir geschlafen? Und... wie kommen wir hier her?"

Zuna war zwischenzeitlich aufgegangen, dass das hier komplizierter werden würde, als sie angenommen hatte. Es war nicht absehbar gewesen, dass eine der Versuchspersonen sich nicht erinnerte, aber in diesem Projekt war ohnehin alles schief gegangen, was hatte schief gehen können. "Also ich glaube, deine Kleidung existiert einfach nicht mehr... aber das da ist doch sicher nach deinem Geschmack? Es ist sehr altmodisch!" Es klang vergnügt, während sie das 'altmodisch' festhielt. "Geschlafen habt ihr knapp 100 Jahre... und ihr seid die ersten und einzigen, die wieder aufgewacht sind! Es ist fantastisch! Sowieso da es zumindest bei Sarn funktioniert zu haben scheint... also mal von der kleinen technischen Schwierigkeit abgesehen, dass beim Ausschalten offenbar nur die wölfischen Erinnerungen zurück geblieben sind, nicht aber die an ihr Leben davor... oh und es ist Wahnsinn, dass ihr überhaupt noch lebt... in den vergangenen Jahrzehnten sind so viele gestorben... manche auch schon ziemlich am Anfang... das Forschungsprojekt ist inzwischen eingestellt worden... aber gesetzlich wurde entschieden, dass man die lebenserhaltenden Maßnahmen nicht einfach... abschalten darf... dabei dachten wirklich alle, ihr würdet nie mehr aufwachen... und jetzt seid ihr natürlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses! Sie würden euch auseinander nehmen! Ihr würden wahrscheinlich nur noch Laboratorien und solche Einrichtungen sehen..." Sie nickte zu sich selbst, klang aber weder besorgt, noch unglücklich. "Aber deshalb bin ich ja da!" Sie schien sehr stolz darauf zu sein. "Ich weiß nicht, in wie weit ihr euch erinnert... also jedenfalls gab es da mal jemanden, der vor vielen Jahren mit euch gesprochen hat und euch abriet, an diesem Experiment teilzunehmen... es war noch viel zu unausgereift, ganz gleich was die Leute damals erzählt haben... na, jedenfalls war das mein Urgroßvater und er hat nie aufgehört, euch im Auge zu behalten. Ich arbeite nur hier, um auf euch aufzupassen. Meine Mutter hat auch schon hier gearbeitet und mein Opa auch! Mein Bruder arbeitet auch hier, der wird dafür sorgen, dass niemand merkt, dass ihr weg seid..."

Sarn verstand im Grunde nichts von dem, was Zuna erzählte. Ein paar begriffe blieben hängen und sickerten förmlich in ihr Bewusstsein ein mit dem Gefühl, dass sie irgendetwas darüber wusste: Begriffe wie 'Forschungsprojekt' und 'Experiment'. Das war jedoch recht nebensächlich, denn Sarns aktive Gedanken blieben schon bei den 'Hundert Jahren' hängen und kreisten immer schneller darum. Sie versuchte sich diese Zeitspanne vorzustellen, aber es viel ihr schwer. Für einen Wolf waren zehn Jahre schon viel. Sie starrte Zuna verständnislos an. Sie fühlte eine unterschwellige Furcht in sich aufsteigen, die sich auf diese Hundert Jahre bezog, obgleich sie nicht genau sagen konnte, warum. "Sechs. Ich war sechs, als ich starb", brachte sie nur hervor aufgrund des dringenden Bedürfnisses, die Unvereinbarkeit der Zahlen zu kommunizieren.

Joshua setzte sich. Irgendwie, plötzlich... einfach so. Vermutlich wäre es gut gewesen, Zuna hätte sie gleich darum gebeten, sich lieber zu setzen. Bisher hatte Joshua geglaubt, dass es eine reine Erfindung von Filmen und Büchern war, dass manche Nachrichten Menschen derart aus dem Gleichgewicht brachten, dass sie das Bedürfnis hatten, sich zu setzen. Am Rande seiner Wahrnehmnung hörte er am Ende von Zunas Vortrag Sarns 'Sechs. Ich war sechs, als ich starb' und glaubte, darüber verrückt werden zu müssen. Das eine war so absurd wie das andere und er hoffte beinahe, er würde einfach nur träumen. Offenkundig war etwas beim Forschungsprojekt schief gegangen. Er träumte nicht, ein Wolf zu sein, sondern, dass er 100 Jahre geschlafen hatten. Sicher war das Projekt nie gestartet und er träumte einfach nur so, irgendwelches verrücktes Zeug. Es gab irgendwelche komischen Analysen darüber, dass man im Traum nicht wusste, dass man träumte, trotzdem fühlte er sich aktuell doch ziemlich wach. Es war nicht wie träumen... er hatte seinen Verstand beieinander. Die Welt war nur verrückt geworden. "Und was ist aus meinen Schwestern geworden?" Im Augenblick war das die einzige Frage, die ihn interessierte. Ihm wurde klar, dass niemand, den er gekannt hatte, noch lebte. 100 Jahre...

Zuna beobachtete die beiden Jugendlichen abwechselnd und nun ein bisschen überfordert. "Du bist gestorben? Das ist ja ziemlich grotesk! Wie fühlt sich das an? Dann bist du jetzt sicher froh, dass du doch noch am Leben bist!" Sie erkannte die Tragik vielleicht, aber die Neugierde überwog doch deutlich. Überhaupt schien sie noch nicht so ganz zu begreifen, was all das für Joshua und Sarn bedeutete. "Oh, das weiß ich nicht... es gibt überhaupt... ziemlich wenige Aufzeichnungen über Sarn und dich... mein Uropa hatte da so seine Notizen, dass ihr auf der Straße gelebt habt, huh? Wir wussten nicht, dass ihr Angehörige habt... naja... aber ist ja auch schon ziemlich lange her. Erst als die Forschungen extrem vertieft wurden und immer mehr Personen an den Simulationscomputer angeschlossen wurden, gab es in der Öffentlichkeit Proteste... davor war alles so.. na, eben ohne richtige Unterlagen."

Sarn konnte nicht antworten, Wut und Trauer erstickten ihr die Stimme. Sie konnte nur die Fäuste ballen und die Tränen wegblinzeln. Sie bleckte die Zähne und zwang sich dann, auf den Boden zu starren, um nicht erneut Zuna anzufallen. Sie sollte froh sein, am Leben zu sein? Ein Leben, dass sie nicht kannte, dass ihr fremd war und doch war da irgendwo in ihrem Kopf vergessenes Wissen, dass sie spüren aber nicht greifen konnte. Ein Leben fern all derer, die sie geliebt hatte als Wolf, ein Leben als Skaja. Das waren Erinnerungen, die lebendig waren. Das war ihr Leben gewesen! Ihre rechte Hand jagte Schmerzen ihren Arm hinauf, weil sie regelrecht krampfhaft Druck auf ihre verletzten Finger ausübte. Sarn klammerte sich an diesen physischen Schmerz in der Hoffnung, dass er den seelischen abmilderte. Und die ganze Zeit über plapperte Zuna weiter, ohne Rücksicht. Als sie das Leben auf der Straße erwähnte, zuckte ein Bild durch Sarns Geist, aber es war zu schnell, als dass sie etwas erkennen konnte, aber es hinterließ ein beklemmendes Gefühl von Einsamkeit. Gleichzeitig musste sie an Joshua denken. Sie drehte den Kopf zu ihm. Vermutlich verstand er von alledem mehr als sie, und daher machte es ihr Angst, ihn so erschüttert zu sehen. Sie wollte nicht begriefen, was er begriff.

Joshua dachte an Luca und Lana, die beiden Schwestern, auf die er immer hatte aufpassen wollen. Wenn nicht direkt bei ihnen, dann doch wenigstens aus der Ferne. Was war aus ihnen geworden? Was hatten sie gedacht, als er keine E-Mails mehr geschrieben hatte? Hatte sich ihr Leben zum Besseren gewandt? Hatten sie überhaupt Geld bekommen, von diesen komischen Forschern? War er für tot erklärt worden? Nun konnte er ihnen doch gar nicht mehr sagen, dass es ihm gut ging und er überlebt hatte... Womöglich konnte er es irgendwelchen Urenkeln erzählen, die nie von ihm gehört hatten... Bei all den Gedanken hatte er große Lust, sich erst mal zu verkriechen und zu schlafen. Oh und Hunger hatte er auch immer noch. Hatte er 100 Jahre nichts gegessen?

Zuna hatte für gewöhnlich nichts dagegen, eine Unterhaltung allein zu führen. Das passierte meistens auch, wenn sie es nicht wollte. In diesem Fall wusste sie so langsam nicht mehr, ob sie nicht besser den Mund halten sollte. Solcherlei Erkenntnisse sickerten meist nur träge zu ihr hindurch. Im Schweigen war sie aber schlecht, weshalb sie sich entschied, dass es Zeit war, zu handeln! "Also wisst ihr was... wir können das alles noch besprechen... erst mal muss ich euch ja hier rausschaffen, damit die euch nicht sehen und in die Finger kriegen... das wird jetzt eine ultimative Geheimaktion die von langer Hand geplant ist... nicht von mir... aber ich habe die Ehre, die Evakuierung durchzuführen!" Sie streckte die Arme in die Luft. \oo/ "Kommt mit, ihr Beiden. Ich bring euch nun an einen sicheren Ort, zu einem alten Freund der Familie. Er gehört auch zu uns... also... wie auch immer... zu uns, die wir eben auf euch Wolfsträumer aufpassen." Sie war bereit, die Führung zu übernehmen, wenn die beiden Jugendlichen ihr zu folgen gedachten.

Sarn nickte nur, mechanisch. Sie wollte nicht mehr sprechen - sie hatte Fragen, aber sie wollte sie nicht stellen, und sie wollte ihre Gedanken nicht äußern, zumal es ihr ohnehin schwer fiel, sie für sich selbst in Worte zu fassen. Aber sie wollte nicht länger hier sein an diesem Ort des Aufwachens, in dieser Geburtshöhle ihres zweiten Lebens, das eigentlich ihr erstes war und angeblich auch ihr einziges. Sie ging ein paar Schritte hinter Zuna her, ohne sie anzusehen, dann drehte sie sich nach Joshua um, der immernoch verloren auf dem Boden saß. Sie wollte nicht ohne ihn gehen, er war das einzige Vertraute hier. Und sie wollte ihm helfen, so wie er ihr die ganze Zeit schon geholfen hatte. Sie trat zu ihm, hockte sich hin und hielt ihm vorsichtig die Hand hin.

Joshua hatte Zuna schwermütig zugehört und verpasste irgendwie den Augenblick, rechtzeitig aufzustehen, um nicht zum Nachzügler zu werden. Als er aufblickte sah er in Sarns Gesicht, von welchem aus seine Augen zu der Hand wanderten, die ihm gereicht wurde. Er dachte ein bisschen über diese zweifellos menschliche Geste nach, ehe er ein bisschen schüchtern die Hand ergriff und seine Finger vorsichtig darum schloss. War das... in Ordnung? Er suchte die Antwort stumm in Sarns Gesicht, ehe er sich langsam aufrichtete. Vielleicht musste er loslassen, was in der Vergangenheit gewesen war und sich darauf besinnen, was er noch hatte? Zum einen war das eine... Freundin, die sich nicht mehr an ihn erinnerte und zwei Freunde, die vielleicht nie wieder aufwachten. Aber ein bisschen Hoffnung war da schon, dass nicht alles verloren war. Schließlich war Sarn jetzt auch zu ihm gekommen, oder? Er dachte ein bisschen nach, was sie nun gleich erwarten würde, draußen... "Du wirst gleich... viel sehen... was du nicht kennst... und was vielleicht unheimlich klingt oder sehr fremd aussieht...", flüsterte er dem Wolfsmädchen zu. "Bleib einfach bei mir, in Ordnung? Es... ist schon in Ordnung. Ich passe auf dich auf."

Sarn hatte sich innerlich darauf vorbereitet, dass sich die Berührung wahrscheinlich sehr fremd anfühlen würde, aber es war dann doch nicht so seltsam, wie gedacht. Sie wusste nicht ganz, was sie davon halten sollte. Es besorgte sie einerseits, weil das ein weiterer Hinweis dafür war, dass dies alles der realität entsprach, andererseits gab ihr das jedoch auch ein wenig mehr Sicherheit. Sie stand ebenfalls auf und ließ ihn dann los, während sie auf seine Worte hin bestätigend nickte. Sie würde dich bei ihm bleiben und sich dafür wappnen, jede Menge Fremdes zu erleben.

Joshua folgte Zuna, zusammen mit Sarn. Die Türen ließen sich nur durch Fingerabdruck, Codes und Irisabtastung passieren. Allein wären sie also niemals auch nur aus dem ersten Raum gekommen. Alles war so... stabil gebaut, als müsste man befürchten, irgendwer würde mit Panzern einfallen, um an Informationen über... Wölfe zu kommen. Nicht ganz. Er fragte sich ein bisschen, was ihn nun erwarten würde. Fliegende Autos vielleicht? Oder... nein, er hatte keine Ahnung, was 100 Jahre bedeuteten. Nicht bei dieser immer schneller werdenden Welt, die sogar er schon erlebt hatte.

Zuna führte Sarn und Joshua zu einem Ausgang, der eigentlich keiner war. Vor sehr langer Zeit war er benutzt worden, inzwischen gab es nur noch wenige Mitarbeiter, die überhaupt um ihn wussten. Aber er war noch da und es handelte sich tatsächlich um eine Türe, die nicht die ganzen modernen Schutzmaßnahmen aufwies. Sie klemmte erst ein bisschen, ließ sich aber dann doch öffnen. Ein Weg führte am Gebäude entlang, zwischen diesem und einer Mauer hindurch. Viel war ihm ersten Moment also nicht von der neuen Zeit zu sehen. Womöglich war das, was Joshua unter Asphalt kannte, nicht mehr so dunkel grau, sondern eher hellgrau, fast weiß. Es wirkte dadurch irgendwie heller und freundlicher. Ansonsten war alles ziemlich akurat. Sie liefen den Weg entlang bis zu einem Mitarbeiterparkplatz. Die Autos sahen noch ähnlich aus, von der Form her und doch deutlich eleganter und irgendwie leichter. Jeder einzelne Wagen schien überaus sauber zu sein, als wären sie gerade durch eine Waschanlage gefahren.

Sarn beobachtete Zuna die ganze Zeit auf dem Weg durch die Gänge und versuchte sich zu merken, was die Frau bei den Türen tat, damit sie aufgingen. Mal hielt sie einen Finger an eine bestimmte Stelle, mal drückte sie an verschiedenen markierten Punkten, mal schien sie etwas an der Wand oder der Tür aus der Nähe zu betrachten. Sarn verstand davon nur, dass die Türen sich offenbar nur öffneten, wenn man ganz bestimmte Rituale befolgte. Andere Menschen sah sie unterwegs nicht, auch nicht, als sie schließlich durch eine Tür traten und plötzlich draußen waren. Eine Brise streichelte ihr Gesicht, aber sie brachte scheinbar keinen Geruch mit sich, was Sarn äußerst irritierend fand. Sie sah nach oben und entdeckte in dem Spalt der hoch aufragenden, glatten Wände tatsächlich Himmel. Aber so wie es keinen Geruch zu geben schien, so gab es auch kaum Geräusche, was hier draußen verwirrender war als drinnen. n Höhlen erwartete man nicht viele Geräusche, aber draußen hätte es eine Menge davon geben müssen. Sie hörte einen Vogel rufen, und von weiter weg einen anderen Antworten, aber das war es fast auch schon. Der Boden unter ihren nackten Sohlen war nicht mehr so glatt, aber auch nicht mehr kalt, dafür nach wie vor hart und unnachgiebig. Sarn hielt sich dicht an Joshuas Seite und stoppte erst, als sie auf eine freiere Fläche mit... Dingen kamen. Kurz zuckte wieder ein Bild vor Sarns geistige Auge, aber sie wusste nicht, ob es dasselbe war wie vorhin oder ein anderes. Sie wusste nur, dass sie diese glänzenden, bunten Gebilde irgendwie kannte. Und dass sie sich bewegen konnten.

Joshua sah sich aufmerksam um. Es war warm, als sie in die Sonne hinaus traten. Er versuchte ein Gespür dafür zu bekommen, wie lange er nicht mehr frische Luft geatmet und die Sonne gesehen hatte, aber es war irgendwie einfach, als wäre es gestern gewesen. Aber gestern existierte nicht mehr. Es war eine tote Zeit, die nun vermutlich Geschichtsbücher füllte. Er wusste gar nicht, wie er nachholen sollte, was alles passiert war. Wie er je wissen sollte, was für jeden Menschen in dieser neuen Zeit selbstverständlich war. Er folgte Zuna zu ihrem Auto und betastete das merkwürdige Material, das früher Blech gewesen war. Als er seine Finger wieder zurück nahm, kam es ihm vor, als könnte er noch eine Weile erkennen, wo sie gelegen hatten. Hm. Er öffnete die Türe und bedeutete Sarn, auf der Rückbank Platz zu nehmen.

Sarn schien es, als wusste auch Joshua nicht recht, was er von diesen Gebilden halten sollte. Vielleicht glaubte sie also auch nur fälschlicherweise, dass sie etwas über diese Dinger wusste? Sie hatte in so kurzer Zeit so viele Dinge gesehen und erfahren, so viel nicht gewusst und dann wieder doch geglaubt zu kennen, dass sie an allem irgendwie zweifelte. Aber Joshua wusste, wie man diese Dinge öffnete, also waren sie ihm doch irgendwie vertraut. Sie näherte sich vorsichtig und spähte durch die Öffnung ins Innere. Es roch ein wenig muffig, aber nicht alt - wie die Luft an einem heißen Sommertag, wenn keine brise wehte. Verbrauchte Luft. Sarn strckte die Hand nach dem Material innen aus. Fühlte sich ähnlich an wie Kleidung. Sie kroch hinein, mit allen Vieren auf die Rückbank, und kauerte sich dann in hinteren Mulde, die der Stoff formte, zusammen.

Zuna wartete, bis die beiden jugendlichen, ehemaligen Versuchskaninchen eingestiegen waren und startete dann den Motor. Das Fahrzeug machte kein Geräusch dabei, nicht einmal beim Anlassen. Das Autoradio sprang allerdings augenblicklich an und spielte Musik. Es war ein Oldisender, also vielleicht kannten Sarn und Joshua die Lieder sogar! Zuna fand das sehr aufregend. Sie parkte problemlos aus - im Grunde machte das Auto das allein - und fuhr dann vom Parkplatz auf die Straße. Links und rechts waren ganz akurat Bäume gepflanzt, sonst sah man nur Gebäude an Gebäude. Keine Grünflächen. Die kleine Insel war ein einziges, großes Forschungsinstitut. Militär gab es eigentlich keines mehr. Das war einmal... "Es wird euch gefallen...", versicherte sie. "Ihr solltet euch anschnallen, sonst schaltet mir der Satelit gleich den Motor aus..."

Joshua schnallte sich an und half auch Sarn damit, sich anzugurten. Er kannte das Lied nicht, aber er nahm zur Kenntnis, dass sich Musik offenbar nicht großartig verändert hatte. Lediglich das Gerät, welches die Klänge abspielte. Es klang nicht wie Radio und besser als die Qualität der normalen CDs. "Was wird uns gefalen?"

Sarn spürte ein ganz leichtes Vibrieren, kurz bevor mehrere kleine Lichter vorne in dem Gebilde ansprangen und plötzlich eine Vielzahl von Geräuschen erklang. Sarn zuckte leicht zusammen, versuchte aber, sich nicht weiter zu rühren und jegliche Veränderung zu ertragen. Sie konnte die Geräusche nicht zuordnen, aber sie schienen eine gewisse eigene Harmonie zu beinhalteten, und einige Abschnitte wiederholten sich. Dazu vernahm sie eine wohl menschliche Stimme, die offenbar keinem von ihnen hier gehörte, und die nicht sprach sondern... heulte. Das war Sarns erste Assoziation dazu. Der Mensch heulte, gemeinsam mit Klängen. Ähnlich, in gewisser Weise, wie der Wind in den Blättern rauschte und das Heulen ihres Rudels manchmal begleitet hatte. Sie versuchte auf die Worte zu lauschen, aber sie verstand nicht jedes Wort. Es schien allerdings irgendwie um eine Gefährtenschaft zu gehen. Sarn wagte schließlich einen Blick aus dem Fenster neben sich, nachdem Joshua ihr erklärt hatte, wie sie sitzen sollte und dass sie zwei Streifen festen Stoffs über Brust und Schoß spannen musste, warum auch immer. Sie ließ es über sich ergehen, auch wenn dabei ein beklemmendes Gefühl in ihr aufkam. Man konnte die Streifen aber mit der Hand etwas wegziehen, sodass sie nicht so eng auflagen, und dann war es erträglich. Die Welt draußen zog schnell an ihnen vorbei, man konnte kaum ein Detail im Blick behalten. Es gab nicht viel zu sehen, obgleich ihr alles neu erschien. In Kürze schwindelte ihr, und sie nahm den Blick vom Fenster und kauerte sich lieber wieder mehr zusammen, soweit die Gurte das zuließen.

Zuna fuhr über die Brücke und auf diese Weise von der Insel hinunter zum Festland hinüber. Ihre beiden Mitfahrer schienen nicht sonderlich gesprächig zu sein. "Der Freund, zu dem ich euch bringe... er wird sich erst mal um euch kümmern... er ist Rentner, hat viel Zeit... und er liebt... alles was altmodisch ist... ich auch, manches... sein Haus ist voll von komischen Dingen, die früher verwendet wurden." Nicht nur die beiden Mitfahrer hatten gerade Kontakt zu einer anderen Welt!

Joshua schwieg. Er sah ein bisschen nach draußen und beobachtete manchmal Sarn. Ihm wollte aber nicht einfallen, wie er ihr hätte helfen können, weshalb er das Wolfsmädchen in Ruhe ließ. Er wagte irgendwie auch nicht anzusprechen, dass er Hunger hatte. Vielleicht würde er diesen Freund von dem Zuna sprach, fragen. Wenn sie irgendwo waren, wo man sich ein bisschen zurück ziehen konnte und erst mal... ankommen. In der Zukunft und so. Das Zuna nicht gelogen hatte, wurde immer deutlicher. Er hätte nie gedacht, dass die Welt je so aussehen würde. Fast weiße Straßen, helle Wege und bunte Häuser. Wahrscheinlich, weil sonst alles zu langweilig und eintönig ausgesehen hätte. Irgendwann erkannte er sogar ein System. Wohnhäuser waren farbig, öffentliche Gebäude eher weiß oder grau.

Sarn bemerkte durch das Fenster bei Joshua, dass die Außenwelt sich veränderte. Zwischen dünnen, dahinrauschen Streben sah sie Wasser. Sarn wandte sich ruckartig wieder ihren eigenen Fenster zu. Wasser. Das Meer. Das kannte sie. Sie erinnerte sich, wie es roch, wie die Wellen klangen, wie es schmeckte. Dann rauschten die hohen, künstlichen Höhlen der Menschen heran und ließen ihre Sicht verschwimmen. Sarn wandte sich wieder vom Fenster ab und versuchte, nichts mehr von draußen zu sehen.

Zuna fuhr mit rasanter Geschwindigkeit - so wie alle Autos - über die Straße. Es war beinahe eher ein Gleiten, als ein Fahren. Sie bewegten sich einfach. Dennoch waren sie eine ganze Weile unterwegs, bis Zuna das Tempo wieder drosselte und durch ein etwas hübscheres Wohnviertel fuhr. Es gab Gärten. Zu jedem Haus gehörte eine umzäunte Grünfläche und vielleicht erahnte zumindest Joshua, dass hier die reicheren Menschen lebten. Sie parkte vor der Garage eines dieser Häuser, das tatsächlich dem viktorianischen Baustil nachempfunden worden war.

Joshua beobachtete Zuna, die sich daran machte, auszusteigen. Also waren sie angekommen? Er sah sich ein bisschen unsicher um. Alles wirkte nun nicht mehr ganz so fremd, vielleicht aber auch nur weil die Häuser hier nicht besonders modern aussahen, obwohl sie neu waren. Er schnallte Sarn ab und öffnete die Autotüre, um auszusteigen. Es roch nach Pflanzen und irgendwie gefiel ihm das besser, als die Art frischer Luft, die er zuvor wahrgenommen hatte. Es wirkte echter. Natürlicher... Dabei hatte er so wenig Natur gesehen, auf der Fahrt, dass er nicht sicher gewesen war, ob er überhaupt je wieder über eine Wiese gehen würde. Er wartete wachsam neben der Autotüre auf Sarn.

Sarn Sarn hob den Blick erst wieder, als das Vibrieren endete. Joshua entfernte seine Gurte und auch ihre, dann öffnete er das Gebilde und verließ es. Zuna war bereits draußen. Sarn sah misstrauisch durch die Scheiben und wusste nicht recht, wass sie von dem Anblick halten sollte, der sich ihr bot. Aber sie sah Gras, und diese Entdeckung weckte undefinierbare Hoffnung in ihr. Sie kroch aus dem Fahrzeug, stand einen Moment zögernd neben Joshua und näherte sich dann dann langsam dem abgetrennten Rasen. Ob sich das Gras unter ihren Menschenfüßen genauso anfühlen würde wie unter Wolfspfoten?

Joshua folgte als eine Art Wachhund. Nicht dass nun gleich irgendwo jemand angerannt kam und schrie, dass das Betreten des Rasens verboten sei. Tatsächlich stürmte eine Art Hütehund heran, vielleicht ein Mischling, oder eine Rasse, die es vor hundert Jahren nicht gegeben hatte. Dieser freute sich über die Neuankömmlinge und begrüßte erst einmal Zuna, die schon bekannt war und dann die beiden Fremden. Joshua fing den Hund ein und hielt ihn erst mal zurück.

Sarn betastete die Barrikade vor dem Rasen. Sie war - wie so vieles - offensichtlich künstlich und damit willentlich hier her gesetzt worden, sodass man nicht einfach das Gras betreten konnte. Sarn wollte - musste - es es trotzdem berühren, also hockte sie sich hin, ließ sich auf die Hände sinken und tastete mit den Fingern durch die Lücken der Umzäunung. Gras. Kürzer als sie es kannte, aber immerhin Gras. Sie genoss das Gefühl, aber es war nur von kurzer Dauer. Etwas akm eilig zu ihnen gelaufen, laut kläffend. Wolfsähnlich. Sarn zog die Hände zurück, blieb aber auf allen Vieren. Das Tier freute sich ganz offensichtlich über Zuna, aber auch über Joshua, wenn auch mit ein wenig mehr Zurückhaltung. Sarn wollte das freundliche Gebaren erwidern, aber sie hatte keine Rute und keinerlei Kontrolle über ihre Ohren, wie ihr bewusst wurde. Sie fühlte sich hilflos, wie sollte sie nur mit diesem Nicht-Wolf kommunizieren, der doch eine so ganz ähnliche Körpersprache an den Tag legte? Sie versuchte sich an einem freudigen Winseln, was ihr ihre Kehle sogar erlaubte. Wenisgtens etwas, das dieser menschliche Körper tun konnte.





Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Lu, Lio, Kyro, Lijenna



19.03.2014 20:32
Off   |   Suchen   |  




Joshua
Joshua Winter






Art
Mensch

   |   Zitat   |   Beitrag editieren   |   IP


Joshua beobachtete Sarn, die offenbar keinen feindlichen Angreifer in dem gutmütigen Hund sah. In Zuna aber schon? Na - okay. Er verstand sicher nicht sonderlich viel von all dem. Er ließ den Hund also los und beobachtete, was weiter passierte. Den winselnden Laut schien das Tier jedenfalls besser einordnen zu können, wie er und schon war Sarn im Mittelpunkt des hündischen Interesses. Joshua entschied sich, nur beobachtend in der Nähe zu bleiben, während Zuna ebenfalls wartete.

Sarn empfand es als regelrecht befreiend mit dem Tier zu interagieren. Der menschliche Körper stellte sich zwar ziemlich ungeschickt in der Übermittlung der Körpersprache an, wie sie fand, aber den Hund schien das nicht zu stören. Sarn stellte auch fest, dass sie sowohl wölfische als auch menschliche Reflexe unwillkürlich kombinierte. So schmiegte sie einerseits ihr Gesicht an das des Tieres, andererseits konnte sie sich nicht davon abhalten auch ihre Hände für die Liebkosungen zu benutzen, zumal dieses wolfsähnliche Wesen von sich aus jede Menge Zutraulichkeiten einforderte.

Joshua ließ seine Hände in den Hosentaschen verschwinden und beobachtete still und in Gedanken versunken. Sarn war nun der einzige Mensch auf der Welt, der ihm irgendwie vertraut war. Ein Wolfsmädchen ohne jegliche Erinnerung an ihn. Gab es da dennoch ein zartes Band der Freundschaft zwischen ihnen, das ihn berechtigte anzunehmen, dass sie zusammen bleiben würden? Würde er ihr die Welt zeigen, die er selbst nicht mehr kannte und womöglich nicht mehr verstand? Sein Blick glitt zu Zuna, die, obwohl sie bisher nicht so gewirkt hatte, irgendwie geduldig zu warten schien. Irgendwas freute sie wohl, während sie Sarn beobachtete, so wie er das Mädchen beobachtete. Hm.

Sarn konzentrierte sich auf den Hund einerseits aus Freude über die Gesellschaft, andererseits in dem Versuch, die so seltsame und fremde Umgebung auszublenden. Es gelang ihr nicht wirklich, dafür alamierte sie die Fremdheit zu sehr. Sie spürte Blicke auf sich, und sah auf - Joshua und Zuna sahen sie beide an, aber sie schienen nicht verärgert zu sein, sofern sie ihre Mienen richtig deuten konnte. Eher soetwas wie... zufrieden oder dergleichen. "Was ist sie?", fragte sie schließlich. "Sie ist kein Wolf, aber irgendwie ähnlich."

Joshua hatte reflexartig den Blick abgewandt, sah aber sogleich wieder zurück, als Sarn ihn etwas fragte. Nun wusste er nicht mehr, was peinlicher war. Das Mädchen zu beobachten, oder dann, wenn er dabei ertappt wurde, wegzusehen. Wahrscheinlich sollte er sich überhaupt keine Gedanken darum machen. "Sie ist ein Hund...", murmelte er. "Hunde sind... Wölfe, die vom Menschen gezähmt wurden... über viele, viele Generationen... sodass sie gut zum Leben eines Menschen passen. Es gibt Wachhunde, die Menschen beschützen... und Hütehunde, die auf... Schafe und solche Tiere aufpassen... und es gibt Familienhunde, die einfach gerne eine Art... Menschenrudel um sich haben und Menschen lieben. Es gibt Schlittenhunde, die Menschen früher genutzt haben, um sich fortzubewegen..."

Sarn war anzusehen, dass sie Joshuas Erklärung nicht ganz verstand, sie aber darüber nachdachte. Sie betrachtete die Hündin, die sie inzwischen zum Spielen aufzufordern versuchte. Für Sarn sah das Tier einem Wolf etwa so ähnlich wie ein Fuchs es tat - gewisse Ähnlichkeiten waren unverkennbar, aber niemand hätte je einen Fuchs für einen Wolf gehalten. "Also... ihre Ahnen waren Wölfe, die sich entschieden haben mit Menschen zu leben? Und deshalb sehen ihre Kindeskinder jetzt... so aus?" Das war eine gleichsam faszinierende wie erschreckende Vorstellung.

Joshua fand das alles furchtbar kompliziert zu erklären. "Naja, also das ist schon sehr lange her, weißt du? Das war, als Menschen noch ganz anders gelebt haben... da waren sie Jäger und Sammler... und sie haben sich wohl mit den Wölfen gut ergänzt... und..." Ohje. Irgendwann hatten die Menschen dann versucht, die Wölfe auszurotten. Wie sah es eigentlich jetzt damit aus? Gab es noch Tiger? Und was war aus den Tieren geworden, die vom Aussterben bedroht gewesen waren? "Jedenfalls hat man Hunde gezüchtet... es gibt ganz viele Hunderassen und manche sehen kein bisschen mehr aus wie Wölfe... man hat beispielsweise Hunde so klein gezüchtet, dass sie Füchse aus einem Bau jagen konnten... und man hat sie so groß gezüchtet, dass sie..." Wölfe jagen konnten. Verdammt! "Größer waren als Wölfe... und manche sehen aus wie Schafe, andere wie... naja... vielleicht kann ich dir mal... welche zeigen. Bestimmt sogar..."

Sarn 's Blick verriet, dass ihr spätestens jetzt jegliche Vorstellung für die Entwicklung vom Wolf zum Hund abhanden gekommen war. "Okay", stimmte sie nach einer kurzen Pause etwas ratlos seinem Vorschlag zu, dass er ihr die verschiedenen Hunde zeigen wollte. Sarn wandte sich wieder der Hündin zu. Sie versuchte, sie nach ihrem Namen zu fragen, aber offenbarkonnte ihre Kehle die Wolfsworte nicht mehr richtig formen. Oder aber, die Fähe verstand sie nicht, weil sie bei Menschen lebte und nie Wölfisch gelernt hatte. "Wie heißt sie?" Nur weil die Fähe ihr nicht sagen konnte, wie sie hieß - wenn sie Menschisch sprechen könnte, hätte sie sarn vermutlich selbst gesagt, was sie war - aber das hieß nicht, dass sie keinen Namen hatte.

Ken kam um die Ecke des Hauses, wohl auf der Suche nach seiner Hündin. "Mikki?", rief er, ehe er Zuna entdeckte und dann die beiden Jugendlichen, deren Aussehen er sogleich zuordnen konnte. Vielleicht entsann er die Namen sogar noch richtig? Joshua Winter und Sarn... Sedler? Nedler? So etwas in der Art. Der alte Mann - er hatte einen weißgrauen Vollbart und hätte damit gut als der Weihnachtsmann durchgehen können - trat die Stufen hinunter, die von seiner Veranda in den Garten führten. Der Weg zweigte ab, einmal in Richtung Parkplatz und einmal zur Grünfläche hinüber. Er gesellte sich zu Zuna und betrachtete die erwachten Jugendlichen mit unverholener Neugierde, seliger Freundlichkeit und väterlicher Besorgnis. Die Hündin war inzwischen zu ihrem Herrn geeilt und begrüßte diesen, als wäre er ebenfalls gerade erst angekommen.

Zuna winkte Joshua und Sarn zu sich, rief aber auch nach den Beiden. Man wusste hier schließlich nicht mehr, wie man sich am besten verständigte! "Das ist Ken Shin!", erklärte sie mit Feuereifer. "Er hatte ziemlich viel mit den jungen Leuten zu tun, die nach euch am Forschungsprojekt teilgenommen haben... ihr kennt ihn nicht, aber er wird sich erst mal um euch kümmern... und HIER werdet ihr wohnen."

Joshua blieb bei Sarn und überließ dem Mädchen, ob es Zunas Einladung folgen wollte, oder lieber auf Abstand blieb. Er hörte sich an, was ihnen erzählt wurde und hatte das Gefühl, nicht allzu bald durchzublicken, was alles geschehen war, während sie geschlafen hatten.

Sarn erhob sich, als die Hündin auf das Rufen einer fremden Stimme hin davon eilte. Ihre Bewegung war erst ruckartig, als wolle sie aufspringen, und dann bedächtig, voller Wachsamkeit. Zuna schien mit dem... Mann... vertraut zu sein, denn sie ging auf ihn zu und plapperte sofort wieder drauf los. Joshua dagegen rührte sich nicht, und so blieb auch Sarn, wo sie war. Sie musterte den Fremden und versuchte ihn einzuschätzen, aber sie wusste nach wie vor nicht, ob sie ihren Eindrücken bezüglich Menschen trauen konnte. Sie trat einen Schritt näher zu Joshua, halb hinter ihn. Er war ein wenig größer als sie und er wusste mehr über das Menschsein als sie, also würde sie ihn den ersten Schritt machen lassen.

Joshua hätte, wenn er davon ausgegangen wäre, dass Sarn die Geste verstand, dieser seine Hand hingestreckt. Er sinnierte noch ein bisschen darüber, woher das Mädchen gewusst hatte, wie man so etwas machte... aber letztlich hatte sie wieder losgelassen. Es war also kein... komplettes Wissen. Er wollte ihr keine Angst machen, indem er ihr die Hand reichte und diese dann festhielt, also trat er einfach so langsam näher zu Zuna und dem älteren Mann. Ken Shin...? Er nickte diesem grüßend zu, um zu überbrücken, dass er erst mal seine Stimme finden musste. "Joshua...", stellte er sich vor und ließ den Nachnamen außen vor. Dieser hatte keinerlei Bedeutung mehr. "Und das ist Sarn..." Durfte er sie vorstellen? Hätte sie es von sich aus getan?

Ken nickte gutmütig. "Was haltet ihr davon, wenn wir erst mal rein gehen?", schlug er vor. Er ließ Zuna vorausspringen. Das Mädchen war ein Wildfang und daran hatte sich auch nichts geändert, als es erwachsen geworden war. Er dagegen war ein sehr gemächlicher, alter Mann, den eine merkwürdige Ausstrahlung von innerem Frieden umgab. Er führte die jungen Leute in sein Haus, begleitet von seiner Hündin, die gut aufpasste, dass auch alle da waren. Da merkte man den Hütehund in ihr. Ansonsten war sie eine reine Familienhündin, die zu Gesellschaftszwecken gehalten wurde.

Sarn folgte Joshua dicht auf und sah sich nach allen Seiten aufmerksam um, als sie die Menschenhöhle betraten. Innen reihten sich Gänge und Räume aneinander, aber sie waren ganz anders als dort, wo sie aufgewacht waren. Dort war alles weiß oder grau gewesen, glatt und gerade. Hier gab es haufenweise... Dinge. Sarn entdeckte imemrwieder ein Gefühl der vertrautheit, aber sie konnte keines der Objekte benennen. Viele der größeren Objekte wirkten jedoch, als hätte man das innere eines Baumes nach außen gebracht, wie ein Blitzschlag das tun konnte, und dann in seltsame Formen gebracht. Alles in allem gab es hier eine Fülle an Farben und Formen, die diese Menschenhöhle zum genauen Gegenteil der Aufwachhöhle machten. Es war... besser, fand sie, obgleich sie weit davon entfernt war, sich sicher zu fühlen.

Ken führte die kleine Gruppe ins Wohnzimmer und schien nachzudenken, wonach zwei aufgewachten Jugendlichen zu Mute war, nach so langer Zeit. "Habt ihr einen speziellen Wunsch, oder möchtet ihr euch erst einmal zurückziehen? Ich kann euch eure Zimmer zeigen...", bot er an.

Joshua stand ein bisschen unschlüssig herum. Früher... bevor sie eingeschlafen waren... da war Sarn nie auf den Mund gefallen gewesen und er hatte nicht den mimen müssen, der Konversation machte. Nun schien irgendwie alles an ihm zu hängen und überforderte ihn somit. "Etwas zu Essen... und zu Trinken... wäre sehr freundlich..." Es klang nach einer ziemlich unterwürfigen Bitte. "Und... zurückziehen... wäre... auch schön."

Sarn löste sich langsam aus Joshuas Nähe, während der Mann auf Joshuas Bitte hin Zuna in einen anderen Raum schickte, etwas zu Essen zu holen. Sie trat langsam auf eines der größeren Holzobjekte zu, das direkt an der Wand stand und in dem viele andere Dinge standen oder lagen. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und strich über das Holz. Sie konnte die feine Maserung fühlen, aber ansonsten fühlte es sich nciht ganz natürlich an. Von den anderen Objekten war jedes kurioser als das andere, aber besonders eines sprang ihr ins Auge. Es war flach, glatt und viereckig - aber es zeigte den Mann und die Hündin auf einer Grasfläche, Bäume und fremde Dinge im Hintergrund, ganz als würde sie durch ein kleines Fenster gucken. Nun, der Mann war nicht ganz der Mann, der hier im Raum stand - der auf dem Objekt wirkte ein klein wenig... jünger? War das eine Art gefrorene erinnerung, die man anfassen konnte? Sie streckte einen Finger danach aus, berührte es vorsichtig. Glatt. Kein Fell, keine Haut oder Kleidung. Nur glatt.

Joshua beobachtete Sarn unschlüssig und wartete. Vermutlich hätte er irgendetwas sagen müssen, aber das tat er nicht. Und er konnte nicht die gleiche Faszination für die Alltäglichkeiten aufbringen, wie das Wolfsmädchen. Er wartete also unbehaglich.

Ken winkte die Beiden mit sich mit. "Kommt, Zuna kann euch das Essen auf eure Zimmer bringen...", schlug er vor und wartete, ob Joshua und Sarn ihm folgten.

Sarn zog die Hand wieder zurück, als der Mann sprach. Sie sah zu Joshua, dann trat sie zu ihm, nur versteckte sie sich dieses Mal nicht hinter ihm. Sie machte vielmehr klar, dass sie nicht alleine mitgehen würde.

Joshua war sich nicht so ganz bewusst, wie er Sarns Verhalten zu deuten hatte, aber er folgte Ken, als seine Freundin zu ihm aufgeschlossen hatte und sah sich in dem Haus um, das Zuna als 'altmodisch' beschrieben hatte. Fand er irgendwie gar nicht...

Ken führte die Beiden zu zwei einander gegenüber liegenden Zimmern. "Hier kannst du erst einmal wohnen, Joshua... und das hier ist dein Zimmer, Sarn."

Sarn warf einen Blick in Joshuas Zimmer, dnan in das ihre - beide wirkten überwiegend gleich, bis auf ein paar Unterschiede in der Farbgebung und einiger der kleinerer Objekte. Sie betrat den Raum und begutachtete als die Tür, die der alte Mann für sie geöffnet hatte. Sie glitt nicht in die Wand, sondern konnte hin und her schwingen. Sarn beschloss, sie weit offen zu lassen. Die anderen Objekte im Zimmer ähnelt denen in den anderen Räumen hier und waren ebenso künstlich und hölzern zugleich. Und dann gab es etwas langes und breites, das zumindest von der Oberfläche her nur aus weichem Stoff zu bestehen schien. Sarn strich mit einer Hand darüber, dann setzte sie sich langsam. der Stoff gab etwas nach, aber nicht allzu viel. Etwas unschlüssig ließ sie den Blick schweifen.

Ken beobachtete die beiden jungen Leute und entschied, dass er nicht länger gebraucht wurde. Mit gutmütigem Lächeln verschwand er wieder im Erdgeschoss, gefolgt von seiner Hündin, die nun Zuna begehrte, weil Zuna Essen machte.

Joshua nahm sein Zimmer ebenfalls in Augenschein. Es war fremd, aber er war froh, dass er sich hier nun einfach zurückziehen konnte. Er trat ans Fenster und sah hinaus, auf die vielen Häuser und vereinzelten Bäume. Ob es sein Elternhaus noch gab? Vermutlich nicht. Was stand dann stattdessen dort? Er lauschte ein bisschen auf Sarn, die sich auf das Bett gesetzt hatte und sich seit dem nicht mehr rührte. Die Türen beider Zimmer standen offen, sodass Geräusche wohl kaum ungehört blieben.

Sarn stand schließlich wieder auf und wanderte im Zimmer umher. Berührte vorsichtig die ganzen Objekte, nahm aber nichts davon in die Hand. Am Fenster blieb sie stehen und sah nach draußen, aber der Anblick war auch nicht anders oder gar vielsagender als vorhin vor der Höhle, von der veränderten perspektive einmal abgesehen. Sie wandte sich wieder ab und ging zu Joshuas Raum gegenüber, blieb aber noch im Türrahmen stehen. "Ist das normal? Dies alles?"

Joshua drehte sich langsam zu Sarn um und lehnte sich gegen das Fensterbrett. Normal? "Das... alles?", erkundigte er sich unsicher. Er sah sich um, überlegend, was sie meinen könnte. Vermutlich dachten sie sehr verschieden von all dem hier.

Sarn rang etwas um Worte, weil ihr bewusst war, dass sie höchst wahrscheinlich nicht die richtigen Begriffe für die menschenwelt finden konnte. "Diese... Höhle. Diese Räume. Ist das normal? Für Menschen?"

Joshua wusste irgendwie immer noch nicht mehr, aber er entschied, dass eine Erklärung zu viel nicht schadete. "Ja...", murmelte er. "Das hier ist ein Bett... darin schlafen Menschen... und damit es gemütlich ist, decken sie sich zu..." Er trat zum Bett und hob die Decke hoch. "Meistens hat jeder Mensch sein eigenes Zimmer... wie... ein eigenes Revier... so ungefähr von der Größe wie dieses hier. Es gibt große und kleine Zimmer... in den meisten Zimmern gibt es wie hier einen Schrank..." Er öffnete den Schrank. "Da ist dann Kleidung zum Wechseln drin... also wenn wir hier wohnen würden, wäre dort Kleidung drin, die uns gut passt und die wir selbst gekauft haben." Er sah sich um, überlegend, was er noch erklären konnte. Unschlüssig trat er auf den Lichtschalter zu und schaltete das Licht ein. "Wenn es dunkel ist, macht man so... Licht... damit man noch etwas sieht..."

Sarn war froh, dass sie Joshuas Raum nicht einfach betreten hatte, denn sein Vergleich zwischen diesen ihnen zugewiesenen Zimmern und einem Revier bestätigten ihr Gefühl diesbezüglich. So blieb sie also auf der Türschwelle stehen, während Joshua durch das Zimmer ging und ihr einige der Objekte erklärte. Am erstaunlichsten war für sie das Licht, das auf Befehl erschien und wieder verschwand. "Warum braucht man im Dunkeln künstliches Licht?" Sie hatte immer gut sehen können im Dunkeln.

Joshua dachte darüber nach. Warum brauchte man Licht im Dunkeln? Es dauerte, bis er sich darüber klar wurde, dass Katzen im Dunkeln besser sehen konnten, als Menschen und das dies für Wölfe vermutlich auch zutraf. "Weil man sonst nichts sehen kann...", erklärte er. "Du wirst es heute Abend merken, wenn es dunkel wird..." Er beobachtete, wie sie im Türrahmen stehen blieb, kam aber nicht darauf, dass sie davon ausging, dass sie nicht eintreten durfte. Er musterte das Wolfsmädchen nachdenklich und erwartete weitere Fragen.

Sarn nahm seine Erklärung hin, denn Joshua schien ehrlich überzeugt zu sein, dass sie bei Einbruch der Nacht von selbst verstehen würde. Sie wandte den Kopf um, als sich laute Schritte und eine fröhlich vor sich hin plappernde Stimme näherten. Sarn wandte sich um und kehrte in ihr Revier zurück. Ihr Revier... nun, nicht ganz vermutlich. Sie war hier nur Gast und entsprechend gehörte ihr Raum imemrnoch dem eigentlichen Reviereigner, nämlich dem alten Mann. Und da Zuna offenkundig zu ihm gehörte, musste sie wohl auch der jungen Frau nicht extra Einlass gewähren. Hoffentlich blieb Zuna nicht lange in ihrem Raum. Sarn empfand sie als anstrengend.

Zuna blieb auf dem Flur zwischen den beiden Zimmern stehen und sah erst zu Sarn, dann zu Joshua. "Wollt ihr jeweils getrennt essen???" Das erschien ihr doch mehr als seltsam zu sein. "Also ich finde, alleine essen ist... irgendwie schrecklich einsam... noch mehr als allein sein..." Sie stellte einen Teller und ein Glas, sowie eine Flasche in Joshuas Zimmer und brachte einen Teller und ein weiteres Glas in Sarns Zimmer. Die beiden würden schon wissen, wie man die Flasche teilte... "Gefällt es dir?" Sie ging an einem Regal mit Büchern vorbei. "Das sind wahnsinnig tolle, alte Bücher... du musst sie mal lesen... sie sind so... unschuldig, irgendwie... die Art zu denken... und die Probleme, die sich die Menschen für die Zukunft vorgestellt haben... total faszinierend."

Sarn merkte erst, dass sie hungrig war, als sie das Essen sah und roch. Sie wusste nicht, was sie da zu sich nehmen sollte, aber ihr Magen befand es jetzt schon als essbar und verlangte lautstark danach. Sarn trat zu der Stelle, wo Zuna den Teller abgestellt hatte - es dämmerte ihr, dass sie in Ermangelung eines Fangs wohl ihre Hände dazu benutzen musste, um die Nahrung zum Mund zu führen. Gedacht - getan. Sarn schenkte Zuna nur einen gelegentlichen Seitenblick, während sie das Essen erst vorsichtig probierte und es dann verschlang, als hätte sie seit einer ewigkeits nichts mehr gegessen. Oder zumindest 100 Jahre.

Zuna machte große Augen, als sie sah, wie Sarn das Essen mit den Händen in den Mund stopfte. "Äh...!", machte sie und eilte zu der Jüngeren. "Also... das macht man anders... mit der Gabel... schau... so..." Sie nahm die Gabel und füllte diese, um sie dann in die Richtung von Sarns Mund zu heben. "Dann hat man danach keine schmutzigen Hände..."

Sarn musste ein Knurren unterdrücken, als Zuna plötzlich zu ihr kam und mit ihrem Essen hantierte. Dabei half der Umstand, dass sie gerade am herunterschlucken war und daher ohnehin nicht gleichzeitig Knurren konnte. Sie starrte Zuna an, dass das Ding, mit dem sie ihr Essen reichte, und wieder Zuna. Wortlos pflückte sie den Bissen von dem silbrigen Objekt und steckte es sich in den Mund. Am besten, sie schnappte sich ihr Futter und suchte sich einen ort, an dem sie in Ruhe essen konnte...

Zuna beobachtete Sarn voller Erwartung. Wahrscheinlich erwartete sie, dass das Mädchen völlig begeistert von der Erfindung der Gabel war, aber ihre Hilfestillung wurde mit Nichtsachtung bestraft. Ob das eine Geste aus Trotz war? "Guten Appetit.", wünschte sie jedenfalls lächelnd und wohl etwas spät. Vielleicht merkte sie, dass sie unerwünscht war, oder sie verließ einfach so das Zimmer, weil sie noch zu tun hatte. Jedenfalls hörte man wenig später, wie sie die Stufen hinunter ging.

Joshua hatte sich an den kleinen Schreibtisch gesetzt und aß nun. Vielleicht kam es ihm nun auch seltsam vor, dass sie in verschiedenen Zimmern aßen, aber er ließ Sarn erst mal in Ruhe. Durch die offene Tür sah er manchmal zu ihr hinüber. So hatte er auch den Versuch von Zuna beobachtet, das Wolfsmädchen mit einer Gabel anzufreunden.

Sarn nahm schließlich doch noch den Teller in die Hand und setzte sich auf den Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, um aufzuessen. Mit den Fingern. Erst danach nahm sie die 'Gabel' zur Hand und untersuchte das Objekt eine Weile, bevor sie sie ebenfalls zur Seite legte. Sarn lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Sie war müde. War das nicht eigentlich paradox? Sie hatte angeblich 100 Jahre lang geschlafen, und nun war sie müde? Vermutlich lag das an den unzähligen neuen Dingen, die sie gesehen und erlebt hatte. Ihr Geist sehnte sich nach einer Pause. Sie öffnete die Augen und sah zum 'Bett' Joshua hatte gesagt, dass Menschen darauf schliefen. Sie kroch auf allen Vieren zum Bett und begann, es zu untersuchen - die verschiedenen Stoffschichten, die höhlenartige Leere unter dem Objekt selbst und das bauschigere Stoffquadrat, dass es aus irgendeinem Grund nur an einem Ende des Bettes gab.

Joshua beobachtete Sarn, als er mit Essen fertig war. Er hatte sich auch auf sein Bett zurück gezogen, eher ruhelos. Es tat ganz gut, Sarn ein wenig zu beobachten, wie diese alles erkundete. Er machte sich so seine Gedanken darüber, was wohl im Kopf des Wolfsmädchens vorgehen mochte. Was war selbstverständlich und was war völlig fremd?

Sarn kniete schließlich etwas unschlüssig vor dem Bett und sah zu Joshua herüber. Er saß mit ausgestreckten Beinen auf seinem eigenen Bett und sah zu ihr herüber. Sie zögerte, dann krabbelte sie auf das Bett und setzte sich ebenfalls hin. Sie würde sogar ausgestreckt liegend hierrauf passen, überlegte sie, das Bett musternd. Sie probierte es aus, rollte sich aber schnell auf der Seite liegend zusammen. Das war besser, aber obwohl sie müde war, fand sie keine Ruhe. Ihre Augen huschten immer wieder durch das Zimmer. Nach einer Weile krabbelte sie vom Bett wieder herunter und kroch schließlich darunter. Noch ein wenig später erschien ihr Arm, tastete nach der Bettdecke und zog sie unter das Bett. Es raschelte noch eine Weile, das herrschte Stille. Sarn war eingeschlafen.





Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Lu, Lio, Kyro, Lijenna



22.03.2014 00:08
Off   |   Suchen   |  




Joshua
Joshua Winter






Art
Mensch

   |   Zitat   |   Beitrag editieren   |   IP


Joshua blieb noch eine ganze Weile sitzen und versuchte zu erahnen, ob Sarn eingeschlafen war, oder nicht. Letztlich schlüpfte auch er unter die Decke, fand aber nicht so schnell ins Reich der Träume, wie das Mädchen im Zimmer gegenüber. Die Türe hatte er aufstehen lassen, damit sie ihn problemlos finden konnte, wenn sie aufwachte. Wie war es, zu träumen, wenn man so lange... einen Traum gelebt hatte?

Sarn 's Traumselbst wechselte im Traum immer wieder die Gestalt zwischen Wolf und Mensch, von einem Moment zum anderen, je nach Situation. Im Grunde waren es viele Träume statt eines einzelnen, Szene an Szene, Sequenz an Sequenz, Erlebtes und Eingebildetes. Als sie ettliche Stunden später schließlich erwachte, konnte sie sich kaum an irgendwelche Details erinnern. zurück blieb nur das vage Gefühl von Verwirrung, das sich erst verdichtete, als sie die Augen aufschlug und sich um sah, und dann langsam dem Erkennen und Erinnern wich. Sie war Sarn, sie war Mensch, sie war in dieser Hö-... diesem Haus, zusammen mit Joshua. Im Zimmer war es dunkel, nur vom Fenster und von der Tür her drang mattes Licht. Sarn lag still, lauschte und witterte und wartete darauf, dass sich ihre Augen an das Dunkel gewöhnten. Das schien erstaunlich lange zu dauern, bis sie schließlich zu dem Schluss kam, dass es nicht mehr besser wurde, als es inzwischen war. Das war seltsam und beängstigend, aber dann erinnerte sie sich daran, was Joshua wegen des künstlichen Lichts zu ihr gesagt hatte: Menschen mussten künstliches Licht machen, weil sie im Dunkeln schlecht sahen, und sie würde das später verstehen. Sie verstand nun. Vorsichtig entwandt sie sich ihrer Decke und kroch leise unter dem Bett hervor. Sie stand auf und sah sich einen Moment unschlüssig um. Ihre Nachtsicht blieb eindeutig schlechter als früher - als Skajas - aber es reichte, um hier zurecht zu kommen, wenn sie vorsichtig war, befand sie. Leise schlich sie aus ihrem Zimmer und blieb an Joshuas Türschwelle stehen. Sie spähte hinein, war aber nicht sicher, ob sie ihn sehen konnte. Er war aber auf jeden Fall hier - sie konnte ihn atmen hören.

Joshua schlief. Vielleicht traumlos, vielleicht nicht. Das Wolfsmädchen konnte er nicht hören, so viel Instinkte waren nicht in ihm vorhanden. Er hatte eigentlich keinen tiefen Schlaf, aber um ihn zu wecken brauchte es wohl mehr, als leises Anschleichen.

Sarn überlegte, ob sie ihn in diesem Zimmer suchen sollte, entschied sich aber dagegen. Sie hatte keinen triftigen Grund ihn zu wecken, und einfach so sein zugewiesenes Revier zu betreten hielt sie nicht für richtig. Sie wandte sich ab und lief langsam, aber sicheren Schrittes, den Flur entlang zur Treppe. Leise trat sie hinunter und blieb unten einen Moment stehen. Rechts von ihr konnte sie in das Zimmer sehen, in dem sie vorhin mit dem alten Mann gesprochen hatte. Ob er noch da war? Leise trat sie in den Raum, sah sich um, lauschte, versuchte zu wittern, aber ihre Nase war schrecklich stumpf, wie ihr jetzt auffiel, wo sie sie als Ausgleich zu ihrer schlechten Nachtsicht gut hätte gebrauchen können. Aber auch so war sie sich nach ein paar Momenten sicher, dass der Mann nicht hier war. Mattes Licht drang durch die Fenster. Sarn lief durch den Raum zum nächsten Zimmer, mit den Fingern leicht die Möbelstücke streifend.

Joshua hörte die leisen Schritte nicht, ebenso wenig wie das Knarren. Sein Unterbewusstsein schien diesem keine wirkliche Relevanz zuzuordnen. Es war komisch gewesen, draußen zu schlafen, während er ein Straßenjunge war, aber letztlich hatte er sich von den dortigen Geräuschen auch nicht mehr stören lassen. Es ging nicht um Leben und Tod.

Sarn durchwanderte leise das Haus. Schließlich kam sie an eine Tür, die einen Spalt offen stand, und hinter der sie geräuschvolles Atmen hörte. Sie schob die Tür vorsichtig auf und stand vor einem Raum, das ebenfalls ein Bett enthielt und in dem jemand lag. Der alte Mann? Möglicherweise. Davor lag die Hundefähe, den kopf gehoben und Sarn ansehend. Die Rute begann auf dem Boden hin und her zu wischen, als Sarn ihren Blick auf das Tier richtete. Das Mädchen hockte sich sogleich nieder, und die Hündin stand auf und kam schwanzwedelnd zu ihr gelaufen und begrüßte sie mit ausgiebigem Gesichtablecken, bis Sarn sich wieder erhob und damit ihr Gesicht außer Reichweite brachte. Sie kraulte das Tier und ließ dann das Zimmer wieder hinter sich, da sie es nicht betreten durfte - fremdes Schlafrevier... Sie setzte ihren Rund gang durch das Haus fort und gelangte schließlich wieder zurück zur Treppe - und der Tür, durch die sie von außen hinein gelangt war. Durch die Fenster hatte Sarn bereits gesehen, dass nicht ein Lebewesen sich draußen zeigte, und entsprechend hatte sie keine Furcht, sich in dieser fremden Umgebung hinaus zu wagen. Sie probierte die Klinke, die etwas schwerer war als bei den anderen Türen, aber nichtsdestotrotz öffnete sich auch diese Tür problemlos. Neu war nur, dass an einem flachen Gegenstand an der Wand daneben plötzlich ein kleines rotes Licht zu blinken begann. Sarn starrte es für einen kurzen Moment an, lauschte, aber nichts Weiteres schien zu geschehen. Sie trat hinaus in die Nacht, die Hündin im Schlepptau. Nach einer Weile begann das rote Licht schneller zu blinken...

ShinaiiShin hob den Kopf, als neben ihm auf dem Nachttisch sein Mobiltelefon vibrierte. Es tanzte geradezu auf dem alten Holz, was es nur tat, wenn der Alarm ausgelöst worden war. Wenn er in zwei Minuten nicht reagiert hatte, würde ein Streifenwagen vorbei kommen. Er blinzelte sich den Schlaf aus den Augen und setzte sich auf, um nachzusehen, was los war. Bei seinem Streifzug durch das Haus stellte er zunächst die offene Türe fest und das seine Hündin fort war. Oben bemerkte er zudem das Fehlen des Mädchens. Laut Zuna hatte nur Sarn geträumt, ein Wolf zu sein, nicht aber Joshua. Nun gut... er gab den Code ein, um den Alarm zu deaktivieren. Er glaubte, dass sie keinen Streifenwagen brauchen würden. Mit einem sachten Klopfen gegen den Türrahmen weckte er Joshua. "Sarn ist nach draußen gegangen.", erklärte er und überließ es dem Jungen, ob dieser deshalb aufstehen wollte.

Joshua sprang fast aus dem Bett. Was, wie, wo? Sarn? Wo genau war er? Ach... WAS? Sarn war nach draußen gegangen? Aber... aber... aber das Wolfsmädchen hatte doch gar keine Ahnung von all dem! Er lief barfuß die Treppe hinunter und nach draußen, wo er sich nach einer Gestalt umsah.

Sarn wanderte den breiten Weg entlang, auf dem sie vermutlich hergekommen waren. Der Pfad schien völlig gleichmäßig aus einem seltsamen hellem Stein gemacht zu sein, der ihr unbekannt war. Zu beiden Seiten standen Menschenhäuser lose aneinander gereiht, und jedes sah ein wenig anders aus als die daneben. Weiterhin wechselten sich rechts und links kahle, mit etwas Hartem und Kaltem überzogene Baumstämme ab, an deren Spitzen künstliches Licht glühte. Über ihr erstreckte sich schwarzer Nachthimmel, nur die Mondsichel stand vertraut am Himmel. Sterne sah sie jedoch nur sehr wenige, was sie traurig stimmte. Es schien, dass auch die Geister der Verstorbenen nie zum Himmel gefunden hatten - wie auch, wenn ihr Wolfsleben nur ein Traum gewesen sein sollte? Die Hündin begleitete sie im lockeren Trab, wandte sich mal hier hin, mal dorthin. Sarn sah ihr zu, während sie lief, und fragte sich, ob Hunde wohl Heulen konnten. Sie wollte Heulen, wollte rufen und suchen... aber wer sollte ihr antworten?

Joshua war auch nach Heulen zu mute. Er lief los und wusste nicht einmal, welche Richtung Sarn eingeschlagen hatte. Orientierungslos in dieser fremden Zeit, lief er erst einmal bis zum Ende der Straßen, um die Seitenstraßen einsehen zu können. Dann lief er in die andere Richtung. Weg... einfach... weg. Was sollte er nun machen? Die Polizei rufen? Vielleicht. Machte man das noch so? Oder fand Sarn den Weg zurück zum Haus? Wollte sie zurück? War sie vielleicht bewusst abgehauen?

Sarn blieb stehen, als irgendwo in der Nähe, aber außer Sichtweite, ein Bellen erklang, endete, und dann wieder erklang mit einem langgezogenen Jaulen als Abschluss. Das war kein Heulen, aber es war ähnlich genug, meinten ihre erträumten Instinkte, und sie legte den Kopf zurück und heulte. Es klang nicht so, wie sie erhofft hatte - die menschliche Stimme war, wie auch scheinbar alle menschlichen Sinne, fürchterlich plump. Aber es kam dem erhofften Ergebnis nahe, und konnte verbessert werden, wie sie schnell merkte. Viel mehr freute sie jedoch, dass sie tatsächlich Antwort erhielt, auch wenn es eindeutig Hunde und keine Wölfe waren, die plötzlich von sonstwo bellend und jaulend einstimmten. In den Häusern entlang der Straße gingen erste, vereinzelte Lichter an.

Joshua drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse. Überall bellte es, aus der Ferne. Vermutlich waren die Hunde nicht so weit weg, aber er konnte sich nicht orientieren. Wäre es ein einzelner Hund gewesen, hätte er versucht, dort Sarn zu finden, wo dieser angeschlagen hatte. So verstand er wohl schlicht nicht, was Sarn gerade veranstaltete, sondern irrte nur mehr unschlüssig durch die Straßen.

Sarn verstummte, als sie bemerkte, dass sich Schatten hinter den Fenstern bewegten. Sie wusste, dass das Menschen sein mussten, aber die Schemen so undeutlich zu sehen verunsicherte sie trotzdem. Zögerlich, aber wachsam wandte sie sich um und ging in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Sie wollte rennen, aber sie wollte nicht riskieren, dass diese anderen Menschen ihre Furcht bemerkten, also zwang sie sich zu einer aufrechten Haltung und einem schnellen, aber nicht allzu eiligen Schritt. Die Hundefähe lief neben ihr her und stürmte schließlich vorraus, als Joshua in Sicht kam. Hatte ihr Heulen ihn geweckt und angelockt?

Joshua fiel ein Stein vom Herzen, als er Sarn entdeckte und deren Begleitung. Er sah weder wie jemand aus, der vom Heulen geweckt worden war, noch wie jemand, den man angelockt hatte. Er war ein Suchender, der nun gefunden hatte. Schweigsam betrachtete er Sarn, als diese näher kam.

Sarn runzelte für einen kurzen Moment die Stirn, als sie sah, wie sich Joshuas Miene scheinbar von Besorgnis oder Angst in Zufriedenheit, vielleicht auch Erleichterung verwandelte. War sie vielleicht doch gefährdeter gewesen, als sie geahnt hatte? Was wusste Joshua über die nächtlichen Schatten hinter den Fenstern, was sie nicht wusste? Oder hatte das damit überhaupt nichts zu tun, und irgendetwas war in ihrem Haus nicht mehr in Ordnung? "Stimmt was nicht?", fragte sie besorgt und sah erst zum Haus, dann die Straße herunter zu den erleuchteten Fenstern. Nun, zumindest die Hünding wirkte nicht besorgt, und das war doch beruhigend.

Joshua sah Sarn an, mit tausend Worten auf der Zunge, von denen er keines aussprach. Eine Weile wirkte es eher, als wolle er gar nicht mehr antworten. "Du solltest nicht nachts nach draußen gehen...", nuschelte er leise, ein bisschen bittend vielleicht. Durften Jugendliche nachts nach draußen, in dieser neuen Zeit?

Sarn legte den Kopf leicht schief, fragend, und ließ denn den Blick nocheinaml leicht schweifen. Sie entschied, Joshua nicht noch hier draßen deswegen mit Fragen zu malträtieren, immerhin wusste er es aller Wahrscheinlichkeit nach besser als sie. "'Tschuldigung", meinte sie also erstmal knapp und kehrte ins Haus zurück.

Joshua folgte ein bisschen unschlüssig. Ken hatte zwischenzeitlich ein paar Lichter eingeschaltet und wartete mit Tee in der Küche. Aha? Joshua blieb erst einmal in der Türe stehen und musterte Sarn.

ShinaiiShin machte eine einladende Geste. "Setzt euch doch." Er sah ziemlich wenig besorgt aus. Die Ruhe selbst.

Sarn wandte sich im Haus schließlich wieder zu Joshua um, der in der Tür stehen geblieben war. Das wunderte sie, und sie wollte ihn danach fragen, aber da sprach der alte Mann sie beide an. Sarn sah zu ihm herüber, dann zu Joshua und entschied, den Revierherren nicht verärgern zu wollen. Sie trat zu ihm in den anderen Raum, musterte den Tisch und die Stühle. Sie setzte sich auf einen davon, aber sie war dieses Sitzen noch nicht gewöhnt und drehte sich immer wieder hin und her, um eine angenehme Sitzposition zu finden. letztendlich saß sie seitlich, die nackten Füße auf den Sitz hochgezogen.

Joshua folgte Sarn und setzte sich neben diese. Er demonstrierte, wie man es eigentlich tat, aber offenbar schien das Mädchen erst einmal seine eigene Art finden zu wollen. Joshua selbst hatte den Blick gesenkt und starrte auf die Tasse Tee, die ihm hingeschoben worden war. "Danke.", murmelte er.

ShinaiiShin betrachtete die beiden unterschiedlichen Jugendlichen mit sachtem Lächeln. "Und, hat dir dein Ausflug gefallen?", fragte er neugierig und sah Sarn dabei an.

Sarn beugte sich zu der Tasse, die ihr hingeschoben wurde, und schnupperte vorsichtig, aber auch neugierig daran. Es roch fruchtig und süßlich, und Dampf stieg davon auf wie Atem im Winter, dabei war es gar nicht kalt. Sie sah auf, als der Mann - wie war doch sein Name gewesen? Kensh oder so ähnlich? - sie nach ihrem Spaziergang fragte. Einen Moment musste sie darüber nachdenken. "Ich glaub schon", begann sie schließlich und versuchte, ein paar ihrer Eindrücke wieder zu geben. "Aber Vieles ist anders. Der Geruch. So wenig Sterne. Und es antworten nur... Hunde. Das waren doch Hunde?" Sie sah fragend zu Joshua. "Der Nachtwind ist noch der gleiche. Und der Mond." Sie starrte auf ihre Teetasse, dann sah sie erneut zu Joshua. Sie MUSSTE einfach fragen. "Warum soll ich nachts nicht rausgehen?"

ShinaiiShin dachte über die Worte nach. "Welchen Geruch kennst du denn?" Er ließ sich das mit den Sternen durch den Kopf gehen. Meinte sie, wegen der Stadtlichter? Antworten? Hunde? Er sortierte die neuen Informationen sorgsam. Nachtwind und Mond sind noch gleich.

Joshua stand ebenfalls erst auf dem Schlauch. Antworten? "Hast du den Mond angeheult?", wollte er unschlüssig wissen. Ging es darum? Das machten Wölfe doch, oder? Und Werwölfe... "Weil... wir sind minderjährig und... kompliziert."

Sarn merkte, dass die beiden sie nicht verstanden, oder zumindest nicht alles von dem, was sie zu schildern versucht hatte. Welche Gerüche waren vertraut gewesen? Unter all dem, was ihr fremd erschienen war - und das trotz der stumpfen Menschennase? "Gras. Frühling. Aber... Frühling ohne Wald. Meer", zählte sie auf und sah dabei Kensh - oder so - an und suchte nach Hinweisen in seinem Gesicht, dass er verstand. Zu Joshua gewandt deutete sie ein Kopfschütteln an. "Ich habe gerufen. Ich wollte hören, ob jemand antwortet... ob die Hunde antworten können, weil du doch erzählt hast, dass ihre Ahnen Wölfe waren." Das war doch jetzt einleuchtend, oder? "Min-der-jäh-rig?", wiederholte sie gedehnt.

ShinaiiShin dachte darüber nach. Gras, Frühling... kein Wald. Oh ja, er vermisste sie auch, die vielen Wälder, die irgendwann so selbstverständlich gewesen waren und von der jüngeren Generation kaum vermisst wurden. Er blickte Sarn und Joshua aufmerksam an. Amüsiert vielleicht.

Joshua dachte darüber nach. Hm. Antworten... Hunde... "Ich glaube, du solltest sie besser nicht dazu anstiften, wenn wir keinen Ärger mit den Nachbarn wollen...", wisperte er. Es kam ihm schon ein bisschen dämlich vor, was für Regeln Menschen hatten. "Minderjährig heißt... man ist... ein Jungtier... und hat nicht dieselben Rechte wie die Erwachsenen..." Fragend sah er erst zu Ken, dann zu Sarn.

Sarn sah Joshua weiterhin fragend an. "Warum nicht? Was für Ärger, und warum?" Joashua dachte vielleicht, dass sie ihn ärgern wollte mit den ganzen Fragen, dabei wollte sie nur verstehen, wie diese Menschenwelt funktionierte, in der sie jetzt leben sollte. Als er ihr das Wort erklärte, starrte sie ihn für einen Moment an, und es wirkte irgendwie empört. "Jungtier? Ich bin doch kein Jungtier - ich hatte Welpen. Zwei-Mal", betonte sie.

Joshua verzog das Gesicht. So genau wollte er das gar nicht wissen. Wolfssex, huh? "Es... aber..." Er gab wieder auf und entschied, sich, erst einmal seine Gedanken zu sortieren. "Menschen... haben... Regeln... die sind kompliziert und manchmal auch ziemlich... komisch... und als du eingeschlafen bist, damals... warst du Minderjährig... und so siehst du immer noch aus... und deshalb würde das Ärger geben... auch weil du keine Papiere hast..."





Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Lu, Lio, Kyro, Lijenna



31.03.2014 21:15
Off   |   Suchen   |  




Lunar
Luciano Nacho






Art
Wolfsträumer (+)

   |   Zitat   |   Beitrag editieren   |   IP


Ein paar Wochen später.

Sarn saß auf einer Schaukel, ließ sich aber nur ganz leicht hin und her schwingen, und zog mit den Zehen Linien in den Sand unter ihr. Sie lief noch immer lieber Barfuß, obwohl sie sich schon an viele Dinge des für Menschen alltäglichen Lebens gewöhnt hatte. Dabei hatte geholfen, dass einige Erinnerungen an ihr früheres Leben inzwischen ebenfalls zurück gekehrt waren, aber bei Weitem noch nciht alles. Sie merkte das daran, dass Joshua auf manche Dinge, die ihr fremd oder neu erschienen, unbeeindruckt reagierte oder sie schneller zuordnen konnte. Auch ertappte sie sich oft dabei, wie sie in wölfischen Mustern dachte, aber immerhin hatte sie ihre wölfischen Impulse mittlerweile unter Kontrolle. Größtenteils zumindest - sie konnte nicht sagen, wie sie reagieren würde, sollte sie tatsächlich in gefahr geraten, oder in ähnlich extremen Situationen. Dennoch hatte sie inzwischen deutlich an selbstvertrauen gefunden - oder, wie Josh wohl sagen würde - wieder mehr zu ihrem alten Selbst zurück gefunden.

Joshua hatte sich hingegen ein bisschen an die neue Zeit gewöhnt und ein paar wichtige Punkte in Geschichte und technischer Entwicklung gelernt. Die meiste Zeit reagierte er relativ gelassen auf alle Neuheiten. Sein Leben hatte dennoch merkwürdige Formen angenommen. Statt bei seinen Eltern oder auf der Straße lebte er nun bei einem eigentlich wildfremden Mann, der sein Opa sein könnte. In gewisser Weise hatte er sich aber auch an Ken gewöhnt und an den Umstand, dass dieser zu den wohlhabendsten Menschen im ganzen Viertel gehörte. Inzwischen war ihm auch bekannt, dass der alte Mann Antiquitätenhändler war. Was dieser so in seinem Haus herum stehen hatte, war Joshua von früher teilweise vertraut. Andere Gegenstände stammten aus noch früheren Epochen. Im Augenblick saß er auf einem Schaukelpferd und wippte darauf herum. Nur ein bisschen. Wenn er übertrieb, bog das ganze Teil nämlich um, da es nicht für große, sondern nur für kleine Kinder gemacht war, die viel leichter waren, als er. Nicht, dass er besonders viel auf die Waage brachte, aber eben doch mehr als ein 3-Jähriger.

Sarn ließ den Blick zum orangeroten Horizont schweifen. Alle anderen - viel jüngeren - Kinder waren längst wieder nach Hause gegangen, nur sie und Josh waren noch hier. "Wir müssen bald zurück. Abendessen", stellte sie schließlich fest, machte aber keinerlei Anstalten aufzustehen. Stattdessen lehnte sie sich so weit nach hinten, dass sie über Kopf die Villen auf der anderen Straßenseite sehen konnte. Ihre kurzen Haare waren nur einen Hauch davon entfernt, im Sand zu schleifen.

Joshua hob den Kopf ein bisschen und sah zu Sarn hinüber. Es sah aus, als würde das Wolfsmädchen gleich von der Schaukel fallen, aber er sagte nichts dazu, sondern ließ sie machen. Wölfe schaukelten wohl eher nicht. Er war sich nie sicher, woran sich Sarn inzwischen eigentlich tatsächlich wieder erinnerte. Und manchmal war er fast neidisch, dass sie eine Weile gar keine wirklichen Erinnerungen gehabt hatte. Gab es inzwischen Menschen, die sie vermisste? "Jaaa...", murmelte er langezogen. Nach Hause. Irgendwie war es aber kein richtiges Zuhause. Es fühlte sich eher an, als wären sie eingeschneit und könnten das Gebiet im Augenblick nicht verlassen.

Sarn richtete sich wieder auf. "Sag mal, Josh... ich hab' neulich gehört, wie Ken zu Zuna sagte, er müsste sich darum kümmern, dass wir Papiere kriegen... Wofür brauchen wir Papier? Muss ja irgendwie was Besonderes sein, Notizblöcke hat er ja genug im Haus."

Joshua hatte den Blick wieder schweifen lassen und sah nun zu Sarn zurück. "Damit meint er... einen Personalausweis... Versicherungsunterlagen... Geburtsurkunden... Einträge beim Bürgeramt und all sowas..." Schon mal gehört? Musste er das erklären?

Sarn sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den Joshua inzwischen vermutlich schon fürchtete: eine Mienie, die zwar Aufmerksamkeit, aber kein Verständnis ausdrückte. "Und wofür braucht man das?"

Joshua wusste auch nicht, wofür man all das brauchte. "Damit du gemeldet bist... und die Stadt weiß, dass du hier lebst... wenn du umziehst musst du dich wo anders melden..." (wenn das in Amerika nich so ist, ist es in 100 Jahren eben so xD) Er zuckte leicht mit den Schultern. "Eigentlich ist man eben... eingetragen... ab der Geburt... und bis man stirbt... ein Nachweis, dass man existiert oder so. Sowas brauchen Ämter und Bürokraten."

Sarn legte den Kopf schief. "Ich weiß, dass ich lebe, und alle die mich kennen, wissen, dass ich lebe... und ich muss es trotzdem der ganzen Welt beweisen? Mit Papier?" Das klang dann doch etwas arg seltsam - aber auch nicht seltsamer, als in Wolfsgestalt zu sterben und als Mensch aufzuwachen, nur um festzustellen, dass das Leben, dass man gelebt zu ahben glaubte, gar nicht wirklich 'gelebt' worden war. "Also... haben wir früher schon diese Papiere gehabt... und nun brauchen wir neue... weil wir so lange geschlafen haben?"

Joshua zuckte mit den Schultern. Er hatte diese komischen Regeln nicht aufgestellt. "Ja. Wir brauchen Beweise, dass wir aus dieser Zeit stammen... sonst werden sie über uns herfallen, wie die Geier und uns ausfragen und Tests mit uns machen und so... also eher mit dir... ich hab ja nur geschlafen... aber trotzdem... das würde die Leute interessieren. Da pressen sie ihre Nase gegen den Fernseher und sind total scharf auf neue Informationen. Egal ob wahr oder falsch."

Sarn nickte langsam. "Weil niemand von uns wissen darf", wiederholte sie, was Ken ihr und Joshua mehrmals eingetrichtert hatte. Deshalb musste sie ja auch versuchen, sie so normal menschlich wie möglich zu verhalten, was ihr im Gegensatz zu Josh nicht immer leicht viel. Aus offensichtlichen Gründen. "Mit einem Stück Papier ist man plötzlich jemand anderes. Mit einem Stück Papier ändert sich die Realität. Nur ohne in einem Labor aufzuwachen."

Joshua nickte leicht und zuckte mit den Schultern. "Es gibt eben Menschen, die wert auf solche Formalitäten legen. Das bringt ihnen Kontrolle. Sie sehen uns als Zahlen oder so. In gewissem Rahmen muss man sich da leider fügen und anpassen, sonst kann man große Schwierigkeiten bekommen. Alles baut auf diesen kleinen, unscheinbaren Fakten auf, die man auf einem Papier stehen hat. Oder auf einer Karte."

Sarn dachte darüber nach. "Vermutlich ist das einfach der einzige Weg, um die Übersicht zu behalten. Ich meine, diese Städte sind so riesig, da kann man gar nicht jeden kennen. Anders als in Rudeln, wo man nicht wissen muss, wo überall andere Rudel sind und wer in welchem Rudel lebt. Es gibt hier einfach zu viele Menschen dafür."

Joshua nickte leicht, auch wenn er nicht wirklich viel Ahnung davon hatte, wie man in Rudeln lebte und so. Die Menschen glaubten zumindest, dass alles gut organisiert sein musste. Vielleicht war dem so, vielleicht nicht. "Was... macht man als Wolf so? Was hat man da so für... Wünsche und Träume?"

Sarn zuckte mit den Schultern. "Naja, was Wünsche und Träume angeht, ist es ein bisschen ähnlich wie als Mensch. Man hat Familie, Freunde... und Wölfe, die man nicht leiden kann, aber mit denen man trotzdem zusammenleben muss. Als Fähe... nun, manche träumen schon früh ihrem idealen Traumgefährten, andere wollen von Rüden nichts wissen, und verlieben sich dann doch unverhofft. Manchmal kommen schwierige Zeiten, Verluste von Liebsten... dann wünscht man sich, dass endlich alles wieder gut wird. Wünsche, die das Leben formt, im Grunde. Oh, manche Träumen natürlich auch davon, Alpha zu werden oder einen anderen hohen Rang inne zu haben, und versuchen darauf hin zu arbeiten. Solche Dinge."

Joshua ließ sich das durch den Kopf gehen. Es klang wirklich ziemlich ähnlich. Zumindest wenn man die nicht materiellen Wünsche von Menschen betrachtete. Ansonsten gab es natürlich viel, was eigentlich nicht wirklich gebraucht wurde, aber doch alle anstrebten. Teures Auto, eigenes Haus, vielleicht einen Swimmingpool im Garten, oder ein Pony für die Tochter. War sicher alles schon vorgekommen. "Und... wie träumst du als Wolf, wenn du schläfst?" Vielleicht waren die Fragen Unsinn, weil Sarn es nicht wirklich wissen konnte. Schließlich hatte sie ihr Wolfsleben eben auch nur geträumt.

Sarn legte den Kopf leicht schief, während sie darüber nachdachte. "Ich würde sagen, auch nicht anders, als wenn ich jetzt Träume. Aber ich hab' den Eindruck, als Wolf weniger geträumt zu haben." Sie zuckte mit den Schultern. "Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht." Sie sah ihn wieder an. "Kannst du jetzt wieder Träumen eigentlich?", fragte sie ihn, weil sie von ihm wusste, dass er die hundert Jahre ohne einen einzigen Traum verbracht hatte.

Joshua nickte leicht. "Ja... es ist ein bisschen... als wäre keine Zeit vergangen. Aber es mischen sich auch oft die neuen Eindrücke hinein... du kommst oft vor... wie du früher warst und wie du heute bist..."

Sarn hatte schon einige Male darüber nachgedacht Joshua zu bitten, ihr von sich selbst zu erzählen, und sich doch immer wieder dagegen entschieden. So auch jetzt. Sie wollte nicht wissen wie sie früher gewesen war, nur um anschließend immer wieder die Unterschiede zwischen heute und damals an sich zu bemerken. Wenn der Wolfstraum und ihr Gedächtnisverlust sie verändert hatten, dann war das eben so. Und vielleicht verschwanden diese Unterschiede ja auch mit der Rückkehr ihrer Erinnerungen. "Was meinst du, ob die anderen auch irgendwann aufwachen? Die, die wir von früher kennen?" Joshua hatte ja schon im Labor einige Gesichter wiedererkannt, und mittlerweile erinnerte auch sie sich an das eine oder andere Gesicht oder den einen oder anderen Namen.

Joshua hob wieder die Schultern und senkte den Blick. "Ich hoffe es. Ich mochte einige von ihnen sehr gerne...ich fände es bedauerlich, wenn sie einfach sterben würden, wie so viele andere Wolfsträumer vor ihnen.", erklärte er. "Ich bin aber auch froh, nicht allein zu sein... und dass du mit mir hier bist."

Sarn lächelte. "Ich bin auch froh, dass du hier bist, und dass ich nicht alleine aufgewacht bin. ohne dich wäre ich echt verloren gewesen. Ich wär vermutlich inzwischen schon wahnsinnig geworden." Sie sah auf ihre Füße, grub die Zehen in den Sand. "Was glaubst du, warum wir die ersten sind, die aufgewacht sind? Warum so viele vor uns gestorben sind?" Sie erwartete keine wissenschaftliche Antwort von ihm, lediglich eine Meinung.

Joshua zuckte mit den Schultern. "Sie sind vielleicht... nicht im Traum gestorben... haben aber geträumt... und vielleicht haben sie sich im Traum verloren, oder so..." Das war sicher an den Haaren herbei gezogen, huh?

Sarn deutete ein Nicken an. "Ja, vielleicht. Vielleicht haben sie einfach nicht mehr zurück gefunden." Sie stieß sich ab, begann zu schaukeln. "Weißt du... manchmal liege ich vor dem Einschlafen wach und überlege, ob nicht dies vielleicht der Traum ist, und das andere real war. Vielleicht denke ich nur, gestorben zu sein, und statt dessen... bin ich nur von Menschen gefangen und an so eine Maschine gestöpselt worden. Dann würde ich mich erinnern, und du wärst der mit der Amnesie... aber das würde nicht erklären, woher die Erinnerungen an das frühere Menschsein stammen. Müsste ja ein arg kompliziertes Traumszenario sein... Trotzdem liege ich wach und überlege, wie es passen könnte. Verrückt, hm?"

Joshua hörte schweigend zu unterbrach Sarn kein einziges Mal, bis diese geendet hatte. "Vielleicht muss man es gar nicht so streng aufteilen... in Traum und Realität... du erinnerst dich schließlich immer noch an dein ganzes Wolfsleben oder? Es verschwindet nicht einfach... wenn die Erinnerungen an dein Menschsein zurück kommt?"

Sarn schaukelte höher und schüttelte dabei den Kopf. "Nein, ich erinnere mich an alles, als wäre ich noch Skaja und würde zurück denken. Klar, ich weiß nicht jede Einzelheit jeden tages, aber du weißt, was ich meine. Als würde ich jetzt an die vergangenen Wochen zurückdenken. Die... Menschenerinnerungen... kommen einfach dazu."

Joshua nickte leicht. So ungefähr hatte er sich das auch vorgestellt. "Wenn es... war... wie zu leben... dann war es... wie zu leben. Alles hat dich geprägt und du hast viel verloren. Nur nicht dein Leben."

Sarn schwieg einen Moment, während sie über Joshuas Worte nachdachte. "Mit anderen Worten... im Grunde ist beides real. Mensch und Wolf, Traum und Nicht-Traum, aber zwei echte Leben?"

Joshua hob die Schultern leicht. "Vielleicht ein bisschen... als würdest du ein ganz neues Kapitel beginnen. Oder Teil einer neuen Geschichte werden. Dieselbe Seele in einem anderen Körper... vielleicht ist das hier sogar dein drittes Kapitel. Mensch - Wolf - Mensch."

Sarn grinste. "Ich sollte ein Buch darüber schreiben." Ken hatte eine Menge Bücher, und einige davon enthielten Geschichten, die genauso bizarr waren wie ihr Leben - oder sogar noch fantasievoller. Sie hatte mit solchen Büchern geübt ihre Lesefähigkeiten wieder aufzufrischen, was zum Glück recht schnell gegangen war. Sie hatte nicht alles wieder neu lernen müssen. "Dann hast du ein Kapitel übersprungen? Oder würdest du sagen, dass das noch dein erstes ist, sozusagen? Nur mit Zeitsprung?"

Joshua dachte eine ganze Weile darüber nach und blieb erst einmal still. Er konnte das nur schwer sagen. Mal fühlte es sich so und dann wieder ganz anders an. "Beides... manchmal...", antwortete er schließlich. "Du bist auf jedenfall auch im alten Kapitel schon vorgekommen." Er lächelte leicht. "Ich kann nicht sagen, ob es eine neue Geschichte ist."

Sarn deutete sein Schweigen als Bedrücktheit. Mist, das war unsensibel von ihr gewesen. Sie hörte auf, weiter Schwung zu holen und bremste stattdessen mit ihren Füßen am Boden ab. Es dauerte nicht lange, da kam die Schaukel schließlich wieder zum Stillstand. Inzwischen hatte Josh doch noch auf ihre Frage geantwortet und lächelte dabei sogar, aber Sarn hielt es trotzdem für angebracht sich zu entschuldigen. "Tut mir leid, Josh. Ich wünschte, du hättest auch ein Wolf sein können. Hätte dir bestimmt gefallen."

Joshua ließ sich das durch den Kopf gehen. "Vielleicht...", gab er leise zurück. "Aber dann hätten wir beide keine Ahnung gehabt..." Womöglich hatte auch alles einen tieferen Sinn oder so. Daran glaubte er zwar nicht wirklich, aber es war auch nicht undenkbar. Er stieg von dem Schaukelpferd. "Komm... gehen wir zurück."

Sarn sagte nichts weiter dazu, sondern stand nur von der Schaukel auf. Es war längst Dunkel geworden, aber die Straßenlaternen spendeten genügend Licht. "Was meinst du, was als nächstes noch so passiert. Wir sollen Papiere kriegen... und dann?", fragte sie schließlich, während sie langsam den Weg zurück zu Kens Haus liefen.

Joshua hatte sich das auch schon oft gefragt. "Leben wir als Menschen... bis das Kapitel endet, oder eine neue Geschichte beginnt..." Klang doch sehr... schön?

Sarn schwieg dazu. Sie erinnerte sich noch nicht genug, um sich trotz Joshuas gelegentlichen Erzählungen vom Leben als Mensch richtig vorstellen zu können, was das bedeutete. Denn das meisten von dem, an dass sie sich aus ihrem früheren Leben erinnerte, hatte nichts vom Leben in einem Haus wie Kens gemein. Die Zukunft war ein schwarzer Fleck, über den sie theoretisch Dinge wusste - aber das war nicht das gleiche, wie es zu kennen. "Dann hoffe ich sehr, dass sich unsere Kapitel noch sehr lange überschneiden", erwiderte sie ehrlich. Sie konnte sich - noch - nicht vorstellen, was sie ohne Joshua anfangen sollte.

Joshua nickte leicht und lächelte wieder ein bisschen. "Das werden sie.", versicherte er. Er hatte nicht vor sein Wolfsmädchen so schnell zu verlassen. Das konnte er sich wohl genauso wenig vorstellen, wie Sarn. Er nahm vorsichtig ihre Hand, neben ihr zurück zu Kens Haus gehend.

Sarn lächelte leicht und sah dann zu ihrer Hand, als Joshua sie zögernd ergriff, zog sie aber nicht weg. Sie war - von den hundert Jahren Schlaf abgesehen - im Grunde erst siebzehn Jahre alt, aber die Scham der Jugend hatte sie dennoch bereits verloren. Zum einen erinnerte sie sich noch nciht wieder an diese Eigenheit eines Jugendlichen, zum anderen war sie als Wolf Mutter gewesen und damit viel reifer als früher, und diese Reife war noch immer da. Sie war es lediglich noch nicht so gewöhnt, andere Menschen zu berühren, und deshalb fühlte sich jede Berührung ungewohnt an. Ungewohnt, aber trotzdem vertraut und gut, wie an dem Tag ihres Erwachens im Labor. Sie erwiderte den sanften Griff.

Joshua war schon noch ziemlich viel Mensch und ziemlich viel Teenager. Aber er hatte sich auch ein bisschen daran gewöhnt, dass Sarn solche Dinge eben nicht uncool finden konnte, weil sie eben ein Wolf gewesen war. Und Wölfe waren offenbar die besseren Menschen. Ein bisschen scheu war er dennoch. Dabei war es ein bisschen, wie eine Schwester an die Hand zunehmen.





Geschlecht


Alter


Größe


Status


Charakterbogen


Kyro, Lijenna, Joshua



07.05.2014 20:50
Off   |   Suchen   |  
Neues Thema        Antworten    







Powered by Burning Board Lite 1.0.2 © 2001-2004 WoltLab GmbH
Photography by Wolfpark and Dawnthieves

Impressum | Datenschutz